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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-30 · 18 (30.4.1897) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
18 (30.4.1897)
Date
1897-04-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 378 Vr. Vloar s Woltzenptzrlfl Nr. 18 prägte Physiognomie ist in der Lyrik so selten wie der Mensch des Diogenes in Athen. Wer nun das Glück hat, einem Dichtermenschen zu begegnen, der kann nicht rasten, bis er ihn ganz kennt, um chn ganz zu verstehen. So forschte ich denn nach dem Lebensgange dieses S. A. Weiß und erfuhr, daß um sein poetisches Schaffen das Dasein einen recht düsteren Rahmen spannte. Mit einigen raschen Strichen feien diese Schicksale berührt, aus denen Verse stoffen, deren manche auf den Wellen der Zeit in die Zukunft hinüber zu schwimmen würdig sind. In kleinbürgerlichen Verhältnissen, am 19. Jänner 1858 zu Hruschau in Oesterreichisch-Schlesien geboren, arbeitete sich Weiß als einer jener armen jüdischen Studenten, die besonders gute Schüler sein und bleiben müssen, soll ihnen die Thüre des Lehrzimmers nicht vor der Nase zufliegen, durch das Troppauer Gymnasiuni und versenkte sich an der Wiener Universität vornehmlich in germanische und vergleichende Philologie, wobei er der psychologischen Seite der Linguistik besonderes Interesse zuwandte und neben der Vertiefung in die Meisterwerke der Araber, Perser und Inder schon ein sehr intimes Verhältniß zur Bibel gewann, diesem Urboru von Poesie und Wissenschaft, von Dichtung und Erkenntniß, von Kunst und Weisheit. Ein Essay- Gedanken über Völkerpsychologie" verriet!) schon damals den Forschergeist, der beim überkommenen Alten nicht stehen bleibt, sondern neue Schachte erschließt. Schwer genug wurde -es ihm, seine Bildung zu vollenden. War er doch einer der Stiefsöhne des Geschicks, jener mittellosen Studenten, die hungern müssen, wenn sie nicht ein paar Lectionen erhalten, wenn sie nicht ihr Talent in den Dienst der Talentlosigkeit Anderer stellen können, einer jener Fluchtverfolgten, denen die immer nagende Sorge manchen hell glimmenden Geniefunken im Gehirn ausbläst, deren Viele verbummeln, verkommen, geistiges Lumpengesindel werden, weil die zünftige Wissenschaft ihre Jnnungsrechte nur gegen wohlbemessene Taxen ausfolgt. Heute gibt es für diese armen Studenten eine Art Schutzgarde in dem von confessionellem uud nationalem Hader noch nicht vergifteten „Allgemeinen Studenten-Unterstützungsverein", dem die Möglichkeit recht ausgebreiteten Wirkens zu wünschen ist, damit just Jenen, welche die Entwicklung des Menschengeschlechtes, die Erhöhung seines Wohles zu ihrem Berufe machen, die grausame Noch ferne gehalten werden könne, die sehr mit Unrecht als Treibhausofen der rechten Begabung angesehen wird, die vielmehr neunundneunzig Talente tödtet, ehe sie eines zur Entfaltung bringt. Solch auserwählt Einer war S. A. Weiß. Ihn hob die Muse über den Daseinsjammer empor, der noch nicht sein Ende fand mit dem Doctordiplom, dem Aichungsscheine für den wissenschaftlichen Gehalt. Er ging nach Czernowitz in der Hoffnung, sich dort an der Universität für vergleichende Philologie zu habilitiren und so, was er dem Sprachgeiste in eiferheißem Werben abgelauscht und abgespäht, lehren, verkünden zu können. Der Wunsch erfüllte sich nicht. Vergeblich strebte er auch die Stelle eines Amanuensis an der Universitätsbibliothek an und mußte durch weitere vier Jahre als Stundenlehrer und Hofmeister sein Brot erwerben. Wieder tröstete ihn die Liebe zur Muse. Niedergedrückt durch die steten Mißerfolge, bitter enttäuscht durch viele ungehaltene Versprechungen, verließ er 1889 das Hauptstädtchen der Bukowina und wurde Redacteur eines Provinzblattes in Mähren. Da war der offene, wahre, überzeugungsgerade Mensch nicht am Platze. Er war nicht der Mann, sich um die Meinung von Gevatter Schuster und Strumpfwirker zu kümmern und die eigene darnach zu reguliren, jeden Abonnenten als seinen Herrn und jeden Inserenten als unantastbare Majestät anzusehen. Und er war auch zu ernst, zu gründlich für sein Amt, er hatte zu viel Verstand dafür, viel mehr als es vertrug. So gab er es denn auf und ging nach Wien, wo er 1891 einen eigenen Herd gründete mit einer Frau, die ihn erfaßte, der er sein reiches Innenleben ganz erschließen konnte, die ihm Schaffenslust und Schaffensruhe gab im Wohlbehagen des friedlichen Heims, in das mit einem Bübchen bald voller Lebenssonnenschein drang. Wie er sich zum Tröste gedichtet, da ihn die Fänge der Noch umklammert, so dichtete er nun im heiteren Hafen, um seine Wonnen doppelt zu genießen. Er hatte recht, denn sie sollten sehr kurz sein. Am ersten Geburtstage seines Kindes, Ende März 1893 warf ihn eine Influenza nieder, der er sich für den Moment entwand, aber um als schwer Lungenkranker über drei Jahre vom Bett in die Eisenbahn und wieder in's Bett gehoben uud durch alle Klimata