Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 18 (30.4.1897)
- Date
- 1897-04-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 374 Vr Vloch's Mochenkchrtfi Nr. 18 Ueberzeugmrgstreue mrd Gesinnungstüchtigkeit, deutsche Treue im : Allgemeinen zu nennen Pflegt. An demselben Tage, an dem diese deutschnationalen Antisemiten sich in ihrer ganzen erbärmlichen Luegerfeigheit declarirten, nahmen das stadträthliche Tramway-Pauschaulienblatt und das Heilodrige Goldminenorgan den Mund besonders voll und sprachen von christlicher, deutscher „Moral". Nachdem es mit der deutschen Treue ein wenig zu harpern scheint, werfen sich die Herren auf den vermeintlich gangbaren Handelsartikel der christlichen „Moral". Die christliche Moral besteht darin, den jüdischen Aerzten ihre Patienten zu stehlen. Eine Frage, die wahrlich mit Jude uitb Christ nichts zu thun hat, die Frage der Verschärfung der Diseiplinarmittel der Kammer wird zum Anlaß genommen, um den pharisäischen Grundsatz „Kauft nur bei Christen" ein neues Pendant an die Seite zu stellen in dem mit Gesinnungsfloskeln und Ueberzeugungsphrasen hochstaplerisch verbrämtem Postulat des Brotneides: Laßt Euch nur von Christen heilen! Es ist nicht nothwendig, mit diesen verganistrsch angehauchten Bürschchen über die Bedeutung der jüdischen Aerzte zu rechten. Es kann einer über die Geschichte des Pauschalieuwesens sehr insormirt sein und dadurch die Qualification zum Amte eines Stadtrathes besitzen. Es kann ein Anderer über die Ertragsfähigkeit der Goldminenwerthe die mit Inseraten und Betheiligungen begründeten Anschauungen haben. Darum kann es mit ihren historischen Kenntnissen ein wenig windig bestellt sein, darum brauchen sie nicht zu wissen, daß seit den grauen Zeiten des Alterthums und in der ihnen sympathischen Epoche des Mittelalters gerade die erbittertsten Antisemiten, gekrönte Antisemiten sich mit Vorliebe jüdischer Aerzte bedienten. Und so ist es bis in die Gegenwart geblieben, wie ein Blick nach Rußland beweist. Aber die Herren haben es noch näher. Auch das Ueberhandnehmen der antisemitischen Strömung hat es nicht hindern können, daß auch in Wien der jüdische Arzt in gut antisemitische Häuser gerufen wird, dank seiner Kenntnisse, dank seiner Pflichttreue, dank seiner Gewissenhaftigkeit. Wo es sich um Leben und Gesundheit handelt, scheert man sich nicht um die Phrasen der Verganews und anderer Pauschalisten, auch nicht um die Pauschalphrase von der christlichen Moral. Aus der antisemitischen Ehrengalerie. Sie ist ungemein groß die Galerie der antisemitischen Ehrenmänner und sie wächst von Woche zu Woche. Bald muß von neuen Männern mit neuen antisemitischen Heldenthaten berichtet werden, bald sind es die alten Helden, die durch neue Thaten die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Es ist eine Sache der Unmöglichkeit, Alles zu registriren. was sich auf diesem Gebiete im Laufe einer Woche sammelt. Greift hinein in das volle antisemitische Leben, und wo Jhrs oder der Staatsanwalt packt, ist es interessant. Also versuchen wir heute einen solchen Griff. -i- * Wien hatte die Tage Gelegenheil, das Wirken und Schaffen eines antisemitischen Armenrathes nach Gebühr zu würdigen. Der biedere Armenrath — sein Name sei nicht verschwiegen — er heißt Carl Höllthaler, hatte sich für sein humanitäres Wirken im Gerichtssaale zu verantworten. Vorige Woche konnten wir an dieser