Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lr. 20 Dl9! BlOCh’S Jahrgang XIV. Centralorgan für die grfammten Interessen des Iudenthums. K. ft. Postsparftassrn-Amt S --'<&- X k— - -==-tk Beiugsqjwta für Oesterreich: jl Clearingverkehr Nr. 810.976. Men. 14, Mai 1897. Halbjährig 4 fl. — S Kr. Einzelexemplare 2S k. Srdsrtion und Administration: wirn Erscheint jeden Freitag. lür's Ausland: halbjährig ö st. — lo Kr. ganzjährig 10 „ 30 „! II.» Ättim Kitgaiftttßragi 1«. -'>.» ■> - Anzeigen: Die 4mal gespaltene Tele phon - Nr. 6535. fr ■ ■ r-=- Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. c iv ,_ _rr.. mir.xt« iißl.v 3 Petitzeile 12 kr.! K . Telegramm-Adresse: Bloch s Wochenschrift Wien. Inhalt: Leitartikel: Die Jaden und der österreichische Spracheustreit. — Ein Wort an den österreichisch-israelitischen Gemeindebund. — Die 2 Kreuzer-Ausbeuter von Chodorow. — Der Einfluß des jüdischen Geistes auf die antike Welt. — Rede des Präsidenten Salomon Reinach bei der letzten Generalversammlung der Loeietö äes Uwckea fuives. — Ein classisches Talmudwerk. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Gesellschaft für jüdische Kunstoenlmäter. Die Juden im chriechisch-türkischen Kriege. Jüdisches Beamtenelend. Die Synagogenfrage in Prag. Rede des Grand-Rabbin von Belgien, Armand Block, am Sarge Dr. W. Herzberg's in Brüssel, am 22. April 1897. Die Zionisten an der Arbeit. — Correspondenzen: W-'en, Preßburg, Budapest, Lemberg, Krakau, RoLnau, Straßnitz, Suczawa, Saaz, Prag, Temesvar, Breslau, Lübeck, Frankfurt, Stockholm. London. — Vermischtes: Wien, Baden, Ung.-Brod, Nikolsburg, Trebitjch. Andrychau, Prag, Prerau, Proßnitz, Nachod, Podgorze. Straßburg, Stuttgart, Berlin, Breslau, Rom, Petersburg. — Feuilleton: Der Gefangene von Sebastopol. — Briefkasten. — Inserate. Die Juden und der österreichische Sprachenstreit. Heißa, Juch heida, Dideldumdei, Das geht ja hoch her, bin ich auch dabei! So mochte wohl mit dem Capuziner in „Wallenstein's Lager" manches von den wackeren Bäuerlein denken, welche von Zeit zu Zeit von der Galerie unseres Abgeordnetenhauses herab sich an der Macht und Größe ihres W e d r a l, ihres Scheicher und ihrer sonstigen Lieblinge staunend zu ergötzen pflegen. Hei, wie der Deutsche Wolf heulte und kratzte und biß und knurrte, daß es nur so seine Art hatte, von Unart wird man doch selbstverständlich nur bei Semiten reden. Die an Cultnr minderwerthigen Nationen! Gesegnete Mahlzeit, czechische Brüder! Schon seid ihr selbst aus dem besten Wege zum arischen Größenwahn; die ehemals so demokratisch gesinnten Jungczechen läßt Lueger's Erfolg nicht schlafen; es antisemitelt in den Kreisen der Jungczechen schon recht merklich. Wie gesund ist es da, wenn man zu fühlen bekommt, wie so etwas schmeckt! Wie es schmeckt, wenn ein protziger Grobian einem ganzen Stamm, einer ganzen Nation die Cultnr, die Zukunft, die Gleichwertigkeit — fast hätte ich geschrieben: die Satisfactionssähigkeit — abspricht, wie dieser Wolf,^ der es doch gewiß für eine Schande halten würde, die czechische Sprache und Cultnr erst kennen zu lernen, bevor er so verächtlich von ihnen spricht. Es ist ganz dieselbe Procedur, wie sie allen unseren Alterthümern, allen unseren Heiligthümern, unserer uralten Sprache und Cultnr gegenüber als erlaubt angesehen wird. Und wie war es uns doch! Wie stolz wird von