Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 21 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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&t. 21. Dr- Bloch’s Jahrs«,« xiv. Centralorgsn für die gefammten Interesten des Iudenthums. . } N. ft. postsxarftassen-Ilmr E - 3 k-*1 Sejugaurefa für Arstrrrrtch: . Clearing verkehr Wien. 21. Mai 1897. Halbjährig 4(1. 8 Kr. Nr. 610.976. Nrdartion und Administration: -- Einzelexemplare 35 kr. lür’a Äuatanb: Wien 11., JHnirrt Nugn» Lenpra str 1». Erscheint jeden Freitag. -M- —l- - halbjährig 5 fl. 10 Kr. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Telephon - Nr. 6535. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Petitzeile 13 kr. Telegramm-Adresse: Blocht Wochenschrift Wien. Inhalt: Leitartikel: Die Wiener Gewaltherrschaft. — Das Katzenbuckeln vor dem Grafen Badeni. — Ein rumänischer Patriot über die Judenfrage. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Feriencolonie für jüdische Waisen. „Nahida*. Professor Dr. Anton Ohorn. Otto Roquette und die russischen Juden. Max Liebermann auf der Berliner Kunstausstellung. Zur Charakteristik des Abgeordneten Dr. Zimmermann. Der Bauer vor Gericht. Max Nordau. Wieder Einer. — Die Juden und die neuen Steuern. — Geschichte der Juden in Oedenburg. — Correspondenzen: Wien, Preßburg, Budapest, RoZnau, Prag, Czernowltz, Lemberg, Krakau, Berlin, Gießen. Danzig,- Bad Königsdorf in Schlesien, Braila, Petersburg, Liberias, Jaffa, New-Aork. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Mödling, Ung.-Hadrisch, Ottynia, Proßnitz, Jezierna, Koste!, Stanislau, Leitmeritz, Sniatyn, Berlin. — Feuilleton: Der Gefangene von Sebastopol. — Briefkasten. — Inserate. Die Wiener Gewaltherrschaft. Als im alten Rom der Glücksritter Catilina alle verbrecherischen Jnstincte gegen die bestehende staatliche Ordnung, gegen Recht und Gesetz aufstachelte, hielt Cicero im Senate jene gewaltige Rede, die mit den berühmten Worten begann: „Wie lange noch, o Catilina, willst Du unsere Geduld mißbrauchen?" Und dieses donnernde „Wie lange noch?" fand seinen Wieder- -hall bei den Hohen und Niedrigen, bei den Lenkern des Staates und in der großen öffentlichen Meinung, und ein Sturm erhob sich, der dem frevlerischen Gesellen mit seiner Bande von Tagedieben, Blutsaugern und Abenteurern über Nacht hinwegfegte. An die Spitze der österreichischen Reichshaupt- und Residenzstadt wurde ein Catilina gestellt. Die Vergangenheit dieses Menschen ist eine einzige Kette von Lüge, Volksbetrug und Verrath. Sein Anhang besteht aus dem Abschaum der bürgerlichen Gesellschaft, aus Stellen- und Aemterjägern, die nichts zu verlieren und Alles zu gewinnen haben, die solange gegen Recht und Gesetz gejohlt und gewühlt haben, bis man sie selbst zu Hütern des Rechtes machte und ihnen die Klinke der Gesetzgebung anvertraute. Vergebens aber schauen wir nach einem Cicero aus, der dieses elende Geschmeiß in sein Mchts zurückschleudert. Als Dr. Carl Lueger sein Bürgermeisteramt antrat, da erklärte er feierlich, daß er das Wörtchen „Haß" aus seinem Wörterbuche gestrichen habe. Wie Alles, was dieser Mann in seinem wandelreichen politischen Leben gesprochen und gethan, so war auch diese Erklärung eine nichtswürdige Heuchelei. Nach wie vor ist der Haß das Lebenselement des derzeitigen Oberhauptes der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, nach wie vor ist all' sein