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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-05-07 · 19 (7.5.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
19 (7.5.1897)
Date
1897-05-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19 Dr. Vlvch's WochrnkchrM / Seile 393 Stadtrath P u r s ch t referirt über das Ansuchen des Wiener Kranken- und Unterstützungsvereines für Geschästs- und Fabriksdiener um eine Subvention. Der Antra g wird abgelehnt. Stadtrath Dr. K r e n n referirt über das Ansuchen des deutschnationalen Schutzvereines „Südmark" um eine Subvention von fl. 500. D er Antrag wird angenommen. Ist das nicht die höchste christlichsociale Thätigkeit? Dem ' Wärmestubenverein, allwo den Aermsten unter den Armen, allen voran Kindern, Krüppeln, Witwen und Waisen, sowie der großen Anzahl von Arbeitslosen, die weder eine Wohnung noch etwas zu essen haben, wo allen diesen armen frierenden Menschen ein warmer Raum geboten und eine warme Suppe verabreicht wird, diesem Verein wurden die ansgelaufenen Kosten für Brot- und Suppenportionen verweigert, dafür aber wird dem Verein zur Ausstellung von Lnxushunden eine Subvention bewilligt. Dem Kranken- und Unterstützungsverein für Geschäfts- und Fabriksdiener wird die Subvention verweigert, denk nationalen Kampfverein „Südmark" wird sie bewillig t. Da zeigt sich uns wieder der gefräßige Wolf, da zeigt sich uns der Mann, welcher ein Herz hat für Lnxnshnnde, aber ganz herzlos ist gegenüber den Armen und Elenden. Diese Handlungsweise der antisemitischen Gemeinderathsmajvrität und ihres Bürgermeisters Dr. Lueger stimmt ja auch zu dessen letzter Antrittsrede. Das war diesesmal ein ganz anderer Dr. Lueger als es jener war, der vor Jahresfrist seine Standrede hielt. Damals sprach er noch von den Armen und Enterbten, damals gelobte er mit znm Schwure xrhobener Hand, daß er es als seine erste Pflicht ansehen werde, den politischrechtlosen Arbeitern zu den ihnen gebührenden politischen Rechten, vor Allem aber zu ihrem Wahlrecht in den Gemeinderath zu verhelfen. In seiner neuesten Bürgermeisterrede ist von allen diesen Dingen gar kein Wort, ja keine Silbe zu hären. In der Form, wie die antisemitische Gemeinderathsmajorität mit ihrem Bürgermeister Dr. Lueger, hätten die Liberalen die Kosten der Brot- und Snppenvertheilung und auch die Subvention für den Kranken- und Unterstützungsverein der Geschästs- und Fabriksdiener nicht abgelehnt, um dafür einen Ehrenpreis für Luxushunde und eine Subvention von fl. 500 für einen nationalen Kampsverein zu bewilligen. Da waren die Liberalen doch zu klug, um in solcher Weise die breiten Bolksmassen gegen sich herauszusordern. Und nun, fragt man nach den Gründen zu diesem selbstmörderischen Vorgehen, so erhält man gar keine Antwort. Wir können es unmöglich glauben, daß Herrn Dr. Lueger die Wiener Luxushunde mehr am Herzen liegen, als die Armen und Elenden, als die Witwen und Waisen, welche die Wiener Wärmestuben aufsuchen, um dort mit einer warmen Suvpe betheilt zu werden und ein Stück Brot geschenkt zu erhalten. Und ebensowenig können wir es glauben, daß ihm der nationale Kampsverein „Südmark", der, wenn wir nicht irren, seinen Sitz in Cilli hat, daß ihm dieser Verein mehr am Herzen liegt, wie der Kranken- und Unterstützungsverein der Wiener Geschäfts- und Fabriksdiener. Aber diese Dinge schmuggeln sich ixt die Bewegung ein, sobald sie vom richtigen Wege abgewichen ist. Und das ist bei der christlichsocialen Bewegung der Fall. Sie war schön in ihren Anfängen, so schön wie das Christenthum selbst. Die Welt sollte erlöst werden von allen Uebeln des Capitalisinus, des jüdischen und christlichen Capitalismus; die Armen und Elenden sollten aus ihrer Noth herausgerissen werden. Wie oft hat Herr Dr. Lueger versprochen, den Armen beizxlstehen, ja, er sagte einmal, daß er es als eine Ausgabe seines ganzen Lebens betrachte, bie_ so ganz unchristlichen Eigenthumsverhältnisse in christliche Zustände umzuwandeln. Das war allerdings zu einer Zeit, wo Dr. Lueger noch nicht Bürgermeister der Stadt Wien war, sondern wo er es erst werden wollte. Damals versprach man der Bevölkerung das Blaue vom Himmel herunter. Heute aber, da er selbst erreicht hat, was er erreichen wollte, heute ist es anders. Wir möchten fast sagen, daß sich bei den Antisemiten nur der alte