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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-21 · 21 (21.5.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 432 Dr. Vlvch's WochrnfchrM Nr. 31 mann, dieser jüdische Historiker xar excellence, seinen Schülern als begeistertes und begeisterndes Musterbild voranleuchtet. Es muß als glücklicher Zufall bezeichnet werden, daß gerade dieser junge Forscher, der sich schon durch seine geschichtlichen Studien über die Juden in Wiener-Neustadt als logisch-kritischer Historiker bewährte, nach Qedenburg als Seelsorger berufen wurde, wo die im dortigen städtischen Archive zahlreichen staubbedeckten Acten über dir im Mittelalter dort lebenden Juden einer berufenen Hand harrten, die sie aus dem Dunkel vielhundertjähriger Nichtbeachtung ans Tageslicht der Fachliteratur ziehen sollte. Wir glauben, sowohl dem Autor, als auch dem deutschen Leser einen Dienst zu erweisen, wenn wir den interessanten und lehrreichen Inhalt dieses ungarischen Werkes in möglichst weitem Allszuge in diesen Blättern recapituliren. Es ist fast mit Gewißheit anzunehmen, daß in Qedenburg schon im X. Jahrhundert Juden ansässig waren,, denn in einer vom Jahre 1506 datirten Eingabe der dortigen Judenschasl beruft diese sich darauf, daß „nos et majores nostri ad annos forte sextensoa hic fnimos et qoiete sine moJestatione vicimus". Daß sich für diese Behauptung bisher noch keine anderen documentarischen Beweise vorführen lasten, mag seinen Grund in der Thatsache haben, daß ein im Jahre 1317 wüthender Brand die Stadt Qedenburg zerstörte, wobei die Schriften und Privilegien der Oedenburger ein Raub der Flammen wurden. Indessen sprechen noch viele andere Umstände für die vom Verfasser gewiß nur aus rigoroser historischer Gewissenhaftigkeit blos problematisch hingestellte Annahme vom Vorhandensein der Juden zu Beginn dieses Jahrtausends. In Wiener-Neustadt wohnten schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts nachweisbar Juden und in anderer Nachbarschaft in Leitha, Szt. Miklos (Neudörfl), hatte um diese Zeit ein jüdischer Graf, Comes Teku, seine Güter.*) Das älteste auf die Juden bezughabende Document im Oedenburger städtischen Archiv ist ein vom König Karl Robert am 25. Jänner 1324 erlassener Schutzbrief, der sowohl jüdische als christliche Ansiedler in Qedenburg seines königlichen Schutzes versichert und wohl nur ein schwaches, doch freundliches Licht auf die damaligen Verhältnisse der Juden in Ungarn wirft. Es erhellt daraus, daß unsere Ahnen schon dazumal eine erträgliche Stellung ei,«nahmen, indem es auch unter ihnen, wie dies Actenstück besagt, bowines libere oonditiones gab. Die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts stand überhaupt noch unter dem Einflüsse der zwei judenfreundlichen Bullen des Papstes Jnnocenz (1253) und der humanen Judengesetze des Herzogs Friedrich der Streitbare (1244), des Königs Bela IV. (1251) und des Königs Ottokar (1254) u. s. w Einige Decennien später trat wieder ein großer Umschlag ein, zu dem nicht wenig die blöde und fürchterliche Beschuldigung der Juden während des schwarzen Todes beitrug. Karl Roberts Nachfolger, sein Sohn Ludwig der Große, dessen einziger Fehler sein intoleranter Glaubenseifer war, verwies die Juden, als seine Bekehrungssucht bei ihnen nicht verfing, des Landes (1360) und *o mußten auch die Oedenburger Juden ihren Heimatsort, trotz des von seinem Vater erlassenen Schutzbriefes, verlassen. Die Vertriebenen ließen sich im benachbarten Wiener-Neustadt nieder. Die Oedenburger, recht praktische Leute, benützten diese Gelegenheit und kamen bei ihrem König um geschenkweise Ueberlassung der jüdischen Häuser und gänzlichen Erlaß der jüdischen Forderungen ein, worauf aber der kluge und sonst gerechte König Ludwig durchaus nicht eingeheu wollte, da er sich