Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 462 Vr. Vloch's MvchrnsttzrM Nr. 23 Zeiten es kündete, daß Gott bei den Israeliten in der Zerstreuung wohnt und sie beruhigt. Wie leicht sind die Hoffnungen entfacht in diesen Millionen armseliger Menschen, die im Osten Europas im Drucke leben. Es ist die bitterste Verleumdung, daß sie nicht arbeiteil wollen; und wie freudig werden sic vollends die Hände regen auf diesem Boden Palästinas, auf welchem sie die glorreichsten Erinnerungen umschweben, aber alle Begeisterung hilft über einige harte Thatsachen nicht hinweg. Landarbeit will von Jugend an erlernt werden. Wer mit dem Acker groß geworden ist, der spürt weit inniger den Segen und weit weniger die Beschwerde dieser Arbeit. Solleil die Colonien, die bisher auf diesem uils heiligen Boden enstanden sind, gedeihen, so darf Palästina vorläufig mit jüdischen Colonisten nicht überfluthet werden. Es gibt keine größere Gefahr für die bisherigen Anpflanzungen als eine Sturmfluth neuer Ankömmlinge. Können diejenigen, die jetzt weithin den bedrängten Genossen in Rußland und Oesterreich die nationale Auferstehung predigen, es verantworten, daß sie unerfüllbare Hoffnungen erwecken? Als vor ungefähr sechs Jahren das Phantasiebild einer jüdischen Colonisation Argentiniens auftauchte und einer Massenauswanderung dorthin, schrieben wir: „Geradezu ein Verbrechen begehen diejenigen, die durch solche Botschaften die Brüder in Rußland aus ihrer engen Heimat locken. Wie auch immer diese Heimat beschaffen ist, es ist die Heimat; das Elend, an das mau gelvöhnt ist, ist fast ein Segen gegenüber der ungewohnten Noth, gegenüber den Qualen der Auswanderer, dem Mangel all Beschäftigung und Verdienst am Ziele der Wanderung, dem Gefühl der Fremdheit und Verlassenheit, das ungebildete Menschen besonders schwer bedrückt. Selbst der erfolgreiche Auswanderer erkauft seinen Erfolg nur mit schweren Opfern; der Auswanderer aber, der gar mit allen seinen Plänen Schiffbruch leidet mrd scheitert, ist der bejammernswerthefte aller Sterblichen". Was haben wir nun in den letzten Jahren erlebt: die Colonisation in Argentinien, wenn sie auch vielleicht Einzelllen eilt menschenwürdiges Dasein bereitet hat, war als Lösung des Problems, das die jüdische Bevölkerung in Rußland uns stellt, eine große Seifenblase; aber unerwartete Ereignisse haben doch die Schrecken der Situation in Rußland gemildert. So sollten auch die gegenwärtigen antisenlitischen Ausschreitungen uns nicht sogleich die Hoffnung rauben, daß wieder bessere Zeiten kommen werden; ist denn selbst das gegenwärtige Staaten-und Gesellschaftssystem für die Ewigkeit gegründet? Man braucht noch kein Socialdemokrat zu sein, und kann doch sich zu der Ansicht bekennen, daß wir in den socialistischen Staat hineinsteuern Selbst dieses Staatensystem und der bewaffnete Friede, der die Kraft und den Wohlstand der Völker aufbraucht, kann unversehens sich wandeln; damit wäre auch der Antisemitismus, der eine Eiterbeule dieser kranken Zeit ist, beseitigt. Aber auch in der gegenwärtigen Staaten- und Gesellschaftsordnung wird dieser Paroxysmus wohl bald, wenn auch nicht von der gesunden Vernunft, so doch von einem anderen Paroxysmus abgelöst werden. Wenn ein starkes Gewitter am Horizont aufzieht, so fürchten alle Aengstlichen, es würde der Blitz gerade ihr Gehöft treffen. Nachdem es sich entladen hat, stellt sich gewöhnlich heraus, daß Alle verschont geblieben und mit dem Schrecken davongekommen sind. Alle geistvollen Declamationen edler Schwärmer haben uns nicht in den Ueberzeugungen wankend gemacht, denen wir schon vor Jahren dahin Ausdruck gegeben haben: „Kein Deutscher, der gerecht urtheilt, wird es mißdeuten, wenn der Jude seine Vergangenheit in Ehren hält, wenn Zion und Jerusalem ihm heilige Stätten sind (die heiligste, der Sinai, liegt außerhalb Palästinas), wenn wir den Wunsch hegen, daß diese uns ehrwürdigen Orte aus der Verwüstung sich erheben. Die Deutschen, die Hermann dem Cherusker ein Denkmal gesetzt haben, müssen für solche Pietät ein Verständniß haben. Jerusalem war länger als ein Jahrtausend die Heimstätte unserer Religion; ein Atheist aber kann kein Jude sein; denn ein Jude ist nicht ein dem Deutschen, dem Ruffen, dem Franzosen adäquater Begriff. Wer zum Seh'ma sich bekennt, ist uns ein Jude nach der alten Ueberlieferung. Das Nationale im Judenthum