Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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^ettc 366 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr 17 trittes in den Polenclnb verbunden sei. Das Empfehlungsschreiben Kronawetter's lautete: „Empfehle Herrn Siegfried Fleischer, Redacteur des Wiener Journales und Organes des demokratischen Cenlralvereines „Die Bolksstimme" und besten Mission auf's Wärmste. Ich halte es für gut, wenn ein Mann, wie Dr. Bloch, der durch seine theologischen Kenntnisse befähigt ist, wie Keiner, Anwürfen gegen die religiösen Satzungen der Inden durch wissenschaftlich begründete Abwehr zu begegnen, Mitglied des Parlamentes ist." „Ich traf", erzählt der Redacteur der „Bolksstimme", „am Abend de§ 12. März in Brody ein und wurde am Bahnhofe von vielen Anhängern des Dr. Bloch, darunter sehr angesehene Bürger, erwartet. Es hatte sich bereits eilt Comite gebildet und ich fand eine fertige Organisation vor. An der Spitze derselben standen zwei Brüder H., die zur sogenannten „Intelligenz" gehörten und von denen der Eine an der Busker Brauerei des Ministerpräsidenten Grafen B a d e. n i als Associe betheiligt ist. Das machte mich von vornherein stutzig, aber man versicherte mir. daß die Herren H. sehr ehrliche und verläßliche Leute seien. Brody hat eine Bevölkerung von circa 17.000 Seelen und ist zu mehr als zwei Dritteln von Juden bewohnt. Seit der Aufhebung der Zollfreiheit im Jahre 1880 ist die ehemals in Folge ihres blühenden Handels mit Rußland überaus wohlhabende Stadt sehr verarmt und vielfach auf das Wohlwollen der Regierung angewiesen. Die Bevölkerung ist zum großen Theile proletarisirt und von den Gunstbezeugungen der Regierung profitiren — wie dies immer und überall der Fall ist — nur wenige bevorzugte Leute. Diese wirthschaftlich Stärkeren — man nennt sie hier, ohne daß das Wort immer zutrifft, die „Intelligenz" — sind unbedingte Anhänger der Regierung urrd der herrschenden Adelspartei, vor der sie in tiefster Demuth ersterben. Das sogenannte „Volk" aber ist stark mit socialistischem Geiste durchsetzt, der durch die kurz vorangegangenen socialdemokratischen Agitationen in der fünften Curie noch erheblich gestärkt worden war. Das specifisch jüdische Interesse berührt nur einen beschränkten Kreis von Orthodoxen, unter denen sich allerdings auch einige sehr wohlhabende Leute befinden. Die „Intelligenz" nun stand ganz und gar auf Seite des officiellen Candidaten Dr. Byk und verfügte über ungefähr 180 sichere Stimmen. Das „Volk" und die Orthodoxen waren entschieden für Doctor Bloch, und da die Gesammtzahl der Wähler in Brody 860 beträgt, so durfte Dr. Bloch hier ans eine sehr bedeutende Majorität rechnen. Ich konnte also schon am Morgen nach meiner Ankunft nach Wien berichten, daß die Situation für Dr. Bloch eine unerwartet günstige und daß insbesondere in den mittleren und unteren Schichten eine wirkliche Begeisterung für ihn vorhanden sei. Der Bürgermeister stand an der Spitze des Byk-Comites, aber er bewilligte mir dennoch nach einigem Zögern den Saal, der zur anberaumten Stunde von mehr als 600 Personen dicht gefüllt war. Auch die „intelligenten" Bykianer hätten sich sehr zahlreich eingefunden. Im Widerspruche mit allen galizischen Gewohnheiten erklärte ich bündig, daß das Mandat Dr. B l o ch's, wenn er gewählt werden sollte, rein und makellos sein müsse, daß daher keine einzige Stimme gekauft werde, kein einziger Wähler auf irgend welche Entlohnung für seine Abstimmung rechnen dürfe." Nach der Versammlung meldeten sich viele arme Leute, die sich freiwillig und uneigennützig dem Comite für die Wahl Dr. B l o ch's zur Verfügung stellten. Wir citiren nun weiter aus der „Bolksstimme": Der Bezirkshauptmann von Brody ist ein Graf R u s s o c k i, der seit 27 Jahren auf diesen! Posten steht und dem intime Beziehungen zu den beiden Grafen B a d e n i nachgesagt werden. Graf Rufs o cki hat sich in den Ruf eines „Vaters der Stadt" zu bringen gewußt, und selbst unter den Gegnern des Dr. Byk begegnete ich der Auffassung, daß man einen Abgeordneten wohl gegen den Willen des Ministeriums oder des Centralwahlcomitäs, nicht aber gegen den Willen des Bezirkshauptmannes wählen dürfe, dem die Bevölkerung viele Wohlthaten zu danken habe. Schon am ersten Tage meiner Anwesenheit hörte ich nun, daß Graf R u s s o c k i einzelne einflußreiche Anhänger Dr. B l