Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 Vr. Vloch's Wochrnkchrtst Seite 465 Bei den nun folgenden Wahlen wird zum Präsidenten neuerlich Herr Dr. Hermann F i a l l a gewählt und werden in den Vorstand die Herren Universitätsdocent Dr. Feilbogen, Leopold Fried, Moritz Hirsch, Dr. Marcell H o f f m a n n, Carl K o h n, Director Benedict L a n g b a n k, Consul A.M a r e k und Heinrich T e l t s ch e r, sowie zu Cassarevisoren die Herren Bezirksausschuß S. Wald stein und Moritz Bauer berufen. Ein Vortrag des Herrn Oberrealschullehrers Eduard Ungar über das Verhalten der Wiener Gemeindeverwaltung gegenüber den jüdischen Beamten und Lehrern mußte der vorgerückten Stunde wegen der nächsten Plenarversammlung des Vereines Vorbehalten werden. Um Mitternacht wurde die überaus animirte Generalversammlung geschlossen. Christliche Schriftsteller über jüdische Antisemiten. Der Verfasser dieser Zeilen pflegt, wenn er von einem Antisemiten hört, gerne zuerst zu fragen: „Ist er ein Jude?" Wird die Frage verneint, so drängt sich ihm die Ersatz frage auf, ob der Betreffende nicht sonst sehr nahe Beziehungen zum Judenthum habe: etwa durch eine Abstammung, die nur eben nicht zureicht, um jene Frage zu bejahen oder durch eine Ehe mit einer Jüdin oder durch früheren Philosemitismus. Der Verfasser dieser Zeilen ist ein racenreiner Christ und Deutscher, der in einer Schrift über die Judenfrage an Literaturkenntniß Ungewöhnliches geleistet hat. Wir möchten Johannes Menzinger's Aufsatz über „Jüdische Antisemiten" in der Berliner „Kritik" vom 13. März l. I. nicht unerwähnt lassen. Handelt es sich doch um ein Uebel, das unter unseren Augen wächst und kaum auszurotten ist, ein Uebel, gegen welches derartige Aeußerungen von christlicher Seite das einzige Heilmittel sein könnten. Die jüdischen Kinder athmen schon in den Schulen das antisemitische Miasma ein; das Bübchen des armen Hausirers. das aus der Volksschule in die ärmliche Kammer zurückkehrt, deren Zins der Vater mit aller Mühe kaum erschwingen kann, bringt Schmähungen der Hausirer mit, als ob es in der Polizeidirection Gutachten auszuftellen hätte; der hochstrebende Gymnasiast hört wegwerfende Aeußerungen über Juden und jüdisches Schriftthum bei Verherrlichung der kirchlichen Culturthätigkeit und redet das Alles mit einer Sicherheit nach, als ob das Geschwätz die reine Offenbarung und als ob bei dem Erzählten er selbst dabei gewesen wäre. Wie weit ist ihm die Bibel „zweifellos" hinter Homer zurück, obwohl sie Millionen im Leben und im Sterben Trost und Stütze gewesen ist! Vollends der Universitätshörer, der die Literatur der Judenfrage angerührt hat, schämt sich, wenn er nur ein bischen leichtgläubig ist, bis in den Hals hinein: Was sollen die Juden Alles verbrochen haben und „etwas muß ja doch daran sein!" Daß das geistreiche Volk der Franzosen auf die Einflüsterung derselben „frommen" Kreise, deren übelriechendes Excrement der hiesige Antisemitismus ist, den Hugenotten ganz genau so üble Dinge nachgesagt hat, wie heute unsere „heimatlichen Anschauungen" den Juden andichten wollen, weiß unser großer Geschicktskenner nicht. Daß Spanien und Polen gewiß nicht an.ihren Juden zu Grunde gegangen sind, kümmert ihn nicht. Genug, Alles ruft „Hepp, hepp!" und „etwas muß ja daran sein". So entsteht dieses widerliche Geschöpf, der jüdische Antisemit, der saubere Vogel, der das Nest beschmutzt, in dem seine Jugend gehegt und gepflegt worden ist. Und das Alles theils aus jenem Nachahmungstrieb des Menschen, der Hei den Juden als einer sich anpassenden Minorität von jeher besonders entwickelt sein mußte, theils aus Eitelkeit, um sich nicht „zu erkennen zu geben". Und wen täuscht ein solcher hirnloser