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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-21 · 21 (21.5.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Seite 429 Br. Vloch's VochrnPtzrtN Starrt er nach den Hügel hin, Wo die Jüdin man gebettet, Die des Daseins Stern ihm mar; Fernher klingen Aveglocken Von den Thürmen des Hradschin, Leise rauscht es in den Büschen, Und er stützt in seine Hände Wehmuthsvoll das müde Haupt: Eins ist die Religion, Denn Religion ist Liebe Und die Liebe ist nur eine!" Otto Roquette und die russischen Juden. Ueber die humane Gesinnung des verstorbenen deutschen Dichters schreibt Dr. I. Lehmann in der „Franks. Ztg." vom 11. Mai: Eines soll ihm unvergessen sein, denn es zeigt seine Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft im glänzendsten Lichte: In Rußland war unter dem Ministerium Jgnatiew die Roth der Juden aus das Höchste gestiegen; die Regierung verdrängt sie durch grausame Ukase aus ihrem altangestammten Besitz oder aus ihren Erwerbszweigen. Das Volk ging noch radicaler vor und versuchte, die Hebräer todtzuschlagen. Damals frug mich mein Vater, Dr. M. Lehma n u, der verstorbene Rabbiner in Mainz, ob unser Freund Roquette durch seine Beziehungen zum hessischen Hofe den bedrängten russischen Glaubettsbrüdern nicht zu helfen vermöchte, und ich habe Roquette selten so erregt gesehen, als über die Schilderung des Elends von Menschen, die ihm persönlich so ganz fernstanden. „Siehst Du, mein Junge", sagte er mir damals, „ich kann es ja begreifen, wenn Jemand irgend einen bestimmten Juden nicht leiden kann; toelche Berechtigung aber der Judenhaß als eine politische Partei haben soll, das ist mir ganz unfaßbar. Sind denn die Leute wahnsinnig, daß sie Ausnahmegesetze gegen Mitmenschen erlassen, daß sie mit Raub und Mord an friedliche Bürger heranstürmell, die nichts Schlimmes begehen, als daß sie ihren Gott in einer anderen Form anbeten?" Keinen Augenblick zögerte Roquette, seinen Einfluß so geltend zu machen, wie ich es von ihm wünschte, und es gelang ihm thatsächlich, eine sehr hochgestellte Persönlichkeit zu veranlassen, daß sie eine diesbezügliche Bittschrift dem C z a r e n persönlich übergab, da auf anderem Wege der Kaiser für solche Bitten nicht zu erreichen war. Roquette, der nie in seinem Leben für sich selbst die geringste Gunst von den hohen Personen verlangte, mit denen er hin und wieder zusammeutraf, zauderte hier keinen Augenblick, da es galt, Unglücklichen beizustehen, mit denen ihn nichts Anderes verband, als das Bewußtsein, daß auch sie zunk Glück berechtigte Menschen seien. Auch diesen Zug mußte ich bei der Würdigung seines Nachlasses erwähnen, denn er hat es nie gestattet, daß ich zu seinen Lebzeiten darüber sprach." Max Liebermann auf der Berliner Kunstausstellung. Ueber den berühmten Maler schreibt die „Köln. Ztg." vom 9. Mai: „Für den Kunstkenner hat die sonst tödtlich langweilige Ausstellung eine pikante Spitze in der Sonderausstellung Max Li ebermann's. Nach dem Münchener Muster Lenbach's hat sich Liebermann für seine Bilder einen eleganten Salon in mattem Grün, mit leichtem Bronzezierwerk, Mahagonirampen und englischen Sitzen Herrichten lassen. Dieser aristokratisch vornehme Raum steht in einem gewissen Widerspruch mit der Art der Werke des herben und derben Naturalisten. Daran denken aber die Berliner nicht, sondern eben so feierlich wie die Münchener in der Lenchbachabtheilung stehen sie im L ieb erma n u'schen Salon. Der Witz der Sache liegt darin, daß der Berliner Spott, das Hohngelächter und die Bezeichnung „scheußlich" keinem Künstler, außer etwa Böcklin, das. Leben so sauer gemacht haben wie eben Liebermann, dem ersten'"deutschen Maler, der den Naturalismus aus Paris nach der Heimat verpflanzte. Dazu ist aber vielleicht kein anderer Künstler sich selber so treu gewesen, hat so zäh an feiner künstlerischen Ausdrucksweise festgehalten, wie er, so daß die Wandlung ganz und gar nicht bei ihm liegt. Nimmt man weiter dazu, daß dieser Prinz der Berliner Malerei ein Jude ist, so gewinnt der pikante Vorgang noch eine verschärfte Würze. Auch für den Kritiker, dessen persönlicher Empfindung die Kunstweise Liebermann's ferner steht, ist es in der That eine hervorragende Erscheinung, dessen tapferes Ringen mit der Natur, dessen kühne und doch zugleich ängstlich gewissenhaft die Wahrheit suchende Technik der Beleuchtung, der Raumperspective und der Bewegung, deffen überraschende Fähigkeit ferner viele kleine Einzelheiten