Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20 Vr. Vloch's IVochrnfchrM. Sette 409 Heller zur Beseitigung der wirthschaftlichen Nothlage hergeben, die, um ein Mandat zu ergattern, mit der Roth ihrer Glaubensgenossen Fangball spielen. Die armen Juden sind aber zu gut, um den Schemel zu bilden, auf dem Einzelne zur Macht gelangen und die Anderen umso tiefer in der Bedrängniß lassen. Es ist eine heilige Pflicht eines jeden Juden, diese Erkenntnis endlich in die Massen zu tragen, um sie auszuklären über die von allen Seilen uns vielfach durch eigene Unerfahrenheit ihnen drohenden Gefahren, damit sie nicht länger ihren Verführern Gefolgschaft leisten und ein Beuteobject ihrer ehrgeizigen Bestrebungen abgeben. Das Volk, in dessen Mitte sie leben, darf keinen Grund haben, die Inden als Feinde jeder freiheitlichen Regung zu betrachten. Wenn unsere Seelenhirten ihre Mission verstünden, müßten sie in dieser Richtung den Massen die Augen öffnen, damit endlich Licht werde in ihrer Mitte. Daß diese Erkeuutniß eine allgemeine werde im Interesse unserer so arg bedrohten und schwer bedrückten Glaubensgenossen, bevor es zu spät ist, das wollen wir hoffen. Lemberg, den 9. Mai 1897. Eine Stimme aus Galizien. Der Einflutz des jüdischen Geistes auf die antike Welt. Unter obigem Titel brachte vor wenigen Monaten die „Oesterr. Wochenschrift" eine ganze Serie von Artikeln, welche Anfang März d. I. auch in Buchform erschienen.*) — In diesen Essays wird an der Hand eines gründlichen und weitgreisenden Quellenstudiums die merkwürdige, bisher wenig bekannte Thatsache constatirt, daß in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten der weitaus größte T h e i l der jüdischen Nation in der zumeist von Griechenland beherrschten Diaspora lebte und in seinem heiligen Eifer, die heidnische Welt zum Mosaismus zu bekehren, einen ungeahnten Einfluß auf die griechische Welt ausübte, daß der jüdische Geist überall in der weiten Diaspora hart an der christlichen Aera Heiden in großen Massen in seinen Bannkreis gezogen und zu Bekennern des Monotheismus gemacht hatte. Es wurde da die große Anziehungskraft, welche die in der jüdischen Diaspora weitverzweigte Synagoge mit ihren allsabbathlicheu, aus allen Schichten der heidnischen Bevölkerung besuchten Vorträgen und gottesdienstlichen Belehrungen ausübte, geschildert und gezeigt, wie aus diesem von der jüdischen Diaspora mit erstaunlichem Fleiße und heiligem Eifer bearbeiteten Boden das C h r i st e n t h n m als reise F r u ch t h e r v o r w u ch s, j a daß das C h r i st e nt h u m bereits vor dem Erscheinen Jesu Vorbau d e n war. Es wurde da ferner die überraschende Entdeckung gemacht, und eingehend erhärtet, daß auch die jüdische Diaspora ihre religiösen Parteiungen hatte und zwar: eine gesetzestreue nationale und eine den Wortlaut des Gesetzes philosophisch zersetzende, den schrankenlosen Universalismus predigende Partei. Aus dieser letzteren jüdisch-radicalen, gesetzesfreien Secte fei das Paulinische, aus der ersteren das couservative, sogenannte Petrinische Christenthum hervorgegangen. Dieses Alles und noch vieles Andere wird in der in Rede stehenden Schrift quellenmäßig bis zur Unwiderleglichkeit dargethan, so daß wir dem Verfasser unbeoingt zustimmen müssen, wenn er zu folgendem Schluffe gelangt: „So haben wir denn im Verlaufe unserer Untersuchungen zwei religiöse Hauptströmungen in der vor christlichen jüdischen Diaspora herrschend gefunden: die gesetzestreue couservative und die g e f e tz e s f r e i e radikale. Die Vertreter beider Richtungen hielten ihr Judenthum für das einzig echte und Jeder von Beiden reclamirte siir fetne_ Partei das Prädicat: die Frommen. — Diese beiden religiösen Richtungen der vor christlichen jüdischen Diaspora fin¬ *) Unter dem Titel: Das Judenthum in der vorchristlichen griechischen Welt. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Christenthums. 