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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-21 · 21 (21.5.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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^eite 430 Dr. Vloch's Wochrnsthrist. Nr 21 ultrareactionäres Blatt, wie es in Breslau nur noch durch das „Schlesische Morgenblatt" ... überboten wird. Herrn Herrig's Handwerk hat jetzt einen goldenen Boden: Heine, Börne rc. werden als Juden abgefertigt (dem Moses selbst hat man ja das „Mauscheln" zudictirt), Sacher-Masoch wird Jude geschimpft, wenn er es auch nicht ist; Hamerling und Seinesgleichen, Helden der Geistesfreiheit, sind Phantasten, die barock rc. sind, wahrscheinlich, weil sie an der Erhebung von 1848 sich betheiligt. Wer bleibt? Nun, der Hofprediger Stöcker, der nL-rische Hetzer. Hans Herrig als „christlich deutscher Dichter", und noch einige Kreaturen mit ihrem Gott» der heißt Bismarck! Wie im Großen, so im Kleinen. Der literarische Verein und ich als sein Vorstand muß streiten als Vertreter der Intelligenz gegenüber dem Stimmvieh anderer Vereine der wissenschaftlichen Vereinigung hier." Der Bauer vor Gericht. Unlängst stand ein Bauer vor Gericht in Budapest weil er einen aufreizenden Artikel für das Blatt „Uj nGpszava“ geschrieben hatte. Das Verhör begann. Wie ist dein Name? fragte der Präsident. „Ich heiße Joan Csizmadia" — antwortete der Angeklagte. „Was bist du?" — „Ein Mann vom fünften Stande der unterdrückten Bauern oder Zinsknechte!" — „Was hast du für eine Religion?" — „Ich glaube an Herrn Jesum Christum, dessen Lehren die hohen weltlichen und geistlichen Herren nicht befolgen, sonst stände ich nicht hier vor euch!" Der Präsident kanzelte ihm wegen seiner Antworten ab. „Das sind Redensarten — sagte der Präsident — die dir jemand eingelernt hat oder die du von jemand abgeguckt hast, ich glaube gar nicht, daß du den Artikel geschrieben hast. Du schreibst da von einem „Eden", was verstehst du darunter?" — „Das ist das Paradies", — erwiderte der Bauer — „von dem wir Kinder geträumt haben. Der Traum ist vorbei, das Eden ist verloren, wir leben in der Hölle auf Erden und aus dieser wollen wir uns Bauern befreien". „Genug" — sagte der Präsident — „was schreibst du da auch von den Großmächten? Was verstehst du darunter? — Es gibt folgende europäische Großmächte: Rußland, Deutschland, Frankreich, England, Oesterreich und Italien. Ueber ihnen steht die Weltgroßmacht: das Judenthum. Früher gab es außer diesem noch zwei Weltmächte: die Presse und die Kirche. Die erste ist aber bereits die Sclavin des Judenthums, die zweite ist dessen freiwillige Dienerin. Sehen Sie nur unsere Kirchenfürsten und die hohe Geistlichkeit an, sie vermeiden Alles, was den Juden unangenehm sein könnte, und thun außerdem jeden erwünschten Gefallen. Wenn die Presse und Kirche nicht voll Rücksichten gegen das goldene Kalb wären, stände es um mein Volk unendlich besser und ich wäre nicht hier der Angeklagte, sondern Andere!" Man sieht, dieser originelle Bauer hat das Repertoire der antisemitischen Schlagworte genügend gelernt. Wer sie ihm eingetrichtert hat, hat einen nicht unebenen Kopf dem Bauernpflug entfremdet und einen Phraseur dafür gezüchtet, der nun gewiß den armen Bauern seines Dorfes das neue Evangelium von der siebenten Großmacht verkündet. Max Nordau? Die „Mittheilungen" des Berliner „Vereins zur Abtvehr des Antisemitismus" veröffentlichen nachstehendes Avis: Thut nichts! Der Jude wird verbrannt! Die „Vossische Zeitung" gibt die folgenden Bemerkungen wieder, welche ihr Pariser Correspondent unterm 10. d. M. bei Gelegenheit eines Berichtes über die -Sammlungen für den „Bazar de Charite“ gemacht hat; er schreibt u. A.: „Es wird allgemein bemerkt, daß ungefähr alle Spenden über 2 000 Francs von Juden herrühren; diese lärmende Freigebigkeit wird von der öffentlichen Meinung (sie) als würdelose Aufdringlichkeit empfunden und keineswegs so beurtheilt, tvie die jüdischenGeber sich anscheinend schmeichelten". Als Zeuge der öffentlichen Meinung citirt der Correspondent Herrn Caffagnac in seinem geirugsam bekannten Blatt „1' A.utorit6!