Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 21 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 Vr. Bloch's WochrnPtzrM. Seite 427 Mn rumänischer Patriot über die Iudrnsrage. Vor einer Versammlung jüdischer Reservisteil hat jüngst der Abgeordnete Bastle M. K o g a l n i c e a n u, der Träger eines Namens, der mit allen freiheitlichen Bestrebungen in Rumänien auf das Innigste verkniipft ist, einen Vortrag über die Judenfrage in Rumänien gehalten. Und als wir den Bericht über diesen Vortrag lasen, da beschlich uns ein Gefühl des Neides und der Beschämung. Von den Verfolgungen unserer Glaubensgenossen in Rumänien sprach Kogalniceanu, aber fast jeder Satz seiner i>oit innigster Menschenliebe und wahrhafter Gerechtigkeit erfüllten Rede hätte in Wien gesprochen und auf unsere heimischen Verhältnisse angewendet werden können. Fast zwanzig Jahre ist es her, seit auf dem Berliner Congresse die rumänische Judenfrage verhandelt wurde. Wie hoch erhaben, wie weit fortgeschritten wähnten wir uns damals gegenüber unseren Glaubensgenossen an der unteren Donau! Wer hätte damals gedacht, daß sich innerhalb zweier Jahrzehnte in Oesterreich Zustände entwickeln könnten, die, träte heute wieder ein europäischer Congreß zusammen, seine Aufmerksamkeit kaum in minderem Grade erregen müßten, wie jene in Rumänien. In einem Punkte aber beneiden wir sogar unsere rumänischen Glaubens- und Schicksalsgenossen: Um die tapfere Verteidigung, welche ihre Menschen- und Bürgerrechte seitens eines Mannes von der Vergangenheit und dem Ansehen Kogalniceanu's finden. Kein österreichischer Staatsmann hat noch je eine ähnliche Rede zu Gunsten der Juden gehalten. Ja mehr noch! Kogalniceanu hat das Wesen und die treibenden Kräfte des Wiener Antisemitismus viel besser durchschaut als manche unserer heimischen Politiker. Er sagt in seinen einleitenden Worten über die Wiener Bewegung: „Ein beim Volke beliebter Agitator, ein Demagoge in des Wortes crassester Bedeutung hat, an die niedrigsten Jnstincte der Masse appellirend, die Religion als Mittel zum Zweck erwählt und unter l e'bhafter Unterstützung der Jesuiten daraus eine mächtige politische Waffe geschmiedet, die ausschließlich den persönlichen Zwecken des Agitators, seiner Ambition, etwas zu erreichen, dient." Man kann in der That den Wiener Antisemitismus nicht knapper und treffender charakterisiren, als es hier geschieht. Die Judenschaft in Rumänien - sie ist, mutatus mutandis, auch die Judenfrage in Oesterreich, mit dem einzigen, allerdings für uns schmerzlichen Unterschiede, daß man uns verfassungsmäßige Rechte nehmen will, die unsere rumänischen Glaubensbrüder nie besessen, daß wir in die Nacht des Ghetto wieder hinabgestoßen werden sollen, das die Juden in Rumänien nie verlassen haben. Aber was Kogalniceanu über die Motive und über die Behandlung der Judenfrage in seinem Vaterlande sagt, das gilt in jedem Worte auch für Oesterreich. „Die Judenfrage", erklärt er, „ist eine sehr dornige Frage. Sie darf nicht mit religiösem Fanatismus, nicht mit politischer Leidenschaft und nicht mit falschem Patriotismus behandelt werden. Sie darf auch nicht als Parteiwaffe gegen politische Gegner benützt werden, n i ch t w e u u m a n a m Ruder, n i ch t w e n n man in der Opposition ist.... Aus der Judenhetze darf sich Niemand eine Leitermachen, um auf ihr zur M a ch t z u gelangen, noch ein Fundament, auf welchem er sich erhalten will, sondern wir müssen Alle daran arbeiten, sie zu lösen; denn ihre Lösung bedeutet für unser Vaterland ein Lebensinteresse. Da wir diese Sätze lesen, ziehen vor unserem Auge neuerdings die Ereignisse der letzten fünfzehn Jahre von Taaffe bis