Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Vr. Vlortz's »ochrnptzrist Geste 443 Die objerkive Pickelhaube. Bisher war es namentlich das Vagabundengesetz, dessen allzu eifrige Auslegung, dessen allzu pflichtgetreue Commentierung seitens der „Männer vom Diensteide" durch die österreichischen .Richter mit dankenswerther Energie zurückgewiesen wurde. Und im offenen Gerichtssaal hat mehr als ein Richter bereits die Vagabunden-Riecherei und das Bettler-Aus schnüffeln, das unsere Wachmannschaft dem beschwerlichen Berbrecherfang bei weitem vorzieht, gebührend gekennzeichnet. Es wächst der Wachmann mit seinen höheren Zwecken. Herr Adolf Machold ist ein pflichtgetreuer Hüter der öffentlichen Sicherheit. Er beschränkt seine Thätigkeit nicht auf bettelnde Stelzfüße und greise Blumenmädchen. Wenig fehlt und er würde sich einer Specialität zuwenden, für die sonst die Wiener Sicherheitswache wenig Interesse hat, nämlich den unentdeckten Raubmördern. Aber er zieht es vor sich mit den Störern der Religion, mit den Feinden des Glaubens, mit den Gegnern der Kirche zu befaffen. Das ist eine wichtige sociale Aufgabe. Herr L u e g e r findet, daß mehr Kirchen gebaut werden müffen, um der herrschenden Irreligiosität zu steuern. Herr Machold glaubt seinerseits, daß der Unglaube und Atheismus künstlich erzeugt würden, von böswilligen Verbrechern, die nichts Besseres zu thun haben, als der allein selig machenden Kirche entgegen zu arbeiten. Einen der gefährlichsten Gottesleugner hat Herr Machold dingfest gemacht. Muthig warf er sich dem Diener Beelzebubs entgegen- Ihn erschreckte nicht die drohende Gefahr. Er war sich seiner hohen Aufgabe voll bewußt. Und dieser Gottesleugner war noch dazu eine Gottesleugnerin. Satan, der sich in dem Körper der Diana Baughau gelangweilt haben muß, hat ein anderes Quartier aufgeschlagen. Lassen wir die nüchternen Thatsachen sprechen. Ein Mädchen von zwölf Jahren, Namens Agathe B a ch n e r, hatte sich vor dem Bezirksrichter der Inneren Stadt, Dr. Langer, wegen Religionsstörung zu verantworten; sie war im Hinblicke auf ihre Unmündigkeit blos vor diesem Forum angeklagt worden. Der vom staatsanwaltschaftlichen Funktionär Dr. K r t i cz k a v. Jaden vertretenen Anklage lag eine polizeiliche Anzeige zu Grunde, daß die (dem mosaischen Glauben ungehörige) Angeklagte B a ch n e r während der Auferstehungsproeession, die sich von der Ruprechtskirche aus bewegte, von dem Fenster des zweiten Stockwerkes eines Hauses in der Seitenstettengasse aus der Wohnung der Familie Geiringer aus die Theilnehmer der Proeession herabgespuckt und sie mit Mazzes- (Osterkuchen-) Bröseln bestreut habe. Die jugendliche Angeklagte erklärt sich für nichtschuldig. Sie habe mit zwei Kindern, ihrem Bruder Max und ihrer Freundin Emma Geiringer zum Fenster hinabgesehen, als die Proceffion noch nicht im Gange war. Sie habe ein Stück Mazzes gegessen und sich verschluckt, so daß ihre Freundin sie aus den Rücken schlug; dabei sei es möglich, daß sie beim Husten ausgespuckt habe. Fügen wir gleich bei, daß der Richter seiner glaubenschützenden Aufgabe augenscheinlich nicht genügend eingedenk war. Er sprach die Angeklagte frei, trotzdem es ein Judenmädchen war, trotzdem der Herr Wachmann Machold, der die Anzeige erstattet hatte, sehr entschieden aussagte, wenn er sich auch die Namen zweier Frauen, die ihn angeblich auf die kleine Religionsstörerin aufmerksam gemacht haben, nicht notirt hat, und wenn er auch zugeben mußte, daß er aus eigener Wahrnehmung über das Verhalten der Kinder keine Angaben machen könne. Wie bemerkt, die richterliche Einsicht hat es verhindert, daß hier ein junges Menschenleben auf das alberne, unkontrolirbare Geschwätz zweier Betschwestern hin für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht werde. Aber derlei kann sich wiederholen. Wer jemals das Verhalten unserer Sicherheitswache bei antisemitischen Exceffen beobachtet hatte, wer am Wahltage beobachtet hat, wie die Sicherheitswachmänner