Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Vr. Vloch's WochrnphrM Seite 411 Verdienst eigentlich dem Reichthum zukommt, wenn er sich wohlthätig erweist. Der geistreiche Mann, der diese sehr geistreiche Frage von Neuem aufgeworfen hat, scheint mir eine Sache vergessen zu haben, welche bei dem gegenwärtigen Zustande unserer Gesellschaft in ganz besonderer Weise das Verdienst der Wohlthätigkeit bei den Bevorzugten des Schicksals erhöht. Es hängt eben nur von diesen Bevorzugten selber ab, die Augen gegen das Elend zu verschließen, sich dagegen zu versperren. Sie sind , nicht wie die Leute in bescheidener oder armer Lebensstellung in täglichem, fast gezwungenen Verkehr mit der Armuth. Sie haben Portiers, um die Unglücklichen fernzuhalten, Secretüre, um ihre Bittschriften zu lesen und in den Papierkorb zu werfen. „Ein Armer? Was ist das, ein Armer?" fragt der reiche Trimalchio im Gastmahl des Petronius. Solcher Trimalchivs zählt die Welt gar zu viele. Wenn daher eine Frau, wie Frau Heine, das Elend Anderer kennt, darunter leidet und daran arbeitet, es zu erleichtern, so geschieht es eben, weil sie es will. Andere, die man mit Nachsicht behandelt, erbauen sich aus ihrem Egoismus einen Thurm von Elfenbein. Frau Heine hätte sich in einen Thurm aus Gold sperren können, zu dem die Schmeichler und die Glücklichen dieser Welt allein den Zugang gekannt hätten. Sie aber hat lieber, und das wird ihr Ruhm sein, an dem menschlichen Elend theilnehmen wollen, indem sie es tröstet. Ich habe Ihnen, meine Herrschaften, von unseren Todten gesprochen; es bleibt mir nunmehr nur eine minder ernste und angenehme Aufgabe zu erfüllen, indem ich Sie von einer lebenden, sehr lebenden Person unterhalte, das ist unsere Gesellschaft. Eine Person? Jawohl, und was noch mehr ist, eine juristische Person, deren Nutzen nicht mehr bezweifelt werden kann, nachdem er durch ein Decret anerkannt wurde. Sie wissen, das ist die Frucht langer Verhandlungen gewesen, von denen Ihre Präsidenten Ihnen seit drei Jahren berichtet haben. Es hat dreier Jahre bedurft, um sich die Geuüßheit zu verschaffen, daß wir eine wissenschaftliche, ausschließlich wissenschaftliche Gesellschaft bilden, daß wir keinerlei geheime oder zerstörende Absichten verfolgen, ein Beweis, daß mau in unserem Lande ganz im Gegensatz zu gewissen, nur allzusehr verbreiteten Gerüchten es gar wohl versteht, die Fragen gründlich zu nehmen. Die Zuerkennung der öffentlichen Nützlichkeit legt uns allerdings gewisse Verpflichtungen auf, sie' stellt uns unter die Vormundschaft des Staates, aber welche Vortheile gewährt sie uns dafür auch! Gestern waren wir noch ein einfacher Haufe von Individuen, den eine Laune, eine vorübergehende Uneinigkeit auflösen konnte; heute sind wir eine vom Gesetz geschützte Körperschaft und können ohne Erlaubniß nicht einmal mehr sterben. Sie werden, meine Herrschaften, denen dafür zu danken haben, deren Bemühungen, der Entmuthigung unzugänglich, uns diese ehrenvollen Privilegien eingebracht haben und ich kann nicht in geeigneterer Weise schließen, als indem ich mich bei Jenen zum Dolmetsch unserer gemeinsamen Anerkennung mache. Lin elastisches Talmudwerk. Es ist schwer, einem großen, für den Talmud nur theilweise interessirten Leserkreise ein leichtfaßliches Bild über ein Werk zu entwerfen, das die Bekanntschaft mit dem Palästinensischen und Babylonischen Talmud voraussetzt. Da uns aber das Werk des Oberrabiners von Amsterdam Dr. I. H. Dünner „Hagahoth al Hesachath Erubin. Bezah Succah (I. Th.); hagahoth al mesachath Kethaboth, Gittin, Kiduschin (II. Th.); babli u. ssrnsebalmi. ^Frankfurt a. M., Kaufmann 1896, 1897] zur Anzeige in dieser Wochenschrift übergeben wurde, muß der Versuch gemacht werden, den wenigstens halbwegs eingeweihten Leser aus diese großartige Erscheinung auftnerksam zu machen. Offenbar haben wir es mit den Resultaten einer jahrzehntelangen genialen Forschung zu thun, denn sie bekunden eine souveräne Beherrschung der gesummten classischen Talmudliteratur und eine Handhabung derselben, wie man sie nur bei einem einzigen Halachaforscher der alten Zeit findet, bei keinem Geringeren als dem Meister aller Meister, Maimuui. Und in der Thcit; der Gei st dies es Mannes weht uns aus jeder Zeile ber Hagahoth entgegen. Dünner ist von Anfang bis zu Ende originell und deshalb classisch. Er liest die Texte des babylonischen und palästinensischen Talmud so, als wenn dieselben noch niemals Jemand gelesen hätte; er geht seinen eigenen, ganz und gar unabhängigen Weg und — obzwar mit der