ist das Zufällige, die Religion ist das Bleibende. Die Herstellung einer jüdischen Herrschaft in Palästina wäre werthlos, wenn nicht daraus das religiöse Leben der Juden wichtige Impulse bekäme. Wenn dort russisch-jüdische Nihilisten sich ihr Nest bauten, so wäre uns dies eine Entweihung heiliger Erinnerungen." Wir haben absichtlich diese vor Jahren veröffentlichten Sätze hieher gestellt, um zu zeigen, daß unser Urtheil durch den leidenschaftlichen Kampf des Tages unbeeinflußt ist. Jedes Streben, die Juden für den Ackerbau zurückzugewinnen, verdient die wärmste Förderung; wie jede Einseitigkeit ein Fehler ist, so ist auch die Einseitigkeit int Erwerb, die ausschließliche oder auch nur hauptsächliche Richtung auf den Handel, für die jüdische Gesammtheit nicht ersprießlich, zumal der moderne Verkehr dem Kleinhandel entschieden ungünstig ist; jede Ackerbaucolonie, die gedeiht, ist ein Segen für die ganze Gemeinschaft Israels; gerade deswegen ist der überspannte jüdische Nationalismus uns zuwider, weil er das Gedeihen der bisher gegründeten und mühselig erhaltenen Colonien gefährdet; niemals wird unseres Erachtens ganz Palästina den Juden übergeben werden; würde dort vorübergehend wie eine Börsengründung ein national-jüdischer Staat hergestellt, so würde er vor der Eifersucht der schriftlichen Völker nicht lange Stand halten. Niemals werden wir zugeben, daß wir Juden nicht der Nation angehören, unter der wir leben; das ist in gewissem Sinne keine Schwächung, sondern eine Stärkung des jüdischen Bewußtseins, denn die Gemeinsamkeit des religiösen Bekenntnisses ist ein festeres Bgnd als die Nationalität. Soll nun gar das Nationaljudenthum neuesten Datums ganz ohne Religion bestehen und wir Juden etwa mit denselben Ansprüchen auftreten, wie Bulgaren, Rumänen und ähnliche Völker, so wäre dies, darin hat Güdemann zweifellos recht, eine Degradation, eine Verleugnung unseres weltgeschichtlichen Berufes, den wir am Sinai übernommen haben. Die Zionisten thäten gut, ihren Feuereifer auf das Erreichbare hinzulenken; so respectabel die Londoner Börse ist, es ist schwer anzunehmen, daß der Messias gerade auf dieser Börse zuerst sich offenbaren wird. Keiner kann sich von seinem Vaterland lossagen, auch wenn er unfreundlich von ihni behandelt wird; wir wollen uns auch nicht schmollend zurückziehen, sondern zäh um unser Recht kämpfen. Wir begreifen den Groll hochbegabter deutscher Schriftsteller, die, weil sie von jüdischen Eltern abstammen, nicht als Deutsche gelten sollen. Aber dieser Groll darf nicht zum Trotz sich steigern; er darf vollends kein politisches Princip werden. Der Antisemitismus darf die Gestaltung des Judenthums nicht bestimmen. Generalversammlungdes Politischen Volksvereines. Unter zahlreicher Betheiligung seitens der Vereinsmitglieder und vieler Gäste wurde am 29. Mai d. I. die statutenmäßige Generalversammlung des Politischen Vvlksvereines unter dem Vorsitze des Vereinspräsidenten Herrn Dr. Hermann F i a l l a abgehalten. Ueber den inhaltsvollen und sehr anregenden Verlauf dieser Versammlung haben wir Folgendes zu berichten: Zunächst erstattete Herr Dr. Fialla als Präsident des Vereines den nachfolgenden Rechenschaftsbericht für das Vereinsjahr 1896. Hochgeehrte Generalversammlung! Wenn Ihr Vorstand daran schreitet. Ihnen hiemit gemäß des § 19 unserer Statuten den Bericht für das abgelaufene Vereinsjahr 1896 zu erstatten, so kann dies nicht anders, i ls unter einem Rückblicke auf die politischen Ereignisse geschehen, welche diese Epoche ausfüllen. Dieser Rückblick ist nun von unserem Standpunkte aus ein wenig erfreulicher und zeigt uns im großen Ganzen das siegreiche Emporwachsen und Durchdringen jener im schlimmsten Sinne des Wortes radicalen Elemente, welche unter der falschen Flagge des Antisemitismus ausschließlich durch ihre reactiouären und clericalen Tendenzen zusammengehalten werden, und hiedurch eine dem Staatswohle und durch die ihrem Bestände unentbehrliche Judenhetze eine speciell der österreichischen Judenschaft gefährliche Macht bilden. Jnsoferne es uns sich insbesondere um die innerpolitischen Verhältnisse handelt, stand das Jahr 1896 vorwiegend unter dem Zeichen der Wahle n, welche den Gemeinderath der Stadt Wien, den niederösterreichischen Landtag und im raschen Anschlüsse an die letzteren, allerdings schon im Jahre 1897 den Reichsrath betrafen.