bald davon überzeugt sah, wie sehr er durch die Ausweisung der Juden dem Handel seines Landes geschadet hatte. Schon im Jahre 1366 sah er sich genöthigt, sein Ausweisungsedict zu revoziren. Die Verbannten kehrten in ihre verlassene Heimat zurück und waren bald wieder die gesuchten Geldmakler der Stadt, in deren Namen im Jahre 1375 der Bürgermeister und Stadlrichter Johann Agendorfer bei den Juden „Emerlein und Everlein, Eysaks Chindru und Maister Jona von der Neunstadl eine Anleihe von Thausent phunt guter winner phennig" machte (S. Anhang S. 254.) Gewiß nur nm die mißtrauischen Juden, denen der fromme Wunsch der Oedenburger betreffs des jüdischen Vermögens und Forderungen noch in frischem Angedenken gewesen sein mag. ihrem Geldbegehr gefügiger zu machen, stellten sie in dem Schuldschein die merkwürdige Clausel ein: „Wer uns auch mit dem Briefe ermanet, es sei Christen oder Juden, innen Landes oder außer Landes" dem seien sie verpflichtet, die Hauptsumme sammt den Zinsen zu zahlen. Um diese Zeit wohnten die Juden, wie auch früher in der inneren Stadt, und zwar nicht ghettoartig zusammengepfercht, sondern in verschiedenen „Zeilmassen" (-Gassen) unter den übrigen Einwohnern. Aus Grund eines aus dem Jahre 1379 vorhandenen Grundbuch-Verzeichnisses, berechnete der Verfasser unserer Geschichte die Zahl der jüdischen Einwohner auf 80 Seelen, unter denen es 16 Hausbesitzer mit 30 Grundantheilen gab. Wie überall im Mittelalter waren die Juden auch in Ungarn eine ergiebige Geldquelle der kriegführenden Herrscher. Uno so sehen wir, daß im Jahre 1405 auch den Oedenburger Israeliten von dem gegen die Türken kämpfenden König Sigismund eine Kriegscontribution von 3500 Gulden auferlegt wurde. Um die Mitte des XIV. Jahrhunderts, als Oedenburg von der Königin Elisabeth an den Herzog Friedrich von Oesterreich verpfändet wurde, gelangten sie unter einen recht kräftigen Schutz. Dieser Fürst schirmte sie energisch gegen die Vergewaltigung einzelner Bürger und forderte die Behörde entschieden auf. sie vor Vcxation zu bewahren „damit Sy dadurch daselbs zuOedemburg nicht vertrieben werden, sunder hunder uns bleiben mugen" (S. 264). Während der Regierung des unglücklichen Ladislaus Posthumus, der den neidischen und von Johann Capistran sanatisirten Bürgern zu Liebe in Mähren die Juden aus einigen Städten, wie z. B. Olmütz, Brüun und Neustadt vertrieb, fingen auch die Oedenburger an, ihre Juden zu verfolgen, allein dieser Fürst befolgte in Ungarn, wo der Held Johann Hunyadi das Faktotum der Regierung war, offenbar eine humanere Politik den jüdischen Unterthanen gegenüber. Er verwies den Oedenburgern ihre Hartherzigkeit. Selbstverständlich erfreute" sie sich auch unter dem nachfolgenden König Mathias dem Gerechten des gebührenden Schutzes. Doch kaum schloß dieser die Augen, begannen im Lande durch den Streit der Kronprätendenten große Wirren, während derselben die Oedenburger Juden sammt und sonders in den Kerker geworfen wurden. Damit die armen, zu Tode erschreckten eingekerlerten Opfer sich einigermaßen erholen, machte ihnen der Bürgermeister die humane Eröffnung, sie freizulassen, wenn sie den Oedenburger Bürgern ihre Schulden erlassen. Nun begann für sie ein wahres Martyrilogium. Die Befehle der verschiedenen rasch aufeinander folgenden Herrscher: Beatrix, Johann Corvinus, Ulaßlo u. s. w., die Juden freizulassen und nicht zu behelligen, wurden nur theilweise beachtet, und die vielgeplagten Juden fühlten sich unter den im Trüben fischenden Oeden-- burgern so unsicher, daß sie il re Häuser ganz in Verfall gerathen ließen, so daß sie ein königlicher Befehl — zufolge einer diesbetreffenden Klage des Magistrates — nöthigte ihre Gebäude zu restauriren. Eine kurze Zeit hindurch hatten sie wieder Ruhe, da der anstatt Ulaßlo regierende Johann Szrpolyai die Oedenburger ob