Stelle berichten, wie der Antisemit Rupert Matulka einem jüdischen Knaben gegenüber praktischen Antisemitismus bethätigte. Der Antisemit Carl Höllthaler übt in seiner Weise antisemitische Humanität a n a r m e n Christen. Am 30. März d. I. kam in das Fragnergeschäft des Antisemiten Carl Höllthaler, IH., Hauptstraße 61, die 65jährige Francisco Weinwurm und bat ihn, sich der Ertheilung einer Pfründe an ihren 76jährigen Mann nicht zu widersetzen, da dieser arbeitsunfähig und krüppelhaft sei. Nach der Anklage soll Höllthaler die alte Frau mit den Worten: „Gesindel! Bagage! Glumpert!" e.us dem Geschäfte gejagt haben. Die Anklage wurde durch die Aussage von Zeugen erhärtet und Carl Höllthaler — merkwürdig, wie viele große Antisemiten den Vornamen Carl tragen — wurde zu einer Geldstrafe von 20 fl. verurtheilt. Diese 20 fl. werden dem Armenfonds zugeführt und so wird sich vielleicht Carl Höllthaler eines Tages rühmen, daß er als Armenvater — aus eigener Tasche den Armen Wiens 20 fl. g e s p e n d e t h a t. * * * Ein zweites Bild aus dem antisemitischen Leben! Und abermals ans dem Gerichtssaal geholt. Das ist schon so, wenn man Antisemitenköpfe sesthalten will. Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Ottakring hatten tlch vor einigen Tagen der durch wackere antisemitische Gesinnung sich auszeichnende Drechslermeister Franz P l a h a k, sowie dessen Gattin Rosalia wegen mehrfacher Malversationen zu verantworten, die elfterer in seiner Eigenschaft als Obmann des Gesangvereines der Drechslermeister Wiens, letztere als Fahnenmutter des genannten Vereines beging. Plahak war, wie aus der Anklage hervorgeht, durch anderthalb Jahre Obmann des Vereines und benützte diese Stelle dazu, um sich dadurch materielle Vortheile zu sichern. Aufgedeckt wurde dieses Gebühren gelegentlich der im Herbste des vergangenen Jahres stattgehabten Einweihung der Vereinsfahne. Zu dieser Festlichkeit war der gesammte Verein mit zwölf Ehrenjungfranen an der Spitze in die Kirche marschirt, sodann wurde ein Fest mit Juxbazar und Tanzkränzchen abgehalten. Während nun in der Kirche der feierliche Act der Fahnenweihe von statten ging, kam es draußen unter den Fiakern, die die diversen „Notabilitäten" zur Kirche brachten, zu erregten Scenen. Diese warteten nämlich seit Früh auf das übliche Trinkgeld, aber der Obmann hatte den hiefür aufgerechneten Betrag in die eigene Tasche gesteckt. Auch bei dem Festabend rechnete Plahak mehr für Ausgaben und Trinkgelder auf, als er thatsächlich, bezahlte. — Was endlich die angeklagte Fahnenmutter betrifft, veranstaltete sie bei den zwölf Ehrenjungfrauen eine Sammlung behufs Anschaffung zweier Fahnenbänder und behielt den eingenommenen Betrag von 37 fl. für sich. Franz Plahak wurde zu drei Tagen Arrest verurtheilt; seine Gattin aber freigesprochen. Herr Plahak wird darum hoffentlich weiter eine Zierde der Antisemiten bleiben. * * * Weiter! Wir haben auch von Herrn V e r g a n i eine hübsche Leistung zu berichten. Nicht er erschien im Gerichtssaale als Angeklagter, sondern er wirft sich in seinem Blatte zum Ankläger und Richter über die im Gerichtssaale auf der Anklagebank sitzenden Personen auf. Aber es genügt ihm nicht, die Angeklagten allein zu verdammen, er beschimpft gleich alle Juden. Ueber den Proceß Bardaß berichtet Vergani unter dem Schlagwort „Eine jüdische Gaunerei". Der vielgefeierte Ehrenbürger von Mühldorf