Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 18 (30.4.1897)
- Date
- 1897-04-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 18 Vr. VLoch's ZvortzrnjlttrrM. Sette 377 zwitschert jede Schwalbe, die einen dürren Halm znm Nestbau tragt: Auferstehung summt jeder junge Käfer, der surrend durch die Lüfte schwirrt; Auferstehung wispert jeder Grashalm, der, frisch dem Erdreich entkrochen, mit dem Windhauch zärtliche Zwiesprache hält; Auferstehung duftet es aus jedem Beilchenköpfchen, das in frischer Lebensfreudigkeit die blauen Augen zur Sonne aufschlägt. Daß Culturreligionen in dieser Zeit Feste begehen, denen der Auferstehungsgedanke zu Grunde liegt, die eingesetzt sind zu dankbarem Erinnern an Befreiung, Läuterung, Erhebung und Erlösung, das ist so selbstverständlich. Was kümmert es uns, ob die Geschichte den Wirklichkeitshintergrund dieser Pietätsfeste auch in der That um diese Zeit ausgespannt hat, oder ob sich da ihre Anordner eine poetische Licenz erlaubt haben?! Gewiß ist es, daß die Osterfeier der Natur viel beiträgt zur frommen, frohen Osterfeier der Menschheit, daß sie uns das innere Auge öffnet für den tiefsten Sinn dieser rothen Kalendertage, an denen auch das Judenthum der Erscheinung eines Heilands gedenkt, eines Erlösers und Befreiers, der ein unter pharaonischem Tyrannendruck seelisch hingemordetes, geistig verthiertes Volk zur Auferstehung führte, §ur hohen, herrlichen Auferstehung des freien Menschenthums. Knechte, Sclaveu, willenloses Jochvieh früher und plötzlich Menschen, Herren ihrer selbst, diese glückliche Wandlung feiern die Juden in ihren Ostern. . . . Auferstehung! Wer ersehnt sie nicht für manches edle Streben, das er enttäuscht begraben mußte?! Wer erträumt sie nicht für manches Werk, das groß gemeint war und doch, vom Spinnennetz der Tage überwebt, nnbeachtet blieb?' Auferstehung! Es gibt keinen wohlthuenderen, keinen tröstlicheren, keinen ermuthigenderen Glauben. Und wo sie sich vollzieht, da genießen die Sehenden ein Schauspiel von erdentrückendem Reize. Daß es mir doch gelänge, jetzt ein solches Schauspiel hervorzurufen. Mich beseelt diese Absicht und mit ihr die Hoffnung, es werde mir glücken, den Geist eines Todten zu sichtbarer, hörbarer, fühlbarer Lebendigkeit zu beschwören, die man lieb und werth gewinnt und die in der Seele die Sehnsucht weckt, diesem Geiste immer lauschen zu können. Kühnes Beginnen! Und mehr als kühn, da es einem Poeten gilt, einem Lyriker. Gedichte, wozu braucht man die? Darin deckt heutzutage Jeder seinen etwaigen Bedarf aus Eigenem, im Glauben, daß man sich die Poesie wie die Strümpfe nicht außer Hause arbeiten zu lassen braucht. . . . Und doch siegt über die Gleichgiltigkeit und über das Heer heimlicher und offener Concurrenten der echte Poet, der seine eigene Note findet, der etwas zu singen und zu sagen hat. Dem Berufenen und Auserwählten gegenüber ist plötzlich das verleugnete Bedürfniß nach Lyrik da als das Sonntägliche im harten Leben, als die Seelenandacht,-llach der man hungert. Sechs Tage Kreutzer-Sonate und Gespenster, Bete humaine und Demi vierges lesen oder leben, am siebenten aber das frische, freie Lied eines Geistes, der nur Poet sein mag, nicht Bivisector, dem es aber doch gelingt, den Gehalt der Zeit in sich zu begreifen und seine Dichtung mit dem Wesen unserer Cultur zu erfüllen, daß man darin Spuren findet von der Universalität des modernen Menschen, von den Errungenschaften seines unausgesetzten Ringens und Kämpfens. Einem solchen Poeten, der ganz und gar Zeitgenosse war im künstlerischen Sinne der Antike und der Renaissance und aller Hoch gestalten der Kunstwelt, der Art und Wesen, Fühlen und Sinnen, Streben und Gehaben feiner Zeit von hoher Warte übersah, der sie liebte und doch ftir ihre Gebrechen klares Auge behielt, der die Mission des Dichters erkannte, die Zeit in sein Werk zu übernehmen und so sein Werk als eine bleibende Spur von ihr in die Zeit zu setzen, der aber als Mensch den Zeitgeist überragte, einem solchen Dichter will ich ins Angesicht leuchten. Berlioz' traurig-stolzes Wort: „Ich muß erst sterben, damit die Leute mich verstehen", es ist auch auf unseren Dichter erschütternd zu erweitern, denn er mußte sterben, ehe ihn die Leute überhaupt kennen lernten. Aber da war es nicht — nach dem alten Volksglauben — die S e e l e, die mit dem letzten, schmerzlösenden Athemzuge den Märtyrerleib verließ und in die Unendlichkeit hinausflog. Nein. Diese Seele blieb hier zurück auf Erden, sie saß gefangen in der Schublade des Schreibtisches in der Form eines Bündels beschriebener Blätter, die jetzt vor mir liegen, um befreit zu werden und zum Leben zu erstehen. Wie kam sie zu mir, die Seele eines todten Poeten? Vor einigen Wochen wurde mir eine schwarzumrandete Visitkarte ins Zimmer gebracht und ihr folgte eine in ttefes