ihrer Herzlosigkeit und Ungerechtigkeit verwies und sie sogar zwang, dieimJahre 1496 aus Wiener-Neustadt vertriebenen Juden in ihreSladtaufzunehmen. Unter dem schwachen König Ludwig II. aber näherte sich das Maß ihrer Leiden dem höchsten Punkt. „Der ehrsame, weise, fürsichtige Bürgermeister, Richter und Rath zu Oedenburg richtete sowohl an den König, als auch an die Königin die Bitte, „die versteckten Juden, die schon eine. Anzahl von 400 Seelen — Alte und Junge hinzugerechnet — erreicht haben; die lustigsten und gelegensten Gassen in der Stadt inne haben und schrecklichen Wucher treiben u. s. w." — aus der Stadt zu weisen. König Ludwig, so gering auch sein Herrscheranseheii war, stemmte sich diesem unmenschlichen Ansinnen entgegen und wußte dieses „edle" Vorhaben der Oedenburger zu vereiteln. Nach seinem traurigen E»de bei Mohacs aber, schwoll den Oedenburgern wieder der Kamm und sie wußten es bei der Königin- Wittwe Maria nach langem Hin- und Herschreiben, besonders aber durch die falsche Angabe, daß die Juden die Stadt aus freiem Antriebe verlassen wollen, durchrusetzen. daß die Königin den Berbannungsbefehl unterschrieb. Thalsächlich hatten die Juden, da ihnen der Bode» unter den Füßen zu heiß g macht wurde, die Stadt schon früher verlassen und im naheliegende» Ersenstadt Zuflucht gesucht. Allein den Oedenburgern war es nicht so sehr darum zu thun, die Juden loszuwerden, als vielmehr, sich ihrer Schulden auf bequemer Weise zu entledigen, weshalb sie die zu Eisenstadt weilenden Flüchtlinge zur Rückkehr bewogen, aber nur um sie jetzt, gestützt ans den von der Königin erlassenen Befehl förmlich zu vertreiben. Die ehrsamen Magistratsherreu hüteten sich jedoch, trotz wiederhollen Bittens der Juden nm Einsichtnahme in das königliche Edict, dieses ihnen vorzuzeigen, denn die zu Vertreibenden hätten ihnen soear leicht in die Karten sehen können. — Im September 1526 mußten die armen Juden unter Zurücklassung ihrer ganzen Habe innerhalb einer Stunde die Stadt verlassen. Wie losgclasseiie Furien siel dann der Pöbel über ihre Häuser und Mobilien her. Sie eigneten sich | ihr Vieh an, plünderten ihre Weingärten, tranken ihren Wein aus.! Die Behörde ließ Mr§ alles ruhig geschehen und damit sie zu guterletzt auch ihrer Sorgen wegen Zahlung der den Juden schuldenden Beträge los werden, meldeten sie gehorsam st der Königin, die Juden seien s p o n t a n abgezogen. Kaum wurde sie über durch die Boten der vertriebenen Juden von dem wahren Sachverhalt verständigt, so widerrief sie ihren Ausweisbefehl und befahl den herzlosen Bürgern, die Juden wieder aufzuuehmen und ihnen ihr abgenommenes Gut wieder zuriickzugeben: ,Bona ipsorum et universas oes, quas abstnlistis, eisdem integre restituatis.“ Allein die guten Oedenburger ' von damals wollten sich das nun so leichterdings erworbene Gut nicht mehr entreißen lassen und widersetzten sich dem königlichen Befehl so lange es eben möglich war. Die damals so unsichere politische Lage kam ihrem Widerstande zu Hilfe und die in den nachbarlichen Gemeinden: Eisenstadt, Maltersdorf und Kobersdorf weilenden vertriebenen Inden kehrten nicht mehr zurück. Auf wiederholtes Drängen des königlichen Commiffärs lösten sie endlich die 13 Häuser der Juden mit 985jPfund Pfennig ab; ihre Schulden wollten sie auf ebenfalls wiederholtes Drängen der Herrscherin nur ohneZinsen und bloßausGrund derAngabe des Schuldners bezahlen. Wie schlau? Sehr richtig bemerkt hiezu der Verfasser: „Läßt sich etwa von Jenen, die die Juden ruhigen Gewissens plünderten, ihnen Alles Wegnahmen, den Polster von unter dem Kops hervorzogen, den Bissen vom Munde wegrissen, sie vertrieben und heimatslos machten und obendrein noch schlugen und peinigten — läßt sich *) S. Tejer Gy. Codex diplomaticus DI. 2. S. 9.

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