Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 18 (30.4.1897)
- Date
- 1897-04-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021187--06696-3030989- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 18 Dr. Vwch's WochrnfttzrM- Seite 371 bührt. Dieser Mißbrauch kann aber nur insolange geschehen, als zwischen der öffentlichen und der privaten Wohlthätigkeit, sei diese nun eine in Vereinen oder von Einzelnen geübte, kein Zusammenhang besteht, als ohne Prüfung der wahren Verhältnisse und wahren Bedürfnisse gegeben wird, und als keine Organe vorhanden sind, welche die Erhebungen pflegen, genaue Berichte erstatten und die richtigen Vorschläge vorbereiten. Weder die öffentliche Armenpflege, noch die private in Vereinen, am allerwenigsten aber der Einzelne, dessen gutes Herz und offene Hand am meisten in Anspruch genommen werden, verfügen über solche Organe. Es muß anerkannt werden, was die Organe der Israel. Cultusgemeinde leisten; es verdient vollste Anerkennung, was unsere jüdischen Wohlthätigkeitsvereine beitragen, die Noth zu lindern, und es ist über alles Lob erhaben, was in jeder jüdischen Familie an Wohlthaten geübt wird. Allein darüber herrscht kein Zweifel, daß diese Ausübung - der Wohlthätigkeit einerseits nicht die Gewähr bietet, daß der wahrhaft Bedürftige wirklich und rechtzeitig und in entsprechendem Ausmaße unterstützt werde, nicht die Gewähr bietet, daß die Wohlthätigkeit nicht ausgebeutet werde, und zum allerwenigsten die Gewähr bietet, daß auch der Zweck erreicht werde. Unseres Erachtens müßte daher eine solche Reform platzgreifen, welche eine M i t w i r k u n g vieler Personen, Männer und F r a u e n, an den Erhebungen über die Armen ermöglicht; es müßte ferner eine Organisation geschaffen werden, welche eine gegenseitige V e rst ä n d i g u n g der Vereine untereinander und mit der öffentlichen Armenpflege zur Voraussetzung hat und eine solche Organisation, die den Privaten, ohne im Geringsten seinen wohlthätigen Absichten Schranken zu setzen und auch ohne die gebotene Discretion, die man den Armen schuldet, zu verletzen, in den Stand setzt, seine Gabe an die richtige Stelle zu leiten. Durch eine solche Organisation wäre nicht blos bewirkt, daß die der Wohlthätigkeit gewidmeten Summen den wahrhaft Bedürftigen zufließen, sondern auch, daß sie ihnen in solchem Ausmaße zugewendet werden könnten, um dort, wo es möglich ist, eine gründliche und dauernde Abhilfe zu schaffen. Die Heranziehung von vielen Personen — wir haben auch die F r a u e n im Sinne — zur öffentlichen Wohlthätigkeitspflege hätte unseres Erachtens auch die gute Folge, daß auf diesem Wege, insbesondere durch bezirksweise Organisationen, die Glaubensgenossen nicht blos zu persönlicher Mitarbeiterschaft aufgemuntert werden, sondern daß sie auch die materielle Förderung der Wohlthätigkeitsanstalten und Wohlthätigkeitsvereine sich werden angelegen sein lassen, daß manche Institutionen, die man jetzt kaum dem Namen nach kennt, allgemeiner Kenntniß nahe gebracht werden, daß man von dem nützlichen Wirken vieler Anstalten mehr erfahren wird, daß auch die private Fürsorge für Arme sich mehr bethätigen wird und endlich, daß Denjenigen, die ihren wohlthätigen Sinn durch Spenden, Stiftungen, Zuwendungen u. s. w. zum Ausdruck bringen wollen, der Weg gezeigt werden wird, auf dem sie in zweckmäßigster Weise ihren Mitbürgern und Glaubensgenossen Hilfe leisten können. Wir erlauben uns die Ansicht auszusprechen, daß die israelitische Cultusgemeinde nicht nur in sich die Mittel hat, eine Reform der Armenpflege in dem von uns angedeuteten Sinne durchzuführen, sondern, daß sie auch die umfassendste Mitwirkung bei den Mitgliedern der Gemeinde finden wird. Je mehr sie es als ihre Pflicht erkennt, auf diesem Wege voranzuschreiten, eine umso größere Begeisterung wird sie in den Kreisen unserer Glaubensgenossen erwecken, und ° je rascher sie zielbewußt Vorgehen wird, umso dankbarer wird die Mitwelt und