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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-28 · 22 (28.5.1897) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
22 (28.5.1897)
Date
1897-05-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 442 Dr, Vloch's Wochrnkchrift. Nr. 22 liren. „Judenbuben", „Jüdische Lausbuben", „Falloten", „Kusch Jud'!" — das ist so eine kleine Auswahl aus dem antisemitischen Schimpfwörterlexikon der letzten Sitzung. Ein Staat, in dem es möglich ist, daß der Begriff der Zugehörigkeit zu einer gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaft zu einer Beschimpfung auch Andersgläubiger wird, ist in seinen Wurzeln krank, und nicht der Mißbrauch der parlamentarischen Geschäftsordnung, sondern der Mißbrauch der Verfassung hat diese Krankheit verschuldet. Man muß die specifisch österreichische Form der Obstruction mißbilligen, aber man muß sich auch über ihre Ursachen klar werden. Seit fünfzehn Jahren wurde diese verwerfliche Kampfesmethode künstlich herangezüchtet und den verantwortlichen Leitern des Staates, den maßgebenden Factoren des Parlaments muß das Sprichwort ins Gedächtniß gerufen werden: „Was Du nicht willst, daß man Dir thu', das füg' auch keinem Andern zu". Der Andere ist hier der friedliche, jüdische Staatsbürger, der seine Steuer an Gut und Blut entrichtet. Als die Söhne Jacobs, die einst ihren Bruder Joseph in die Sclaverei verkauft hatten, selber in die Klemme geriethen, da sprachen sie, Einer zum Andern: „Fürwahr, verschuldet haben wir es an unserem Bruder, dessen Seelenangst wir sahen, da er zu uns flehete, und wir höreten nicht: Darum kommt über uns diese Noth!" Ja, darum kommt über sie diese Noth, weil sie die Seelenangst ihrerjüdischen Mitbürger sahen und ihr Flehen nicht hörten. In diesem Reiche der interessanten Nationalitäten kommt an Jeden einmal die Reihe: Einst verhöhnte man die Czechen, dann verfolgte man die Juden und jetzt — erläßt man Ordonnanzen gegen die Deutschen. Wir wollen nicht entscheiden, welche Hetze die dümmere ist. Aber wenn man die Obstruction verurtheilt, dann forsche man auch nach dem Urbild der Obstruction, man wird es bei Herrn Lueger und den Seinen finden. Die Schule Bloch. Der Abgeordnete Daszynski berichtigt die „Zeit" und jenen Autor, der in dem genannten Wochenblatt das Gemetzel von CHodorow zum Gegenstand einer Besprechung gemacht hat. Diese unschuldige Stylübung mit dem: „Es ist nicht wahr!" und „Unwahr ist es!* ließe uns vollkommen kalt, um so kälter, da wir der „Zeit" und dem Dr. S. R. Landau gleich ferne stehen. Aber der genannte Berichtigungs-Abgeordnete gestattet sich den Luxus, die Juden im Allgemeinen, unser Blatt und seinen Herausgeber im Besonderen ein wenig anzurempeln. Die Juden sind Feiglinge, die Juden von CHodorow. Diese Juden haben nicht den Muth sich todtschlagen zu lassen, es mangelt ihnen die Tapferkeit, am Ausgeplündertwerden ein Vergnügen zu finden. Diese Juden waren charakterlos genug, um Militärschutz bis zum Schluß der Bahnarbeit zu ersuchen. Damit haben die Juden eine Unrichtigkeit begangen, die sich zur Stunde bitter rächt. Die Juden haben es sich selbst zuzuschreiben : Herr Daszynski zieht seine Hand von ihnen ab, er will mit ihresgleichen Nichts zu thuu haben. Sie hatten es so leicht gehabt; aus den Militärschutz hätten sie verzichten sollen. Das Aergste, was ihnen hätte passiven können, wäre ein kleines Blutbad, eine putzige Plünderung, ein nettes, liebliches Maffacre gewesen, dafür hätte Herr D aszy n s k i ihnen nicht gegrollt. N i e wäre das Verdammungsurtheil erflossen, welches der genannte Parlamentarier in seiner Berichtigung, wie folgt, formulirt: „Die Juden verlangen Militärschutz .... Und da sollte der anständige Mensch, geschweige denn der Socialdemokrat — angesichts dieser Feigheit sich auf die Seite der Juden stellen!" Die Differenzirung, die Herr Daszynski zwischen den Begriffen „anständiger Mensch" und „Socialdemokrat" macht, nehnien wir gerne zur Kenntniß. Sie erscheint uns sogar sehr begründet, wenn wir das Vorgehen der polnischen Socialdemokraten in der Chodorower Affaire im Auge behalten. Die Socialdemokraten, die sich als die ausschließlich patentirten Schützer der