o ch's zu sich bescheide und denselben nahelege, in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse sich jeder weiteren Agitation gegen Dr. B y k zu enthalten und am Wahltage für diesen zu stimmen. Man sprach dabei von Briefen hoher Persönlichkeiten, welche der Bezirkshauptniann den Wählern vorweise, allerdings ohne dieselben aus der Hand zu geben, und es hieß sogar, daß einer dieser Briefe, welcher sich entschieden für Byk und gegen Bloch aussprach, die Unterschrift „Badeni" trage. Die Sache schien mir interessant genug, um dem Grafen R u s f o c k i einen Besuch zu machen. Der Herr Graf empfing mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit. Graf R u s s o c k i meinte, daß nach seinen untrüglichen Informationen Dr. Bloch nicht die mindeste Aussicht auf die Unterstützung der Regierung hätte. Das wußte ich allerdings ebensogut wie der Herr Bezirkshauptniann, aber trotzdem hielt es derselbe für nothwendig, die Wirkung seiner Worte noch durch den Hinweis auf die bewußten Briefe zu verstärken, die er sich aber wohl hütete, mir zu zeigen. Ich sagte ihm nun, daß ich von diesen Briefen bereits wisse, insbesondere von jenem mit der Unterschrift des Grafen Badeni. „Behaupten Sie wirklich, Herr Graf", fuhr ich fort, „daß dieser Brief vom Grafen Kasimir sei?" Mein Gegenüber zwinkerte ein klein wenig mit den Augen und lächelte; aber die Antwort auf die Frage blieb er schuldig. „Wenn es wirklich einen Brief solchen Inhalts mit der Unterschrift,Badeni'gibt", sprach ich weit r, „so ist derselbe von Stanislaus und nicht von Kasimir, denn kein verantwortlicher österreichischer Minister kann ein derartiges Schriftstück an einem Bezirkshauptmann hinausgeben und herumzeigen lassen." Graf R u s s o c k i hielt es nun für angezeigt, zu betheuern, daß er den Brief nicht „herumzeige"; im klebrigen verharrte ex bezüglich der Frage, ob Kasimir oder Stanislaus der Urheber der interessanten Epistel sei, auch weiterhin in diplomatischem Stillschweigen. Mittlerweile wuchs die Bewegung für Dr. Bloch unausgesetzt und auch aus Zloczow erhielt ich fast stündlich dringende Depeschen, welche verlangten, dort eine Versammlung einzuberufen. Am 15. März war die Gewißheit da, daß Dr. Bloch i n B r o d y d i e a b s o l n t e M a j o r i t ä t aller Wahlberechtigten besaß. Hatte ich diese Gewißheit wirklich? Die Folge sollte zeigen, daß ich doch den Schlichen und Pfiffen galizischer Wahlmacherei nicht gewachsen war. Der Bürgermeister hatte mir auf meine Frage erklärt, daß die Gesammtzahl aller Wähler in Brody 860 betrage Eine gedruckte Wählerliste existirte nicht, aberwenige Tage vor der Wahl hatte man eine Liste aufgelegt, welche über 1100 Wähler aufwies. Woher kam dieser Ueberschuß, und wer hatte die Liste angefertigt? Erst nach der Wahl wurde ich über das Geheimniß jenes Ueberschusses in einem an mich gerichteten Briefe aufgeklärt, in dem es hieß: „Abwesenden, die gegenwärtig an verschiedenen Orten weilen, und Verstorbene n, die längst begraben sind, hat man Wahlzettel (Legitimationen) ausgestellt, welche durch Gemeinde- und Handelskainmerrüthe für Dr. Byk an der Urne abgegeben wurden. Am 16. März fuhr ich nach Zloczow und sprach daselbst vor einer dichtgedrängten Versammlung, welche zum großen Theile ans Ruthenen bestand. Auch hier fand das im Namen Dr. B l v ch's entwickelte Programm der nationalen und confessionellen Gleichberechtigung stürmischen Beifall, der sich noch steigerte, als der Zloczower Advocat Dr. Mittel m a n n die von mir entwickelten Grundsätze in ruthenischer Sprache wiederholte. In der Stadt herrschte ungeheure Aufregung. Das Bykcomite arbeitete fieberhaft. Von Stunde zu Stunde wurden immer neue Plakate angeschlagen, auf denen man die Alliance israölite, die Baronin Hirs ch, Dr. ,v. Rapoport und Ritter von G u t t m a n n in Wien bethenern ließ, daß sie m i t d e r C a n d i d a t n r des Dr. Bloch nichts zu t h n n hätte n. So kam der 18. März, der Wahltag, heran. Die Wahlhandlung wurde im Gemeindesaale vorgenommen, mit welchem rechts die Amtsräume des Bürgermeisters, links die Localitäten der Handelskammer commnniciren. Zn den einen wie den anderen führt eine ungemein schmale, gewundene Treppe empor. Das Gebäude bildet den .Hintergrund eines geräumigen Hofes, der nach der Straße zu mit einer Mauer abgeschlossen ist, durch welche eine schmale Thüre und ein breites Thor ftihren. Als