die Nachwelt das Verdienst anerkennen, das sie durch ihre Initiative sich erworben haben wird. Wir hegen keinen Zweifel, daß das Ziel erreichbar ist und mit dem guten Willen und dem vollen Wissen, das wir im geehrten Vorstande vorausfetzen, auch erreicht werden wird. Allein wenn auch der Erfolg den Erwartungen nicht ganz entsprechen würde, wenn man selbst Zweifel hegen wollte, daß das Ziel, das uns vorschwebt, vollkommen erreichbar wäre, die Mühe wird doch nicht eine vergebliche gewesen sein. Wir sind überzeugt, daß Verbesserungen eingesührt werden müssen. Die jetzigen Zustände sind unhaltbar, weil sie geradezu schädlich wirken, und es kommt nur darauf an, daß mau, durchdrungen von der Erkenntniß der Mangelhaftigkeit unserer Armenpflege, und durchdrungen von dem Bedürfniß der Verbesserung mit Muth und Energie das Reformwerk in Angriff nehme, nicht den Zweifeln Raum gebe, sondern mit Zuversicht aufs Gelingen ans Werk gehe. Dann wird es, mit Gottes Hilfe, auch gelingen. Und so wiederholen wir unsere Bitte, der hochgeehrte Vorstand wolle die Reform der Armenpflege in dem von uns hier angegebenen Sinne baldigst in Angriff nehmen und als ersten Schritt hiezu binnen kürzester Frist eine E n q u 6 t e, bestehend aus Vertretern der Wohlthätigkeitsvereine, Männern und Frauen, die in der Armenpflegepraxis erfahren sind, und Männern der Wissenschaft, einberufen, welche über die eiuzusührenden Reformen befragt werden sollen. Wir begnügen uns damit, durch diese unsere Bitte einen Baustein beigetragen zu haben für das Gebäude einer wohlorganisirten Armenpflege, von dem wir wünschen, daß es sich bald in unserer Gemeinde erhebe zur Ehre Gottes und zum Wohle unserer armen Glaubensgenossen. Sigmund Kauders, II., Miesbachgasse 7; Arnold Marek, Generaldirector, I., Franz Josefs-Quai 1; Gottlieb Bettelheim, IX., Kolingasse 5; Johann Lichtenstadt, I., Wallnerstraße 1; Dr. Josef Bloch, Herausgeber der „Oesterr. Wochenschrift"; Moritz Schey, I., Franz Josefs-Quai 13; Moritz Eltbogen, I!., Taborstraße 22; Moritz Brill, II., Taborstraße 71; Leopold Fried, II., Kaiser Josefstraße 15; Albert Kohn, II., Hosenedergasse 6; Dr. Carl Kohu, XIX.. Vermosergasse 1; Richard Königsberger, I., Franz Josefs-Quai 1; Heinrich Mandl, IX, Maria Tberesienstraße 3; Adolf Schramek, II., Novaragasse 21; Arnold Ascher, II., Taborstraße 8; Josef Wertheimer, I., Marc Aurelstraße 8. Dir Hetze gegen jüdische Aerzie. Das Angriffsgebiet des „praktischen" Antisemitismus, wie man euphemistisch den Ausfluß des brutalsten Brodneides zu nennen beliebt, erweitert sich mit jedem Tage. Am vorigen Samstag hat eine allgemeine Aerzteversammlnng stattgefunden, in welcher ein von 325 christlichen — lies antisemitischen — Aerzten gestellter Antrag zur Discussion gestellt wurde, die Disciplinargewalt der Aerztekammer zu erhöhen und dieselbe mit dem Rechte der Suspendirung auszustatten, lieber den Verlauf dieser Versammlung berichten wir an anderer Stelle. Es gelang, den hinterhältigen Angriff der diplomirten Antisemiten abzuschlagen, und in ihrer Wuth über die u vorhergesehene Niederlage verrathen die antisemitischen Blätter nachträglich den wahren Zweck jenes, mit den bekannten Phasen von Standesehre drapirten Antrages. Die „Ostdeutsche Rundschau" nennt die Abstimmung „einen Pyrrhussieg des Judenthums in der Medicin" und schildert die jüdischen Theilnehmer der Versammlung folgendermaßen: „Raubvogelgesichter, von Leidenschaft verzerrt, von Haß, Wuth, Neid, Habsucht, Angst entstellt — so weit sie noch entstellt werde l können; Gebrüll, Gemauschel. Gezisch, Raserei!" Und weiter heißt es zur Charakteristik des Gegensatzes zwischen christlichen und jüdischen Aerzlen: „Hie christliche Moral, hie jüdische Corruption!" — Die „Deutsche Zeitung" des Stadtrathes Dr. Wahner wundert sich über die Niederlage ihrer Gesinnungsgenossen umso mehr, „als die vom Wiener Aerzteverein vorgebrachten Umgestaltüngsvorschläge des Kammergesetzes geschickt formulirt