Schwarz gekleidete Dame, die etwas scheu und verlegen um Entschuldigung bat, daß sie an meine, ihr gerühmte Menschenfreundlichkeit — ich scheine wirklich im Verrüfe dieser undankbaren und unzeitgemäßen Tugend zu stehen — mit einer eigenthümlicherk Bitte herautrete. Und nun eröffnete mir die Dame in Trauer, daß ihr verstorbener Gatte ein Dichter gewesen, nach ihrer Meinung ein echter und rechter Dichter, daß aber seine Werke, von ihm selbst zu zwei Bänden — Verse und Prosa — geordnet und druckbereit gemacht, noch des erlösenden Verlegers harren und daß sie ihrem Leben nur den einen Zweck gebe, denk Gatten posthume Anerkennung zu verschaffen. Solcher Botschaft gegenüber fehlt Einem immer der Glaube. Begeisterung der Frau, der eigenen Frau, was wiegt die? Verliebt und geliebt, ist die Frau leicht geneigt, einen Vers, den sie hervorgerufen, als dessen Muse sie sich fühlt, für das allerfchönste Gedicht der gefammteu Weltliteratur zu halten und feinen Sänger für einen zweiten größeren Goethe incognito. Mit innerlich sauerem Gesichte, ob auch äußerlich höflich, bat ich die Dame, mir die Arbeiten zu schicken und versprach, sie zu lesen und dafür zu thun, was in meinen bescheidenen Kräften steht. Bald lagen vor mir ein paar hundert Blätter Gedichte im Manuseript. Da ich nebst der Menschenliebe noch eine Nebenbeschäftigung habe — mau wird nicht fett von dem Wohlthun, das mau Anderen zuwendet — schlug ich das Bündel mit einigeru Unbehagen aut, zugleich aber mit der Hoffnung, ich würde bald im Klaren sein mit rneinem Urtheile und es genug sein lassen dürfen des grausamen Spiels mit meiner Zeit und meinen arg gequälten geistigen Berdauungsorganen. Aber es kam anders. Dieses „Singen und Sagen" von 2. A. Weiß — man wird dem Namen vergeblich nachsinnen, mau hat ihn nie gehört — diese Sammlung von Liedern, lyrisch-epischen Dichtungen, Balladen und Anderem hielt mich fest und ließ mich nimmer los. Der sich hier ausgesprochen, der war einer von jenen Muß-Dichtern, die da schaffen, um los zu werden, was in ihnen ringt und wirbelt, denen alles innere und äußere Leben Gedicht wird, die sich eiuspinnen in Poesie, aber nicht etwa wie Rückert, dem — manches reizvoll Gerathene zugegeben — Alles Poesie war, was sich reimte, sondern wie Goethe und Heine, wie Burns und Petöfi, denen sich alle Eindrücke und Empfindungen zn Liedern krystallisirten, die, obwohl unmittelbare Seelenausströmungen, doch Musterproben der Kunst sind, das persönliche Gefiibl so auszusprechen, daß es allgemeine Bedeutung erhält. Als solch' ein wirklicher Dichter von Gottes Grladen gab mir der tobte Mann, dessen poetischen Nachlaß ich vor mir hatte, sein geheimes Freimaurerzeichen, das nicht Vielen bewußt wird, jener ganzen, großen Heerde nicht, bei der ein milder Herrgott Gnade vor Recht ergehen ließ, so daß die armen Schäfchen im Schweiße ihres Angesichtes Verse blöcken. die kaum verzeihlich wären, wenn auch am Sinai das Gebot verkündet worden wäre: „Du sollst dichten!" .... Aber dieser war geweiht und eingeweiht, ihm erschloß die Natur ihre Seele, ihm wurden die leisesten Flüstertöne des Daseins hörbar, für ihn hatte Alles, was sich in ihm und um ihn her regte, eine vertraute Sprache. Ihm war jener sechste Sinn zu eigen, der Symbole erkennt und schafft, der in den geistigen Vorgängen und körperlichen Erscheinungen Spiegelbilder der gewaltigen Weltbewegungen sieht. So dämmerte ihm das Gesicht unserer wüsten und wirren Zeit und zugleich das tröstliche Hoffen auf Besserung und der Ansporn zu kühnem Andringen gegen all ihre Schatten und Gespenster im Bilde eines „Morgens im Gebirge", das er schlicht hinmalte, ohne die Arabesken und Randleisten seiner Gedanken, aber diese ahnt, wer sich ihm verwandt fühlt, wer wie er ins Leben schaut. Immer vermählte er seine Seele mit der Naturseele und trug in ihren liebeswarmen Schoß sein Leid und seine Lust. Und derselbe Poet schritt mit hocherhobener Fackel durch philosophische Gedankenwelten, beschwor längst vermorschte geschichtliche Menschen, denen gewaltige Thaten oder weise Gedanken oder ein ganz besonders erupttves Gefühlsleben, das Thor der Ewigkeit eröffnet, tönte das eigene, heiße Herz in bewegenden Klängen aus, schaute sinnenden Blickes in's Wettgewühl, aber hinter den überlegenen Mienen dieses bleichen Gesichtes barg sich auch ein Schalk, ein unverbitterter, kräftiger Geist, der zur rechten Zeit auch herzlich lachen konnte. Daß ich mich für diesen anmuthenden literarischen Charakterkopf rasch erwärmte, wird begreifen, wer einmal zu Genuß oder Kritik das Gebiet unserer Lyrik betrat, und sich alsbald in der Lage jenes vielverspotteten Philosophen fühlte, der in den Gaffen von Athen am helllichten Tage mit der Laterne einen „Menschen" suchte. Der „Mensch", der sich selbst ohne Lug und Trug ausspricht, die eigene, klare, festge-