Geck, wem gefällt er? Für diese Verirrten sind Aufsätze, wie derjenige Johannes Menzinger's höchst belehrend nnd erziehend, eben weil der Autor ein racenreiner Christ ist. Was er sagt, ist typisch für den Erfolg solcher Liebeswerbungen. Bei echten und edleren Antisemiten sind denn auch die antisemitischen Juden höchst unbeliebt. Als ein solcher war z. B. Leopold Caro in den „Grenzboten" 1892 (3. u. 4. Quartal) ausgetreten. Von ihm ist die Rede in den folgenden Auslassungen als eines der hervorragendsten und anerkennungswürdigsten Antisemiten; Auslassungen, die uns als charakteristisch für unsere Angelegenheit dienen können. Es folgen nun die Worte Friedrich Lange's, des bekannten Verfassers der antisemitischen Schrift: „Reines Deutschthum, Grundzüge einer nationalen Weltanschauung, Berlin 1893": „Es gibt Juden, w el ch e s elb st b egreisen, daß ihre Race den Deutschen nun bereits l ä st i g sein muß... An Einsicht fehlt es also nicht, und sie findet sich meist in Verbindung mit einer S e l b st i r o n i e, die der jüdischen Race bei ihrem orgaschem Mangel an sittlichem Ernste sehr nahe liegt, dem gesund fühlenden Deutschen aber dennoch immer etwas wie Grauen einflößt. Wir werden uns, sobald der Kampf völlig ernst geworden sein wird, vor der Sippschaft der antisemitischen Juden ganz besonders in Acht zu nehmen haben." Dann folgt der Dank des Antisemiten Lange für Caro's Buch, bei raffend den Wucher. Er (Caro) schließt so: „Da die Deiuichen uns Juden, doch nicht mehr los werden können, so bleibt nichts übrig, als die Maschen im Fangnetze der allgemeinen bürgerlichen Gesetze wieder einmal etwas mehr zuzuziehen und womöglich so enge zu machen, daß selbst die geriebensten Juden nicht mehr durchschlüpfen können. Wie man sieht, ist das dieselbe Richtung, in der schon bisher unsere löbliche Staatsmaschinerie Gesetze in Hülle und Fülle sabricirt hat. Wer es aber gut meint mit unserem Volke, der möchte eher darüber weinen, daß es so viele Gesetze heute gibt, von denen kein ehrliches Gewissen etwas ahnen kann." Da hat Lange wirklich Recht, auch sür Oesterreich, siehe Ratengesetz, Ausverkaufsgesetz, Anfechtungsgesetz, und wie sie alle heißen, die ausgeklügelten „Fangnetze der allgemeinen bürgerlichen Gesetze." Seine ganze Seele legt aber der deutsche Antisemit in die feierlichen Worte: „Doppelt auf meiner Hut sein, wenn ein Jude etwas zur Judenfrage äußert." Und solchen Leuten zuliebe schreiben unsere Caros, solcben Leuten zuliebe, die nichts vom Juden hören wollen und ihm sogar die „Selbstironie" verübeln, während sie ihm selbstverständlich die „Mängel an «Selbstkritik" noch mehr verübeln würden. Da muß Sokrates, der die Ironie so meisterhaft ausgebildet hat, da muß Goethe mit seinem Spotte über den, der sich , nicht selbst zum Besten haben kann, gewiß auch dem gesund fühlenden Herrn Lange etwas an Grauen einflößen. Wir aber sollten vorläufig unsere Jugend lehren, bei Sokrates und Goethe stehen zu bleiben. Bei Sokrates mit seinem: „Erkenne Dich selbst" und bei Goethe mit seinem: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." „Erkenne Dich selbst", wollen wir unseren Kindern „um die Zähne schlagen", wie es in unserem Schriftthum so plastisch ausgedrückt ist. Alles erkennt Dich als Juden, und wenn Du noch so sehr antisemitisch bist; so erkenne Dich wenigstens auch selbst als Juden. Wenn sie Dich als Juden verachten, so verachten sie Dich ohne Deiner Schuld und sind selbst allein verachtungswürdig. Wenn sie Dich aber als judenfeindlichen Juden verachten, so haben sie sogar Recht auch noch dazu. „Erkenne Dich selbst!" Du hast nur die Wahl, mit Recht oder mit Unrecht ver-! achtet zu werden; wenn Du Deine Wahl getroffen hast, so