Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 21 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 426 Nr. 21 Dr. Vloch's Wochenschrift beraubender Weise zu präteriren; es verhindert ihn nicht, öffentlich zu betheuern, daß kein jüdischer Lehrer mehr in Wien angestellt werden dürse; es verhindert ihn nicht, arme jüdische Hausirer und Dienstmäuner um ihr Brod zu bringen. All' das geschieht, obwohl Dr. Carl Lueger den Eid aus die Staatsgrundgesetze geleistet hat, welche die volle confessionelle Gleichberechtigung gewährleisten, und obwohl die Regierung berechtigt und verpflichtet wäre, Beschlüsse der Communalvertretung, welche gegen die bestehenden Gesetze verstoßen, außer Kraft zu setzen. Die Minister, der Statthalter, die Gesetze werden offen verhöhnt und Niemand schreitet ein. Es handelt sich ja nur um — Juden! Nur um Juden? Nein und tausendmal nein! Es handelt sich auch um das arme christliche Volk, um Cultur und Humanität, um den geistigen und materiellen Fortschritt und damit um Ehre, Ansehen und Macht des Staates. Seit die antisemitische Mehrheit die Herrschaft im Wiener. Rathhause ange- , treten hat, zeigt unser öffentliches Leben die Spuren vandalischer Verwüstung. Der Rettungsgesellschaft, dem Volksbildungsverein, dem Wiener Wärmestube»- und Wohlthätigkeitsvereiue, einer Reihe von Unterstützungsvereinen, kurz gesagt, allen wirklichen Humanitätsanstalten hat man die bisherigen Subventionen verweigert; dagegen hat man nationalen und clericalen Hetzvereinen wie der „Südmark" und dem Katholischen Schulverein hohe Jahresbeiträge bewilligt und selbst der Ausstellung für Luxushunde einen Ehrenpreis von 50 fl. gewährt. Die armen Witwen, Waisen und Kranken läßt man hungern und schmachten, der Volksbildung erklärt man den Krieg, aber für die — Hunde sorgt man väterlich. Das ist die „christliche" Nächstenliebe des Dr. Lueger. Auch das „christliche Volk" wird belogen und betrogen. Mit den jüdischen Millionären macht man Geschäfte, die jüdischen Reichen ladet man zum Balle der Stadt Wien, die einträglichen Arbeiten vergibt man an ausländische Firmen — so sieht der Kampf Dr. Lueger's gegen das Großcapital und seine Sorge für das Kleingewerbe aus. Auf der anderen Seite aber schanzt er seinen Freunden und Mithelfern fette Aemter und Pfründen zu, Herr T o m o l a wird Bürgerschuldirector, Dr. Porz er städtischer Rechtsconsulent in Gasangelegenheiten, Herr Axmann Secretär der Franz.Josefs-Stiftung, Pater L a t s ch k a Pfarrer von Ottakring. Corruption, Ausbeutung, Protection, Nepotismus an allen Ecken und Enden! Und noch immer läßt der Mann auf sich warten, der angesichts dieser Schandwirthschaft ein donnerndes: „Wie lange noch!" riefe. Noch immer liegt eine dumpfe, bleierne Trägheit auf Regierung und Volk, statt daß von oben und unten zugleich sich die Frage erheben würde, was aus dieser schönen Stadt, was aus Staat und Gesellschaft werden soll, wenn man den Convent im Rathhause noch länger gewähren läßt, wenn der Catilina von Wien seine schmutzige und nichtsnutzige Agitation noch weiterhin unbehindert betreibt. Lug und Trug, Heuchelei und Verrath, Corruption und Brutalität vergiften die Seele des Volkes und dringen wie zerstörende Lauge in alle Zweige des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens. Der Proceß der Zersetzung und Auflösung hat bereits Dimensionen angenommen, die eine ernste Gefahr für die Grundlage des alten, ruhmreichen Habsburgerreiches bilden. Und noch immer will man nicht sehen und hören, noch immer läßt man sich von Catilina und seiner Schwefelbande terrorisiren. Wann wird unserem armen Volke, wann wird unseren Staatsmännern die Erleuchtung kommen? Möge das alte Schicksalswort Oesterreichs nicht auch hier eintreffeu, das traurige, verhängnißvolle Wort: „Zu spät!" Das Katzenbyckeln vor dem Grafen Badem. Während das Parlament sich im vollen Aufruhr befindet, an jedem Sitzungstag dichte Gruppen die Ministerbank umdrängen und Angehörige aller Parteien die geballten Fäuste dem Grafen B a d e n i und feinen Collegen entgegenschütteln, gibt es im rühmenden Gegensatz zu den übrigen Parteien zwei zufriedene Parteien: Die zufriedenen Antisemiten. Die zufriedenen Juden. Wie es bei den Antisemiten steht, ob die Masse der Wählerschaften mit der