Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Vr. Vloch's WochrnPtzrM- Seite 449 Meine Herren! Ich bin weit entfernt, diesem ausgezeichneten Manne nahetreten zn wollen, ich erkenne des Mannes Math an, mit welchem er heute hier ausgetreten ist; aber ich muß doch fragen, warum zeigen die Herren gerade immer nur in unserer Mitte ihren Mannesmuth, warum sagen sie uns das, was anderweitig weit actueller, weit nützlicher und weit nothwendiger zu sagen wäre? Warum ist Herr Dr. Ofner nicht sofort in jener denkwürdigen ersten Landtagssitzung ausgestanden und hat gesagt: „Mein werther Herr Landmarschall, Sie haben hier ostentativ vom christlichen Geiste gesprochen. — Wenn Sie damit sagen wollten, daß im Landtage Alles correct und moralisch zugehen werde, so ist dies selbstverständlich, wenn Sie aber damit die christliche Moral gegen die jüdische ausspielen wollten, dann muß ich Ihnen als Jude sagen: „allen Respect vor der Frau Tochter, der christlichen Moral, aber die Mutter, d i e j ü d i s ch e M o r a l, ist auch nicht ohne und wenn Sie diesen Standpunkt nicht acceptiren wollen, dann muß ich Sie auf das Gesetz verweisen, nach welchem die jüdische Consession eine staatlich anerkannte Religionsgenoffenschaft ist". (Langandauernder, stürmischer Beifall.) Meine Herren? Glaube» Sie nicht, daß ich der Anschauung bin, daß dies etwas genützt hätte; ich bin sogar fest überzeugt davon, daß Dr. Ofner, wenn er so gesprochen, weitere Gelegenheit bekommen hätte, seinen Mannesmuth zu zeigen. — Sie wären auf ihn losgestürzt, sie hätten drohend ihre Fäuste erhoben und es hätte schließlich zu nichts geführt. Aber gesagt hätte er es gehabt, und in den Zeitungen wäre es gestanden, und gelesen hätte man es, und in aller Welt hätte man gewußt, daß die Juden von Wien Vertreter haben, die es nicht dulden, daß ihren Glaubensgenossen öffentlich ins Gesicht gespuckt werde. (Andauernder, lauter Beifall.) Meine Herren! Ich bin mir wohl bewußt, daß die Vertretung im Gemeinderathe und im Landtage in dieser Richtung nicht viel thun kann. Allein, wie steht es im Reichsrath? Noch verfügen wir ja Gottlob auch dort über jüdische Vertreter, aber haben Sie von Ihnen gehört, daß Sie jemals für das Judenthum eingetreten wären? Die Herren haben ja andere S a ch e n z u t h u n, s i e m ü s s e n mit Schönerer O b st r u c t i o n treibe n. Aber es findet sich unter Ihnen Keiner, der bei einer der zahllosen namentlichen Abstirnmungen ausrufen würde, ja, a b e r der Jude will auch leben?" (Tosender Beifall.) Früher, «leine Herren, war das anders, da hatten wir einen jüdischen Abgeordneten, da hatten wir einen Mann, der bei jeder Gelegenheit für uns eingetreten ist, einen Helden, der stets kampfbereit und auch stets kampfgerüstet war, wenn es galt, für die Rechte seiner Glaubensgenoffen einzutreten. Sie Alle wissen, wem ich meine: Es ist unser unvergeßlicher und unersetzlicher Dr. Josef Bloch, dem das moderne Judenthnm mehr verdankt, als wir heute ermessen können. Und dieser Mann der erst unlängst i m e n g l i s ch e n Parlamente citirt wurde, ist schließlich dem Hohne seiner Glaubensgenossen zum Opfer gefallen, er wurde mit Hilfe der Juden durch einen Juden von dem Platze verdrängt, der seitdem zwar besetzt worden, für uns aber leer gebt i e b e n ist. (Laute Pfuirufe und tosender Beifall.) Darum möchte ich heute, wo wir so schön beisammen sind, an die Herren jüdischen Vertreter die Bitte richten: Lassen Sie sich in Hinkunft nicht erst durch die Bestialität unserer Gegner daran erinnern, daß sie Juden sind, denken Sie daran, wie es im Birchas-Schema heißt, wenn Sie sitzen im Hause, und wenn Sie gehen aus der Straße, und insbesondere, wenn Sie ausstehen, um zu sprechen! (Minutenlanger, donnernder Beifall.) Bedenken Sie, meine Herren, was dieses kleine Häuflein Slovenen durch seine fortwährend zielbewußten Vertreter für seinen Bolksstamm erwirkt hat. Diese Handvoll Leute haben nicht nur ein Gymnasium bekommen, sie haben ein festgefügtes, scheinbar unverletzbares System, sie haben die großmächtige Coalitionsregierung über den Haufen geworfen und die Slovenen hatten nicht einmal eine Grammatik und wir haben den Griechen, dem Volke der Grammatiker, Katexochen, das Alphabeth geschenkt! Dafür sitzen wir jetzt da mit unseren Kenntnissen! (Große Heiterkeit und andauernder Beifall.) Meine Herren, das muß anders werden und das wird