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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-14 · 20 (14.5.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
20 (14.5.1897)
Date
1897-05-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 412 Br. Vloch's Wochrntchrifl. Nr. 20 Hier muß bemerkt werden, daß der Verfasser der Hagahoth als Säule der Orthodoxie und Schöpfer des ganzen jetzigen cvnservativen Judenthumes in Holland bekannt ist, dessen Rechtgläubigkeit und peinlichste Strenge in der Auffassung und Handhabung der Ritualcodices von keinem r e d l i ch e n Juden der Welt angezweifelt wird. Deshalb ist es eine peinliche unglaubliche Erscheinung, daß ein Theil der deutschen Orthodoxie diesen Mann ob seines genialen Werkes verketzert. Nun wer die lächerlichen Auslassungen eines Herrn F. in Hamburg und eines Herrn Breuer in Frankfurt gelesen und geprüft hat, wird mit peinlichem Erstaunen gemerkt haben, daß diese „Lamdonim" kaum eine Spur von echter Talmudinterpretation besitzen; ihre Kritiken strotzen von Verkehrtheiten und Unterschiebungen. Nicht viel höher stehen zwei in zwei Berliner Blättern erschienene Kritiken — aus derselben Feder? — Ein Recensent erblickt in dem Werke eine Gefahr für das gesetzestreue Judenthum und fürchtet, Dünner's Methode werde den Schulchan-Aruch und sämmtliche Ritualcodices über den Haufen werfen! Allerdings Beweis genug, welche Bedeutung dieser Kritiker dem Werke beimißt, aber auch ein trauriger Beweis für seine unschöne Art, zu Polemisiren. Es wäre schlimm um den Schulchan-Aruch und das orthodoxe Judenthum bestellt, wenn sie beide vor der reinen Wissenschaft nicht bestehen könnten! Dem ist aber doch nicht so. Wer beschützt also den Schulchan-Aruch vor seinen Beschützern?! Wie klug, wie spitzfindig ist doch diese Besorgniß! Allerdings eine unaufrichtige Orthodoxie wird vor dem Richterstuhle der Hagahoth nicht bestehen; eine ehrliche, wackere aber, die Keinem zuliebe und Niemandem zu Leide conservativ ist, bleibt unwankbar und fest an ihrer Stelle und muß vor der wissenschaftlichen Wahrheit und reinen Erkenntniß der Thatsachen -kugelfest sein; auch Maimonides Rechtgläubigkeit würde von Rabed und Gesinnungsgenossen angezweifelt! Man erzählt sich sogar — wir können die Richtigkeit nicht verbürgen — daß drei orthodoxe Rabbiner Deutschlands nach Erscheinen des ersten Theiles der Hagahoth einen gemeinsamen Brief an den Amsterdamer Oberrabbiner gerichtet haben, indem sie ihn optima forma einen Ketzer nennen und ihn kriecherischarrogant auffordern, das Werk zurückzuziehen, da es eine Gefahr für das gesammte orthodoxe Judenthum bedeute. Ob wohl der Amsterdamer Rabbi geantwortet hat? Bejammernswerthe Orthodoxie, die solche Käuze als Hüter und Wächter hat! Mag dem nun sein, wie es wolle. Der gewaltigeEindruck,den das „classische Talmudwerk" gemacht hat, ist sichtbar. Es wäre ebenso widersinnig, wenn die sogenannten Neologen für sich und ihre besonderen Herzenswünsche Capital daraus schlagen wollten, als es lächerlich ist, wenn die Orthodoxen darob „Feuer" rufen. Das Werk gehört der Wissenschaft, nicht der Reform und nicht der Orthodoxie; es ist in der Talmudliteratur eine epochemachende Erscheinung und wird allmählich und allerseits als solche erkannt werden. Auf seinen Inhalt einzugehen, ist hier unmöglich. Der Verfasser gelangt bei seiner originellen und genialen Methode zu überraschenden, manchmal sogar zu verblüffenden Resultaten. Man muß sich vom ersten Eindrücke erholen, um sich dann ruhig zu versenken und die Ergebnisse an der Hand der Quellen zu prüfen. Beispiele solcher, im ersten Augenblicke fast unglaublicher Resultate lassen sich zu Dutzenden anführen, und es sei hier nur auf I 118 zu Bezah 36 b; 150 zu Sukkah 48 a; II 150 zu Gittin 49 b; 146 zu Giltin 48 b; 80 zu Kidusch 36 d hingewiesen und außer diesen Stellen mögen Folgende besonders glänzende Auseinandersetzungen genannt werden: E r u b i n: 7 a; 13 b, 16 a, b; 17 b (S. 20—22); 32 b (S. 33, 34); 52 b; 72 a (S. 66). Bezah: 29 b; 30 a. Sukkah: 9a; 18 a; 29 b (S. 139-140); 33 a; 36 b (144); 37 b; 44 a; (Seite (140-150); Keth ub: 3 d; 15 b (S. 7); 24 b (S. 11); 32 a; 38 a; 84 a; 108 b. Kid Usch: 9 a; (S. 58, 59); 10 b; 14 b; (64-66); 20 a; 25 a; 33 b; 36 b; 69 a. Gittin: 15 a; 19 a; 21 b; 48 b; 55 b, 62 K Die