Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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^>ette 448 Dr. Vloch's Wochrnsthrist. Nr 23 Gesinnung, eine Ueberzeugung. Die antisemitische Bewegung ist nicht das Product einer denkenden Ueberzeugung. Wer denkt, wird nicht dazu kommen, das Häuflein Juden, wie im Mittelalter für die Pest, so jetzt für alle socialen Uebel verantwortlich zu machen, für Uebel, die in Ländern ohne Juden vielfach noch ärger find als in solchen mit ihnen. Der Antisemitismus ist keine Ueberzeugung, sondern eine häßliche Empfindung, eine Gesammtempfindung, die sich aus verschiedenen Theilempfindungen, die eine häßlicher als die andere, zusammensetzt. Ms ich Gelegenheit hatte, zum erstenmale mit den Fellachen zu verkehren, sah ich mit Ergötzen, daß dieselben jeden Europäer ohne Unterschied für einen Krösus ansehen. Auch bei uns kann man in zurückgebliebenen Gegenden beobachten, daß die Landleute vielfach jeden Städter für reich halten. Genau mit demselben thörichten Neid halten die Volksweise vielfach jeden Juden für einen Besitzenden! Ich wollte, sie hätten Recht! Dieses krankhafte Gefühl des Neides wird bei uns noch ganz außerordentlich vergiftet durch die schmähliche Ausartung eines berechtigten Nationalgefühls zum rein thierischen Racengefiihl, Ein Rückschritt wie er ärger gar nicht gedacht werden kann. Denn thatsächlich besteht, die ganze Culturarbeit darin, diese Art Hundegefühl dem Menschthum unterznordnen, zu besiegen. Jeder Einsichtige wird dem zustimmen müssen. Aber gegen solche krankhafte physische Gefühle sind, insolange sie andauern, alle vernünftige Erwägungen ohnmächtig. Und hier haben Sie auch den Grund, warum Dr. Lueger selbst als Bürgermeister „Agitator" bleibt. Vielleicht ist kein von ihm gefallenes Wort so häßlich als dieses von ihm öffentlich geleistetes Versprechen! Der Wiener Bürgermeister ein Agitator! Was ist ein Agitator? Was unterscheidet einen solchen vom Volksführer? Das ist sehr leicht zu kennen und zu sagen. Der „Volksführer" bemüht sich immer in seinen Reden, die Hörer auf die Höhe seiner Bildung möglichst hinaufzuheben. Wer aber entschlossen, behaglich zu der Bildungslosigkeit, zu dem rüden Geschmack derselben hinabsteigt — nein, hinabfällt, ist nie ein Volksführer, sondern ein Verführer, kein Demokrat, sondern ein Demagoge und von dieser politischen Race gilt zu allen Zeiten und aller Orten das Wort, j nt welchem ein anderer berühmter Engländer, gleich hoch als freisinniger Politiker wie Historiker, Macaulay die Schilderung der entsetzlichen Verfolgung der englischen Katholiken durch die protestantischen Fanatiker schließt: „Die schlechtesten Probestücke menschlicher Natur sind immer unter Demagogen zu finden." Lassen Sie mich schließen. Verzagen wir nicht! Jede Bewegung hat wie einen Anfang so auch ein Ende. Die Welt ist breiter und weiter als sichs die Antisemiten, diese Typen geistigen, politischen und socialen Obscurantismus träumen. Deutlich, sichtlich kommt eine Zeit, die manches Ungewohnte und Schwere zu bringen droht, aber mit welcher diese antisemitische Bewegung, diese — ich bitte um Verzeihung für ein Wort Goethe's — „Spottgeburt von Dreck und Feuer", nicht zu vereinbaren sein wird. Wird die Welt des Antisemitismus wegen stehen bleiben? Gewiß nicht! Und darum wollen wir Juden weiter kämpfen — kämpfen mit der Schneide des Gedankens und der Spitze des Geistes, wir alten Ausgedienten mit Ihnen, den Jüngeren, bis die Vernunft wiederkehrt zu unserem und dem Heile all« Mitbürger. Meine Herren! Ich bin mit Dr. Lueger und mit meiner Rede, vielleicht auch mit Ihrer Geduld zu Ende und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Es meldet sich zum Wort Herr Dr. Alfred Kanitz. Meine sehr geehrten Herren! Man braucht der heutigen Versammlung ihren Charakter als Protest-Meeting nicht zu nehmen, wenn man gleich nicht in das Horn bläst, welches meine unmittelbaren Vorgänger mit hervorragend«^ Geschicke und außerordentlicher Eindringlichkeit gehandhabt. — Denn wir Juden haben, Gott sei's geklagt! immer Grund zu protestiren, auch dann, wenn die Bestialität unserer Gegner sich zufälligerweise durch einige Zeit nicht in jener crassen Form äußert, wie sie die Thathandlung zeigt, welche den Grund zur Einberufung der heutigen Versammlung geboten hat. Meine Herren! Ich habe in den letzten Jahren in Ihrem Vereine das Wort nicht ergriffen. — Aber diejenigen Mitglieder, welche gleich mir an der Wiege desselben gestanden, werden sich erinnern, daß ich in den ersten Jahren nicht selten Gelegenheit