Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 454 Vr. Vlortz's Wochrnfchrtst. Nr. 22 Die Witwe, eine arme Kleidermacherin, deren erwachsene Söhne die Militärdienstzeit absolviren, und welche nun allein mit ihrer Hände Arbeit einer Kinderschaar daheim das tägliche Brot beschafft, Liese arme Witwe, deren Kinde, einem braven Schüler, der Stadtrath die Schnlgeldbefreiuiig zu verweigern fand; Die Witwe, eine arme Hebamme, die mit einem Verdienste von 3—400 fl. jährlich ihre Kinder zu erhalten hat und der gegenüber der Stadtrath verfügt, ihr braves Kind von der Schule auszuschließen, wenn nicht sofort 25 fl. Schulgeld erlegt werden; Der jüdische Dienstmann, der blutarme jüdische Hausirer, die kleinen jüdischen Handwerker, die kleinen jüdischen Gewerbetreibenden und Bediensteten, sie Alle mit mehr oder minder zahlreicher Familie gesegnet, der kleine jüdische Kaufmann, Vater von 16 Kindern, von denen noch 15 in seiner Versorgung sind, fühlen tief die ihnen erwiesene Wohlthat, die es ermöglichte, ihre braven, lernbegierigen Kinder in der Schule zu belasten. Dankesthräncn sind vor mir vergossen worden, Dankesthräneu auch der Kinder und jungen Leute, die den Ausschluß aus der ihnen licbgewordenen Schule, kraft Verfügung des Stadtrathes, als ein schweres Unglück empfanden, vor welchem sie nun durch die bereitwillige Hilfeleistung der Spender bewahrt worden sind. Dr. Alfred Stern w. p. Gemeindcralh der Stadt Wien. Wien, 23. Mai 1697. Wie». (F erienhei m-) Frau Baronin Clara de Hirsch- Gereuth hat auch für die heurige Ferialsaison dem Vereine „Ferienheim" Räumlichkeiten in ihrem Schlosse Rossitz bei Brünn zur Verfügung gestellt und noch zwei freigewordene Säle dazu überlasten, damit eine möglichst große Anzahl erholungsbedürftiger Kinder daselbst untergebracht werden kann. Die Anmeldungen der Aufnahmsbewerber für die Colonien dieses Vereines sind heuer so zahlreich eingelaufen, daß die Einschreibungen bereits geschlossen werden mußten und die Entsendung auf das Land nur beiläufig einem Drittel der angemeldeten Kinder zu Theil werden wird. Wien, 22. Mai. (Ein Zeichen d e r Z e i t.) Vor einigen Tagen kam der in Strhj in Galizien domicilirende Kaufmann Jsak B o n h o k, zur Zeit II. Bezirk, Tandelmarktgaste Nr. 16 wohnhaft, nach Wien, um sein 3'^ jähriges Töchterchen, ein krüppelhastes Kind, in die Behandlung eines Specialisten zu geben. Der Kaufmann, ein in guten Verhältnissen lebender Mann, suchte mit seinem Kinde, das -er selbst am Arme trug, heute die Poliklinik auf. Gegen 11 Uhr Vormittags verließ er dieselbe und begab sich direct zu dem Bandagisten Schlecht in der Schottengasse, um für die kleine Patientin nach Anordnung des Professors eine Fußmaschine zu bestellen. Als der Kaufmann, der einen Kaftan trug, am Rückwege von dem Bandagisten das „Cafe Ronacher" passirte, glaubten einige Passanten aunehmen zu müssen, daß der „polnische Iud e" das Kind g e st o h l e n habe, und als dieser einen in der Richtung nach der Taborstraße verkehrenden Tramwaywagen bestieg, folgte ihm auf diesen ein junger