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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-14 · 20 (14.5.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
20 (14.5.1897)
Date
1897-05-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 410 Vr. Vloch's Wochenfrtzrtfl Nr. 30 Rede des Prästdenten Balomon Aemach bei der letzten Generalversammlung der Soci6t6 desEtudes Juives. Uebersetzt von Ignaz Kaufmann. Meine Damen und Herren! Am 10. November 1879, es ist mehr als 17 Jahre her, hat unsere erste Generalversammlung stattgesunden. Es ist mir unmöglich, mich nicht heute daran zu erinnern, nicht ohne Bewegung daran zu erinnern. An der Stelle, die ich heute einnehme, saß der ausgezeichnete James von Rothschild, ein sorgfältiger Forscher, ein begeisterter Jude, rings um ihn der Grand-Rabbilr Isidor, ein warmes Herz, ein beredter Mund, Isidor Loeb, den ich damals erst lieben lernte, Arsene Darmestetter, der eben mein Lehrer an der Ecole des Hautes Etudes gewesen war, und damals mit seinem unvergleichlichen Bruder James an der Spitze der gelehrten Jugend unseres Landes glänzte. Ach, wie viele von den Freunden jener ersten Stunde sind vor der Zeit aus unserer Mitte geschwunden! Ich habe nur die Todten genannt. Aber auf dieser Tribüne war auch ein ausgezeichneter Mann, den wir noch das Glück zu besitzen haben, den lvir, will's Gott, noch lange besitzen werden, weil die Jahre, weit entfernt seine Arbeitskraft, diesen Reflex der Energie seiner Seele, zu schwächen, diese nur gestärkt und erweitert haben. Der Grand-Rabbin Zadoc Kahn ist nicht allein, er gestatte mir, ihm dies zu sagen, der Stolz des französischen Judenthums, überall, wo ein Herz schlägt, das von dem Ideal ergriffen ist, dessen Apostel er bildet, begrüßt man die große moralische Kraft, die in ihm lebt. Brauche ich noch hinzuzufügen, wie sehr diese für das Gute und für das Wahre so wirksame Kraft auch für alle unverdrossenen Freunde der Duldsamkeit schätzbar geworden ist, seitdem das Judenthum selbst in dem Lande der großen, befreienden Revolution gezwungen ist, für seinen Bestand zu kämpfen und eine unheilvolle Verschwörung, angezettelt gegen 50.000 französischer Bürger, ihnen zugleich mit einem lebhafteren Gefühle der Pflicht den Schauer einer Vergangheit verliehen hat, die man für immer verschwunden hätte glauben mögen. Die sueierd des Etudes Juives, habe ich es erst nöthig Ihnen zu sagen, ist nicht ein besonders und ausschließlich jüdisches Unternehmen; sie dient vor Allem der Wissenschaft; aber es ist ihr nicht verboten, ängstlich nach der Wirkung zu fragen, welche ihre selbstlosen Arbeiten in den Herzen derjenigen Hervorrufen können, welche durch die Gewalt der Thatsachen, die große Mehrheit ihrer Anhänger darstellen. Nun auch in dieser Hinsicht, wir können es behaupten, ist ihr Werk ein gutes, weil stärkendes. Die Geschichte des Judenthums dient ihm als Lebenselixir. Indem sie ihm besser seine Vergangenheit zur Erkenntniß bringt, söhnt sie es mit den Trübsalen der gegenwärtigen Stunde aus und gestattet chm, trotz aller vorübergehenden Reaction die Unendlichkeit des zurückgelegten Weges zu erinessen. Lesen Sie nur irgend einen Band unserer Sammlung und fragen Sie sich, ob die gegenwärtige Lage der Israeliten, ich sage nicht in Frankreich, sondern selbst in Rumänien und Rußland, nicht im Vergleich zu den Leiden von ehedem wie ein goldenes Zeitalter erscheint. Das Judenthum, gestatten Sie mir den Ausdruck, hat nicht das Recht, sich difficil zu zeigen. Kaum hundert Jahre sind vergangen, seitdem die Pforten seiner Ghettos sich geöffnet haben; aber in hundert Jahren können Vorurtheile nicht verschwinden, und es ist ein Gesetz der Geschichte, daß keine böse Leidenschaft erlischt, ohne in ihren letzten Zuckungen unheilvolle Flammen gegen den Himmel zu schleudern. Wie Viele gibt es übrigens, welche diese Flammen aufklären, denen sie den Weg weisen, den alten, geraden und felsigen Weg, den ihre Väter gewandelt sind mit erhobenem Haupte und mit in Blut watenden Füßen! Boileau hat seine schönste Epistel über den Nutzen der Feinde geschrieben; Israel weiß seit der Epoche der Richter davon Etwas zu erzählen. Unter dem Drucke harter Nothwendigkeiten, alberner Vorurtheile und ungerechter Leiden hat es seine Heroen und Blutzeugen hervorgebracht, ja bringt es noch heute von einem Ende der Welt zum andern die Besten seiner großen Männer hervor. Eben hat Einer von diesen uns verlassen, und mit ihm will ich die Uebersicht unserer Verluste aus diesem Jahre eröffnen. Dr. Bamberger, Rabbiner in Königsberg, hat während der fünfzehn Unglücksjahre, welche dem Martyriologium der Juden in Rußland so viel unbekannte