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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite: 444 Dr. Vlortz's Wochenschrift Sir. 32 Und welch' guten Einfluß übt der Umgang von besser situirten Menschen auf ein im Elend ausgewachsenes Kind; es nimmt bessere Manieren an, seine Sprache wird geläutert, es bleibt ihm der Strahl der Erinnerung an seine verbrachten Ferien, und wenn es sich brav ausgeführt hat, nimmt man es gewiß im nächsten Jahre wieder auf. Was unsere deutschen Brüder können, sollen wir nicht zu Stande bringen? Das will und kann ich nimmer glauben, und der Erfolg meiner heutigen Zeilen soll uns die Bestätiguug bringen, daß unser Appell zu guten Menschen gedrungen ist und verstanden wurde. Es wird unsere Aufgabe sein, die Kinder gewissenhaft auszuwählen, sie mit Kleidung zu versehen und sie an Ort und Stelle zu übergeben und uns auch während des dortigen Aufenthaltes um ihr Wohlverhalten zu kümmern. Wenn dann die Zahl der von uns leider Abgewiesenen sich verringert, wenn unser Gewissen bei dem Gedanken: „Viel- _ ..leicht koKmst auch Du, armes Kind, in Gottes schöner Natur -ZltzgÄteNrMenschen hinaus", frei aufathmet, dann sind diese Zeilen -Nicht nutzlos gewesen, dann ist jeder „Freistellen- '.».«mteÄer" ein Mitarbeiter einer großen und guten Sache geworden. Darum edle Glaubensgenossen in den Landgemeinden meldet zahlreiche Freistellen für einzelne oder Gruppen von Ferieukmdern, Knaben oder Mädchen, im schulpflichtigen Alter an. Anmeldungen von Freistellen auf dem Lande nimmt entgegen Sofie Grünfeld, Präsidentin des „Ferienheim", Verein für israelitische Feriencolonien Wien, I., Schottenring 2. Wien, 23. Mai 1897. Nachschrift der Redactivn. Wir können diesen Appell der eifrigen Präsidentin des „Ferienheim" nur auf das Wärmste und Nachdrücklichste unterstützen. Die Thränen der Armuth zu trocknen, ist eines der vornehmsten Gebote der jüdischen Lehre. Aber die sociale Erkenntniß unserer Zeit hat uns längst darüber belehrt, daß wir der Pflicht des Wohlthuns durch ein mehr oder minder reichliches Almosen an den einzelnen Armen nicht in genügendem Maße gerecht werden. Mehr und mehr bildet sich unsere moderne Armenpflege dahin aus, die Wurzeln des Massenelends 'zu treffen und den Mühseligen und Beladenen die Möglichkeit z-»r selbstthätigen Erringung einer menschenwürdigen Existenz zu bieten. Wie könnte dieser Zweck aber besser und vollkommener erreicht werden, als indem wir verhindern, daß schon die junge Menschenblüthe, noch ehe sie Früchte tragen kann, zu welken beginne? Die physische Kräftigung der armen Kinder ist die unumgängliche Vorbedingung für ihre geistige und moralische Erhebung. Unsere jüdischen Familien suchen im Sommer mit Vorliebe frische Landlust auf. Dieser Gepflogenheit liegt in den seltensten Fällen übermüthiger Hang zum Wohlleben zu Grunde. Es ist ein hereditäres hygienisches Gesetz, dem wir im Jntereffe unserer Kinder folgen. Die Empfindung für das hygienisch Aveckmäßige ist dem Juden durch uralte Religionsgesetze eingepflanzt. Es ist die Sorge um die körperliche Entwicklung unserer Kinder als der nothwendigen Grundlage ihrer geistigen Entwicklung, die uns in die Sommerfrischen führt. Aber die Liebe zu den eigenen Kindern soll und darf uns in dieser Zeit der allgemeinen Bedrängniß nicht kalt und hartherzig machen gegen das Elend fremder Kinder. Jede Hausfrau weiß es, daß mau aus dem Lande nicht allzu genau rechnet und rechnen kann. Der Sonntag bringt Gäste aus der Stadt, an Wochentagen, in... Abwesenheit des Gatten, bringt man sich's durch einfachere Mahlzeiten wieder ein. Ob da ein Kindermund mehr oder weniger mitißt, spielt keine Rolle. Der sommerliche Mehraufwand wird iu Bausch und Bogen gerechnet, und wo das Plus in die Hunderte geht, kommt es auf einen Zuschlag von 10 fl. oder 20 fl. für einen Monat nicht an. Die Ausführung des Gedankens, den hier Frau Sophie Grünfeld anregt, wäre eine tausendfach segensreichere als jene billige Art des Wohlthuns, die sich mit der Verabreichung von Bettelgroschen an die