einheitlich zu sehen und concentrisch unter eine Wirkung' zu bringen, ihm einen wohlverdienten Ruf in der internationalen Kunstwelt gesichert haben. Er würde auch ohne die besonderen äußeren Vorkehrungen weit vorne an der Spitze der Ausstellung stehen, denn nur einige wenige andere Berliner Maler finden wir noch, aus deren Werken eine volle künstlerische Persönlichkeit spricht, die etwas sagen wollen und es auf eine persönliche Art sagen. Die ausgestellten Werke Lieberm a n n's sind den Kennern meist wohlbekannt. Wir finden den „Mann im Kartoffelfeldes „die Rübenleserinnen", das „Altmännerhaus", den „Münchener Biergarten", die „Straße in Zandvoot" und eine Reihe von Skizzen und Studien, sowie ein Pastellbild des Professors V i r ch o w." Daß ein Max Lieber man n*) für die neue deuts ch e Kunst ein Bannerträger geworden ist, darüber herrscht jetzt nur eine Meinung. Was die Juden aus deutschem Geiste an Kräften und Talenten gesogen, zahlen sie durch ernstes Kunst" streben und Können redlich ab. Zur Charakteristik des Abgeordneten Dr. Zimmermann. Es ist bekannt, daß der antisemitische Abgeordnete Oswald Zimmermann im Jahre 1884 eifriger Mitarbeiter an der Zeitschrift Sacher-Masoch's („Auf der Höhe") war, gleichzeitig aber diesen Mann anonym in einer Schmutzschrift auf das Heftigste angegriffen hat. Es kam zu einem Proceß, in dem Herrn Zimmermann's „unwürdige Doppelzüngigkeit" gebührend gekennzeichnet wurde. Damals war er kein Antisemit, sondern hat im Gegentheil zu dem Schriftsteller Armand (= Rosenthal, Jacques St. Cstre) in freundschaftlichster Beziehung gestanden. Aus jener Leipziger Zeit liegen uns ein paar Originalbriefe vor, die wir ohne unser Zuthun und Bemühen erhalten haben. Obschou sie in gewisser Beziehung sensationell sind, versagen wir es uns aus Gründen des politischen Tactes, uns mit den persönlichen Dingen dieses Mannes zu befassen. Wohl aber dürften nachstehende Urtheile dieses großen Judenhassers und Bismarckschwärmers nicht ganz uninteressant sein. In einem Briefe vom 25. März 1883 schreibt der damals 24jährige hoffnungsreiche Mann: „E.kenne ich nicht. Was redigirt er denn? Wahrscheinlich ist er antisemitischer Hetze r, ch r i st l i ch - c o n s e r v a t i v. Da wäre es möglich, daß das Blatt gegen Darwinismus und heutige Naturwissenschaft polemisirt, dieHofprediger älu Stöcker vertheidigt, kurz unverständiges Blech in Politik, socialer Theorie und Wissenschaft losläßt. Damit wirst Du Dich doch nicht identificiren wollen?" In demselben Briefe nennt er den Antisemitensührer Förster „berüchtigt". Gemeint ist Dr. Bernhard Förster, einer der Väter des Antisemitismus der Siebziger- und Achtziger. Jahre und Bruder des Abgeordneten Prof. Dr. Paul Förster. Aus ungefähr der gleichen Zeit, zwei Tage nachdem über Leipzig der kleine Belagerungszustand verhängt worden war, schrieb er an dieselbe Adresse einen Brief, in welchem er eine Art Resumö über die damalige Lage entwarf. Darin heißt es: „Es ist traurig in der wirklichen Welt um uns . .. In Berlin hält Gras Bismarck (Sohn) eine Antisemitenrede ä 1 a Stöcker in einer Weise, daß selbst zahme Zeitungen bemerkten, der Herr habe noch kern Verdienst als das, Bismarck zum Vater zu haben, und aus Breslau depeschirt der christlich-deutsche Studentenverein (nach dem Vorbilde der gleichen Antisemitenbunde in Göttingen, Berlin und Leipzig) an unseren Kanzler und derselbe antwortet eingehend aus ihre Tendenzen! Damit bin ich denn auch bei dem werthen Herrn Hans H e r r i g**) angelangt, nachdem Du ftagst. Du wunderst Dich über sein Urtheil, ich nicht? Herr Herrig, dem es bisher gar nicht glücken wollte, weil er ein durchaus mittelmäßiger Kops ist, benutzt die Antisemitenbewegung. Er gehörte zu den Mitarbeitern der „D e u t s ch e n Z e i t u n g" und derartiger Schmutzblätter, die selbst conservative Zeitungen in die Schranken wiesen, und die nach mehreren Wochen untergehen mußten, weil sie keine Leser fanden. Aber gut bezahlt wird das Hetzen, das ist meine Ueberzeugung. Herr Herrig eifert gewiß nicht umsonst***) für die Judenhetze. Die „Schlesische Zeitung", einst ein geachtetes Blatt, ist ja weiter nichts mehr als ein . . . *) Uebrigens hat der Künstler auf der interessanten Kunst aus stellung zu Dresden soeben die goldene Medaille erhalten. *) Der Feuilletonredacteur des ersten antisemitischen Blattes in Berlin, des Ir. L u ck h a r d t'schen „Deutschen Tageblattes". **•) Im Original unterstrichen.

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