Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021189--06750-3031045- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 20 Dr. VloEs Wvchrnphrifi Seite 423 Strafkburg, 1. Mai. Jni i s r a e l i t i s ch e n S p it a l in Straßburg haben die Aerzte ihre Thätigkeit eingestellt weil die Verwaltung auf Kosten der Kranken sparen wollte. Stuttgart, 4. Mai. Seine Majestät der König hat dem württembergischen Staatsangehörigen Samuel Kochert h a l e r. Mitinhaber der Firma Levi und Kocherthaler in Madrid, die nachgesuchte Erlaubniß zur Annahme und Anlegung des von der Königin-Regentin von Spanien ihnl verliehenen Militärverdienstordens 1. Classe ertheilt. Berlin, 2. Mai. Ihre Majestät die Kaiserin hat dem in Pankow gelegenen K n a b e n - E r z i e h u n g shaus der hiesigen jüdischen Gemeinde ein Gnadengeschenk von 3000 Mark zugehen lassen. Breslau, 2. Mai. Herr Professor Dr. I. R o s a n e s ist zum G e h e i m e n R e g i e r u n g s r a t h ernannt Wörden. Rom, 30. April. In unser Parlament sind zwölf jüdische Abgeordnete gewählt worden: Schatzminister Luzzati, R. Jacur, ehemaliger Unterstaatssecretär, R. Wollemberg, Weill - Weiß, Pavia Marpurgo, Riccardo Luzzatti, Melli, Attilio Luzzatti, Franchetti, Barzilai, E. Modiglian. Petersburg, 30. April. Die Ernennung des Doctor Leo Berthenson zum Leibarzte des Czaren erregt hier großes Aufsehen, weil Berthenson jüdischer Abkunft ist und Alex a n d e r HI. aus diesem Grunde die wiederholt vorgeschlagene Ernennung immer refusirt hatte. Feuilleton. Der Gefangene von Sebastopol. Bon S. Gordon. Er — Salomon. nämlich — war das Orakel des Ortes. Seine Autorität in Politik, Kunst, Wissenschaft und allen anderen Dingen, welche diese und die andere Welt mehr oder weniger berühren, war unbestritten. Am Sabbath ertheilte er von Mittag an bis zum Nachmittagsgvttesdienste von seinem Sitze aus Consultationen und verkündete seine Offenbarungell. Die Familienhäupter, welche zu den Habitues des kleinen Gotteshauses gehörten, pflegten ihm mit offenem Munde und mit offenen Ohren zuzuhören; wenn aber gelegentlich ein zufälliger Gast, welcher Salomon's Größe nicht kannte, einen Einwurf wagte, so öffneten sich die Schleusen von Salomon's Weisheit und sein Wissen ergoß sich wie ein Strom über den kühnen Frager und verhöhnte seine Ansicht in einem Strudel sinnverwirrender Belehrung. Ich war vielleicht der Einzige in seiner Zuhörerschaft, der wußte, was für ein Aufschneider der alte Salomon war; ich wußte wenigstens, daß das, was die Anderen für die Aeußerungen einer mühsam erworbenen Weltweisheit hielten, die willkürliche Eingebung des Augenblicks war. Salomon hatte eine lebhafte Einbildungskraft; nur diese konnte die Verdrehungen in der natürlichen Ordnung der Dinge erklären, deren er sich schuldig machte — die Bündnisse feindlicher Dynastien, die Versetzung gewaltiger Gebiete, welche alle unsere überkommenen Begriffe von der Geographie Lügen straften — Reformpläne, die in Kurzem die Erde zu einem Paradiese machen würden. Doch war er sehr amüsant und verlieh den sonst schläfrigen und langweiligen Sabbathnachmittagen einen ausgesprochenen Reiz. Er war der Schammes der kleinen Gemeinde und verkaufte in profanen Stunden Lose. In seinen Mußestunden schrieb er Mesuses. Er war auch — aus irgend einem geheimnißvollen Grunde — der beste Schofarbläser an den hohen Feiertagen und der Ruhm seiner Fertigkeit auf diesem Gebiete schaffte ihm viele Schüler. Sonst war er ein alleinstehender Mann, ohne Blutsverwandte in London. Doch schien ihm durchaus Niemand zu fehlen, denn er wirthschaftete sehr gut auf eigene Faust, kaufte selbst seinen Proviant ein und hielt selbst Haus — in einem einzigen Zimmer, und Niemand, der die untersetzte, stämmige Gestalt mit dem schwarzen Bart sah, würde geglaubt haben, daß sie einem Sechziger gehört. Ich hatte Salomon sich wie einen Halbgott geberden sehen und war sehr neugierig, ihn als Menschen kennen zu lernen. Jeder Zug seines Gesichtes trug den Stempel einer starken Individualität, so daß mau ihre Derbheit übersah, und der Ausdruck