unverschämte Armuth begnügt. Auch der bildende und aneifernde Einfluß eines besseren und geregelte:-. Haushaltes auf das empfängliche Gemüth des Kindes darf nichtäußer Acht gelassen werden. Das arme Kind sieht Ordnung und Wohlerzogenheit vor sich und wird bestrebt sein, diesen! Vorbild in seinen eigenen Lebensverhältnissen nachzueiferu. Nochmals, wir unterstützen die Bitte der trefflichen Präsidentin des „Ferienheim" wärmstens, und wir wenden uns dabei insbesonders an die ehrwürdigen Herren Rabbiner und an die Herren Vorsteher der jüdischen Cultusgemeinden mit der dringenden Aufforderung, in den Kreisen ihrer Gemeindegenossen für die Verwirklichung dieser Idee mit aller Kraft thätig zu sein. Der Hinweis auf das nachahmenswerthe Beispiel, das unsere Glaubensgenossen im Deutschen Reiche in diesem Punkte bieten, ist ein vollständig begründeter. Aber der arme Jude hat in Oesterreich ein viel härteres Joch zu tragen als jener in Deutschland. Sollte bei den österreichischen Juden weniger Opferwilligkeit und Fürsorge für die Armen zu finden sein als draußen im Reiche? Gewiß nicht! Es bedarf gewiß nur dieser ersten Anregung, mit Hunderte unserer braven jüdischen Hausstauen zu bewegen, daß sie durch Anmeldung solcher „Freiplätze" die wahrhaft menschenfreundlichen Zwecke des „Ferienheim" fördern. Die Redaction. Orffentliche Protestversammlung der „Oesterrrichisch-Israelitischen Union." Die bekannten Vorkommnisse, welche sich in der letzten Zeit sowohl im Landtage, als auch im Gemeinde- und Stadtrathe abspielten, haben unter der Judenschaft eine große Erbitterung und Entrüstung hervorgerufen und allseits wurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß einerseits diese Erbitterung in einer öffentlichen Kundgebung ausgesprochen und daß hiebei zugleich auch das aller Sitte und allem Rechte hohnsprechende Verhalten der autonomen Körperschaften öffentlich gebrandmarkt werde. Und unl diesem Wunsche der Wiener Judenschaft Rechnung zu tragen, berief der Verein „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" für Samstag, den 22. d. M. im großen Festsaale der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer eine öffentliche Vereinsversammlung ein, welche ungemein zahlreich^besucht war und zu welcher sich u. A. die Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk, Dr. Verkauf, Dr. S traucher und Titt i n g e r, der gewesene Abgeordnete Dr. Bloch, ferner der Präsident der Wiener Cultusgemeinde, kaiserlicher Rath Heinrich K l i n g e r, mit den beiden Vicepräsidenten Dr. Stern und Dr. Gustav K o h n, sowie den Cultusvorstehern Theodor Ritter v. G o l d s ch m i d t, kaiserl. Rath Wilh. Pollak, Baurath Wilhelm Stiaßny, Dr. Steiner und kaiserl. Rath Fr. Vogel eingefunden hatten. Als Referenten der Versammlung fnngirten die Herren Landtagsabgeordneten Dr. Ofner, Gemeinderath Dr. Alfred Stern und Sigmund Mayer. Der Vorsitzende, Präsident Herr Wilhelm Anninger, eröffnete die Versammlung und lud als ersten Redner Herrn Gemeinderath Dr. Stern ein, sein Referat zu erstatten. Gemeinderath Dr. Alfred Stern. Auf alten und neuen Bauwerken können Sie häufig den alten bekannten Spruch lesen: „Te saxa loquuntur“. Die Steine selbst sprechen zu Dir. Sie verkünden Dir in ihrer stummen Sprache — ohne daß es erklärender Worte und Beschreibungen bedarf — was Menschengeist und Menschenhände Großes und Herrliches schufen. In bekannter Weise varire ich jenen alten Spruch dahin: Te facta Joqauntur. Thatsachen reden ihre eigene Sprache ohne das es rednerischen Beiwerkes bedarf und in den Thatsachen, welche ich heute zu berichten habe, offenbart sich ein Moment der Zeit, nicht Großes und Herrliches, sondern eine abgrundtiefe Niedrigkeit der Gesinnung, ein völliger Mangel an Wahrheitsliebe, an Gefühl für Recht und Moral, nur möglich und denkbar insoweit es sich um Anordnungen, um Verfügungen und Dispositionen handelt, welche gegen unsere Glaubensgenossen, l'st Million österreichischer Staatsbürger, gerichtet sind und zwar

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