Namen hinzugefügt haben, eine ruhmreiche Rolle gespielt. Seit dem Jahre 1869, zur Zeit der Hungersnoth, die Polen heimsuchte, hatte er in dem unglücklichen Kampfe gegen das Unglück seine ersten Waffengänge versucht. Damals gründete er mit seinem Freunde Salomon Feinberg jenes Hilfswerk für die Waisen, welches so große Dienste geleistet hat und noch leistet. Seit 1872 war er ein Mitglied des Centralcomitäs der Alliance Israelite Universelle. Später im Zeitpunkt der stürmischen Auswanderung, welche in den Jahren 1881 und 1882 und später 1891 und 1892 bald durch Volksbewegungen, bald dmch Verwaltungsmaßregeln hervorgerusen wurde, waren die Städte Ostpreußens von Tausenden russischer Israeliten überschwemmt, die hungernd und entmuthigt an Allem Mangel litten. Bamberger war die Seele des großen Liebeswerkes, die es sich angelegen sein ließ, so viel Unglücklichen zu helfen. Er hörte nicht auf, Waisen aufzunehmen, Witwen unterzuöringen oder wieder in die Heimat zu schaffen und geeignete Familien in gastfreundlichere Länder zu verpflanzen. Gleichzeitig bewahrte er, selber ein Kundiger, jedem Fortschritt der jüdischen Wissenschaft sein Interesse. Seit 1892 gehörte er unserer Gesellschaft an. Wir sind stolz, ihn unter die Unserigen gezählt zu haben. Der Rabbiner Heymann Dreyfuß, Vater des Grand- Rabbin am Consistorium zu Paris, ist im Alter von 82 Jahren zu Saverne, wo er während mehr als 4-0 Jahre seinem Amte Vorstand, verschieden. Es war ein ausgezeichneter Mann, dem Alle, Juden und Christen, ihre Huldigung darbrachten. Man konnte es am Tage seines Begräbnisses sehen, wo an der Seite der Rabbiner von Straßburg und Metz die Einwohner von Saverne, welchem Bekenntniß sie auch immer angehören, in Haufen sich herbeidrängten, um ein letztes Zeichen ihrer Ehrerbietung dem verehrten Seelenhirten darzubringen. Solche Menschen sind ein Glück unter uns, weil sie dem Frieden unter den Menschen dienen. Mögen die ergreifenden Beileidskundgebungen Jener, die ihn gekannt haben, denen auch wir die unseren anschließen wollen, den Schmerz seines Sohnes, unseres theueren College», mildern, der auf einem größeren Schauplätze und unter schwierigeren Umständen die Ueberlieferungen seines Vaters fortsetzt. Ich gelange jetzt zu einer außerordentlichen Frau, welche der Präsident des Municipalrathes jüngst die große Wohlthäterin von Paris genannt hat und auf die das Judenthum mit umso größerem Recht stolz sein darf, als sie allein, die einzige einer zahlreichen Familie, als Jüdin leben und sterben wollte. Madame Furtado-Heine war die Großnichte jenes Abraham Furtado, der unter Napoleon I. den Vorsitz im großen Synhedrion führte. Durch ihren Vater gehörte sie der Familie der Fould an, durch ihren Gatten war sie mit der der Heine verbunden. Welche Beziehungen, meine Herrschaften! und welche Gegensätze! Einer der Ahnen des französischen Judenthums; ein Minister, fast möchte ich sagen, ein Schöpfer des Kaiserreiches; ein reicher Banquier Hamburgs, der zugleich ein großer Menschenfreund gewesen, ein leichtbeschwingter Säuger, jener entzückende Ausbund; der mit seiner zur Trauer gestimmten Lyra seinen Weg zwischen Parnaß, Ghetto und Boulevard ging; eine gestrenge Hoheit, eine regierende Fürstin! Inmitten dieser Fülle von Talenten und Reichthümern erwählte Frau Furtado-Heine, allen Auszeichnungen unzugänglich, zu ihrer Domäne: die Wohlthätigkeit. Sie begriff, daß der Sinn dieses Wortes sich erweitert habe, wie auch der Kreis der Bedürfnisse gewachsen ist, denen die Wohlthätigkeit zu entsprechen hat; sie gab den Armen, mit das Leiden zu mildern, das v o r ü b e r g e h t; aber sie gab auch der Wissenschaft, um die Wohlthaten zu sichern, die bleiben, jene Siege des menschlichen Geistes über Krankheit und über Tod. Im Institut Pasteur steht ihre Büste unter denen der Begründer dieser großen Wohlthätigkeitsanstalt, wo aber, wie ich hoffe, die einer anderen jüdischen Wohlthäterin sich ihr anschließen wird.*) In Paris hat sie das Muster einer Armenapotheke und Kinderbewahranstalt geschaffen; in Croisic ein Spital für Kinder errichtet; in Nizza hat sie eine vornehme Villa, die noch obendrein durch eine besondere Spende erhalten wird, zu einem Reconvalescentenheim für Officiere zur Verfügung gestellt. Ihre Hand war überall, wo eine Hand mit Nutzen sich öffnen kann. Sie hatte auch unserer Gesellschaft nicht vergessen, die ihr einen Beitrag verdankte, der zu ihrer sprichwörtlichen Großherzigkeit im Verhältnisse stand. Man hat sich, meine Herrschaften, aus Anlaß der Frau Heine geftagt, welches *) Baronin Clara von Hirsch-Gereuth. Anmerkung des Uebersetzers.

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