Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 452 Dr. VUntz's Mochrnkchrtfl Nr. 22 Die jüdischen Frauen in der Großstadt. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Geehrter Herr Nedacteur! Sie kämpfen seit Jahren wacker gegen die antisemitische Hydra, aber leider wachsen derselben für jeden abgehauenen Kopf unzählige neue nach. Ich habe viel über diese „Schmach des Jahrhunderts" und auch über die oft ventilirte Frage nachgedacht, ob die Juden selbst nicht durch ihr Thun und Lassen viel zur Bekämpfung derselben beitragen könnten. Ich gehöre nicht zu den sogenannten „jüdischen Antisemiten", welche mit verächtlichen: Nasenrümpfen erklären, die Juden selbst provocireu den Antisemitismus. Es scheint mir geradezu lächerlich, meinen Glaubensgenossen einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie temperamentvoller, geistig regsamer und für die höheren Genüsse des Daseins empfänglicher sind als die auf gleicher Gesellschafts- und Bildungsstufe stehenden Arier. Man spricht so viel von dem auffälligen Wesen, dem Gauge, Gesten und der Sprache der Juden, die man als specifische „Fehler" und Raceneigenthümlichkeiten bezeichnet. Aber man beobachte einmal im Theater, auf dem Corso, auf dem Turf eine hocharistokratische Ariergesellschaft. Wie laut und lärmend ist ihre Unterhaltung, wie rücksichtslos und herausfordernd gegen die ganze Umgebung ihr Benehmen! Man könnte mit Fug und Recht auch diese Manieren unserer Aristokraten als „echt jüdisch" bezeichnen. — Ich stimme also Denen nicht bei, die den Antisemitismus von solchen Äußerlichkeiten ableiten. Der Judenhaß benützt die letzteren nur und übertreibt sie, um einen nicht vorhandenen Racengegensatz künstlich zu schaffen. Aber die Frage ist keine principielle, sondern eine tactische. Sollen unsere Glaubensgenossen nicht ungesichts der bestehenden feindseligen Strömung sich bis zu einem gewissen Maße eine Beschränkung ihrer gesellschaft- -Uchen Rechte auferlegen? Nehmen wir ein flagrantes Beispiel. Unsere Frauen sind lebenslustig, kunstfreudig, gesellig. Das sind, wenn das richtige Maß eingehalten wird, eher Vorzüge als Fehler. Aber die Gegner schmieden aus diesen Eigenschaften Waffen, und die Klugheit gebietet unseren Frauen auf der Hut zu sein. Sie mögen sich durch längere Zeit den Zwang auferlegen, Bälle, Theater und öffentliche Vergnügungsorte weniger zu besuchen; sie mögen die Eitelkeit, als Comitedamen bei diesem oder jenem Feste, bei Bazars und Blumencorsos zu fungiren, unterdrücken; sie mögen weniger Luxus-Curorte aufsuchen, oder sich wenigstens beim Besuche derselben ein wenig auf schmucklose, einfache Toiletten beschränken; sie mögen nicht so häufig öffentliche Cafähäuser besuchen und dafür lieber zu Hause gemüthliche Jausen veranstalten. Das sind, wie gesagt, nichts anderes als taktische Maßregeln. Es ist das gute Recht unserer Frauen, sich so zu geben, wie sie durch Abstammung, Erziehung und natürliche Anlage geworden sind. Dieses Recht wird ebenso der aristokratischen Lebedame, wie der philiströsen deutschen Bürgerfrau, der pikanten Polin, der feurigen Magyarin, der uncivilifirten Aschantin, wie der urwüchsigen Samoanerin zugestanden; nur an den jüdischen Frauen wird immer genörgelt und gemäkelt. Das ist ungerecht, aber wir können uns den Consequenzen eines solchen Zustandes nicht entziehen. Schon um diejenigen ad absurdum zu führen, die aus der Aenderung ihres Wesens eine Abnahme des Judenhasses erhoffen, sollten sie den Versuch einmal machen. Nützen wird es nichts, aber sie werden sich doch endlich die ewigen Vorwürfe vom Leibe halten. Alois Hofmann. Ludwig Bamberger über den Kaufmannsstand. An die Generalversammlung, welche der V e r e i n zur Förderung der Handelsfreiheit am 15. d. M. in Hamburg abhielt, schloß sich am 16. d. M. nach einer Fahrt durch den Hafen ein Festessen, das die Hamburger Handelskammer dem Verein gab und an dem ungefähr 150 der hervorragendsten Kausleute Hamburgs theilnahmen. Bei dieser Gelegenheit kam der Vorsitzende Dr. Ludwig Bamberger in Beantwortung eines dem Verein dargebrachten Toastes auf die A r b e i t des K a u f m a n n s st a u d e s zu sprechen, der er die folgenden schönen Worte widmete: „Man hört oft das Wort: wir leben in einem demokratischen Zeitalter. Kein Wort ist wahrer, und zur Wahrheit ist es geworden durch die Arbeit. Niemals hat wie