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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-04 · 23 (4.6.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
23 (4.6.1897)
Date
1897-06-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Vr. Bloch'» VochrnPtzrM. Seite 463 Von welchen Kämpfen die Bevölkerung der Hauptstadt durchwühlt wurde, bis es endlich der Regierung mit der sogenannten „eisernen Hand" gelang, mittelst der berühm- Audienz vom 27. April den verblüffenden Frieden mit ihrem demagogischen Gegner abzufchließen und sich demselben zu unterwerfen und hiedurch unter feierlicher Beeidigung eines Strobach am 19. Mai die Constituirung des Wiener Gemeinderathes herbeizusühren, ist noch so lebhaft in unser Aller Erinnerung, daß es der unerquicklichen Recapitulirung dieser Ereignisse kaum bedarf. Mit redlichem Eifer hat unser Verein und dessen Vorstand in die jeweilige Wahlbewegung eingegriffen, die Agitation zu Gunsten der freiheitlichen und fortschrittlichen Elemente gefördert und thunlichst dazu beigetragen, in jenen Bezirken, in denen der jüdischen Wählerschaft ein numerischer Einfluß zusteht, zu retten, was in dem Umstürze der politischen Verhältnisse noch gerettet werden konnte. Gab es bei diesen Gemeinderathswahlen vom politischen Standpunkte aus überhaupt keinen Cvnflict oder Zwiespalt, in welchem Sinne die Ausübung des Wahlrechtes zu erfolgen habe, so bedurfte es bei der für den Herbst in Aussicht stehenden Landtagswahl einer bestimmten Stellungnahme, welcher der politischen Parteien die Unterstützung seitens der jüdischen Wählerschaft zugewendet werden soll. Da war insbesondere aus den vielbesprochenen Parteitagen in Böhmen Ende Juni der Lockruf einer „Deutschen Fortschrittspartei" laut geworden, welche sich den Anschein gab, wirklich etwas von der absterbenden liberalen Partei verschiedenes, eine politische Neubildung sein zu wollen, frei von den Sünden, Schwächen und Verirrungen ihrer Vorgängerin und erfüllt von Kraft und Muth, den Anforderungen des Fortschrittes, der Freiheit, der Gleichberechtigung und der socialen Wohlfahrt zum siegreichen Durchbruche zu verhelfen. Doch schon die ersten politischen Acte dieser Partei mußten uns mit gerechtem Mißtrauen erfüllen, denn dieselben bestanden in beschämenden, unwürdigen Wahlcompromissen mit unseren natürlichen Feinden, den antisemitischen Parteien, und der jüdischen Wählerschaft war gleichwohl wortdeutlich zugemuthet, diesem Kompromisse sich anzuschließen, demselben die Stimmen zu widmen und so den unmittelbarsten Gegnern den Sieg zu erleichtern. Daß diese, mit einer sofortigen, schon so oft verhängnißvoll gewordenen „Zurückstellung" der eigenen Grundsätze verbundenen Wahlcompromisse den Zweck hatten, den sogenannten „nationalen Besitzstand" der neuen deutschen Fortschrittspartei zu schützen, konnte keineswegs ein Grund sein, uns diese Wahlbündnisse verlockender erscheinen zu lassen, denn was das deutsch-nationale Element in seiner extremen Ausbildung bedeutet, ja was schon die frühere, die deutsch liberale Partei eben vermöge ihrer unhaltbaren Verquickung des nationalen Momentes mit dem freiheitlichen Momente trotz unserer treuesten, hingebendsten und ausdauernden Mitarbeit und Heersolge an uns Juden gesündigt und verbrochen, — das haben wir nur allzusehr und schaudernd miterlebt und angesichts der öffentlichen Verhältnisse, wie sie eben zum großen Theile aus Verschulden dieser Partei geworden sind, täglich und in allen Lebensregungen zu empfinden. (Laute allseitige Zustimmung). Ich verweise mit einiger Befriedigung darauf, daß, sowie unser Verein der erste in Wien war, welcher im Juni 1895 zu den damals beginnenden und schier endlos gewordenen Wiener Gemeinderathswahlen mittelst einer richtunggebenden und vielfach recipirten Resolution Stellung nahm, es wiederum unser Verein gewesen, welcher