Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 22 (28.5.1897)
- Date
- 1897-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Är. 22. Dr. Bloch’s Jahrgang XIV. Centralorgsn für die grfammten Interessen des Iudenthums. lg-« -■-»-G- *-* H. k. PostsxarkassLn-Ainl Wien. 28. Mai 1897. Br|ngai»t<ta für Sestrrrrich: jl Clearingverkehr Halbjährig 4 jl. * Jfr. Nr. 610.976. -- Einzelexemplare 2ft kr. LrdarUon und Administration: Sür’* Ausland: Wien > >., Kntere Nuga»tenprastLl,. Erscheint jeden Freitag. halbjährig # jl. 10 Är. ganzjährig 10 * JO „ Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Zach. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Telephon - Nr. 6535. Vetitzeile 12 kr.! Telegramm-Adresse: Blocht Wochenschrift Wien. Inhalt: Leitartikel: Das Urbild der Obstruction. — Die Schule Bloch. — Die objective Pickelhaube. — Bitte an unsere Glaubensgenossen in den Landgemeinden. — Oesfentliche Protestversammlung der »Oesterreichisch-Jsraelitischen Union". — XXIV. ordentliche Generalversammlung der Wiener israelitischen Allianz am 23. Mai 1897. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Präterirnng jüdischer Rechtspraktikanten. Die jüdischen Frauen in der Großstadt. Ludwig Bamberger über den Kaufmannsstand. Die Cultur eines judenreinen Landes. Moritz Hartmann. Daß Christus ein Jude war. — Correspondenzen: Wien, Budapest, Brünn, Prag, Saaz, Lemberg, Klagenfurt, RoLnau, Berlin, Wreschen, Jnowrazlaw, Wiesbaden. Manheim, Oran, Paris, Algier. — Vermischtes: Wien, Budapest, Mähr-Weihkirchen, Gr.-Meseritsch. Bad Hall, Klasno, Virovitica, Leipnik, Prag, Essegg, Proßnitz, Karlsbad, Straßnitz, Rom, Petersburg, Kischinov, Berlin, London, Paris. — Feuileton: Der Gefangene von Sebastopol. — Briefkasten. — Inserate. Das Urbild der Obstrurtion. Der Parlamentarismus in Oesterreich ist von einer ernsten und schweren Gefahr bedroht. Die deutschen Abgeordneten haben in dem Kampfe gegen die Sprachenverordnungen zur O b st r u c t i o n, zur vollständigen Hemmung des Gesetzgebungs-Apparates gegriffen, und die Formen, unter welchen diese zweischneidige parlamentarische Waffe zur Anwendung gebracht wird, gefährden weit Wichtigeres und Wesentlicheres als blos die Würde und das Ansehen des Parlaments. Es gibt auch anderwärts, in den Parla- , menten anderer Länder zeitweilige Obstructions-Debatten. Aber der Unterschied wird schon im Worte klar. Die Obstruction unserer deutschen Linken schließt jede Debatte, ja auch nur das Eingehen in die Tagesordnung und die meritorische Behandlung eines Gegenstandes von vornherein aus. In dem classischen Lande des Parlamentarismus und in jenem continentalen Staate, welcher die älteste Constitution aufweist, in England und in Ungarn, hat es Obstructions- Debatten gegeben, welche oft mehrere Tage und Nächte in Anspruch nahmen — aber immer bediente man sich hiebei rein parlamentarischer Mittel, weil man sich klar bewußt war, daß der Parlamentarismus selbst Schaden litte, wenn man das Verhältniß der Minorität zu der Majorität durch brutale Gewalt in sein Gegentheil verkehren wollte. Die Erscheinungen, welche die gegenwärtige, von den deutschen Abgeordneten inscenirte Obstruction darbietet, sind etwas Specifisches, etwas — wir möchten sagen — rein Oesterreichisches. Selbst das Organ, welches die Attaque führt, die „Neue freie Presse", muß constatiren, daß die Scandale, die sich gegenwärtig in dem Palaste am Franzensring abspielen, „unerhört" sind. Die Autorität des selbstgewählten Präsidiums wird mit Füßen getreten und schon fliegen nicht mehr Schimpfworte und Drohungen allein, sondern auch papierene Wurfgeschosse durch die Luft. Die Taktik der deutschen Minorität verdient die schärfste Verurtheilung, denn auf solche Weise wird Zweck und Bestimmung der Volksvertretung vollständig illusorisch gemacht. Aber so „unerhört" und „beispiellos" sind diese Dinge doch nicht, denn man hat sie die langen Jahre hindurch langsam reifen lassen. Die Obstructionisten von heute können sich auf ihre Vorbilder berufen. Waren es nicht die Antisemiten, die Lueger, Geßmann, Gregorig und Schneider, welche den Ton der Kneipe in unseren öffentlichen Vertretungskörpern einführten, die durch Beschimpfungen und Drohungen, ja durch nackte Gewalt den Majoritäten im Landtage und im Gemeinderathe ihren Willen aufzwangen? Und Diejenigen, die heute die Schärfe und Schneide einer in ihren Mitteln nichts weniger als wählerischen Obstruction an sich empfinden, haben das > Treiben der Antisemiten damals ruhig geduldet. Ja damals! Man lachte und amüsirte sich, wenn Herr Schneider im Parlament aufstand und eine blutrünstige Rede gegen die Juden hielt, oder wenn Herr Geßmann mit den Fäusten wüthend auf dem Pulte trommelte. Damals ging die Hetze „nur" gegen die Juden und man hatte keine Empfindung dafür, daß auch da ein ganzes Volk in seinen heiligsten Rechten und Gefühlen gekränkt wurde. Und die Geduld und Langmuth aller maßgebenden Factoren gegen die mit Mandaten bekleideten Kappelbuben war eine unendliche. Ruhig sah man der Unterwühlung aller Autorität, der Terrorisirung des Präsidiums durch eine rüde Minorität zu. An den Erfolgen, welche die Antisemiten Schritt für Schritt errangen, lernten dann die Jungczechen, die das System der gewaltthätigen Obstruction zu feiner höchsten Blüthe ausbild eien. Die Majorität von heute spürt nun die Sünden, die sie an den Juden begehen ließ, an ihrem eigenen Leibe. Es hat Niemand Grund, hierüber zu frohlocken, nicht die Regierung, nicht die einzelnen Parteien und nicht das Volk in seiner Gesammtheit. Das Gift, welches man mit der Rohheit der Antisemiten in unser öffentliches Leben eindringen ließ, hat nunmehr den ganzen Organismus angefressen. Heute bäumen sich die Majoritätsparteien gegen die Brutalitäten der deutschen Minorität aus. Aber ihnen zur Seite stehen die Christlich-Socialen, die sie nicht abzuschütteln vermögen und welche die Obstructionisten noch immer an Brutalität überbieten. Man lese doch nur, mit welchen netten Liebenswürdigkeiten die Herren Geßmann, Bielohlawek und Gregorig die ihnen im Judenpuncte so gesinnungsverwandten Männer der deutschen Volkspariei rega-