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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-14 · 20 (14.5.1897) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
20 (14.5.1897)
Date
1897-05-14
Page
– (sequence 20)
Language
German
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i Seite 424 Vr. Vlortz's Wortzrnfchrtst Nr. 20 Ach, alle kleinen Kinder kennen ja die Geschichte; ich Hab' I sie viel hundertmal erzählt. Nun denn, ich war in der südlichen Vorstadt stationirt — ich glaube, sie neunen sie Karnbelnaya. Ich weiß nicht warum, aber die Feinde schienen es ganz besonders auf uns abgesehen zu haben, denn hier waren ihre Kanonen der Stadtmauer am nächsten — es waren häßliche eiserne Bestien mit unverschämt zudringlichen Schnauzen. Manchmal litten sie an einem Katarrh, da niesten sie Kanonenkugeln und husteten Feuerwolken, bis ich glaubte, es wäre noch einmal Sodom und Gomorrha, nur daß es den Gerechten nicht bester erging als den Sündern. Täglich kamen die verfluchten Dinger näher und näher, bis wir kaum mehr Raum zum Athmen übrig hatten. Ich diente in Poniatowski's Regiment — ein Volk von Waghälsen und Spitzbuben, die einander die Stiefel von den Füßen stahlen und sie fraßen. Ich sag' Euch, in jenen Tagen, nachdem der Talg zu Ende gegangen, war Leder eine Delicatesse. Das Messer stand uns an der Kehle, und Verkost, unser Oberst, ging umher wie ein Hund mit verbrühtem Schweis. „Kinder", sagte er eines Tages, „seht Ihr jenen Pulverthurm?" Wir sahen 7hn deutlich; seit Monaten waren wir mit seinem Anblick vertraut. Es war das Haupt-Mnuitiouslager des Feindes, und Fässer um Fässer des tödtlichen Zeugs waren darin. „Nun denn", fuhr Kerkoff fort, „ich brauche Einen, der ihn in die Luft sprengt; ein Einziger kann es thun, aber der wird nachher zu nichts anderem mehr zu gebrauchen sein. Das wird uns eine Frist geben, bevor sie neue Borräthe bringen, und inzwischen können wir vielleicht durchbrechen. Wer meldet sich fteiwillig? Da wußten wir es, daß einer von uns in den Tod gehen mußte. Wenn sich keiner fteiwillig meldete, so würde das Los entscheiden. Daher trat ich vor — idj fürchtete, daß das Los mich nicht treffen würdet „Ihr habt euch freiwillig gemeldet, Salomon?" unterbrach ich ihn erregt. „Und zum sicheren Tod? Was fiel euch ein?" „Was mir einfiel?" wiederholte er mit der Eigenthümlichkeit unseres Volkes. „Das Leben hatte für mich keinen Zweck, die Kugeln aber wichen mir aus, trotzdem sie rechts und links einfchlugen; und wenn man es müde wird, aus eine Sache zu warten, so sucht man sie auf." Er brach ab und wieder hatte sein Auge den träumerisch in die Ferne gerichteten Blicks Ich bedauerte ihn im Stillen. Mehr konnte ich nicht thnn, denn es ist anmaßend, Jemanden trösten zu wollen, wenn er das Geheimniß seines Kummers nicht preisgeben will. „Und doch seid ihr davon gekommen!" sagte ich, um ihn aus seiner Träumerei zu wecken. „Wie ist das zugegangen?" „Wie das zugegangen ist?" wiederholte er, indem er langsam aufblickte, k „Genau weiß ich es nicht mehr, ich bin ein alter Mann und es ist lange her. Aber ich erinnere mich, wie ich durch die Gräben kroch, Zündschnur und Feuerzeug in der Hand, als ich plötzlich eine Hand an meinem Halse spürte und ein junger englischer Osficier, ein Riese wie Og, König von Baschan, auf mich niedersah. „Was machst Du da?" fragte er auf russisch. Ich konnte nicht antworten, weil er mich so fest gepackt hatte; daher zeigte ich ihm die Zündschnur und das Feuerzeug und wies mit dem Finger auf das Pulvermagazin. „So, so", sagte er; „Du wolltest uns in diejLuft sprengen, nicht wahr? Du bist sehr ehrgeizig, aber das kostet Dich das Leben". Und er riß den Revolver heraus. „Uebrigens will ich Dir einen Ausweg lassen — willst Du sterben oder Dich ergeben?" Und wie er so dastand, den langen Lauf des Revolvers gegen meine Brust gerichtet, erinnerte ich mich des Rabbi Nathan iit der Talmudschule, der einst mit dem Stocke drohend vor mir stand, weil ich meine Lection nicht wußte, und die Lection war ein Satz aus der Mischnah: Wenn Jemand sich tödten läßt, ohne daß es für Gott und die Thora geschieht, so ist es, als hätte er sich selbst getödtet, und das Blut kommt auf sein Haupt. Wer sich aber selbst tödtet, kommt ins Gehinnom, wo er aus Feuergluten in eiskaltes Wasser kommt und wieder zurück, und so fort in alle Ewigkeit. Aber daraus machte' ich mir nichts, denn ich hatte mich in den letzten drei Monaten der Belagerung ans Gehinnom gewöhnt; beim Löschen der brennenden Gebäude wurde ich oft verbrannt bis aus die