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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 Vr. Vloch's Wochenschrift. Seite 447 es war von vornherein eine Anzahl von Rückstößen zu erwarten; aber ebenso sicher können wir darauf rechnen, daß diese Rückstöße werden zurückgewiesen werden. Mögen die Mächte der socialen Finsterniß noch so gewaltig sein, das Licht siegt doch. (Lebhafter anhaltender Beifall und Händeklatschen.) Es ergreift das Wort Herr Sigm. Mayer. Meine Herren! Unsere heutige Versammlung ist die lebendige Consequeuz und steht unter dem Zeichen des abnormalen, des Ausnahmszustandes, unter welchem wir Juden uns heute befinden. Aber nicht nur wir Juden, sondern vielmehr sämmtliche Einwohner Wiens. Es ist gewiß ein abnormaler Zustand, daß wir Juden um die Erhaltung von Rechten kämpfen müssen, welche in allen civilisirten Staaten und Städten außer Frage stehen. Aber auch der gegenwärtige Gemeinderath der Großcommune Wien hat seinesgleichen nicht weiter in dem civilisirten Europa und ebenso wenig finden wir unter sämmtlichen Häuptern der civilisirten Großstädte der Gegenwart auch nur eines, dessen Thätigkeit, politische Art und Haltung auch nur annähernd jener des Dr. Lueger gleicht oder das Bestreben hätte, ihm zu gleichen. Ich finde auch in der ganzen Vergangenheit Oesterreichs keinen parallelen Bürgermeister. Gestatten Sie darum, daß ich von auswärts eine historische Reminiscenz zur Vergleichung herbeirufe. In diesen Tagen sind es gerade 100 Jahre geworden, daß der „Lueger" Londons gestorben ist. Er hieß Wilkes und der Mann ist durch einige der Briefe des berühmten Junius in die „Geschichte" gekommen. Wie Dr. Lueger, unter der Patronanz des „Papa Khun" als Schriftführer des conservativen Bürgerclubs auf der Landstraße, so hatte auch dieser Wilkes als Politiker der Torys sich ins öffentliche Leben eiugeführt, war dann, als er eingesehen, daß er von dem Tory-Ministerium sein persönliches Ziel — er wollte einen Gesandtenposten — nicht erreichen könne, von der Partei abgefallen und hatte sich mit seinem ganzen coloffalen agitatorischen Talente, mit seiner ganzen Befähigung aus die damals noch die Masse der Citybewohner bildenden kleinen Leute geworfen. Er wühlte die Stadt bis in ihren tiefsten Grund auf; nach einer Agitation, die von 1761 bis 1774 gedauert, wurde er nicht nur gegen den heftigsten Widerstaud der conservativeren Bürger sondern thatsächlich unter großer Beängstigung aller dem Gemeinwohl Anhänglichen zum Lord-Mayor Londons gewählt. Was geschah nun aber? Etwas sehr Merkwürdiges! Doppelt merkwürdig bei einem Manne, dessen Privatcharakter keineswegs tadellos gewesen war. Von dem Momente seiner Wahl an war Wilkes ein wirklicher Bürgermeister — kein Agitator. Er kannte keine Protestanten und keine Katholiken, keine Torys und keine Wighs, er kannte nur Londoner. Er kannte nicht nur, gestatten Sie mir den trivialen Ausdruck, „mit dem Maul" sondern in seinen Handlungen „keinen Haß". Er gestattete dem politischen konfessionellen Kampfe gegen die Katholiken auch nicht den geringsten Einfluß auf die Verwaltung; er erklärte dies für Handel und Gewerbe schädlich und abträglich. Er wurde ein zweites- und ein drittesmal, zuletzt ohne jede Gegnerschaft unter den Bürgern zum Lord-Mayor gewählt und starb als solcher in hohen Jahren und in allseitigen hohen Ehren. Wie war nun diese weise Mäßigung, dieses Gerechtigkeitsgefühl über Wilkes gekommen? Lassen Sie mich Ihnen meine Herren auch das erzählen. Als derselbe im Verlaufe seiner wilden Agitation in Folge eines Libell-Prozesses eingesperrt wurde und das Parlament, dessen Mitglied er inzwischen geworden war, aus einem „Gewohnheitsrechte" des Parlaments sich die Macht zusprach, ihn auszustoßen, fand er einen energischen Vertheidiger in dem unsterblichen Verfasser der Junius- Briefe. Der mystischen Theorie von der unbegrenzten gesetzgebenden Gewalt des Parlaments gegenüber verfocht Junius mit aller ihm zu Gebote stehenden Schärfe fort und fort ungefähr folgenden Gedanken. Es sei allerdings ein unumstößliches Recht der Volksmajorität, sich ein Parlament ihrer Farbe zu wählen, und sei diese Farbe noch so häßlich und abgeschmackt. Aber die gesetzgebende Macht des gewählten Parlamentes habe ihre natürliche Grenze. Es hätte nicht die Macht, die natürlichen Rechte des Engländers, seine Freiheit, sein gleiches Recht aufzuheben. Es könne das ebenso wenig, als es etwa das Recht hätte, die damals seit Walpole faktische Käuflichkeit der Parlamentsmitglieder zu einer gesetzlichen zu machen. Junius war kein Freund dieses Wilkes und seiner Gassenagitation; aber in dem Rechte dieses Mannes verfocht er jene Rechte aller und jeder