Kleinen» der Schwachen, der Gebeugten geberden, haben geschwiegen, als die Juden von CHodorow erschlagen wurden. Unter ihnen fand sich Keiner, der die feige Badenifurcht der Hausjuden und Nichtjuden des Polenclubs gebührend gegeißelt hätte. Es lohnte sich ihnen nicht der Mühe, das Märchen von jenen „Ausbeutern", die sich für ein Nachtlager Ä Kreuzer zahlen lassen, zu entkräften. Niemand wollte der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß politische Feindschaft den Bedrängern, der Chodorower Juden die Waffe in die Hand gedrückt habe. Die Socialisten, die sonst die Wahlgreuel im „Königreich Baden!" so gerne zum Gegenstand farbenprächtiger Schilderungen machen, ließen sich's nicht einfallen, die erbauliche Historie zu erzählen, wie der Schlachzize die Juden zur Urne zwingt, und dann der Arbeiter die Juden todtschlägt, weil sie von einer wirklich eisernen Hand gepreßt in jenem Sinne gestimmt haben, in dem es das polnische Centralwahlcomits anbefiehlt. Da spielten die Herren Daszynski und Comp, den großen Schweiger. Sie hielten fein stille. Sie compromitirten sich nicht. Sie scheuten die Unvorsichtigkeit, die Ehre der Wahrheit und den Juden zu geben. Derlei ist heute unzeitgemäß, unpraktisch, inopportun. - Und der Opportunismus steht auch auf dem socialdemokratischen Parteiprogramm bereits zu oberst. Wie die Liberalen zerschmettert wurden, das bedeutet den Socialdemokraten leider keine heilsame Belehrung. Sie haben aus den Schicksalen dieser antisemitelnden Fortschrittsmänner nichts gelernt. Und das ist schade jammerschade! , Mit dem Transigiren, dem Boltigiren kommt man heutzutage nicht weit! „Changeant" hat aufgehört, Modefarbe zu sein. Heute verlangt man klaren, reinen Wein. 4nt . . . aut;! Sogar die Juden haben endlich sich zur I n t o l e r a n z emporgerungen, sie haben aufgehört, am Unrechten Platz tolerant zu sein, mit ihren Stimmen und ihrem Einfluß jene lauen Pseudofreunde zu unterstützen, welche der Wahrheit die gefährlichsten Feinde sind. Sie werden die antisemitischen Socialdemokraten ebenso abschütteln, wie sie - es mit den antisemitischen „Liberalen" gethan haben. Und wer trägt daran die Schuld?? Diese Frage wollen wir nicht direct beantworten. Unsere Leser werden dies vielleicht besser besorgen, wie wir selbst. Nur das Eine sei uns noch gestattet, den persönlichen Angriff, den Herr Daszynski gegen uns richtet, niederer zu hängen. Der wackere Mann meint nämlich, wenn die Juden sich nicht gutwillig todtschlagen lassen, wenn sie dagegen Recriminationen erheben und als angegriffene Staatsbürger Militärschutz verlangen, der ihnen wie jedem an seinem Leben, an Hab und Gut gefährdeten Staatsbürger gebührt, so sei daran die Schule Bloch s ch u l d. „Die Schule des Dr.Bloch ist gegenwärtig" fügt Herr Daszynski bei „vollständig bankerott geworden." Der sonderbare Politiker scheint nicht an übermäßiger Klarheit der Begriffe zu leiden. Was er unter „Schule des Dr. Bloch" versteht, ist nicht ganz deutlich. Der Autor des von ihm bekämpften Artikels in der „Zeit" steht derselben jedenfalls vollkommen ferne. Was aus dieser Schule, sowohl im gewöhnlichen Sinn des Wortes, als auch aus der politischen Schule des Herausgebers dieses Blattes hervorgegangen, ist aber ein zielbewnßtes Geschlecht ernster, widerstandsfähiger Männer, die, bereits in hervorragenden Stellungen, es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, so weit es auf sie ankommt, das jüdische Volk aus der ihm aufgezwungenen Aschenbrödelrolle zu befreien. Diese Schule ist sicher nichtbankerott! In der ersten Rede, die Dr. Bloch im Jahre 1884 im österreichischen Parlament gehalten, entwickelte erein politisches Programm zu Gunsten des allgemeinen Wahlrechtes: ist vielleicht diese Schule bankerott geworden? Und wenn es Herrn Daszynski beifällt, der „Schule des Dr. Bloch" es zuzuschreiben, wenn die Juden heute nicht mehr gesonnen sind, sich wegen der schönen Augen irgendwelcher, sei es sogar socialdemokratischer Streber todtschlagen zu lassen, von ihren Vertretern ohne Unterschied der Partei treue Pstichterfüllung fordern, so nehmen wir dieses Complimeni mit aufrichtigem Danke freudig zur Kenntniß.

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