Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 406 Nr. 30 Vr. Bloches glichen, die dieswöchentlichen Lärmscenen kaum die Bedeutung einer Spaßmacherscene in einem Shakespeare'schen Königsdrama haben können: Wie soll ein vielsprachiger Staat, dessen Völker sich einem Sprachenzwang immer schwerer beugen, denn doch regiert werden? Da gibt es für uns Juden nur eine Antwort, welche zugleich die einzige Lösung der Judensrage bildet: Mai: muß sich vertragen lernen! So gut wie wir Juden ein Recht haben, daß man unsere Eigenart respectire, so gut müssen wir selbst dieses Recht, die Wurzel aller Menschenrechte, bei jedem österreichischen Volksstamm respectiren und stützen. Der Czeche hat auf dem ganzen Erdenrund kein anderes Heim als unsere herrlichen Sudetenländer. Es ihm zu verleiden ist nicht österreichisch, ist auch nicht aus jüdischen schmerzgeläuterten Herzen herausgedacht, sondern aus dem Uebermuth unser Gewaltmenschen heraus. In seiner Heimat muß der Czeche sein Recht suchen und dort muß er es staden können, er muß es in seiner Sprache finden können, und wer sich entwürdigt fühlt, wenn man ihm die Kenntniß einer österreichischen Landessprache zumuthet, taugt nicht zum Beamten Oesterreichs, das heißt aller seiner unter der ältesten Dynastie Europas ruhmvoll geeinten Völker. Da wird soviel Wesens daraus gemacht, daß die Zweisprachigkeit so schwer sei. Man sollte sich schämen, dieses Argument vorzubringen. Im neunzehnten Jahrhundertist es eines gebildeten Menschen unwürdig, die Erlernung einer Sprache als etwas Unmögliches hinzustellen. Die neuen Verordnungen fordern die Zweisprachigkeit erst von den nach 1901 anzustellenden Beamten und geben diesen noch 3 Jahre Zeit. Um Gotteswillen, was denkt man denn von unseren angehenden Beamten, wenn man annimmt, daß es ihre Kräfte übersteigen soll, in sieben Jahren eine Sprache zu erlernen, zumal sie sicherlich das größte Entgegenkommen finden werden, wenn sie behufs leichterer und besserer Aneignung ihrer künftigen Amtssprache die Verlegung in ein czechisches Territorium verlangen werden. Was! Wenn unser Candidatenmaterial so aussieht dann wagt man es, unsere Glaubensgenossen per fas et nefas von der Beamtencarriere abzuschrecken und auszuschließen! Alle Juden würden, davon sind wir überzeugt, feierlichst ihre Zustimmung dazu geben, daß nur der Jude, der binnen 7 Jahren bei Aufenthalt imLande nicht imstande ist, in der Landessprache leidlich zu amtiren, bei Beförderungen übergangenwerde, dieser aber auch nachsichtslos! Denn unter uns Juden ist nichts so verhaßt und verachtet wie die Faulheit, und Faulheit— nichts weiter ist es, wenn einem Beamten das Studium einer zweiten Landessprache zu viel ist. Was unseren Officieren recht ist, kann unseren Beamten billig sein. Welche Stellung demnach die Juden dem Sprachenstreite gegenüber einzunehmen haben? So gut wie wir daraus bestehen müssen, daß in Oesterreich jeder Mensch nach seiner Fa9on glauben und selig werden könne, so müssen wir den Grundsatz stützen, daß jeder Mensch in seiner Muttersprache sein Recht finden könne, aber nicht nothwendig einen Beamtenposten. Ein Beamter soll im Stande sein, sich eine zweite Landessprache anzueignen. Je höhere Anforderungen an die Beamten Oesterreichs gestellt werden, desto intelligentere Beamte bekommen wir, desto bester sind wir vor den antisemitischen, die Concurrenz strchtenden Faulpelzen geschützt. Je vollkommener die Parität durchgesthrt ist, desto weniger kann ein Volksstamm uns unterdrücken. Je mehr man genöthigt ist, nur Fähige anzu stellen, desto weniger kann man die Fähigen und Fleißigenunter unseren Kindern zurücksetzen. Und wenn ich mit einem Worte sagen soll, wie wir dem Sprachenstreit gegenüber uns zu verhalten haben, so kann ich nur rathen, schon jetzt das zu thun, was schließlich die bärbeißigsten und dickschädligsten teutonischen Wölfe werden thun wüsten, wenn sie es in Oesterreich werden aushalten wollen, nämlich: Die Landessprachen