desselben war nicht in der Elementarschule des Trübfals erworben. Er schien eine jener Lehren empfangen zu haben, welche einem Menschen für sein ganzes Leben seinen Charakter verleihen. Wenn dies uro Bermutbung von meiner Seite war, so veranlaßte mich vielleicht seine gewohnte Schweigsamkeit über seine Person, seine Vergangenheit mit Schatten cluszusüllen. Doch gab ich es nicht auf, dieses sechzigjährige Räthsel einmal zu lösen. Eines Sabbathnachmittags fand ich ihn in einsamer Größe aus seinem Sitze. Er erklärte mir, daß in dem Hause Stocklinski's, des Gemeindecassiers, ein fteudiges Ereigniß stattgefunden habe, und daß ein Auszug en mas8e nach Stummer 2 in der Pennystraße stattgesunden habe, aus Freundschaft für den Neuankömmling und die dafür verantwortlichen beiden Leutchen. Salomon und der Cassier lebten in beständiger Fehde miteinander, weil der Letztere darauf bestano, die Quittungen mit seiner Gegenzeichnung zu versehen, was Salomon für einen Zweifel an seiner Vertrauenswürdigkeit hielt. Ich segnete Stocklinski für seine Schreiblust, weil sie mir endlich eine Gelegenheit zu einem ruhigen töte-L-tete mit Salomon gab. »Es überrascht mich, zu sehen, wie Ihr Eure Betgäste foppt, Salomon", begann ich gerade heraus; „wenn sie Euch einmal darauf kommen, so seid Ihr sofort entlassen." Er lachte, daß alle seine starken, gesunden Zähne sichtbar wurden. „Die Schassköpfe", sagte er verächtlich in seiner eigenthümlichen Sprache, die zur Hälfte englisch, zur anderen Hälfte alles Mögliche war; „sie wissen, daß sie Hände und Füße haben, sonst nichts. Ist es nicht in der ganzen Welt so? Wenn man lügt und dabei nur ein ernstes Gesicht macht, so kommt Einem nicht einmal der Prophet Elijah daraus — und unsere Gemeinde ist keine Gemeinde von Propheten." „Ja, Salomon", antwortete ich, „ich selbst Hab' auch nicht viel von einem Propheten an mir, doch weiß ich, wenn man mich täuscht, und das sollte Euch doch die Freude an Euren Erfindungen verderben." „Du beurtheilst mich falsch, mein Sohn, wenn Du denkst, daß ich aus bloßer Freude an der Unwahrheit lüge", sagte er. „Kann es nicht in dem Leben eines Mannes eine bittere Wahrheit, eine traurige Wirklichkeit geben, die zu vergessen er in einer Welt von Träumen und Phantasien verweilt? Und wenn er andere betrügt, so übt er sich dabei vielleicht nur darin, wie er sich wohl am besten selbst bettügen könnte." Eine Pause trat ein; ich fühlte den Verweis des alten Mannes heraus, aber ich fühlte' auch, daß er keine Bosheit enthielt — nur Kummer, unendlichen Kummer, wie ihn meine Bemerkung auch wenn seine Natur die empfindlichste von der Welt gewesen wäre, nicht hervorgerufen haben konnte. „Man sagt, daß Ihr in Sebastopol gefangen genommen worden seid —" begann ich wieder. „Das ist wahr", unterbrach er mich „Ich bin als Gast der Königin herübergekommen — sie sandte mir eine Einladung durch dreißigtausend Mann, einige Generäle darunter — und dessen kann sich kein Fremder hier rühmen." Und er lachte über seine eigene curiose Auffassung von der Sache. Ich zitterte vor Auftegung. Da war ein Mann, der Tod und Zerstörung im Großen vor sich gesehen, der mit seinem Leib und Leben gespielt und all das überlebt hatte, um die Mähr zu verkünden. Ich war jung, und so fühtte ich denn den mächtigen Zauber des Mannes, der so leidenschaftslos von einer Wirklichkeit sprechen konnte, deren bloße Vorstellung meine Nerven in Schwingungen versetzte. „Ihr wurdet gefangen genommen und nach Plymouth gebracht", fuhr ich fort, um das Thema auf dem Tapet zu erhalten. Salomon hatte die Gewohnheit, gerade den springenden Punkt zu umgehen. „Wie ist Einem zumuthe, wenn man im Kriege gefangen genommen wird?" Sein Auge zeigte auf einmal einen träumerischen Blick. „Jawohl, ich war tapfer in jenen Tagen", sagte er langsam — „sehr tapfer; aber freilich lag mir nichts daran, was aus mir werden mochte, und es ist vielleicht ein Leichtes, tapfer zu sein, wenn Einem so zumuthe ist." Plötzlich besann er sich und fuhr mit einem kurzen Lachen fort: „Ah, Du willst wissen, wie ich gefangen wurde?