“ Wenn damit die Tendenz hinreichend gekennzeichnet ist, welche dem Berichte zu Grunde liegt, so verdient die Verbreitung derselben in einem Blatte wie die „Vossische Zeitung" umsomehr Verwunderung, wenn man hinterher von demselben Cvrrespondenten eine Veröffentlichung liest, welche er Tags darauf in demselben Blatte wie folgt verbreitet: „185 wohlthätige Anstalten und Vereine waren an dem zu erwartenden Erlöse betheiligt, darunter nicht weniger als 37 Waisen- und sonstige Anstalten für Erziehung und Beschützung der Kinder, 18 Anstalten beschäftigen sich mit dem Schutze der Lehrlinge und Arbeiter, 7 sind Vereine, deren Mitglieder Arme unterstützen, 8 sind Greisen-Anstalten, 12 Anstalten und Vereine zur Pflege von Kranken rc. rc." und so zählt der Berichterstatter alle die 155 Anstalten auf, welche Unterstützungen erwarteten und er schließt mit den Worten: „Das Elend ist eben sehr groß und häuft sich in Paris ganzbesondersa n". Und weil nun reiche Juden bei dieser wie bei allen ähnlichen Gelegenheiten ihren Wohlthätigkeitssinn gezeigt haben, war dieser Äct als lärmende Frei g e b i g k e i t und würdelose Aufdringlichkeit gebrandiii a r kt, welcher von der öffentlichen Meinung perhorrescirt wird!? Als Organ der letzteren wird die „Autorite" des Herrn Gramer ans Caffagnac angeführt! Es ist unnütz, dagegen den „Figaro" zu citiren, welcher sich wie folgt äußert: „die große Opferwilligkeit jüdischer Bürger bei dieser wie bei allen andern Gelegenheiten muß besonders hervorgehoben werde n". Was die Juden auch thun, — geben sie für öffentliche Zwecke nichts, so sind sie geizige Filze, geben sie etwas, so sind sie Aufdringliche, — immer werden die Herren Antisemiten*) etwas zu mäkeln haben und mit dem Patriarchen ausrufen: Thut nichts! Der Jude .wird verbrannt! Wieder Einer! Aus Gießen, 12. Mai, wird uns geschrieben : Unsere Straskammer verurtheilte heute den Lieutenant a. D. K a i s e r, ehemals Hofrath und Generalbevollmächtigter des Grafen Leiningen-Jlbenstedt, wegen Betrugs zum Nachtheil des Grafen zu 4 Monaten Gefängniß. Kaiser war der gefeierte Führer der deutsch-socialen (antisemitischen) Reform-Partei im Kreise Friedberg und bei der letzten Reichstagswahl anfangs für Friedberg-Büdingen als C a n d i d a t ausersehen. Die Inden und die neuen Steuern. Merkwürdig! Unlauterer Wettbewerb, Schwindel, Wucher, Lüge aller Art ist nach der Versicherung der uns christlich Liebenden überhaupt nur bei den Juden zu finden. Nur beim Steuerzahlen, wo es doch den Staat gilt, da scheinen sich auch die Herren Arier recht „vaterlandslos" benommen zu haben. O, mit Worten läßt sich's trefflich streiten; aber wenn es zum Zahlen kommt, ja Bauer, das ist ganz was Anderes. Indessen, das soll nun Alles besser werden. Der Sinn für Wahrheit soll beim Steuerträger gehoben werden, und wir verlangen es uns gar nicht besser. Welche geringfügige Rolle spielt heute der Antisemitismus in Frankreich, Ungarn, Deutschland; wie zäh und gesund lebt und wächst er bei uns fort! Die Ursache ist eine überaus einfache. In den anderen Ländern hat es eine gewisse Zeit gebraucht, bis alle Schichten des Volkes und namentlich die führenden Kreise desselben die Unwahrheit des Judengeschimpfes erkannten. Die führenden Kreise vieler Schichten unseres Volkes sind aber derzeit gar nicht hier, sondern jenseits der Alpen; sie brauchen die Unwahrheit des Antisemitisnms gar nicht erst zu erkennen, er war ja von Vorneherein nur als Anregungsmittel für das dumme Volk gemeint; diese Armen im Geiste mit ihrem stets schlummernden Neid und Haß gegen Jeden, dessen Mittel sie überschätzen, sind bei jeder Hetz dabei und haben das Gefühl für Wahrheit und Unwahrheit längst verloren. Wissen denn nicht selbst die Dümmsten von Denen, die sich das bischen Judenhetze wohl bekommen lassen, daß neun Zehntel aller Anklagen gegen unseren Stamm erfunden und erlogen sind und daß. der Rest ungefähr der Fehlermenge entspricht, die man bei den anderen Bevölkerungsclassen ebenso gut beobachten kann? „Menschen, Menschen sind wir Alle", singt der Wiener beim Heurigen, wo die Wahrheit heute noch, wie schon zu Römerzeiten, im Weine zu finden ist. Aber nüchtern liebt er diese Wahrheit nicht und anerkennt ihr Dasein keineswegs. Da sind sogar die Nichtjuden „Judenbub'n", wenn sie, wie etwa die verhaßten *) Unseres Wissens ist der Pariser Correspondent der „Vossische Zeitung" Jude und heißt Max Nordau.

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