Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 23 Vr. Vwch's VochenfchrM- Seite 469 Hier ein Beispiel seiner Thätigkeit auf diesem Gebiete, ein Fall, den ich selbst miterlebte. Zur Diöcese des Bischof Moyses gehörte auch das Thuroczer Comitat, dessen jüdische Bevölkerung seit dem Jahre 1826 dein Oberrabbinat meines gottseligen Vaters als Cultusgemeinde ganz im Geiste altpatriarchalischer Würde zugethan war. Die Thuroczer Inden waren mit unter den Ersten, welche von der frischen Freizügigkeit Gebrauch gemacht hatten, und fast alle Pächter des weit ausgedehnten bischöflichen Großgrundbesitzes waren Thuroczer Juden. Da verstand es sich von selbst, daß bei der Rundreise, welche der Herr Bischof in seinem Sprengel veranstaltete, die Thuroczer Cultusgemeinde an den officiellen Empfangsfeierlichkeiten zu Ehren Sr. Eminenz sich namhaft betheiligte. Da traf es sich, daß ich im August 1863, meine letzten Candidatsferien im Baterhause zubringend, mit Zeuge einer solchen, geradezu pompösen Willkommsbegrüßung Sr. Eminenz war. Eine Deputation der jüdischen Cultusgemeinde, bestehend aus dein Oberrabbiner, dem Vorstand und meiner Wenigkeit als Sprecher, hatte die übliche Vorstellung, und wir wurden, wie das so gang und gäbe, zu dem in der Dechantei für den Abend anberaumten Ehrenbankett officiell eiugeladen. Wir folgten der Einladung. Die Gruppe der Juden wurde weder übersehen noch überhört. Ich sprach einen kurzen, wohlvorbereiteten Toast und brachte eine jüdisches Hoch auf Se. christliche Eminenz aus. Der Herr Bischof ließ sich herab, den jungen Rabbinatscandidaten mit ein paar herzlichen Worten auszuzeichnen und reichte mir die Hand. — Das war für einen der anwesenden alten geistlichen Herren denn doch „der Toleranz zu viel"! Mit einer in Folge des schweren Ballastes etwas komisch aussehenden Würde erhob sich dieser, „jeder Zoll ein Dominikaner"! Was er eigentlich sprach, das weiß ich nicht mehr, das habe ich vergessen, denn er sprach überhaupt nicht; er sagte blos etwas. So etwas ungefähr von viel zu viel Aufhebens, das man von den Juden macht, und dergleichen . . . Aller Augen waren auf den Bischof gerichtet. Der aber schwieg. Toast folgte aus Toast. Und als endlich die Abschiedsstunde schlug (denn wir Juden befanden uns in gar peinlicher Verlegenheit) da erhob sich ruhig und mit der ganzen imponirenden Liebenswürdigkeit seines Wesens der Herr Bischof und hielt eine kurze Ansprache des hauptsächlichen Inhaltes: „Er wünsche, daß die Herren Fratres etwas mehr studirten und' etwas weniger tränken! Und daß sie sich ganz besonders die Werke des heiligen Augustinus zu Gemüthe führen möchten. Denn nur dann und so würden sie es lernen, mit welcher Anerkennung dieser größte aller römischen Kirchenväter von den Juden und von dem Judenthum und von der Mission, welche dasselbe noch zu erfüllen habe, ausdrücklichst bei mehr als einer Veranlassung sich ausspricht, und die Herren Fratres würden dann ganz gewiß keine Dummheiten mehr machen! — Tableau Nicht wahr: Es ist schon Alles dagewesen! Die Juden als Graveure. Die Gravirknnst war von jeher bei den Juden heimisch. Ja, Schudt will sogar Lewin Joseph, den Graveur des Königs Friedrich I., als den Erfinder der Kunst, in Diamant zu stechen und Figuren darauf zu schneiden, ausgeben. Interessant ist es aber, was I. G. Meusel in seinen „Miscellaneen artistischen Inhalts" (Berlin, 1785) darüber schreibt. Er behauptet, daß „die Methode, mit Diamantenpulver Figuren in Stein zu schneiden, in den Abendländern nicht eher bekannt wurde, als nachdem das Geschlecht der wahren Künstler unter der Regierung der römischen Kaiser bereits gestorben war. Ein Theil der Juden war zu Alexandrien bekanntermaßen lange Jahre hindurch gewohnt, sich mit Edelsteinschleifen und -fassen zu ernähren und sich vorsichtshalber nackt auszieheil zu lassen, tvenn sie von der Arbeit nach Hause gehen wollten. Als ihnen dort nach und nach das Handwerk gelegt wmde, verbreiteten sie sich in die übrigen Provinzen des römischen Reichs, und diesen Flüchtlingen haben wir vermuthlich die Handgriffe des heutzutage üblichen Steinschneidens zu danken." Es ist das ein sehr