lernen! Ein Work an den österreirhischisraeMischen Gemrindebund. Von Rabbiner SB. Reich in Baden. Durch die Initiative des Vorstandes der neuconstituirten israelitischen Großgemeinde Wien — an dessen Spitze der kaiserl. WochrnPtzrM Rath, Herr Heinrich K l i n g e r, vor kurzer Zeit getreten ist — hat die österreichische Judenheit den Gemeindebund nicht nur erst in Sicht, sondern sie sieht ihn zur allgemeinen Befriedigung bereits in Bildung begriffen. Die bevorstehende Constituirung desselben ist sogar als sicher anzunehmen, da die hervorragendsten Vertreter der verschiedenen Landeshauptstädte Oesterreichs für denselben eingetreten sind und hiemit ein Hinderniß des föderativen Verstümmlungssystems, welches alle einheitlichen Unternehmungen in Oesterreich von vornherein zu lähmen pflegt, glücklich bei Seite geschoben erscheint. Auch sonst läßt sich der Bildung des österreichischisraelitischen Gemeindebundes ein glückliches Horoskop stellen, da der Präsident und Einberufer der vorbereitenden Versammlung, Herr Heinrich K l i n g e r, derselben die treffende Directive gegeben, daß der zu bildende Gemeindebund nicht etwa bestimmt ist, politisch für das Judenthum zu wirken, sondern nur für den innern Ausbau Sorge zu tragen, und da bietet sich wahrlich dem Gemeindebunde ein ausgebreitetes brachliegendes Arbeitsfeld dar. Der israelitische Gemeindebund in Oesterreich hat somit die Aufgabe übernommen — und die ist lohnend genug — für den innern Ausbau der Gemeinden, denen in dem Gesetze für die äußern Rechtsverhältnisse der äußere, sichere Rahmen geboten wurde, Sorge zu tragen. Nach welcher Richtung der Gemeindebund in erster Reihe seine Thätigkeit zu entfalten habe, das zeigt ihm das Um und Auf der ganzen gegenwärt gen Bewegung in Oesterreich; es ist der Kampf uni die Schule. Denn der Clerus sagt sich ganz richtig, wer die Schule besitzt, dem gehört die Zukunft. Dieselbe Bedeutung jedoch, welche die Katholiken in Oesterreich der Schule im Allgemeinen beilegen, hat die Religionsschule für den Juden. Gibt es aber in Oesterreich überhaupt eine A n st a l t, in welcher junge Leute zu Religionslehrern herangebildet werden? Und wie wollen wir gute Religionsschulen haben, wenn uns die mit jüdischem Wissen und pädagogischem Tact ausgestatteten Lehrkräfte fehlen? Ja wohl — wird entgegnet werden — seit vier Jahren besteht eine solche, es ist die Rabbiner - Bildungsanstalt in Wien. Jedoch Hand auf's Herz, ist diese — wie es ja auch der Name zeigt — Religionslehrer-Präparandie oder Rabbinerschule? Ihre ganze innere Organisation ist keinesfalls zur Heranbildung von Religionslehrern angelegt, denn diejenigen, die das Seminar nach Absolvirung der Oberabtheilung verlassen, die prätendiren — und dies mit Recht — eine Rabbinerstelle, und diejenigen, die es nach der abgeschlossenen Frequenz der Unterabtheilung thun, die besitzen die Fähigkeit zum Religionslehrer überhaupt nicht, weil ihnen in der Anstalt nicht Gelegenheit geboten ist, sich mit den vom Gesetze nöthigen Vorkenntnissen und Zeugnissen auszurüsten; sie sind mit einem Worte keine Lehrer und werden als solche weder von einer Regierungsbehörde, noch von einer Cultusgemeinde angesehen werden können. Das Gesammtösterreich, welches bei 500 Gemeinden zählt und demgemäß einen Bedarf von 1000 bis 1500 Religionslehrern hat. sollte sich aus dieser geringen Anzahl von Aspiranten seinen Bedarf decken können? ' Thalsächlich recrutiren sich auch — von Wien, Prag, Brünn, Lemberg und gleichartigen Gemeinden abgesehen — die Religionslehrer aus solchen Kreisen, welche als die Proletarier von Jeschiboth, oder als gescheiterte Existenzen, oder verunglückte Schochtim sich diesen Broderwerb ausersehen haben, und da sollen die Kinder Ehrfurcht vordem Religionslehrer haben, da sollen sie ihre Ideale für das jüdische Leben, da sollen sie jüdische Ausbildung sich holen? Wie sieht es in Wirklichkeit in den jüdischen Gemeinden aus, wie besonders in den Landgemeinden, und wie erst in