officiellen Zufriedenheit der Luegers und der Stojalowskis übereinstimmt, der agitatorischen Raubthiere, welche die eiserne Hand des gräflichen Thierbändigers dreffirt hat, das bleibe dahingestellt. Darüber brauchen wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen- Thatsacheist es,daß die Luegerund Stojalowski es gelernt haben, durch den Reifen des Grafen Baoeni zu springen, die Sprachenverordnungen zu apportiren und ähnliche, im parlamentarischen Majoritätscircus von ihnen geleistete Kunststückchen regelrecht auszuführen. Die wilden Oppofitionsmänner sind, sei es um. den Preis einer goldenen Kerte, sei es für die Kosten einer Romreise, zahm geworden. Wie die antisemitischen Wähler über den Schacher denken, den ihre Führer mit abgelegten Ueberzeugungshosen, mit übertragenen Principienstiefeln sich angelegen sein lassen, das bleibt abzuwarten. Thatsache:Die officiellen Antisemiten sind zufrieden. Und wie steht es bei den Juden? Auch hier läßt sich dieselbe Erscheinung wahrnrhmen. Die officiellen Juden sind zufrieden, das heißt jene Juden, die Graf Baden! als Repräsentanten ihres Stammes ausgewählt und mittelst lieblicher Kniffe durchgesetzt hat. Die officiellen Juden, die Hausjuden des Grafen Badeni, sind Herr Dr. B y k und Genossen. Ueber die Oppositionslust dieser seiner Hausjuden braucht sich der Premierminister nicht zu beklagen. Herr Byk schwimmt in Wonne und Zufriedenheit. Die übrigen Schutzjudcn des Polenclubs desgleichen. Sie wetteifern im Katzenbyckeln vor dem Grafen Dadeni. Wenn es allen Volksstämmen Oesterreichs unter dieser Regierung schlecht geht, wenn die Vertreter aller Parteien sich im Widerstand gegen das Regime Badeni einigen, die Juden haben dazu keinen Grund, den Juden geht es ausgezeichnet. Nicht nur, daß im Allgemeinen seit dem Beginne der glorreichen Aera von Bnsk die Staatsgrundgesetze durchgeführt, alltäglich jüdische Landesgerichtsräthe und antisemitische Uebergriffe zurückgewiesen wurden; es kam noch viel besser: Das Regime Badeni hat den Juden sogar reizende kleine Ueberraschungen gebracht, Ueberraschungen, deren sich andere Consessionen nicht rühmen können, Ueberraschungen, die sie vielleicht dem Einflüsse der officiellen Juden danken, Ueberraschungen, wie die von Chodorow. Die Geschichte von Chodorow haben wir vergangene Woche hier erzählt. Wir haben den neugierigen Herrn Pattai gebührend gekennzeichnet und haben in aller Demuth die bescheidene Frage aufgeworfen, wieso es kommt, daß die Ermordung eines jüdischen Bürgers, todtliche Verletzungen, Raub und Plünderung jüdischen Eigenthums nur einen Antisemiten in der Richtung intereffiren, daß er eine jesuitisch verdrehte Anfrage an die Regierung richtete. Unsere Neugierde ist befriedigt. In einem hiesigen Montagsblatt wird recht deutlich gesagt, wieso es kommt, daß, während Juden ganz oder halbtodt geschlagen werden, ihre ihnen vom Grasen Badeni aufoctroyirten officiellen Vertreter Arm im Arm mit Stojalowski und Lueger zu den getreuesten Stützen einer Regierung gehören, deren Organe es ruhig zulassen, daß unter ihren Augen solche Greuel verübt werden. Die „Neue Freie Montagspresse" schreibt in einem Aussatze, der sich mit den Geheimnissen der Couloirs beschäftigt: In der vorwöchentlichen Nummer der „Zeit" erschien ein Artikel über die Chodorower Judenkrawalle und der Autor detzseben unternahm Schritte, um die jüdischen Mitglieder des Polenclubs zu veranlassen, eine Interpellation hierüber einzubringen. Er ging so weit, ihnen eine fertig verfaßte Interpellation einzuhändigen. Es war köstlich, zuzuschauen, wie diese Herren hin- und herberiethen, die Interpellation dem Obmanne des Polenclubs, Ritter v. Jaworski, vorlegten und dann wieder beriethen, wie man derselben ausweichen könnte. Ja, wenn die polnischen Abgeordneten jüdischer Confession als Mitglieder derRegierungsmehrheit Ananas essen wollen, ist es begreiflich, daß sich ihreWähler mit Disteln begnügen müssen. Diesen Worten ist nichts, rein gar nichts beizufügen, Graf Badeni hat gewußt, warum er die Wiederwahl des Dr. Bloch verhinderte, warum er plötzlich die Herren Byck und Consorten als die officiellen Vertreter des Judenthums proclamirte. l Katzenbyckelnde Hausjuden sind den Grafen Badeni lieber als! steisnackige Oppofitionsmänner.