Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Seite 367 Nr. 17 Vr. Bloch's Wochrnfchrtst ich um 8 Uhr Früh — die Wahl sollte vou 9 bis 1 Uhr stattfiudeu — an Ort und Stelle erschien, fand ich folgende Situation vor: Das große Thor war gesperrt, vor dem schmalen Eingänge hatten zwei Gendarmen und zwei Stadtpolizisten Posto gefaßt, welche den bereits harrenden, nach Hunderten zählenden Wählern den Eintritt in den Hofraum verwehrten. Ich bemerkte aber, daß einzelne Personen, die eine Legitimation des Bürgermeisters vorwiesen, frei pasfiren konnten. Es waren dies Mitglieder der Handelskammer, Gemeinderäthe, aber auch Führer und Agitatoren der Bykpartei, die sich im Hofe, auf den Stiegen und in den Vorräumen des Wahllocals vertheilten. Um '/,9 Uhr knarrte das Thor in seinen Angeln und zwei Halbcompagnien Landwehrtruppen unter Führung dreier Officiere marschirten dröhnenden Schrittes in den Hof des Gemeindehauses ein, wo sie vor dem Aufgange zum Wahllocale in zwei rechtwinkligen Colonnen Aufstellung nahmen. Um 9 Uhr erschien der Herr Bezirkshanptmann. Ich trat , ihm entgegen und stellte an ihn das Verlangen, mir beit Zutritt j zum Wahllocale zu ermöglichen. In der Form sehr höflich, in der Sache aber ganz entschieden wies Graf R u s s v c k i dieses Verlangen als „ungesetzlich" ab. So blieb mir denn nichts übrig, als den weiteren Gang der Ereignisse vom Hofe aus zu beobachten, und ich sollte auch von hier aus genug des Interessanten und Ueberraschenden sehen. Es war mittlerweile '/, 10 Uhr geworden und die Wahl hatte noch immer nicht begonnen. Draußen vor der Mauer drängte sich bereits eine tansendköpfige Menge und forderte stürmisch Einlaß. Es wurden aber immer nur noch einzelne Personen durchgelassen, die eine besondere Erlanbnißkarte vorwiesen. Droben im Saale hatte mittlerweile der Herr Bezirkshauptmann in Anwesenheit weniger bevorzugter Herren und selbstverständlich unter vollständiger Ausschließung der Bloch-Partei -die Bildung der Wahlcvmmission vorgenomnren. Nun erschien er wieder im Hofe, trat durch die kleine Thür auf die Straße, besichtigte.mit dem Binocle die harrende Menge und gab den Befehl zum Einlaß. Es entstand an der engen Pforte begreiflicherweise ein großes Gedränge, umsomehr, als Gendarnlen und Polizisten die Thüre noch immer nicht freigaben und die Leute nur im Gänsemarsche durchließen. Da plötzlich — es war 3/410 Uhr geworden und etwa 400 Wähler mochten Einlaß gefunden haben — geht eine Bewegung durch das Militär. Commandorufe ertönen, das Bajonett wird aufgepflanzt und durch das weitgeöffnete Hauptthor marschirt; eine Halbcompagnie mit gefälltem Bajonett direct in die außen! harrenden Menschennlassen hinein — der Hauptmann mit such- \ telnder Gerte und dem Rufe: „Platz da!" voraus. Wildes Wnth- und Wehgeschrei erhebt sich. Ich wende mich erschrocken an meine Umgebung. „Was ist das?" Todtenbleich stottert Einer der Nächststehenden: „Man schlägt das Volk!" Ich eile auf die Straße hinaus. Sie ist in einer Ausdehnung von etwa zweihundert Schritten — „gesäubert." Rechts und links haben die Soldaten einen Cordon gezogen und hinter der lebendigen, waffenstarrenden Mauer staut sich die Volksmenge. Ich trete an den Hauptmann heran: „Hier kann ja Niemand pasfiren, Herr Hauptmann!" Der Angeredete salutirte verbindlich. „Wollen Sie vielleicht hinaus? Das können Sie ohneweiters, nur herein darf Niemand!" „Es handelt sich nicht um mich", entgegnete ich, „sondern um die Wähler. Jetzt ist es noch nicht zehn Uhr, die Wahl dauert bis 1 Uhr, es werden ja.noch viele Wähler kommen." Der Hauptmann zuckt lächelnd und vielsagend die Achseln. Eine Weile verharre ich auf dem „gesäuberten" Platz. Wieder werden einzelne Leute mit besonderer Einlaßkarte rechts und links durch den Cordon eingelassen — dasselbe Spiel tvie vorher an der kleinen Pforte. Ich wende mich in den Hof zurück — hier harrt vor der Saaltreppe eine Anzahl von 2- bis 300 Wählern — fast durchwegs Anhänger Bloch's — geduldig des Zutrittes zur Urne. Aber die Gendarmen halten sie zurück, Niemand darf hinauf. Für kurze Weile erscheint der Bezirkshauptmann auf deur Balcon oberhalb der Treppe und ruft den Gendarmen zu: „Platz, Platz!" Und die Hüter der Ordnung schaffen Platz, sie drängen die Wähler immer weiter von der Thüre ab. Mittlerweile vollzieht sich unter den Augen des Bezirkshauptmannes ein eigenartiges Schauspiel. Mitglieder des Byk-Comites werfen von oben unausgesetzt Legitimationen und Stimmzettel den unten postirten Agitatoren