Bürger, welche hoch über die Willkür der jeweiligen Majorität stehen, die von ihr nicht umgestoßen werden können. Dieser entscheidenden Parteinahme des Junius verdankte Wilkes die Wahl zum Lord-Mayor, und er dankte seinem Vertheidiger auf die denkbar vornehmste Art dadurch nämlich, daß er als gewählte erste Obrigkeit der Stadt fest und unerschütterlich an diesen Principien des gleichen Rechtes und der Gerechtigkeit für und gegen Alle festhielt. Meine Herren! Auch wir Wiener besitzen jetzt ein Stadt- Parlament, das nicht niehr Recht und Gerechtigkeit, nicht das gleiche Recht, sondern das Partei-Interesse und die Parteiansicht der antisemitischen Majorität für allein maßgebend hält; und als obersten Magistrat besitzen wir einen Mann, der wie Wilkes vor 100 Jahren sich durch die Parteiwoge an diese Stelle hat tragen lassen. Wie verhält sich nun unser Wilkes als Lord-Mayor Wiens? Ich habe das lebhafte Bestreben, über unseren Bürgermeister, einen Mann, auf dessen Andrängen ich selbst — vor 20 Jahren — in den Gemeinderath getreten und dort, wenn auch sein scharfer sachlicher Gegner, aber befreundeter College gewesen bin, objectiv zu urtheilen. Aber welcher Ehrliche kann es, selbst bei deni besten Willen, anders als auf das Schärfste tadeln, wenn derselbe — „bei Tag hektisch, bei Nacht elektrisch", solange die Sonne am Himmel steht Lord-Mayor ist, als solcher eine seiner Stellung zur Regierung gewidmete kleine Reserve beobachtet, und sofort nach Sonnenuntergang den professivnsmäßigen Agitator im Wirthshaus weiter spielt, sich dort durch die Verspottung Badeni's und Kielmansegg's für diese Reserve ausgiebig schadlos hält; dann gleich darauf in die Frauenversammlung rennt, und dort die Frauen nicht nur zur Aushungerung der Juden durch den Boykott auffordert, sondern diesen Frauen, die „jüdische Familie", wohlgemerkt, die jüdische Familie, „als eine solche hinstellt, durch welche die ganze Gesellschaft zerstört wird." Ist diese Anfachung des socialen Krieges, diese tiefe Verhetzung der Bewohner einer und derselben Stadt von einem Bürgermeister jenoch in irgend einem städtischen Gemeinwesen gewagt worden? Ich weiß kein Beispiel! Wohin soll es führen, wenn man aus den Frauen, aus den Müttern politischc»Wetterhexen schafft, wie in Paris zur Zeit des Convents und der Commune. Uebrigens haben wir schon bei der letzten Rüchsrat^swahl in der Leopoldstadt gesehen, wohin wir steuern. Man hat dort allerdings nur erst „angefangeu" zu plündern. Und wohlgemerkt, aus der Gerichtsverhandlung hat sich ergeben, daß eine Frau, eine Bürgersfrau, die Anführerin war bei diesem vielversprechenden Anfänge. Aber wenn bei weiteren Wahlen dieser Anfang die noihwendige Fortsetzung findet, wird Dr. Lueger diese seine Freunde vergebens von den Rockschössen zu schütteln suchen. Sie bleiben ihm und seinem Ruhme! Und wie amtirt unter ihm Gemeinde- und Stadtrath? Sie kennen Alle die letzten Vorgänge, Niemand wird sich von der Phrase, daß der Bürgermeister nur die Beschlüsse auszusühren habe, täuschen lassen. „Wo der Teufel nicht will, schickt er seine Gesellen". Die Beschlüsse, die speciell dort gegen die Juden gerichtet wurden, hat der erste Herr Referent in dieser unserer Versammlung beleuchtet. Sie verstoßen gegen das erste aller Rechte. „Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth" heißt es im Evangelium — wahrlich nicht das Evangelium des Dr. Lueger — und dieser Satz des Evangeliums will gar nichts anderes sagen als der Satz: „Gleiche Pflichten, gleiche Rechte". Aber betrachten Sie jene Beschlüsse, die nicht eine Rechtsverweigerung an die Juden sind. In einer und derselben Sitzung werden über Antrag des Dr. W ä h n e r denk Wiener Wärmestuben-Verein die Subvention für Suppen und Brodrationen verweigert — und den Luxushunden ein Ehrenpreis von 50 fl. bewilligt, lieber Antrag Purscht's werden dem Kranken- und Unterstützungsverein der Geschäfts- und Fabriksdiener in Wien jede Subvention verweigert — und einem deutsch-nationalen Hetz-Verein in Steiermark 500 fl. bewilligt. Muß man sich nicht schämen, ein Wiener zu sein? Meine Herren! Glauben Sie mir, nicht nur wir allein sind es, die sich schämen. Halten Sie es für möglich, daß Dr. L u e g ejt bei seiner Schlauheit solche Beschlüsse gegen Hungrige und Frierende, gegen Haus- und Geschäftsdiener, gegen Waisenkinder für im Interesse seiner Partei und seiner selbst gelegen und vernünftig hält? Gewiß nicht! Aber selbst wenn er wollte, könnte er es nicht machen wie Wilkes vor 100 Jahren. Dieser war, wenn auch für persönliche Zwecke, Kämpfer, Führer einer > Partei im richtigen Sinne. Eine solche hat zur Grundlage ein:

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