Mann Namens Boston» s' k i, der den erwähnten Verdacht theilte, und darüber mit den Passagieren des Tramwaywagens sprach. Jsak B o n y o k wurde mit verschiedenen Fragen, die das Kind betrafen, bestürmt. Umsonst versicherte er, daß dasselbe feine eigene Tochter fei. Der Wachmann Nr. 1701 wurde an den Wagen gerufen und veranlaßte, daß Jsak Bonyok denselben verlasse. Inder Tramway-Haltestelle vor dem Polizei-Directionsgebäude erfolgte nun seitens des polizeilichen Organes die Perlustrirung des Kinderdiebstahls verdächtigen Mannes. Der Wachmann untersuchte dessen Papiere und fand thatsächlich, daß das Kind die Tochter des Angehaltenen war. Nun konnte dieser die unterbrochene Fahrt wieder fortsetzen. Selbstverständlich erregte der Vorfall bei der starken Frequenz des Schvttenringes ziemliches Aufsehen. Zu bemerken ist noch, daß der Mann, der die Verhaftung des Stryjer Kaufmannes verlangte, als besonderes Verdachtsmoment den Umstand bezeichnete, daß die Kleine ihrem Vater nicht ähnlich sehe und rein „arisches" Aussehen habe. Wie». (Ausweis e i n g e g a n g e n e r Spenden zum Baue eines Tempels in der Brigittenau.) Die Herren Kupfer & Glaser 50 fl.; Hermann Back 40 fl.; Marcus Winternitz 20 fl.; N. Sch'eftel 20 fl.; Jacob Kann 10 fl.; Michael Ader 10 fl.; Siebenschein 10 fl.; Rudolf O. Weil 10 fl.; Josef Rosenthal 10 fl.; F. Figdor 10 fl.; Dr. Paul Mittler 5 fl.; Hermann Keßler 5 fl.; Josef Kohn 5 fl.; Moriz Bratmann 5 fl.; Herm. Stern 3 fl.; Dr. Hahn 3 fl.; S. u. E. Oesterreicher 2 fl.; Michael Reiter 2 fl.; Simon Schlesinger 2 fl.; M. Hofbauer 2 fl.; Mqx Ehrenfeld 2 fl.; Jacob Herzfeld 1 fl. 50 kr.; Moriz Kohn 1 fl.; Ignaz Robitschek 1 fl.; in Summa 229 fl. 50 kr. Bereits ausgewiesen 10.761 fl., im Ganzen 10.990 fl. 50 kr. Budapest. (Leichenbegängnisse.) Das Leichenbegängniß des Präsidenten der Pester Chewra-Kadischa, Carl R e u ß, hatte unter sehr zahlreicher Betheiligung von Leidtragenden stattgefunden. Seitens der israelitischen Religionsgemeinde waren erschienen: Präsident Sigmund K o h n e r, Martin Schweiger, Ludwig B a u m g a r t e n, Max G r ü n b a u m, Ludwig Adler, Samuel und Jacob Deutsch. Die Chewra-Kadischa war durch den unter Führung des Präsidenten-Stellvertreters Sigmund Brüll in voller Zahl erschienenen Vorstand vertreten. Auch der israelitische Frauenverein hatte eine Deputation unter Führung der Frau Marie H e r z l entsandt. Man bemerkte weiter in den Reihen des Publicums die Abgeordneten Dr. Armin N e um a n n, Berthold Weiß, Dr. Moriz M e z e i, Dr. Alexander Nag y, ferner Miuisterialrath Isidor M ä d a y, den Oberstaatsanwalts-Substituten Emerich H a v a ß, dann: Baron Sigmund S ch o s b e r g e r, Heinrich v. Schönberger, Ignaz Ritter v. W e ch s e l m a n n, Moriz Ritter v. Adler, Jacob Fürst, Stephan Popper, Paul Tencer, Professor Dr. Ignaz G o l d z i h e r, Dr. Jonas B ä r o n, Rabbiner L. Pvllak, Director Sigmund Kornfeld, Director Armin B r ü l l, Josef Bänoczi, die Professoren des Rabbinenseminars, Director Abraham Lederer, Director Dionys Beck, Marcell