nahm, meinen Anschauungen in Ihrer Mitte, Worte zu leihen. — Allein, als Ihr Verein anfing, wenigstens nach meiner Anschauung, immer mehr sich zu einer Jntereffen-Vertretung unserer Glaubensgenossen in der Inneren Stadt auszubilden, habe ich als geborener Neubauer, der Zeit seines Lebens in diesem Bezirke domicilirte, in einem solchen Vereine nicht mehr sprechen wollen. Aber meine Herren, wenn auch bisher die von Ihnen dem Judenthum geliehene Vertretung bei der Babenbergerstraße ihr Ende gefunden hat, die Brutalität unserer Feinde, die Unmenschlichkeit und die Verworfenheit, sie haben diese Grenze nicht eingehalten, sie verfolgen uns Juden über die von Ihnen gezogene Grenze hinaus, in allen Bezirken Wiens, und leider muß es gesagt werden, in allen Gauen unseres schönen Vaterlandes. Als ich vor fünf Jahren das letzte Mal in Ihrer Mitte das Wort ergriff, da bat ich Sie, der drohenden Gefahr Ihr Augenmerk zuzuwenden, und als meine pessimistifchen Anschauungen — heute von den Thatsachen weit überholt — bei Ihnen nur getheilte Aufnahme fanden, ja als ein Theil der Versammlung höhnend den Schluß meiner Ausführungen verlangte, da flehte ich zu Ihnen mit den Worten: „Meine Herren, wenn sie schon für sich selbst den beginnenden Antisemitismus für weiter nicht gefährlich erachten, so denken Sie doch an Ihre unschuldigen Kinder, denen derselbe in einer ganz anderen, weit empfindlicheren, ja meiner festen Ueberzeugung nach, vernichtenden Form entgegentreten wird!" Und heute, meine Herren, halten wir eine Protestversammlung ab, erheben wir einen Schrei der Entrüstung gegen einen Mörderstreich wider die Existenz unserer Kinder! — Denn wenn auch in dieser Versammlung vielleicht kein unglücklicher Vater ist, dessen Sohne durch die Verweigerung der Schulgeldbefreiung für immer die Möglichkeit zur Gründung einer zukünftigen Existenz entrissen werden soll, wenn auch hier vielleicht keine Anverwandten jener abgehärmten Witwen sich befinden, deren Kinder man die Möglichkeit benehmen will, dereinst für ihre Mütter sorgen zu können, jener weinenden Witwen, die man dadurch in grausamster Weise des einzigen Lichtpunktes in ihrem entsagungsreichen Leben, der Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter, berauben will, es sind doch unsere Kinder, denen der tödtliche Schlag versetzt wurde; es sind die Kinder der Armen, jener Armen, von denen unsere Lehre sagt, daß aus ihnen das Judenthum stets neu erstehen wird. Denn die Kinder der Armen sind es, die zu allen Zeiten, in allen Ländern in immer neuem Kanipfe für das Judenthum eingetreten sind, und die auch den uns in diesen Tagen aufgedrängten Kampf dereinst viel energischer und viel tapferer und so Gott will! viel erfolgreicher durchkämpfen werden, als es unsere Reichen jemals mit aller ihrer Macht, mit allem ihrem Geiste und mit allem ihrem Gelde gethan haben. (Anhaltender stürmischer Beifall.) Meine Herren, der große Königsberger Philosoph hat sich nicht gescheut, den banalen Satz auszusprecheu: „Die Mängel ausdecken, ist nicht genug, man muß auch Mittel suchen, sie zu beheben." — So alltäglich, so wahr! — Und welche sind die Mittel, die uns zu Gebote stehen? Es kann meine Aufgabe nicht sein, sie alle Ihnen heute vor Augen zu führen. — Allein ein Hauptkampfmittel wurde meiner bescheidenen Anschauung nach bisher nicht genügend ausgenützt und könnte uns bei glücklicherer und energischerer Anwendung doch unermeßliche Dienste leisten. Es ist dies der Umstand, daß in jedem Vertretungskörper Gottlob! noch mehr oder zumindest ein Jude sitzt. — Aber meine Herren! Dieser jüdische Vertreter begnügt sich eben in der Regel der Fälle mit dem Sitze. — Wenn er entrüstet davon aufspringen soll, dann erhebt er sich langsam; wenn er donnern soll, dann flüstert er und wenn er für das Judenthum eintreten soll, dann fühlt er sich in erster Linie als deutsch-liberaler Vertreter und in zweiter erst als Jude! Meine Herren, wir wissen sehr gut, was die erste Linie heute zu bedeuten hat, und da können Sie sich dann vorstellen, wann die zweite Linie daran kommt. — (Stürmische Heiterkeit und Beifall.) So haben Sie eben von unserem hochverehrten Landtags- Abgeordneten Herrn Dr. Ofner vernommen, daß schon in der Eröffnungsrede des heurigen Landtages dem Judenthume ein Faustschlag versetzt wurde. — Der Herr Landmarschall hat es für gut befunden, vor Allem auf den christlichen Geist hinzuweisen, von welchem der Landtag beseelt sein wird. — Herr Dr. Ofner hat uns Fälle angeführt, in denen sich auf Seite unserer Hasser Alles gezeigt hat, nur kein Mannesmuth.