Badeni — einschließlich der kurzen Ministerschaft des Herrn v. P l e n e r — vorüber. Die Judenfrage, ruft Kogalniceanu, darf keine politische Parteiwaffe, keine Leiter und kein Fundament der Macht sein! Haben die österreichischen Regierungen und die österreichischen Parteien sich an diese goldene Wahrheit gehalten? Wie hätte das Nebel so erschreckende Dimensionen annehmen können, wenn die Hüter des Gesetzes und die Hüter des liberalen Gedankens in Oesterreich ohne politische Nebenabsichten dem Antisemitismus gegenüber ihre Pflicht gethan hätten! Man sieht, Kogalniceanu läßt sich nicht von Schlagworten blenden. Was die Feinde des Judenthums eine „sociale Frage" nennen, ist ihm lediglich eine Frage der Macht und des politischen Gaukelspiels. Auch der Phrase von den „Lastern der Juden" geht er herzhaftzu Leibe. „Warum nennen wir sie feige und erbärmlich", sagt er, „und haben andererseits eine solche Furcht vor ihrem Fleiß und ihren geistigen Fähigkeiten? In unserer Bestürzung paßt es uns, zu übertreiben, wenn wir von dem Reichthum der Juden sprechen. Wenn wir vor dem Reichthum der Juden erschrecken, so thun wir es, weil wir nicht die Höhe des greifbaren, wirklichen Besitzes des Einzelnen zu beurtheilen vermögen. Wir sehen diesen angeblichen Reichthum in beständiger Bewegung, und als Facit derselben finanzielle und commercielle Transactionen, sehen ein fortwährend vorhandenes, bewegliches Capital und verwechseln gar oft den Umsatz, d e n C r e d i t d e s E i n z e l n e n mit seinem eigenen, wirklichen Betriebscapital. Deshalb kommt es uns vor, daß unsere Juden ein fabelhaftes Vermögen besitzen, während in Wirklichkeit selbst die Reichsten unter ihnen nichts weiter als unbedeutende kleine Händler mit klingender Münze neben unseren großen Grundh e r r e n find. Alle Wege, die zu auszeichnender Thätigkeit führen, sind den Juden abgesperrt, alle Ehrungen und Anerkennungsbezeugungen für Genieinwohl — Leistungen existiren nicht für die Juden, sie haben weder Anrecht auf öffentliche Aemter, noch auf Ehrenstellen, wir haben sie mit Unehren überhäuft, wir haben ihnen Alles verboten, nur Eines nicht: Kreuzer und Münzen beiseite zu legen, zu sparen; denn was man auch über den Besitz des Juden sagen mag, er reprüsentirt doch nur die Frucht seines Fleißes und seiner Fähigkeit, sich Entbehrungen aufzuerlegen? Von welchem Lande spricht da Kogalniceanu? Von Rumänien oder von dem alten Reichs- und Verfassungsstaate Oesterreich, wo die Juden angeblich schon seit einem halben Jahrhundert emancipirt sind? Wie verächtlich rümpfen wir doch die Nase über die „Culturtünche" des Orients, und wie sehr stecken wir noch tief drinnen in der Barbarei des Ostens! Einen tiefen völkerpsychologischen Blick bekundet auch Kogalniceanu, wenn er weiter sagt: „Das Unrecht, das wir au den Juden begehen, steht nicht bei uns vereinzelt da; es wird überall geübt, wo es Unterdrücker und Unterdrückte gibt; so schieben im türkischen Reich die Türken, wie wir es mit den Juden thun, alle möglichen Laster den dort wohnenden Andersgläubigen zu; in Griechenland thun es so die Griechen mit den Türken und nicht besser machen es Chinesen und Japanesen unter einander. Genau betrachtet, sind aber diese Laster bei weitem nicht so schlimm, als man sie schildert, und wenn wir zur Nutzan- , Wendung kommen, verwechseln wir die Ursache mit der Wirkung; denn es steht fest und ist so uralt wie die Welt selbst, daß nicht das Vorhandensein von Lastern Ursache zu Verfolgungen bietet, sondern daß immer Verfolgungen Laster gezeitigt haben." Das sind goldene Wahrheiten, die auch für uns gelten. Und wer Oesterreich nicht vcm Standpunkte einer Partei/