Knochen, und in der Nacht, wenn ich Wachtposten stand, wurde ich wie von Fieberfrost gechütteli. Dus Alles ging mir ein ein Blitz durch den Kopf. „Dann will ich sterben", sagte ich, der Officier sah überrascht auf. „Wahrhaftig Du bist der erste Mensch, der mich bittet, ihm eine "Kugel durch den Kopf zu jagen; wenn ich das gerne thäte, hätte ich Dir keine Wahl gelassen. .Aber ich will keinen Mord begehen, um einem Russen einen Gefallen zu erweisen, nicht einmal, wenn er so tapfer ist wie Du". „Aber ich bin ein Jude", sagte ich, um ihn zu reizen. Er lachte. „Das ist nach unseren Begriffen einerlei. Ich werde sagen, Du seiest ein Deserteur, so kommst Du davon". Dann rief er die Wache. Das Uebrige ist Dir bekannt. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. S—i. Den Segensspruch, der beim Anblick eines gekrönten Hauptes zu sprechen ist, finden Sie in jedem Gebetbuche. N. M—es. Hoffentlich wird dem im II. Bezirke, Haidgasse 12, unter dem Namen Friedrich Grill etablirten Vogelhändler, nachdem ein Wa^ymann den Fall zur Anzeige gebracht, die Lust zu weiteren antisemitischen Rohheiten vertrieben werden. M. M. H. Was nützt es, wenn man immer wieder auf die Thatsache hinweist, daß die Juden in Gal-zien die schwersten Arbeiten verrichten, die Antisemiten werden doch immer Meder ihre Lügen wiederholen. F. I. G. Wir danken für Ihre freundliche Zuschrift, aber es fehlt jeder Anhaltspunkt für die Feststellung der Identität. Dorna-Warta. Zur Beantwortung dieser mercantilischen Frage fühlen wir uns wirklich im höchsten Maße incompetent. CH. D—r. Ihre Verse können nicht veröffentlicht werden. Und zwar Ihnen zu Liebe. L. O. Paul H ey s e stammt mütterlicherseits von — Juden ab. Dr. V. S. Im „Deutschen Volleblatt" wurde Sanders so lange gefeiert, bis dem Blatte seine Abstammung bekannt wurde. F. H. Dr. Lueger war es, der da sagte: „Nur ein böser Mensch oder ein Dummkops kann Antisemit werden." Wo er Recht hat, hat er Recht. D. K. in Wien, XL : Wenden Sie sich au den Verein „Zion", Wien, II., Nembrandtstraße Nr. 11. Josef Sachs, Wien IV.: Abonnementbetrag dankend erhalten und bis 30. October eingetragen. H. L-.: 62 Jahre. Wien. (Gisela-Verein zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen.) In der Reihe der heimischen Versicherungsgesellschaften nimmt der Gisela-Verein bereits seit Jahren einen hervorragenden Platz ein. Seine Bilanz pro 1896 erweist, daß er sich zunehmender Prosperität erfreut und auf dem Gebiete der Aussteuerversicherung allein bedeutsamere Resultate erzielt, als die »leisten Gesellschaften nach allen möglichen Combinationen der Lebens- und Erlebensversicherltng zusam mengenom m e n. Wir wollen hier die wichligsten Positionen des Jahres 1895 und 1896 einander gegenüberstellen. Neuzugang an Versicherungscapital 1895 17.935 Polizzen mit 11,409.322 fl. Versicherungscapital; 1896 — 18.961 Polizzen mit 11,429.145 fl. Versicherungscapital. — Versicherungsstock am 31. December 1895, 61.877 Polizzen mit 39,998.064 fl. Versicherungscapital; am 31. December 1896, 72443 Polizzen mit 46.458.297 fl. Versicherungscapital. Prämieneinnahmen : 1895 1,928.949 fl., 1896 2,302.712 fl. Zinseneinnahmen: 1895 240.433 fl., 1896 291.018. fl; Gebühreneiunahmen: 1895 41.997 fl., 1896 45.354 sl. Stand sämmtlicher Reservefonde nach der Bilanz pro 1895: 7,001.330 fl., nach der Bilanz pro 1896: 8,966.866 fl. 15 kr. Für Fälligkeiten und Schadenzahlungen wurden im Berichtjahre 246.968 fl. verausgabt, lvährend den Versicherten baar und durch Erhöhung der Versicherungssummen 81.061 fl. als Dividende zugeführt wurden. Das Verhältniß der Regiespesen zur Prämieneinnahme ist ein sehr günstiges, und so schließt denn auch die Bilanz mit einem Ueberschusse von 107.000 fl., nachdem in den Activen keinerlei Amortisationsposten, wie ungetilgte Provisions- oder Organisationskosten existiren. Dieser Reingewinn wird unmittelbar und mittelbar ausschließlich im Interesse der Versicherten verwendet, indem er zur Dividendenvertheilnng und Erhöhung verschiedener Fonde dient. .Eine humanitäre Thätigkeit entfaltet der Verein durch den Fond zur Ausstattung armer Mädchen, aus welchem 1896 — 76 Bräute Heiratsstipendien in der Summe von 7090 fl. empfinge». Neben diesem Fonde, welcher derzeit über 83.635 fl. verfügt, besteht auch ein Pensionssond für die Beamten, der in 7 Jahren ein Vermögen von 68.000 fl. angesammelt hat. Herausgeber u. verantw. Redacteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien. VIII., Lercheufelderstr. 46.

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