Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 21 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Heile 488 Vr. VUntz » Wochenschrift 3fr. 21 sondern als wahrer Patriot liebt, der beherzige auch den flammenden Appell, den Kogalniceanu an seine Connationalen mit solgenden Worten richtet, die in vollem Maße und vielleicht weit mehr noch als auf Rumänien, auf unser eigenes Vaterland passen: „Es ist wahrhaft schmerzlich, geradezu unmenschlich, ja man verliert am Ende das Unterscheidungsvermögen zwischen Recht und Unrecht, wenn man sich dessen bewußt wird, daß man seit Generationen in diesem Lande lebt, in demselben herangewachsen ist, an Schulen und Universitäten Diplome erlangt, als Soldat dem Vaterlande gedient hat und nicht das geringste Recht in diesem Lande besitzen, angeblich ein Vaterland für sich beanspruchen und nicht als Sohn dieses Vaterlandes betrachtet werden soll, trotzdem man es liebt, wie der beste Rumäne selbst. Die Anhänglichkeit der Juden an unser Vaterland kann der Liebe eines Findlings zu seinen Adoptiv- Eltern, der leine wahren Eltern nie gekannt hat, verglichen werden; während die Zuneigung der fremden, unser Land bewohnenden Völker der Liebe jenes Kindes gleichkommt, welches seine wahren Ellern genau kennt, und bei welchem trotz aller Liebe und Erkenntlich^ für die Adoptiv-Eltern die echte, natürliche Kindesliebe für die wahren Eltern doch nie erstickt werden wird." Vom Jahrmarkt des Lebens. Ferieneolonie für jüdische Waisen. Das Princip der Arbeitstheilung hat auch auf dem Gebiete des Humanitären Wirkens nicht nur seine volle Berechtigung, sondern auch die heil- und segensvollsten Folgen. Der große und grausame Feind heißt Armuth und Krankheit und je mehr edle Herzen und opferbereite Hände sich vereinigen, umso eher ist es möglich, ihn, wenn auch nicht völlig zu besiegen, so doch mit einigem Erfolge zu bekämpfen. Kanu es aber eine edlere, humanere, segensvollere Mission geben, als armen, schwächlichen Waisenkindern, also Geschöpfen, die das harte Schicksal mit dreifach schwerer Wucht getroffen, beizustehen? Das Bemühen, diesen armen Kindern Gesundheit und Kraft zu spenden, indem man ihnen Gelegenheit gibt, in den heißen Sommerwochen die Stadt zu verlassen, um in der gesunden Landluft Erholung zu finden, verdient gewiß die Anerkennung und die Förderung Aller, die ein Herz für Unglück und Hilflosigkeit sich bewahrt haben. Diese edle Aufgabe verfolgt der Verein „Ferieneolonie für jüdische Waisen", an dessen Spitze die unermüdlich und eifrig im Dienste der Humanität wirkenden Herren Cultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner und Bürgerschuldirector Jacob M a u t h n e r stehen. Der Verein, welcher neben dem von der Frau Sophie G r ü n f e l d gegründeten und mit unermüdlichem Eifer zur Blüthe gebrachten „Ferienheim" seit einer Reihe von Jahren eine ebenso ersprießliche, als rühmeuswerthe Wirksamkeit entfaltet, verdient es wahrlich, daß Menschenfteunde seiner gedenken. Im Sommer 1896 wurde es, Dank den humanen Spenden edler Wohlthäter ermöglicht, zum eilften Male eine Anzahl schwächlicher jüdischer Waisenkinder für sechs Wochen auf's Land zu schicken und dort bestens zu verpflegen. Während im Jahre 1886 zwölf Knaben dieser Wohlthat theilhaftig wurden, konnten im Vorjahre die 1494 fl. 40 kr. betragenden Kosten für zwanzig Knaben und zwölf Mädchen aufgebracht werden. Ueberdies wurden an weitere fünf Waisenkinder Curbeiträge im Gesammbetrage von 105 fl. geleistet. Die Erfolge bei den Kindern waren ungemein erfteuliche; Me kehrten sie gestärkt und in gebessertem Gesundheitszustände zurück. Die Gewichtszunahme betrug bei 14 Kindern 2 bis 3, bei 19 Kindern 3 bis 4'/« Kilo. Die Auswahl der Kinder geschah unter ärztlicher Mitwirkung; die Obhut war dem Schulleiter in Austerlitz unter der Oberaufsicht des Herrn Director Jacob Mauthner anvertraut. So erfreulich und befriedigend nun auch die in den Ziffern sich aussprechende Thatsache ist, daß die „Ferieneolonie für jüdische Kinder" den Umfang ihres Wohlthuns so wesentlich erweitern konnte, so läßt sich leider nicht leugnen, daß noch sehr, sehr viele arme Waisenkinder in Wien