1897. Wien und Leipzig. Verlag von M. Breite»stein, Wien, IX./3, Währingerstraße 8. den sich im Urchristenthum wieder, was allein schon die Quelle, aus der es geflossen, verrathen sollte." — Der Verfasser spricht schließlich seine unerschütterliche Ueberzeugung aus, daß in absehbarer Zeit bei nentestameutlichen Forschungen nicht mehr wie bisher von einem Judenchristenthnm und einem „v o n Paulus begründete n" Heidenchristenthum, sondern von einem conservativen Judenchristenthnm und einem radic a l e m Judenchristenthnm die Rede sein werde. Warum wir auf das Resultat dieser den Lesern der „Wochenschrift" bekannten Untersuchungen zurückkommen? Nun. weil wir die ebenso erfreuliche, als ebenso für die künftigen neutestamentlichen Forschungen bedeutungsvolle Mittheilung zu machen haben, daß fast gleichzeitig — nur um einige Wochen später — ein hervorragender christlicher Gelehrter zu ähnlichen Resultaten wie die eben reproducirteu gelangt ist. Der rühmlichst bekannte Geschichtsforscher Prof.Emil Schürer in Göttingen veröffentlicht in den Sitzungsberichten der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (ausgegeben am 11. März 1897) eine Abhandlung, betitelt: „Die Juden im bosporanischen Reiche und die Genossenschaften der sebomenoi theon hypsiston (Anbeter des höchsten Gottes) daselbst." In dieser Abhandlung wird an der Hand griechischer, aus dem e r st e n christlichen Jahrhundert stammender Inschriften des bosporanischen Reiches gezeigt, welchen Einfluß die jüdische Religion der Diaspora auf das Heidenthum ausgeübt. Die bezüglichen Inschriften, welche in Städten gefunden wurden, die an der äußersten Grenze der griechischen Culturwelt lagen, beweisen so recht, wie früh und wie weit die Verbreitung der jüdischen Diaspora und wie mächtig ihr geistiger Einfluß gewesen: „Sie geben interessante Beispiele dafür, daß sich an viele Jndengemeittden sebömenni ton theon anschlossen, welche den wahren Gott ohne Götterbilder und mit theil weiser Annahme jüdischer Gesetzlichkeit^ verehrten" (S. 8). — „Diese Inschriften bezeugen die Existenz und den Einfluß jüdischer Gemeinden im bosporanischen Reiche in den ersten Jahrhunderten n. Chr. — Höchst wahrscheinlich sind aber auf jüdischen Einfluß auch die religiösen G e n o s s e nschäften zurückzuführen, welche auf folgenden Inschriften erwähnt werden . . . ." (S. 7). Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die überaus interessante und lehrreiche Abhandlung Schürer's zu analysiren; es ist uns nur darum zu thun, zu zeigen, daß sich dieser Gelehrte auf feinen Forschungswegen zu dem Geftändniß gedrängt sieht; daß selbst das Paulinische gesetzesfreie Christenthum n i cht das ureigene Werk des Paulus ist, daß es vielmehr schon in der vorchristlichen Zeit ein gesetzesfreies Judenthum in der Diaspora gegeben, welches dann seine Fortsetzung in dem gesetzesfreien Christenthum gefunden! „Gewisse Symptome" — so schließt Schürer seine Abhandlung S. 26 — „sprechen dafür, daß die Bildung gesetzesfreier heidenchristlicher Gemeinden nicht ausschließlich das Werk des Paulus gewesen ist. Sie scheint an manchen Orten, z. B. in Rom, dadurch befördert worden zu sein, daß die Predigt von Christo besonders in den Kreisen der sebümeuoi ton theö» Aufnahme fand. Indem diese die ohnehin nur einzelnen Elemente der jüdischen Gesetzlichkeit sich angeeignet hatten, ihren Zusamv:enhang mit den jüdischen Gemeinden lösten und eigene Gemeinden bildeten, konnte es leicht zur völligen Abwerfung des Gesetzes kommen . . Dieses Zugeständniß von so autoritativer christlicher Seite verdient die größte Beachtung. Es zeigt uns, daß sich endlich die Erkenntniß von der großen historischen Bedeutung der vorchristlichen jüdischen Diaspora Bahn zu brechen und selbst dort durchzudringen beginnt, wo man nicht leichten Herzens ehrwürdige, uralte Traditionen preisgibt und gern die Originalität des christlichen Geistes unangetastet lassen möchte. — Die großartige Geistesarbeit der vorchristlichen jüdischen Diaspora beginnt aus zweitausendjähriger Versenkung emporzusteigen und ihre Auferstehung zu feiern. Leider hat die jüdische Wissenschaft, deren ureigenste Aufgabe es gewesen wäre, diese Auferstehung zu fördern, nichts dazu beigetragen. — Wird sie auch weiter in ihrer Versumpfung, in ihrer flachen, selbstgefälligen Wortklauberei und Silbenstecherei verharren? Dr. A.