Sinnen und Trachten nur aus die Erregung der brutalsten Jnstincte der Massen, auf die Verhöhnung der staatlichen Gewalt, auf die Unterwühlung von Recht und Gesetz gerichtet. Von dem Gebote der Menschlichkeit, von der Erfassung der socialen Pflichten, welche einem Gemeinwesen wie der Stadt Wien obliegen, wollen wir gar nicht sprechen. Dr. L u e g e r ist ja die Jncarnativn jenes jesuitischen, von einem seiner pfäffischen Satelliten verkündeten Grundsatzes, daß die Nächstenliebe bei sich selbst anfange. Wenn sich in der ersten Stadt des Reiches ein Regime etablirt, welches die Gesetze des Staates und die gesellschaftliche Ordnung Tag für Tag mit Füßen tritt, welches, statt seinen rein administrativen Pflichten zu entsprechen, die Rolle eines Conventes spielt, der alle verantwortlichen Factoren des öffentlichen Lebens terrorisirt, dann ist das eine Erscheinung, die in unseren leitenden Kreisen doch etwas ernster gewürdigt werden müßte, als dies thatsächlich geschieht. Ob das antisemitische Regime im Rathhause wirklich eine Schreckensherrschaft aufgerichtet hat, der sich Alles beugen muß? Sehen wir einmal zu! Bor wenigen Wochen, am Abende nach der Landtagswahl, durchzog ein Haufen verbrecherischer Schurken die Straßen der Leopoldstadt, mißhandelte ruhige Bürger und plünderte die Läden ftiedlicher jüdischer Geschäftsleute. Das waren die Früchte der von Herrn Lueger betriebenen jahrelangen Agitation. Wenige Tage darauf wurde Dr. Lueger Bürgermeister von Wien und als solcher hielt er vorige Woche in einer Leopoldstädter Wählerversammlung eine Rede, in der er wörtlich sagte: „Ich werde den Antisemiten deshalb, weil sie agitiren, gewiß nichts thun, auch Graf Badeni wird ihnen nichts thun. Und der Statthalter? Der Statthalter hat bei meiner Beeidigung eine Rede gehalten, die ich, wenn ich Statthalter wäre, auch nicht anders zu Stande gebracht hätte. Gefahr ist also in keiner Weise vorhanden." Was heißt das? Die Versicherung, daß eine in gesetzlichen Bahnen sich bewegende Agitation ungefährlich sei, ist doch gewiß überflüssig. Wenn nun Herr Dr. Lueger ausdrücklich versichert, daß seinem Anhang keinerlei Gefahr drohe, so kann er damit nur eine solche Agitation meinen, die über das gesetzliche Maß hinausschreitet. Hält man mit dieser Aeußernng die jüngsten Ausschreitungen in der Leopoldstadt zusammen, dann erschließt sich erst der tiefe Sinn dieser Rede des ersten Würdenträgers der Stadt. Und nicht nur für seine Person, sondern auch für jene des Ministerpräsidenten und des Statthalters sichert Dr. Lueger dem antisemitischen Janhagel Straflosigkeit zu. Wehe dem Staate, in welchem ein solcher Mißbrauch mit der Autorität der obersten Staatsfunctionäre möglich ist! Daß es aber möglich geworden ist, daß der Bürgermeister Wiens von seinem curulischen Stuhle herabsteigen und „das christliche Volk" in solcher Weise a^freizen kann, das ist die unausweichliche Consequenz der beispiellosen Schwäche und Nachsicht, die man in jeder Beziehung gegen diese catilinarische Existenz übt. Das Versprechen, gerecht imd objectiv seines Amtes zu walten, hat den derzeitigen Bürgermeister Wiens nicht gehindert, den Beschluß des Stadtrathes, durch welchen armen jüdischen Gymnasiasten die Bitte der Schulgeldbefreiung verweigert wurde, in Vollzug zu fetzen; es hat ihn nicht verhindert, verdienstvolle jüdische Magistratsbeamte, nur deshalb, weil sie Juden find, in