in seiner Plenarversammlung vom 14. September es beschlußmäßig ausgesprochen hat, der jüdischen Wählerschaft Wiens jegliches Zusammengehen mit dieser deutschen Fortschrittspartei anläßlich der bevorstehenden Landtagswahlen, als mit unseren P.incipien unvereinbar und für unsere legitimen Zwecke aussichtslos, zu w i d e r r a t h e n und sich bezüglich des weiteren Verhaltens gegenüber den Landtagswahlen ihre Entschließungen vorzubehalten. Diese Entschließungen wurden denn auch späterhin, wenn auch nicht leichten Herzens gefaßt. Es war inzwischen eine Gruppe von Männern aus den Plan getreten, welche unter der Signatur socialpolitischer Bestrebungen mit Ausschluß nationaler Engherzigkeit oder Prärogativen im Sinne der staatsgrundgesetzlichen Gleichberechtigung und mit dem Endziele gerechter wirtschaftlicher Reformen neue Impulse und neue Richtungen dem öffentlichen Geiste und dem politischen Leben einzuslößen versprachen. Die jüdische Wählerschaft entschloß sich, den Versuch mit diesen neuen Kräften und Männern zu wagen und sie kann mit vollem Rechte behaupten, daß nur ihr Anschluß und ihre Bereitwilligkeit zur Mitwirkung es dieser aufkeimenden socialpolitischen Partei'ermöglichte, überhaupt in den Wahlkampf, in den Wettbewerb auf dem Gebiete der öffentlichen politischen Bethätignng einzutreten. Und in der That, es geschah nicht ohne Erfolg, denn wirklich gelangten Candidaten dieser Partei in die Landstube, ohne jedoch die speciell seitens der jüdischen Wählerschaft in sie gesetzten Hoffnungen und Erwartungen zu erfüllen. (Sehr richtig!) Wohl stand Alles, was nicht antisemitisch und sreiheitsfeindlich war, als eine allen Brutalitäten preisgegebene Minorität der siegreichen Mehrheit gegenüber, welche wie eine trunkene Soldateska von dem eroberten Boden des an historischen, ruhmvollen Erinnerungen reichen Landhauses Besitz ergriffen hatte. Nichtsdestoweniger vermißten wir gegenüber den ebenso zahlreichen als schamlosen Angriffen auf den Bestand, das Recht und die Ehre der Judenschast, durch welche die ganze Landtagssession stigmatisirt erscheint, jene pslichtmäßige, überzeugungstreue und gerechte Abwehr und Inschutznahme, welche dem empörten Rechtsgefühle, ja dem einfachen Humanitütsbedürfnisse nothwendig entspringen muß. Wenn überdies der Führer dieser Partei, unter Hinweis auf die vorangegangene Landtagssession, welche mit der berüchtigen Sitzung vom 3. Juli abschloß, in welcher einer der extremsten antisemitischen Fanatiker den Juden das Wahlrecht, ja überhaupt die Menschenrechte abzuerkennen beantragte und motivirend hinzufügte, daß er den Umgang von Menschen mit Juden als dem Strafgesetze zuwiderlaufend betrachte, wenn, sage ich, überdies der Führer der Socialpolitiker mit Hinweis auf eine so geartete Session des Landtages in der Sitzung vom 30. December öffentlich erklärte, daß diese Parteien, die antisemitischen, nämlich den Oppositions-Kamps „glanzvoll" geführt haben und „er ihnen noch nachträglich seinen Dank dafür aussprechen müsse", so ist es nur zu begreiflich, daß sich der jüdischen Wählerschaft eine bittere Enttäuschung und Depression bemächtigen mußte, die auch bei den im März d. I. stattgehabten Reichsrathswahlen empfindlich nachwirkte. (Lebhafter Beifall.) Welches wüste Treiben sich in diesen beiden, den antisemitischen Coalitionen ausgelieserten Körperschaften, dem Gemeinderathe und dem Landtage im vergangenen Jahre und seither entwickelte, wie leichtlebig und demonstrativ dem Rechte und Gesetze, der Ehre und Ai oral, der Sitte und aller Billigkeit Hohn gesprochen und Verachtung bekundet wurde, soll als über den Rahmen der mir obliegenden Berichterstattung weit hinausgreisend hier nicht näher erörtert werden. Doch von der famosen Verleihung der Salvatormedaille und ihr gegenüber von der Verweigerung

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