Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-04 · 23 (4.6.1897) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
23 (4.6.1897)
Date
1897-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021192--06791-3031089
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Lr. 23. Or. Bloch’s Jahrgang XIV. Crntralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. K. k. PoNsxarkaffen-Amt Clraringvrrkrhr Nr. 810.976. ArdarUon und Administration: Wien l Lntrrr NugaLtrnstratzrl». Tehphon Nr. 6535. *= Wien. 4. Juni 1897. Erscheint jeden Freitag. -M—*- Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Zach. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift Wien. S-prgsorri» für Srstrrrrich: Halbjährig 4 fl. 8 Stx. Einzelexemplare 25 kr. Für'» Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Str. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Si Ci Inhalt: Leitartik el: Eine Nationalität, oder eine Religion? — Generalversammlung des Politischen Volksvereines. — Christliche Schriftsteller über jüdische Antisemiten. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Fräulein Wertheim, die „Antisemitin". Die Ausnahmsjuden des Polenclubs. Die Trinkgelderfrage. Biblische Lehren. Wie Dr. Max Anton Löw seine Eltern ehrt. Ein kleiner Dialog. Ein Ideal. Der Bischof von Heiligenkreuz. Die Juden als Graveure. Eine bedauerliche Agitation, Christliche Stimmen über den Judenhaß. Skizzen aus der jüdischen Geschichte. — Correspondenzen: Wien, Prag, Krakau, Lemberg, Hohenems, Mähr.-Weißkirchen, Stuttgart, Paris, Stockholm. — Vermischtes: Wien, Groß-Enzersdorf, Kremsier, Kanitz, Offegg, München, Paris, Kischinew, Riga. — Sinai und Olymp. — Feuilleton: Der Gefangene von Sebastopol. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Eine Nationalität, »der eine Religion? Von De. D. Ntppner in Glogau. Wenn wir ein großes Unrecht erfahren, so ist das doch nicht die schlimmste Noth, daß wir an unserem Besitze, an unserer Freiheit, an unserer Ehre geschädigt werden; das größere Uebel ist, daß unser eigenes Rechtsbewußtsein oft dadurch getrübt wird, daß wir selbst ungerecht werden, wenn auch nicht in unserem Thun, so doch in unserem Denken, daß unsere vordem klare Welt- und Lebensanschauung wie mit Wolken und Nebeln verhüllt wird. Vorurtheil weckt wieder Vorurtheil. Eine Zeitlang wird, wer schuldlos hinter Kerkermauern weilt, dagegen ankämpfen, daß sein Herz nicht verhärtet, sein Verstand nicht umdüstert wird; wohl dem, der leidet, ohne daß seine Seele aus der geraden Bahn gedrängt wird, der die Noth nur als ein Aeußeres betrachtet, von dem sein inneres Wesen nicht berührt, nicht bestimmt wird, der in Banden frei bleibt. Das ist die Feuerprobe aller Religion, aller Philosophie, aber auch der sonst nicht Unedle wird diese Prüfung nicht völlig bestehen. Das ist der größte Schaden, den der Antisemitismus uns zufügt. Nicht genug, daß unser Glaube verunglimpft, daß unsere Gemeinschaft verhöhnt wird, daß unsere Genossen in ihrem Erwerb gestört werden, daß wir auf Schritt und Tritt Kränkung, Demüthigung, Zurücksetzung erdulden und sorgenvoll uns fragen, ob wir diesen Kelch der Bitterniß bis zum letzten Tropfen werden leeren müssen, auch unter uns stiftet der Feind Verwirrung an, er umnebelt unsere klarsten Köpfe, er verwirrt und verwildert so viel stolze und hohe Seelen, das thut bitter weh. Wenn so viele Feiglinge sich davonschleichen, weil wir leiden, so ist uns das nicht gleichgiltig; wer eine Seele rettet, sagt der Talmud, der hat eine Welt erhalten, und so ist uns auch jede Seele, die uns verloren geht, theuer und beklagenswerth, aber derVerlust dieser halben, dieser Viertelsjuden ist am Ende doch leichter zu verschmerzen; weit schwerer ist es schon zu ertragen, wenn begabte und begeisterte Menschen trotz des besten Willens durch die Macht ihres Talentes und das Feuer ihrer Seele die Menge auf falsche Bahnen mit sich fortreißen, denn jener Spruch des Ghetto, wenn ein Kluger irrt, so irrt er gründlich, ist leider nur allzu richtig. Eine solche Verirrung scheint Bielen, die schon seit Jahrzehnten vas jüdische Geistesleben beobachten und denen auch die Geschichte des Judenthums nicht ganz unbekannt ist, der Zionis' mus, besonders in den Ausschreitungen, die wir heute zuweilen wahrnehmen, denn er untergräbt uns den Boden im eigenen Lande, er macht uns zu Fremdlingen an den Stätten, auf denen oft länger als ein halbes Jahrtausend unsere Väter gewandelt sind, und läßt Bilder vor unserer Phantasie aufsteigen, die nicht verwirklicht werden können. Es ist sonderbar, so Mancher erhebt jetzt sein Wort gegen den Zionismus, dem es seit frühester Kindheit ein Ziel heißer Sehnsucht war, seine Bibel in der Hand, den heiligen Boden Zions zu betreten; so haben wir es schon als Jünglinge aus dem Talmud vernommen: wer im heiligen Lande lebt, dort seinen festen Wohnsitz hat, ist dadurch schon der ewigen Seligkeit sicher, und die seltsame Legende war uns geläufig, daß sogar die Tobten sich noch in der Erde bis nach Palästina fortbewegen müßten, wenn sie anders einmal der Auferstehung theilhastig werden wollen. Die Verehrung für das heilige Land war uns ftüh anerzogen worden und wer auch später aus diesen kindlichen Vorstellungen hinauswuchs, hat darum doch die Erinnerung an Palästina nicht aus seiner Seele gebannt. Dieses Land, etwa halb so groß wie die Provinz Schlesien, ist für die Geschichte der Menschheit wichtiger als Reiche, die das Hundertfache seines Umfanges und darüber haben. Wie eine höhere Fügung mußte es erscheinen, daß seit Eröffnung des Suezcanals Palästina im Mittelpunkt der großen Weltstraße liegt, nachdem so lange der Weltverkehr andere Bahnen eingeschlagen hatte. Also aus ganz nüchternen Erwägungen ist ein Aufschwung Palästinas in unseren Tagen und tu der nahen Zukunft zu erwarten. Aber auch unser Gemüth ist durch tausend Fäden mit diesem Lande verknüpft, so daß wir jedem Plane, sein Wohl zu fördern und es aus der Jahrhunderte alten Verwahrlosung emporzuheben, freudig zujubeln. Um so schmerzlicher ist es uns, denen, die in der Gegenwart das Banner des Zionismus schwingen, nicht folgen zu können; wir leugnen nicht, daß die Führer von den reinsten Absichten beseeft sind; aber ehrliche Phantasten haben von jeher das größte Uebel in der Welt angestiftet. Im Talmud ist zu lesen: Rabbi Jose sagte, es gäbe einen Punkt, in dem Mose selbst von Jeremia verbessert und widerlegt worden sei. Mose sagte: unter den fremden Völkern wirst du niemals Ruhe finden, aber Jeremia sagte: Gott ist zu den Israeliten in die Verbannung gezogen, um sie zu beruhigen. Jeder, der es mit seinen Glaubensgenossen wohlmeint, sollte nach dem Muster des Jeremia sich richten, der in viel trüberen f; ■ h'-t'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.