Proceß abspielt, wie wir ihn in allen Zeiten und bei allen politischen, religiösen und wirthschaftlichen Parteien gesehen haben und noch sehen: Insolange sie um die.Macht kämpfen und um die Gunst der breiten Volksmassen, sind'sie radical und volksfreundlich; haben sie aber einmal die Macht erreicht, dann sind sie genau dasselbe, was ihre Vorgänger, also diejenigen waren, die sie bekämpft und gestürzt haben. So war es ja auch mit dem Christenthum. Dieses Xvar zur Zeit des Erlösers, der Apostel und Kirchenväter die wahre Religion der Liebe, und man kann sagen, daß es eine hehre, eine schönere Lehre gar nicht mehr gibt, um das Volk, um die ganze Welt glücklich und zufrieden zu machen. So tvar es aber nur, insolange das Christenthum selbst verpönt, insolange die Christen verfolgt xvurden. Als sie dann aber selbst zur Herrschaft kamen, als das Christenthum Staatsreligion wurde, da machten sie es genau so wie die Heiden, da lvurde an den heidnischen Zuständen gar nichts geändert, als der Name, wie etwa in einem Staate der Name des Monarchen geändert wird, wenn dieser stirbt und ein anderer Herrscher das Scepter ergreift. Srffentliche Sitzung des Wiener isrnr litt ich en Cullus v v rstan des. Mittwoch den 28. April, 0 Uhr Abenos, fand im Iitznngssaale der Wiener israelitischen Cnltusgemeinde eine öffentliche Sitzung des Cultnsvorftandes statt. Der Präsiden t, kaiserl. Rath Heinrich K l i n g e r, erössnete die Sitzung, constatirte die Beschlußfähigkeit und brachte zur Kenntniß, daß' der Vorstand Herrn Hosrath Prot. G r ü nh n t anläßlich seiner Berufung in das Herrenhaus die Glückwünsche der Cnltnsgemeinde schriftlich übermittelt hat. Das Antwortschreiben des Herrn Hosrath G r ü n h n t liegt der Versammlung vor. Dem Oberrabbiner Herrn Dr. G ü d e m a n n wurde ans Anlaß der ihm verlieheneil Ordensauszeichnung vom Vertretercollegium im Namen des Cultnsvorftandes ein Glückwunschschreiben gesendet. Derselbe dankte dem Vorstand in einem Briefe, welcher zur Verlesung gebracht wird: Hochgeehrter Vorstand! Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für die Glückwünsche, mit welchen Sie anläßlich der mir verliehenen Allerhöchsten Auszeichnung mich beehrt haben. Ich maße mir nicht an, daß ich durch persönliche Verdienste die Aufmerksamkeit aus xnich gelenkt habe und dadurch in den Besitz einer Auszeichnung gelangt bin, die meinen seligen Vorgängern versagt war. Ich lebe und wirke in einer Zeit, in welcher drirch die gemeinsamen traurigen Erfahrungen das Beivllßtsein unserer ZusammengelMigkeit neu belebt worden ist. und ich darf mich glücklich schätzen, als Träger und Vertreter dieses Bewußtseins betrachtet zu werden. Ans die Stärkung desselben ist auch Ihre unermüdliche Thätigkeit, hochgeehrte Herren, gerichtet, und unser gemeinsames Streben wird nicht wenig ausgemuntert durch ras Vertrauen, das wir in unserem geliebten Kaiser, dem Beschützer unseres Rechtes und unserer Freiheit betrachten und verehren dürfen. Mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster Dr. G ü d e m a n n Wien, den 25. April 1897. Oberrabbiner. An den löbl. Vorstand der israelitischen Cultnsgemeinde Hier. Vor Uebergang zur Tagesordnung ergreift das Wort Herr Cultusvorstand Dr. Heinrich Sieger zur Stellung eines Alktrages. Am 9. Mai jährt sich nach jüdischer Zeitrechnung der Todestag des unvergeßlichen Philantropen Baron Moritz Hirsch de Gereuth. Der Heimgegangene Menschenfreund hat in Oesterreich zahlreiche Wohlthätigkeitsstiftungeu den Juden gewidmet, die edelherzige Baronin unterhält in Wien ein Wohlthätigkeitsbureau, welches mit monatlich 10.000 fl. dotirt ist. Das dürste den Antrag rechtfertigen, am Jahrestag des Baron Moritz Hirsch eine öffentliche Gedächtniß- und Trauerfeier abzuhalten. Die Baronin Hirsch in Paris sei zu dieser Tranerseierlichkeit schriftlich einzuladen. Dieselbe soll Gelegenheit haben, zu sehen, daß das Andenken an ihren unvergeßlichen Gatten bei der Wiener Judenschast sortlebt. Die Baronin, welche eben daran geht, neue Stiftungen den armen und bedrängten Menschen zu tvidmen, wird dadurch den Impuls erhalten, auch der Armen Wiens zu gedenken und in ihrer humanitären Wirksamkeit sortzusahren. Der Antrag xvird dem Vertretercollegium zur weiteren Berathung und Durchführung überwiesen.

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