sollte eigentlich längst es wissen: Gaunereien haben keinerlei specifisch confessionellen Charakter; sie sind weder jüdisch noch christlich. Man kann, wenn man ehrlich sein will, nur von specifisch antisemitischen Gaunereien sprechen. Das sind solche, die kein Christ und kein Jude begehen kann, da sie nur mit dem Begriffe des Antisemitismus vereinbar sind.» Eine specifisch antisemitische Gaunerei zum Beispiel ist es, eine Gaunerei, die absolut nichts mit Conseffion und Abstammung zu schaffen hat, eine „jüdische" zu nennen, weil sie von einem Juden begangen wurde. Wir glauben, Vergani weiß das selbst ganz gut, er stellt sich in diesem Falle nur so albern und wir werden in seinem Blatte wohl noch vielen „antisemitischen Gaunereien" begegnen, die sich aber discret hinter einem anderen Titel verbergen werden. * * Da wir schon von Herrn Vergani, einem antisemitischen Abgeordneten, sprechen, sei auch seines edlen Partei-, Gesinnungs¬ und Standesgenossen, Mittermaye r's, gedacht. Vergani war zwar nie Kellner, wie Mittermayer, aber M i t t e rmayer ist als Abgeordneter und Schriftsteller — man erinnert sich an seine classische Orthographie — nichts weniger als Vergani. Von Herrn Mittermayer war in den letzten Tagen nur Eines zu hören: Das Landesgericht hat zur Abwechslung seinen Strafact wieder an das Bezirksgericht zurückgesandt. Es ist doch gut, daß Mittermayer immun ist. So sitzt er noch immer im Parlament. * * * Die Antisemiten beschäftigen sich leidenschaftlich mit der Racenfrage. Durch diese sind sie j.r angeblich zu der Berechtigung gelangt, die Juden zu hassen und zu verabscheuen. Nun, wir glauben zwar, daß wir die antisemitische „Race" in Europa hinlänglich kennen gelernt haben, aber für die fanatischen Arier wird es wohl lehrreich sein, wenn sie ihre Racenstudien auch außelhalb Europas fortsetzen. Und so wird es zum Beispiel ungemein lohnend für sie sein, wenn sie den Charakter des „Ariers" Dr. P e t e r s ein wenig in's Auge fassen, der ferne von der Heimat im schwarzen Welttheile so ganz fessellos seine angeborenen „arischen" Eigenschaften zur Entfaltung bringen konnte. Wie Dr. Peters als deutscher Reichscommissär gewirkt und gewaltet, ersieht man am besten aus der Anklage, die übrigens ziemlich bemüht war, seine Thaten in dem mildesten Lichte erscheinen zu lassen. Geheimer Legationsrath H e l l w i g sagte zur Begründung der Anklage: Niemand beklage lebhafter und tiefer als die Colonialverwaltung, daß diese erste öffentliche Thätigkeit im Rahmen des Disciplinargesetzes gegen den Reichscommissär z. D. Dr. Peters gerichtet sein muß; handle es sich doch um einen Mann, der in weiten Kreisen des Vaterlandes als Bahnbrecher für die deutsche Colonialpolitik gefeiert werde. Die Regierung würde undankbar sein, wenn sie nicht rückhaltlos anerkennen wollte die großen Verdienste, die er sich vermöge der ihm inne wohnenden großen Energie um die Sache der Colonisation erworben habe. Der Staatsanwalt" führt an der Hand der Beweisaufnahme aus, daß die Tödtung des Negers Mabruk aus dem Grunde stattgefunden habe, weil dieser geschlechtliche Beziehungen zu einem der Weiber unterhalten habe, daß somit ein Willküract des Angeklagten vorl'ege und daß Dr. Peters seiner Behörde falsche Thatsachen berichtet habe, um die Behörden zu täuschen und sie von eingehenderen Nachforschungen abzuhalten. Ein ausreichender Grund zu der Hinrichtung