von diesen Segnungen ausgeschlossen bleiben müssen, weil die Mittel des Vereines nicht entfernt ausreichen, um allen, wenn auch noch so gerechtfertigten Ansprüchen zu genügen. Unendlich groß ist der Kreis, den Armuth und Roth umfaßt, es wäre daher innigst zu wünschen, daß auch die Zahl der Wohlthäter, die bereits dem Vereine ihre Sympathien zugewendet haben, sich stets mehre und vergrößere. Das Namensverzeichniß der Wohlthäter, welches im Drucke vorliegt, zeigt so viele Namen, die als leuchtende Vorbilder dienen können, daß man es nur begreiflich fände, wenn dasselbe immer reichhaltiger würde. Darin fänden wohl auch die Männer, die selbstlos und opferfreudig für den Verein arbeite», ihren besten und schönsten Lohn. M. ,,Nahida." Frau Geheimrath Nahida Ruth Lazarus sendet uns nachstehende liebenswürdige Zuschrift Schönfeld bei Leipzig, 16. Mai. Hochgeehrter Herr Doctor! Viele Ihrer Leser und meiner Zuhörer glauben immer noch, daß mein Vorname eine Poetische Licenz sei und becomplimentiren mich ob der „glücklichen Erfindung" dieses „überaus wohllautenden" Namens; ich muß indessen dieses freundliche Lob ablehnen: ich heiße wirklich Nahida. — Ja, nicht nur ich, auch meine geliebte verstorbene Mutter hieß so. — An diesen eigenthümlichen Frauennamen knüpft sich übrigens eine so geinüthliche kleine Familrengeschichte, daß ich sie gern auch den Lesern der „O e st e rr ei ch i s ch e n Wochenschrift" — bei denen die verehrte Redaction ja in letzter Zeit wiederholt in liebenswürdiger Weise meine Karte abgegeben hat — zum Besten gebe. Major Sturmhoefel, mein Großvater, im Dienst ein echter preußischer Soldat, war im Privatleben eine weiche, empfindsame Natur. Bei einem durch seine Versetzung veranlaßten Umzug wurde in einer vergessenen Ecke des geräumigen Bodens eine uralte Bücherkiste gefunden und der Großvater, der als besonnener und sparsamer Haushalter seine Augen überall hatte, prüfte erst den Inhalt, ehe derselbe als Maculatur ein rühmloses Ende nahm. Er fand darin einen — Roman, er las ihn, und siehe da! die Heldin, welche „Nahida" hieß, entzückte ihn durch ihre Originalität und ihre Charaktereigenschaften derart, daß er seine Frau — (welche guter Hoffnung war) — bat, falls Gott ihnen ein Mädchen schenke, es nach dem Namen seiner bewunderten Romanheldin zu benennen: Bald darauf wurde meine liebe Mutter geboren und erhielt den Namen Nahida; sie gab ihn dann mir. Dies mein Geschichtchen. Zugleich freue ich mich, eine kurze, wissenschaftliche Notiz daran fügen zu können. Unlängst in den „Noten" zu Gr ätz' Geschichte der Juden lesend, finde ich in Note 14 (Band 2, II. Hälfte) in einer Auseinandersetzung über die Persischen Gottheiten, den Namen: „Anahita", — ein Wort das rein bedeutet. Grätz berichtet weiter: „DieNeuperser haben daraus Nahid gemacht, einen Namen ftir den Planeten Venus." — Ohne weiter auf die nun folgende höchst ausführliche wissenschaftliche Untersuchung einzugehen, will ich nur noch erwähnen, daß besonders die südlichen Völker ihrer Sprachgewohnheit gemäß, auch den consonantisch endenden Namen einen Vocal anzuftigen Pflegen, — den männlichen ein o, den weiblichen ein a. So entstand schließlich aus Nahid, Nahida. Mit besten Grüßen an Sie und alle lieben Wiener Freunde Ihre Nahida Ruth Lazarus. Professor Dr. Anton Ohorn, ein deutsch-böhmischer Dichter, der an einem Gymnasium zu Chemnitz Oberlehrer ist, hat ein Epos heraus gegeben, betitelt „D i e T o ch t e r Judas. Ein Gesang ans alten Tagen aus Böhmens Königsstadt."' Es ist dem Altmeister Herrn Hermann Lingg gewidmet. Anton Ohorn gehört zu den deutsch-nationalen Dichtern ohne antisemitische Färbung, was gewiß eine Seltenheit ist. Humane Gesinnung und inniges Versenken in die Stimmung alt jüdischen Wesens hat hier ein treffliches Buch zu Stande gebracht, aus dem wir nachstehende Zeilen entnehmen: ..Im Belh Chajim unter Flieder Liegt begraben Juda's Tochter Daja, einst des Ghetto Perle, Ihres Vaters reichster Stolz. Nachtigallen singen schmelzend Süß in den Hollunderbüschen, Weicher Duft zieht um die Gräber. — Zwischen grauen Leichensteinen Sitz ein junger Edelmann, Bleich die Wangen, trüb das Auge,