geschleppt zu werden. Mit der unbegreiflichen Geduld eines Hiob trug, er sein Martyrium und konnte noch vem treuen Weibe zulächeln und lustig mit seinem Jungen spiele.n, der klug und süß und rührend zärtlich war, wie es nur in der Krankenstube ausgewachsene Kinder sein können, ein ganzer Mensch mit seinen drei Jahren. Für dieses Kind schuf er, ohne Ehrgeiz für sich selbst. Dem Knaben einen Namen zu hinterlassen, auf den er stolz sein durfte, das war für ihn der Sporn, mit der zitternden abgenmgerten Hand festzuhalten, was durch Herz und Hirn flog, und in seinem Innern die Prozession von Bildern und Gesichten aufzurufen, so daß die schmalen und blassen Wangen noch schmäler wurden und blässer von dem angestrengten Jnsichhineingrübeln und Sinnen über Welt und Schicksal. Aber diese Dichterarbeit machte sein Auge, das matt und roth war vom Wachen, weiter und strahlender und legte ein Lächeln um den schmerzenzuckendeu Mund; sie sollte ja, wenn das Zerstörungswerk des Wurmes in der Brust vollendet war, oes Sohnes schönes Erbe bilden. Das wurde anders. Das frische gesunde Kind starb vor dem grabesnahen Vater. Tückisch-rasch mordete es im Pusterthal eine Erkältung hin. Damit verlor der Kranke Lebenshalt und Lebenslust, und vor dem Menschen ging der Dichter zu Grabe. Nur dem Engelchen, das ihn verlassen, widmete er noch ein paar Gedenkverse, die, nicht seine besten Gedichte, doch für ihn charakteristisch sind; sie zeigen, wie er in Versen dachte und fühlte, wie er sein Leben ungeschminkt und ungeschmückt in's Gedicht faßte. Das belegen alle Dichtungen, die unter dem Einflüsse der Krankheit entstanden sind und, ob sie seine innige Gattenlrebe aussprecheu, ob sie Perspectiven in das Reich der „Betrachtung" erschließen, ob sie durch das Fenster der wandernden Matratzengruft ihres Barden das Mätzchenspiel auf der Weltbühne belächeln, immer einen ernsten, fast herben Zug im Antlitz tragen. Der Tod des Kindes verlöschte in ihm die Dichterflamme, die in alles Weben und Walten hineingeleuchtet, in die politischen, socialen und künstlerischen Kämpfe der Zeit, zu denen er Stellung genominen hatte als guter, ehrlicher Deutscher, als guter ehrlicher Fortschrittsmann, als guter ehrlicher Jude und bei all' dem als echter Poet und geläuterter Philosoph, als Idealist, der gegenüber dem brutalen Haß noch die Liebe wahrt und in die düsterste Gegenwart erhellend und erheiternd hineinleuchtet mit der frommen Zuversicht auf eine bessere Zukunft. In dem Gedichte „Hillel" gab er sein Selbstporträt, sprach er seine Ethik und Lebensanschauung aus, goldene Worte in würdiger Fassung, ein congeniales Nachempfinden des tiefsten Weisheitsschatzes der Bibel, des Judenthums, dessen historische Gestalten zogen ihn auch in den letzten Jahren seines Lebens am mächtigsten an; er schlug aus dem ersten Morde, den die Bibel erzählt, ein herrliches Gedicht, er gab in „Satan" das Beste und Prächtigste aus der jüdischen Moralphilosophie, er dichtete Byron das Wunder der Niederlage des Assyrerkönigs Sanherib nach und übertrug einige Psalmen in moderne poetische Formen, welche den ewigen Reiz dieser Dichtungen besonders mächtig und unverkürzt widerstrahlen. Daneben aber 'schrieb er politische Sänge, die zu Schlachtliedern des um seinen Besitzstand kämpfenden Deutschthums wurden und widmete er der Arbeiterbewegung, diesem großen Kampfe zwischen der schwieligen Faust und dem Geldsack, ein erschütterndes Bild „aus der Großstadt", worin er den „Mann im Arbeiterkleid", den der Wagen des Ministers „im wogenden, bunten Gewühle" mit- Koth bespritzt, sich mit der Gesellschaft auseinandersetzen läßt, die auf ihn herabsieht, die er aber in ihrer Morschheit erkannt und verachtet und der er prophezeit, daß sie zusammenbrechen wird unter den wuchtigen Fußtritten von seinesgleichen. Rechte Proletarierpoesie, wie sie kein empörter „Genosse" kraftvoller, eindringlicher dichten könnte. Aber auch das große Mitleid, das ihm solche Aufschreie entrungen hatte, tauchte unter in seiner Lebensverzweiflung nach dem Heimgang des Knaben. Um ihm ein neues Lebensinteresse zu geben, wurde eine rührende Comödie ersonnen, die seine letzten Wochen in hellen Schimmer tauchte, schöne Hoffnungen, beseligende Träume wieder weckte und ihm an der Hand des, immer näher herantretenden Todes die Huldgestalt des Ruhmes zeigte, dieses besseren Jenseits im Diesseits. Mittelst gefälschter Briefe berühmter Schriftsteller und guter Verleger gaukelte ihm die Frau das bevorstehende Erscheinen seiner Gedichte vor und der minder eigenartigen, aber doch recht gefälligen Erzählungen, in denen er viel Humor entwickelte. Es ist tief bedauerlich, daß er hingehen mußte — am 21. Juni 1896 starb er in Gries — ohne daß diese Comödie Wahrheit wurde, es ist beschämend, daß der Meister suchen mußte, was der tastende Anfänger gefunden hatte. Im Jahre

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