Neuschloß rc. rc. Nach 3 Uhr wurde der Sarg in den Hof hinabgetragen, wo der Tempelchor unter Leitung des Obercantors Professor Lazarus ergreifende Trauergesänge vortrug. Dann hielt Rabbiner Dr. Kohn eine die Verdienste des Verstorbenen wärmstens würdigende Rede, nach welcher der Sarg auf deu sechsspännigen Leichenwagen gehoben und nach der israelitischen Abtheilung des Friedhofes nächst der Kerepeser Linie überführt wurde. Hier widmete dem Verstorbenen Rabbiner Dr. Kayserling einen tiefempfundenen Nachruf, und nachdem noch am offenen Grabe der Secretär des „Heiligen Vereines" Dr. Franz Mezey eine Rede gesprochen, welche kein Auge trocken ließ, sank der Sarg in die Gruft. Budapest, 16. Mai. Vor Jahresfrist hatte sich der hauptstädtische Journalist Franz B o n i tz vor dem hiesigen Gefchwornengerichte zu verantworten, Weiler Freimuth's „Geschichte der Blutmorde" ins Ungarische übersetzte und verbreitete. Die königliche Staatsanwaltschaft beschlagnahmte die vorhandenen Exemplare und zog den Uebersetzer und den Verbreiter des Pamphlets zur Verantwortung. Zur allgemeinen Ueberraschung der öffentlichen Meinung Ungarns wurde der Angeklagte freigesprochen und die Confiscirung aufgehoben. Seither wird die Verbreitung dieses Pamphlets wieder mit großem Eifer fortgesetzt, so daß die Wirkung des hetzerischen Werkes nicht ausblieb. Die geringfügigsten Anlässe bieten unter der Einwirkung des Werkes dem Volke genügende Veranlassung, das Blutmärchen wieder aufzufrifchen. So geschah es, daß man sich das Verschwinden eines Mädchens in einem kleinen Orte Siebenbürgens nicht erklären konnte. „Die Geschichte der Blutmorde" wurde durch die bekannten „Volksfreunde" unter das Volk geschmuggelt. Bald darauf verbreitete sich das Gerücht, daß die Juden das Mädchen in der Synagoge geschlachtet hätten. Augen- und Ohrenzeugen sollten diese Lüge bestätigen. Die Untersuchung der Behörde aber klärte das räthselhafte Verschwinden des schönen Mädchens auf. Ein junger Bursche entführte das Mädchen in ein entlegenes Dorf, um die Rivalen los zu werden. Das Mädchen wurde heimgebracht und strafte die Erfinder des Blutmärcheus Lügen. Zur selben Zeit spukte auch das „B l u tm ä r ch e n" wieder in der T i sL a-E s z l a r e r Gegend. Dem „Pester Lloyd" wird darüber - geschrieben: Die Stadt Nagy Küllü war der Schauplatz erregter Vorgänge. Ein Bauer aus B e s n y ö d war mit seinem Weib und dem Kinde eines Nachbars nach Nagy Källo gekommen und im Wirthshause eines Juden eingekehrt. Mann und Weib gingen ihren Geschäften nach und. fanden, als sie heimkehrten, den kleinen Jungen nicht vor. Ohne weitere Nachforschungen anznstellen, beschuldigten sie den Wirth, den Knaben weggeschafft zu haben, um ihn zu „schlachten". Das Volk nahm eine drohende Haltung an. Die Gendarmerie trat in Action, und Abends fand man den Burschen auf einer entlegenen Tanya, wohin er sich verirrt hatte. Brünn. (Cantore «Versammlung in Brünn.) Am Sonntag den 16. Mai l. I. traten über Anregung und Ein- ‘ ladung des Herrn Obercantor Heller im Sitzungssaale der israeli-