heute die Arbeit über die Welt geherrscht, Jeden sich unterwerfend, alle Unterschiede auszugleichen bestrebt. Blicken wir in das Alterthum, so sehen wir die Arbeit von einem Sclavenheer verrichtet, die freien Stände aber arbeiten nicht. Und es ist bezeichnend, daß die Sonntagsruhe erst eine Errungenschaft der modernen Zeit ist. Nur in Palästina herrschte schon im Alterthum die Sitte, am siebenten Tage zu ruhen, ein Beweis daß die Juden arbeitsam seit jeher gewesen sind. Die Forschungen haben auch ergeben, daß in Palästina keine Sclaverei bestand oder doch nur in sehr milder Form vorhanden war. Die Bevölkerung kannte die Arbeit und deshalb kannte sie auch die Feier des Sonntages, die eines der wichtigsten Zeichen der Civilisation ist. Heutzutage nun wird überall mehr gearbeitet als im Alterthum und als im Mittelalter, das den Hörigen die Arbeit, den Herren die Ruhe zuwies. Ja, bis ius vergangene Jahrhundert hinein waren die reichen Leute unbeschäftigt und erfreuten sich zeitlebens der Muße. Das drückte sich schon in ihrer Kleidung aus. Wer unter uns könnte heute in seidenem Frack und Spitzenmanchetten gehen? Seine Thätigkeit würde es ihm bald verbieten, seine Arbeit, die ihm Lebensgenuß geworden ist. (Bravo.) Noch aus meiner eigenen Jugend erinnere ich mich, wie es in Bürgerkreisen als ausgemacht galt, daß der Officier nichts zu thun hätte und in glänzendem Müßiggang lebte. Fragen Sie jetzt einen Officier, der es mit seinem Berufe ernst nimmt, und er wird Ihnen sagen, daß er oft nicht weiß, wo er die Zeit für die Arbeit hernehmen soll. Was vollends hat an Wissen der Gelehrte sich anzueignen, was selbst der wenigst geplagte Jurist! Examina überall, selbst die Frauen drängen sich zum Examen. Und welche Vorarbeit wird dazu nöthig! Ich glaube Napoleon würde durch das Einjährigenexamen fallen und Frau v. Stael würde es nicht zum Lehrerinnenzeugniß bringen. (Stürmische Heiterkeit.) Keine Arbeit aber ist so andauernd, keine so stetig, wie die des Kaufmannes. Er kennt keinen abgeschlossenen Arbeitstag, und mag man für alle Stände Arbeitsbeschränkungen einführen, dem Arbeiter zur festen Zeit die Werkstätte, dem Gelehrten das Schreibzimmer schließen, nie wird man dem Kaufmann die Arbeit einschränken können. Die atra cura ist bei ihm Tag und Nacht, sie steht mit ihm aus und legt sich mit ihm nieder. Fürwahr, es gibt keinen arbeitsreicheren und arbeitsameren Stand als den des Kaufmanns. Darum aber verdient er mehr als jeder Andere, in der Achtung an der Spitze des Volkes zu stehen und von den Uebrigen geehrt zu werden. (Lebhafte Zustimmung.) Mir ist heute öfter gesagt worden: Wenn man doch die Agrarier hierherführen könnte, damit sie mit eigenen Augen sehen, was wir für die Gesammtheit leisten! Und einer der Herren hat sich sogar etwas despectirlicher geäußert und von den „Kerlen" geredet, die man mal herschaffen müßte. (Heiterkeit.) Ich glaube, das wäre doch ein zweischneidiges Ding. Die Agrarier würden angesichts dieses lebendigen Pulsschlages sagen: diese Leute sind nicht umzubringen, denen können wir noch ganz Anderes zumuthen. In der That, die Lebenskraft des Kaufmannsstandes ist nicht zu vernichten. Aber dieses Glück ist gerade unser Unglück; und doch, das Glück überwiegt. Die Lebenszähigkeit, der Muth und die Kraft des Handels kann nicht niedergezwungen werden, bricht sich Bahn durch alle Widerstände. Und dieser Gedanke ist mir niemals klarer vor die Seele getreten als heute, da ich durch Ihren herrlichen Hafen fuhr. Durch welche Anfechtungen hat Hamburg sich allein im letzten Jahrhundert hindurchgerungen, durch die Leiden der Fremdherrschaft, durch die Fruchtbarkeit des Brandes, durch die Schrecken der Cholera, durch die jüngsten Sorgen des Streikes; als ich aber die edle Hansestadt heute in ihrer Herrlichkeit bewunderte, als ich sah, wie alle Prüfungen spurlos an ihrer Arbeitszähigkeit, ihrer Lebensenergie vorübergegangen sind, wie sie dasteht in ungebeugter Kraft, da war ich stolz, Gast dieser Stadt zu sein." Andächtig, still — bemerkt die „Hamburger Börsenhalle" in ihrem Bericht — lauschte die Versammlung den beredten Worten des verehrten Mannes, nur der Beifall ließ sich dann und wann nicht hemmen, eine dichte Corona scharrte sich aus den entfernteren Theilen des Saales um den Platz des großen i Meisters der Rede, um nichts von den glänzenden Ausführungen