mit dem offenen antisemitischen Stimmzettel in derHand in langen Colonnen zu der Urne schritten» der muß sich sagen, wie bedauerlich, wie tief unsicher ein Rechtszustand ist, der in Zeiten einer wüsten volksaufwühlenden und verhetzenden Demagogie ungebildeten, auf dem Tiefstand der Culturentwicklung befindlichen Männern solch gewaltigen Einfluß auf Menschenschicksale einräumt. Der Polizeistaat, der staatliche Organismus, welcher vom Sicherheitswachmann regiert wird, zeigt seine ganze Ueberlebtheit am deutlichsten, wenn man Verhältnisse, wie sie bei uns bestehen, betrachtet, die jede Hoffnung darauf ausschließen, daß bei Angehörigen der untersten Volksschichten auch nur ein Schimmer von Objektivität vorhanden sei. Sitte an unsere Glaubensgenossen in den Landgemeinden! Die Feriencolonien, welche bestimmt sind, unsere armen schwachen Schulkinder in den Schulferien aufzunehmen, haben jetzt ihre Saison, und alle in dieses Fach einschlagenden Vereine haben die Hände voll Arbeit, um dem Anstürme von kleinen Petenten und den flehenden Bitten ihrer Mütter gerecht zu werden. Die ärztlichen Untersuchungen werden an schulfreien Tagen gewissenhaft vorgenvmmen und ergeben die leider traurige Gewißheit, daß niemals genug Raum und Geld aufzubringen wäre, um alle die in's Auge springende Noth und Schwäche lindern zu können. Die Auswahl der Kinder ist daher eine umso schwerere, als von nahe an 1060 beim Verein „Ferienheim" gemeldeten und von Schulen ^.nd Lehrern empfohlenen Kindern nur 350 nach Maßgabe der vorhandenen Mittel und Unterkunftsräume in die Feriencolonien entsendet werden können. Unter den Zurückgewiesenen findet sich naturgemäß noch immer eine solche Summe von socialem Elend, daß bei mancher Abweisung die Besorgniß sich uns aufdrängt, ob hierdurch in manchen Fällen nicht eine größere Sünde begangm wird, als in anderen Fällen die Aufnahme als Wohlthat anzusehen ist. Und die Abweisungen sind unvermeidlich. Denn wir können aus mancherlei Gründen — wenn auch die Mittel vorhanden sind — nicht überall Kinder unterbringen. In der heutigen Zeit zumal müssen viele Gegenden und Ortschaften mit Rücksicht auf den praktischen Antisemitismus grundsätzlich gemieden werden, sollen nicht die Kinder gefährdet werden. Konnten wir doch iu einem Falle auch für gutes Geld keine Milch bekommen. Wie wäre nun dem Uebelstande abzuhelfen? In Berlin hat der jüdische Colonieverein zu guten Landbewohnern seine Zuflucht genommen, und Dank der Bereitwilligkeit derselben wurde es dem Vereine möglich, nebst seinen in ständigen Colonien untergebrachten Schützling», noch weitere 254 arme Kinder kostenlos in „Freistellen" bei guten Familien unterzubringen. Es meldeten sich freiwillig über Aufforderung des Vereines über 200 Familien, welche bereit waren, je ein oder zwei Kinder über die Ferien bei sich aufzunehmen und dieselben den eigenm Kindern zuzugesellen und während einigen Wochen zu verpflegen. Es meldeten sich zur Annahme von Kindern aus 38 Orten: Rittergutsbesitzer, Kämmerer, Rabbiner, Vorsteher, Cantoren, Lehrer, Aerzte, Rechtsanwälte, Rendanten, Kaufleute. Fleischhauer; auch ein stellvertretender Bürgermeister in Zirke nahm ein Kind. Dort fließt eben ein ungewäfserter Strobach! Auch zwei Gemeinden nahmen Kinder in Verpflegung. Manch' freundschaftliches Band wurde da geknüpft zwischen den reichen und den armen Kindern und schöner konnte der Spruch: „Du sollst Dein Brod mit dem Armen brechen", nicht illustrirt werden, als durch diese edle Gastfreundschaft. Wenn man bedenkt, welch großer Segen diesem Vorgehen entwächst, gegenüber den gewiß nicht zu unterschätzenden Leistungen der Einzelnen, so muß man erkennen, daß das Ergebniß zu den Ausgaben in keinem Berhältniß steht. Denn was kostet ein Kind mehr auf dem Lande in einem wohkorganisirten Haushalt? Man spürt es kaum und fügt doch dadurch so viel Segen in diesen kleinen Organismus, daß aus manchem kleinen Herzen die sonst fo seltene Blume „Dankbarkeit" emporsprießen dürfte.