dankenswerthes Verdienst, das sich die Juden um die Verbreitung eines wichtigen Kunstzweiges erworben haben und das in der Geschichte bisher unerwähnt blieb. Man hat bisher geglaubt, daß bei den Juden die Entwicklung dieser Kunst schon durch ihren Cultus gehindert war, wie es in dem Artikel „Steinschneidekunst" in Brockhaus' Conversanonslexikon, Band 15, Seite 303 heißt. Das ist ein Jrrthum. Eine bedauerliche Agitation. Wir erhalten aus Galizien von befreundeter Seite die Mittheilung, daß unter unseren orthodoxen Glaubensgenossen in Galizien und Ungarn auch in den jüngsten Wochen wieder auf's Neue, wie schon in früheren Jahren es leider geschah, Tausende von Circularen und Pamphlete verbreitet wurden, in welchen das langst widerlegte Märchen erneuert wird, daß der von der bekannten Füma Heinrich Franck Söhne in Linz, Komotau und Kafchau erzeugte „Franck-Kaffee" Schweinefett enthalte, der Genuß desselben daher ein Verbrechen gegen Gott und die Religion sei. Diese Umtriebe gehen von Concurrenzfirmeu ans, und die uns zukommende Mittheilung spricht davon, daß dieselben erregte Auseinandersetzungen zwischen unseren Glaubensgenossen Streit und Unfriede zur Folge haben, zumal auch einzelne Rabbiner so weit schon gingen, Zeugnisse ihrer hochorthodoxen Collegen, welche die rituell tadellose Herstellung des Franck-Kaffees beaufsichtigen, als unverläßlich hinzustellen. Dadurch werden viele jüdische Geschäftsleute und Agenten, welche sich mit deni Vertrieb des Franck-Kaffee befassen, in ihrem Erwerbe schwer geschädigt, und unser Gewährsmann richtet an uns die Bitte, neuerdings öffentlich zu bekunden, was an den gegen die Firma Heinrich Franck Söhne ausgesprengten Anwürfen Wahres sei. Wir halten uns aus religiösen Motiven, aber auch aus allgemein moralischen Gründen verpflichtet, dieser Bitte zu entsprechen. Die Sache ist ja übrigens für die Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift" nicht neu. Eine ähnliche Agitation wurde wiederholt in Galizien gegen den „Franck- Kaffee" inscenirt und wir haben uns aus unzweifelhaften Belegen überzeugt, daß sie eine durchaus unbegründete ist. Unsere jüdische Moral ist keine einseitige. Wie wir es verdammen, wenn aus confessionellen Ursachen die materiellen Interessen der Juden geschädigt werden, so müssen wir es auch verurtheilen, wenn gegen anständige christliche Geschäftsleute vom confessionellen Standpunkte aus gehetzt wird. Das Unrecht, das unsere Glaubensgenossen durch die antisemitische Bewegung leiden, berechtigt sie nicht, selber Unrecht zu thun. Und thatsüchlich geschieht der Firma Heinrich Franck Söhne bitter Unrecht. Es ist richtig, diese Firma ist eine christliche, es ist auch richtig, daß sie in Galizien mit deni Absätze ihrer Erzeugnisse zum großen Theile auf unsere orthodoxen Glaubensgenossen angewiesen ist. Aber eben darum hat sie die Erzeugung des Franck-Kaffee unter die strengste rituelle Controle orthodoxer Rabbiner von hervorragendem Ruf gestellt; so wird z. B. die Herstellung nicht nur des Kaschauer Fabrikates sondern ebenso in den Fabriken Linz, Komotan, Agram, von Sr. Ehrwürden deni Erlauer Oberrabbiuer Herrn Simon Schreiber und dessen bestellten beständigen Aufsehern überwacht, einem Rabbiner der sich unter unseren strengglänbigen Glaubensgenossen des höchsten Ansehens erfreut und dessen heiliger Lebenswandel über jeden Zweifel erhaben ist. Es wird auch nicht ein einziges Päckchen Franck-Kaffee verkauft, das nicht unter der Aufsicht und Bürgschaft dieses und anderer gottesfürchtiger Männer erzeugt wurde. Davon gibt auch ein Gutachten der königlich-ungarischen chemischen Reichsanstalt Zeugniß, aus welchem hervorgeht, daß das unter der Firma und Schutzmarke „Heinrich Franck Söhne" erzeugte und verkaufte Kaffee-Surrogar (Franck-Kaffee) nichts enthält, was gegen die jüdischen Speisevorschriften verstößt. Nun hat man zuerst in Ungarn und auch in Galizien falsche U ebersetz ungen dieses in ungarischer Sprache abgefaßten Gutachtens in Circulation gebracht, durch welche bei unseren orthodoxen Glaubensgenossen die Meinung erweckt werden soll, daß das erwähnte Gutachten im Franck-Kaffee Schweinefett constatirt