der Ueberlegenheit der Völker mit der „alten Cultnr" gesprochen; von den Deutschen, die schon eine historische Nation gewesen seien, als von Czechen noch keine Spur war. Brav geheult, mein Wölflein! Und wessen Schriftthum war es, welches jenes älteste Wölflein der deutschen Literatur, jener Wulfila übersetzte, um seine Gothen, die in der Geschichte schon Figur machten, als es noch keine Deutschböhmen gab, an ein bischen Cultnr zu gewöhnen! Es war die Bibel, das Schriftthum jener krumnasigen Hebräer, deren Cultnr bereits ein paarmal gestorben und ein paarmal wundervoll auferstanden war, bevor noch die Germanen Gelegenheit hatten, von den Römern durch diese Gesammtbezeichnung zu erfahren, daß sie eigentlich sozusagen auch ein Volk waren, was sie ja noch heute im österreichischen Reichsrathe nur zu oft vergessen. Der erste Schritt zur germanischen Cultnr war die — Verjudung. Also, ihr Guten, lassen wir das Thema vom Alter der Cultnr bei Seite, sonst ist jeder Cohn im Stande, auch dem grimmen Wolf gegenüber auf seine ältere Cultnr zu pochen. Doch das ist sicherlich der jüdische Standpunkt nicht. Wir wollen nichts Besseres, freilich auch nichts Schlechteres sein als die Anderen. Wir haben nun hinlänglich an unserer eigenen Haut, an unserem eigenen Fleisch, an den Zuckungen unseres blutenden Herzens erfahren, wie es wehe thut, auf Grund seiner Abkunft zurückgesetzt zu werden. Es ist schon Zeit, daß der Schwindel, vermöge dessen der albernste Tropf sich schon für etwas hält, weil andere Menschen gleicher Sprache etwas gewesen sind, daß dieser plumpe Schwindel sein Ende erreiche. Darum begrüßen wir es mit Jubel, wenn auch Andere diesen Größenwahn, der durch Nationalität zur Bestialität führt, hassen und verabscheuen lernen. Gam sti letauwo („Auch das ist zum Guten"), sagen wir mit dem gottergebenen Weisen. Wir segnen die Hand, welche durch die Sprachenverordnungen die Deutschen die Grenzen ihrer Macht fühlen ließ, und wir danken dem Unverstand, der die Czechen vom Anfang ihrer aufsteigenden Laufbahn an schon die Vorstellung der „an Cultur minderwerthigen Nationen hasten lehrt. Eine einzige Lection wird natürlich nicht genügen, aber es wird auch nicht bei der einen Lection bleiben. Vergleicht man freilich den Anlaß zu der wildesten Sturmscene des Abgeordnetenhauses mit seiner Wirkung, so ist es schwer, ernst zu bleiben. Unwillkürlich gedenken wir eines Zwischenfalles, der sich hier im Gerichtssaale einmal abgespielt hat. Da hatte von zwei langjährigen Freunden der eine den anderen in der Hitze eines Tarokstreites einen Lügner genannt. Das Kaffeehauspublicum ließ sich den Anlaß nicht entgehen, den Beschimpften zur Ehrenbeleidigungsklage aufzuhetzen, ja fast zu nöthigen. Als nun der Richter den Angeklagten fragte, was er zu seiner Vertheidigung vorzubringen habe, da trat dieser direct auf den Kläger zu und fragte ihn mit ungeheuchelter Gemüthlichkeit: „Sag' selbst: Bist Du vielleicht kein Lügner?" Ebenso könnte Minister G l e i s p ach den Entrüsteten zurufen: „Sagt selbst, habt ihr ernstlich geglaubt, die Minister in Anklagezustand versetzen zu können?" Ernster freilich alä bie denn doch meist für die Wähler gespielte Entrüstungscomödie ist das Problem, dessen Lösung nun schon seit Generationen die Parlamente und Ministerien Oesterreichs beschäftigt hat und mit dessen ganzer Größe ver-