Einleitungen und Ueber sichten zu den einzelnen Tractaten, die G r u p p i r u n g e n und Z u s a m m e nfassungen der Misch n ajot h, die systematischen krystallklaren Stoffübersichten, die unzähligen, auf jeder Blattseite auftauchenden textkritischen, historischen und halachischen Notizen können nur mit Maimunis Einleitungen und Commentaren verglichen werden und werden von Meir's so vortrefflichen Novellen kaum erreicht. An Vollständigkeit, Weitsicht und Tiefsinn haben sie entschieden nirgendwo ihresgleichen. Die Einleitungen zu Gittin, Bezah und Sukkah sind wahre Perlen. Daß vielleicht hie und da Jrrthümer oder noch zu beweisende Hypotheken sich finden, welcher ehrliche Forscher wird darüber staunen? Das Werk erschien ohne jegliches Vorwort. Das beklagt ein Recensent in Deutschland; aus welchen Gründen? „Mag nun auch der Verfasser — sagt er — was wir nicht in Abrede stellen oder bezweifeln wollen, seine Theorie mit seiner Praxis, mit der jüdischen Praxis, in Übereinstimmung zu setzen verstehen; das muß aber entschieden behauptet werden, daß hierüber eine Aufklärung zu geben äußerst nothwendig erscheint, und daß das Fehlen eines in dieser Beziehung aufklärenden Vorwortes als einer der größten Mängel des vorliegenden Werkes bezeichnet werden muß." Vielleicht gibt sich das beängstigte Gemütb dieses Kritikers, der pflichtschuldigst seinen Bückling vor den Dummköpfen machen zu müssen glaubt, mit Göthe zufrieden, der einmal in „Dichtung und Wahrheit" sagt: „Wie vergeblich daher alle Vorreden seien, hatte er schon längst eingesehen; (Göthe selbst.) Denn je mehr man seine Absicht klar zu machen gedenkt, zu desto mehr Verwirrung gibt man Anlaß. Ferner mag ein Autor bevorworten, soviel er will, das Publicum wird immer fortfahren, die Forderungen an ihn zu machen, die er schon abzulehnen suchte .. . Sie leben nämlich in dem Wahn, man werde, indem man etwas leistet, ihr Schuldner und bleibe jederzeit noch weit zurück hinter dem, was sie eigentlich wollten und wünschten, ob sie gleich kurz vorher, ehe sie unsere Arbeit gesehen, noch gar keinen Begriff hatten, daß so etwas vorhanden oder nur möglich sein könnte." — Das ist für den vorliegenden Fall in allen Punkten zutreffend. Dünner's Werk kann nicht in Mußestunden gelesen, es muß in Arbeitsstunden tief studiert werden. Wer die Wissenschaft nicht hochhält und des Autors Methode durch Mangel an nöthiger Vorbildung nicht begreift, der lasse t>ie Hand davon; wer aber die wissenschaftliche Methode recht wohl kennt und aus jämmerlicher Angst vor der Inquisition die Bileamrolle übernimmt und weder segnen will, weil er sich feige fürchtet, noch fluchen kann, weil er sich vor sich selber schämt, auch der sollte besser schweigen. Wir sind überzeugt, daß dieses Werk, bis es ganz erschienen sein wird, in wenigen Jahrzehnten jeder guten Talmudausgabe ebenso beigedruckt sein wird, wie der Mischnahcommentar Maimunis, wie Raschi und die Tosafisten. Hoffentlich werden die Hagahoth nun in raschester Folge Band auf Band erscheinen. Dann werden gewisse Leute Zeit und Gelegenheit finden, ein Autodafe zu veranstalten, in welches sie aber ihr eigenes Gerümpel zu werfen ja nicht unterlassen sollen: Die Unehrlichkeit, die Verkleinerungs sucht und — die Maske des Tartüff. Ein ehrlicher, braver Orthodoxer muß vor Allem unentwegt dieWahrheit ein gestehen und darf niemals das geniale, classische Talmudwerk eines Mannes, der der orthodoxesten und frömmsten Rabbiner einerund ein Stolz des Judenthums ist, auf den Index setzen wollen. Ein orthodoxer Rabbiner. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gesellschaft für jüdische Kunstdenkmäler. Unter dem Vorsitze des Präsidenten, Baurathes Stiaßny, fand Samstag Abends die erste Generalversammlung der „Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums" statt, welche von einem sehr zahlreichen und äußerst distinguirten Publicum, namentlich von Damen, besucht war. Unter den Anwesenden bemerkte man den Hoftath Karabacsek, Regierungsrath Professor Oser, Baron Albert Rothschild und dessen Sohn, den englischen Botschaftscaplan, Reverend Hechler, den Capitnlar des Stiftes der Schotten, Pfarrer Kern, Oberfinanzrath Dr. Rappaport, Gewerbeinspector Knlka, Militär - Oberintendanten Grenzinger,

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