zu. Was find das für Legitimationen und was geschieht mit denselben? Ich folge Einem der Agitatoren. I Er eilt zur Treppe der Handelskammer und über diese ins Wahllvcal. Auf diesem Seitenwege werden unausgesetzt, Mann für Mann, Wähler Byk's zur Urne geführt. Während man also den Haupteingang abgesperrt hält, gelangt der Anhang des Regiernngseandidaten ans der Hintertreppe mühelos zur Stimmenabgabe. Ich hatte genug gesehen! Auf der Treppe traf ich noch den Notar Dr. M., einen Ruthenen, den ich bat, gegen all' die von mir coustatirten Beschränkungen der Wahlfreiheit Protest zu erheben. Dann eilte ich in mein Hotel, packte meinen Koffer und fuhr zum Bahnhof, Noch vor Beendigung der Wahl — wenn der von mir beobachtete Vorgang diesen Namen verdient — dampfte ich ab. Der Zorn über das frevle Spiel, das da mit dem Volksrechte getrieben wurde, hatte mich ganz krank gemacht. Am folgenden Morgen las ich in Gänserndorf das Wahlresnltat. Byk hatte über 1100, Bloch 161 Stimmen erhalten. In Brodv hatten mehr als 400 Anhänger Bloch's, in Zloczow mehr als 200 ihr Stimmrecht nicht anszuüben vermocht. Sv ist Dr. Byk der Abgeordnete von Brody geworden. Er ist nicht der Erwählte des Volkes, sondern die Creatur des Polenclnbs und seiner dienstfertigen Werkzeuge." * -i- * Bei dieser Gelegenheit wollen wir das folgende Schreiben reproduciren, welches vor den Wahlen ein hervorragender liberaler Parlamentarier an den Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" gerichtet hat: Sehr geehrter Herr! Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für die freundlichen Wünsche, die Sie mir durch Herrn R. znkvmmen ließen. Dieselben sind mir von Werth als ein Beweis Ihrer fortdauernden freundschaftlichen Gesinnung für mich, wenn ich auch die Erfüllung dieser Wünsche selbst zu Nichte machen muß. Ich bin zu dem besten Entschlüsse gelangt, ein Mandat für das neue Abgeordnetenhaus nicht mehr anzunehmen, die Gründe für diesen Entschluß brauche ich Ihnen, geehrter Herr, nicht erst des Langen und des Breiten zu entwickeln. Ich habe mehr als ein halbes Menschenalter auf dem mir anvertrauten Posten treu ausgeharrt und habe ein Recht, zu verlangen, daß ich nun abgelöst werde. Man darf nicht sich selber überleben wollen. Ich bin zu alt, um Ueberzeugungen, an denen ich fünfzig Jahre festgehalten, an der Schwelle des Greifeualters zu ändern, ich bin aber noch jung genug, um zu verstehen, daß den neuen Strömungen Raum gelassen werden muß. Ich meine damit nicht die Rohheit und Niedertracht, die sich in den Antisemiten verkörpern. Solche Rückfälle in die Bestialität müssen bekämpft werden, wann und wo immer sie sich zeigen. Aber das Wort „Fortschritt" hat einen tieferen Inhalt bekommen, und auch die veränderten Formen des Kampfes erfordern jüngere Kräfte. Offen gestanden, wir Alten sind zu empfindlich. Das ist nicht im üblen Sinne gemeint, denn wer ein ganzes Leben ehrlicher und fleißiger Arbeit dem Wohle seiner Mitbürger gewidmet oder doch stets den guten Willen gezeigt hat, darf doch als letzten Dank so viel für sich beanspruchen, daß sein Name nicht in den Koth gezerrt und durch alle Gonen geschleift werde. Die erschreckende Deterirnng der parlamentarischen Formen widert mich an. Der Charakter des Einzelnen leidet darunter eben so sehr, wie der Parlamentarismus in seiner Gesammtheit. Aber ich habe schon viel zu viel von mir selbst und noch gar nichts von Ihnen gesprochen, was doch viel wichtiger ist! Ich begreife, wenn meine engeren politischen Freunde, gleich mir, die Geschichte satt haben, ich begreife auch, wenn die Wählerschaft nach robusteren Kämpfern ruft. Aber unbegreiflich ist es mir, daß dabei I h r Name nicht genannt wird, daß Ihre Glaubensgenossen nicht Alles daranfetzen, Sie wieder mit einem Blandate zu bekleiden. Denn, wenn Einer, so haben Sie im letzten Reichsrath Ihren Platz ausgefüllt! Die bloße Anwesenheit Ihrer Person im Parlamente hat die Brutalität der Antisemiten gezügelt. Die schlimmsten Lügen über die Juden, die sich heute ungescheut hervorwagen, blieben aus Angst vor Ihnen unausgesprochen, und was an Verleumdungen dennoch geleistet wurde, erfuhr durch Sie sofortige und wirksame Zurückweisung. So lange der Antisemitismus in der Opposition war, hatte das Judenthum einen jederzeit kampfbereiten und muthigen Vertreter im Hause — und heute, wo der Antisemitismus zur Macht gelangt, wo er das Parlament dominiren wird, soll dieser Vertreter fehlen? Ich verstehe diese Logik der jüdischen Wählerschaft nicht.