anders werden. Es muß und wird dahin kommen, daß man allerorts weiß, daß das Judenthum noch immer zusammenhält und daß seine Vertreter sich ihrer Pflichten voll bewußt sind; und wenn jede Verletzung, die diesem ewigen Judenthum im entferntesten Winkel unseres weiten Vaterlandes widerfährt, am anderen Ende des Landes, in den Bertretuiigskörpern einen lauten Wiederhall finden wird, dann werden diese Verletzungen gewiß immer seltener werden und zuletzt mit Gotteshilse ganz aushören! (Stürmischer, andauernder Beifall.) Meine Herren, als einst, weit hinten in Europa, wo die Völker aufeinander schlagen, ein englischer Jude ansgeplündert wurde, da ließ Lord Palmerston die englische Flotte ausrücken, um Satisfaction zu fordern. Und er hat sie im weitgehendsten Maße erhalten. So müssen auch wir von jetzt an sofort alle unsere Streitmächte mobilisiren, wenn auch nur einem von uns ein Unrecht widerfährt! Und so wie der römische Bürger am entferntesten Ende der Welt mit Stolz und Beruhigung zugleich ausrufen konnte: civis romamis sum i wie er darin mit Recht einen unverletzbaren Schutz, eine untrügliche Panacee gegen jede Unbill erblickte, so muß jeder Jude in Oesterreich sagen können: ich bin ein Jude, mir kann nichts geschehen! Und wenn mir eine Unbill widerfährt, meine Vertreter sitzen in Wien, zu rächen und zu sühnen! (Minutenlanger, tosender Bestall.) In diesem Sinne, meine Herren, lassen sie mich schließen; mögen unsere Vertreter meine schlichten Worte beherzigen, mögen sie in Hinkunft uns und sich selbst schützen, und der Gott, der ans gegen die Ammoniter geführt hat, wird uns helfen! (Lange andauernder, tosender Beifall. Redner wird allseitig beglückwünscht.) Herr Wilhelm Pappenheim beantragt folgende Resolution (liesst: „Die am 22. Mai 1897 im Festsale der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer tagende öffentliche Versammlung erhebt entschiedenen Protest wider das den jüdischen Staatsbürgern gegenüber beobachtete Verhalten der Majoritäten des niederösterreichischen Landtages, des Gemeinderathes und Stadtrathes der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Dieses Verhalten, welches sich insbefonders gegen die Armen und Wehrlosen kehrt, stellt sich als eine fortgesetzte Reihe planmäßiger Rechtsverletzungen und Rechtsverhöhnungen dar. (Bravo! Bravo!) Die Versammlung erwartet, daß alle gerechtdenkenden Mitbürger im Widerstande gegen diese Mißachtung von Recht und Gesetz thatkräftig zufammenstehen werden." (Lebhafter Bestall.) Ortsschulrath Leopold Strauß beantragt, diese Resolution ohne Debatte per Acclamation anzunehmen. Nach kurzer formellen Discussiou wird dieser Antrag angenommen, woraus die Versammlung geschloffen wird. (Schluß der Versammlung Y49 Uhr.) __ XXIV. ordentliche Generalversammlung der Wiener israelitischen Allian; am 23. Mai 1887. Sonntag den 23. Mai d. I. um 10 Uhr Vormittags fand im Sitzungssaale der israelitischen Cultnsgemeinde die XXIV. ordentliche Generalversammlung der Israelitischen Allianz in Wien statt. Der Präsident des Vereines, Herr David Ritter von G u t m a n n, begrüßte Namens des Vorstandes die Versammlung und erstattete sodann den Rechenschaftsbericht. Danach erhielten Subventionen die Cultusgemeinden, beziehungsweise Cultusvereine in: Aspern a. d. Donau, Altstadt i. B., Bruck a. d. L., Czernowitz i. B., Dürrmaul, Freiberg i. M., Freudenthal i. Schl., Groß-Enzersdorf, Glosau, Galgocz. Gänserndorf, Horn, Korneuburg, Klosterneuburg, Laa a. Thaya, Neunkirchen, Neu-Cerekwe, Ober-Cerekwe, Pilgram, Steyr, 4)bbs a. d. D., Zwittau, Zlabings :c. Ferner eine ansehnliche Anzahl von Vereinen und Anstalten, die Bildungszwecke verfolgen. Der Rechenschaftsbericht erwähnt die Vorgänge aus der Insel Kreta, die Situation der Juden in Rußland und Rumänien, wo überall ein Eingreifen der israelitischen Union sich als nothwendig herausgestellt hat. Der Bericht bemerkt endlich : Angesichts der zahlreichen Anforderungen, die an uns immer wieder herantreten, ist es umso bedauerlicher, daß wir einen Rückgang in unseren Einnahmen zu verzeichnen haben. Unser Vereinsbudget schloß im abgelausenen Jahre mit einem Deficit von 2626 fl. ab. Wir müssen darum, sowie in den Vorjahren, an alle unsere Gönner die Bitte richten, es möge Jeder iuuerhalb des Kreises seiner Bekannten und Freunde nach besten Kräften fiir die Werbung neuer Mitglieder und Wohlthüter wirken.