gesammten nachclassischen Literatur innig vertraut — begibt er sich schnurstraks zu der Quelle und schöpft direct aus derselben, unbekümmert darum, ob zahllose Neben- und Ableitungen diese Quelle bereits erschöpft zu haben scheinen. — Die Riesenliteratur, welche die Talmude nach sich gezogen haben und die tausende Bände füllt, hat die Urquellen beinahe verschüttet und erstickt. Wer, so ist die Frage selbst in den obersten Kreisen der Talmudgelehrten geläufig, wer kann Talmud ohne Raschi lesen? Und doch muß es möglich sein, zumal auch Raschi nur ein Mensch war und den Talmud gelesen und genial commentirt hat. Es muß also wrbl möglich sein, unabhängig von Raschi nicht nur, sondern von allen Interpreten und Commentatoren die Talmudtexte zu lesen und die D i scussioiren der Tannaiten und Amoräer selb st, nur mitRück sicht auf dereneigene Urquellen und die Quellen der Misch nah z u p r ü f e n; es muß möglich sein, wenn sich ein genügend großes Talent an diese Arbeit macht, die beiden Talmude noch einmal zu durchforschen, miteinander zu vergleichen und die verglichenen in Harmonie zu bringen mit den Texten der Boraitha, der halachischen Midrasche und der Toseftah. Diese Literaturmaffen zu überblicken, zu vergleichen, zu kritifiren, von Schritt zu Schritt, Satz zu Satz, Wort zu Wort, und dabei das Rüstzeug halachischer, philologischer und historischer Krittk und des eigenen durchdringenden Verstandes Entdeckungen in Anwendung zu bringen, dazu gehört freilich eine unglaublich erschöpfende und vollendete Kenntniß des gesammten, riesenhaften Halachastoffes, wie wir sie bei wenigen Männern der Vorzeit finden; von der Gegenwart nicht zu reden. Die weitblickendste Fernsicht in die entlegensten Winkel verborgener Quellen und nicht zuletzt methodische, wissenschaftlich-kritische Schulung und Gewandtheit in der Behandlung von Riesenstoffen sind nöthig, diese Arbeit zu leisten. Rabenu Chananel, Alfasi, Maimuni und manchmal auch Raschbam und Rasch, haben in dieser Weise gearbeitet. Särnmtliche Talmudcoryphäen der letzten Jahrhunderte aber, deren Namen mit Ehrfurcht genannt werden, haben diesen Weg nicht betreten. Zu groß schien ihnen die Aufgabe der Aufarbeitung des bereits vorhandenen talmudischen Materials, der Talmude selbst und ihrer Commentare und Subcommentare rc. rc., der Responsenliteratur und der Ritualcodices mit Erklärer» und Commentaren dieser Erklärungen, als daß diese Geistesgrößen sich Zeit genommen hätten, die Arbeit von vorne und mit anderen als den vorhandenen Mitteln zu beginnen. Unbeschadet der strengsten Wahrung des Religionsgesetzes wäre es von Segen gewesen, wenn manches große Talent seine Arbeits- und Geisteskraft auch in den Dienst der wissenschaftlichen Talmudforschung gestellt hätte; die religiöse Praxis Hütte dadurch ebensowenig gelitten, als die Gemeinde Maimunis weniger ftomm war, weil ihr Führer ein Philosoph und Halachakrittker gewesen ist. Der wissenschaftlichen Richtung unserer Zeit blieb es Vorbehalten, hierin neue Bahnen zu beschreiten, wie es Krochmal, Rapoport und Frankl gethan haben, die in gewissem Sinne zu Maimunis glänzender Methode der Quellenforschung zurückkehrten; nur daß dieser die Feststellung des Religionsgesetzes, jene aber die Wissenschaft allein im Auge hatten. Frankl hat bekanntlich in seinen großartigen Werken über die Mischnah und den palästinensischen Talmud diese wissenschaftliche Richtung erst so recht zur Herrschaft gebracht. Und man kann sagen, nach ihm ist keiner gekommen, der die von ihm gezeichneten Wege bis an das Ende gegangen wäre, d. h. der die gesummte classische Talmudliteratur in seinem Sinne bearbeitet hätte! Einzelne, und zwar hervorragende Theile wurden von Forschern wohl derart behandelt, aber die Talmude in ihrer Gesammtheit hat Niemand dieser höchsten Gattung der Interpretation unterworfen. Dünner ist der erste, der das fast unerreichbar scheinende Werk begonnen hat und auch hoffentlich zum Stolze der jüdischen Gelehrtenrepublik vollenden wird. Hier zeigte sich nun die merkwürdige Erscheinung, daß die beiden bis heute erschienenen Theile, welche sechs Talmudtractate umfassen, in bestimmten Kreisen einen wahren Sturm erregt haben. Es war seit jeher das Schicksal des Genies, daß seine Werke anfangs mißverstanden oder absichtlich mißdeutet wurden. Das Erscheinen der Werke kam unerwartet; man war nicht gefaßt darauf, daß ein auf der höchsten Höhe moderner Bildung stehender Rabbiner, ein Werk auf den Markt werfen werde, das selbst im Zeitalter der Gaonen höchstes Aufsehen erregt hätte.