Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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Vr. Olvch's Mochrnschrrft Nr. 17 ^eite 366 Sie sind durch eine Jntrigue hinaus gedrängt worden, aber diese Jntrigue zwischen dem Prinzen Liechtenstein und dem damaligen Obmann des Polenclubs, Herrn v. Z a l e s k i, beweist nur, welche Bedeutung die Antisemiten Ihnen beilegten, wie sehr sie Sie fürchteten. Und als man Sie draußen hatte, zeigten die folgenden Ereignisse erst recht, wie nothwendig Sie gewesen wären. Der Polenclub hat sich sofort der Pflicht entbunden erachtet, die Juden zu schützen. Dr. Byk mußte aus eine im Club angemeldete Interpellation wegen des amtlich geforderten Nachweises der christlichen Confession bei Besetzung staatlicher Aemter verzichten, und ein anderes Mal zwang ihn der Poleuclub zu einer demüthigenden Abbitte vor dein Prinzen L i e ch t e u st e i n. Das gibt einen Vorgeschmack der Behandlung jüdischer Abgeordneter im nächsten Parlamente und des Rechtsschutzes, dessen sich die Juden ohne eine energische und rücksichtslose parlamentarische Vertretung zu erfreuen haben werden. Sie wissen ich bin kein Schmeichler und ich erwarte auch keinen Dank im politischen Leben. Aber Ihr Verdienst gegenüber I y r e n Glaubensgenossen steht tausendmal höher als das unsrige gegenüber unseren Wählern, denn Sie standen allein und haben als einzelner Mann eine ganze siegestrunkene Partei in Schranken gehalten. Wäre ich Jude, ich würde nicht ruhen und rasten, bis ich Ihre Wiederwahl durchgesetzt hätte, nicht weil ich dieselbe für eine Pflicht der Dankbarkeit, sondern, weil ich sie für eine Pflicht der Selbsterhaltung des Judenthums halte. Es lag mir seit Wochen auf dem Herzen, Ihnen das zu sagen, und ich freue mich, dazu die Gelegenheit gefunden zu haben. Man wirst uns vor, daß wir unsere Grundsätze zu lau vertheidigt haben. Einen solchen Vorwurf kann man doch I h n e n nicht machen. Ich weiß freilich, daß es unter Ihren Glaubensgenossen viele gibt, die das Gegentheil für unzweckmäßig erachten, denen Sie die Sache des Judenthums zu schneidig geführt haben. Solchen Leuten ist allerdings schwer zu helfen. Aber ich glaube doch, Ihre freundlichen Wünsche nicht besser erwidern zu können, als indem ich die Hoffnung ausspreche, Sie hochgeehrter Herr, doch wieder auf Ihrem alten, rühmlich behaupteten Platz wieder zu sehen. Wenn Sie glauben, daß diese Zeilen ein klein wenig dazu mithelfen können, so bitte ich, von demselben den Ihnen geeignet scheinenden Gebrauch zu machen. Genehmigen Sie rc. Dr. Roschmann drr Abgeordnete für Sereth, Radautz, Surzawa. R a d a u tz, 19. April. Löbliche Redaction! In Nr. 10 der „Oesterreichischen Wochenschrift" haben Sie in dem mit „Das schwarze Parlament" überschriebenen Artikel Ihre Verwunderung darüber ausgesprochen, daß in dem Städtewahlbezirke Suczawa - Sereth - Radautz die jüdischen Cultusvorsteher eine eifrige Agitation für den deutschnationalen Antisemiten Roschmann entfalteten, während Sie in Nr. 15 auf Grund von Mittheilungen aus Wählerkreisen, wonach Dr. Roschmann in allen seinen Candidatenreden den streng steisinnigen Standpunkt festgehalten und betont hätte, dies nunmehr widerrufen. Welcher Werth auf diese Mittheilungen aus Wählerkreisen zu legen ist und welcher Mißbrauch mit der öffentlichen Meinung durch diese Mittheilungen getrieben wird, erhellt aus nachstehender Thatsache: In der am 7. März in Radautz abgehaltenen Wählerversammlung hat R o s ch m a n n im Zuge seiner Candidatenrede auf eine Interpellation des eigens aus Suczawa erschienenen Advocaten Dr. U r ich wörtlich erwidert: „Ja! Ich bin ein halber Antisemit, weil ich die sogenannten Halbjuden hasse!" Die dieser in Gegenwart von über 400 Wählern abgegebenen und mit einem Sturm der Entrüstung beantworteten Erklärung nachgeschickten Erläuterungen über den Begriff „Halbjuden" ließen ohne allen Zweifel erkennen, daß Roschmann ein deutschnationaler Racenantisemit Schönerer'scher Couleur sei. Die Aufregung der Wähler war eine derartige, daß der allgemein als gutmüthig bekannte hierortige Advocat Dr. Merkes, dem Dr. Roschmann sofort entgegnete: „Wir brauchen weder halbe Antisemiten, noch Antisemiten überhaupt" und der ebenfalls aus Suczawa eigens erschienene christliche Advocat Dr. Js opesen auf einen Sessel hinaufsteigend seinen Connationalen in rumänischer Sprache zurief: Derjenige Wähler rumänischer Nationalität oder mosaischen Glaubens, der fiir Roschmann stimmen wird, verdient täglich 25 Stockstreiche!" Dieser Scene wohnte der hierortige Rabbiner I. Kunst a d t bei, der, um Gewißheit über die politische Gesinnung R o s ch m a n n's zu haben, auf eine vorsichtiger Weise an Rabbiner Dr. Rosenfeld und den Cultusvorstand in Czernowitz gerichtete Anfrage schon Tags vorher den Bescheid erhielt, daß R o s ch m a n n ein A n t i s e m i t s e i. Als endlich Roschmann am Schluffe seiner Candidatenrede sich damit noch-brüstete, daß er aus Tirol, dem Lande der Glaubenseinheit stamme, wurde dessen Candidatur einhellig abgelehnt. Es ist daher nur selbstverständlich, daß Roschmann, um nicht auch in Sereth dieselbe Abfertigung, wie in Radautz zu erhalten, die in Nr. 15 wörtlich citirte Candidatenrede halten mußte. Es hat R o s ch m a n n somit lediglich in Sereth nicht die Ungeschicklichkeit begangen wie in Radautz. In Radautz hat er seine antisemitische Gesinnung einbekannt, in Sereth nicht. Was soll übrigens der Vorgang der Cultnsvorstände Wunder nehmen, wenn der sich orthodox nennende Rabbiner Weiß in Czernowitz, dem die antisemitische Gesinnung Roschm a n n's mindestens ebenso bekannt sein muß, wie dem dortigen Rabbiner Dr. Rosenfeld und dem Czernowitzer Cultusvorstande, es durch Veröffentlichung von an ihn gerichteten die antisemitische Gesinnung leugnenden Briefen R o s ch m a n n's versucht, diesen Abgeordneten den jüdischen Wählern mundgerecht zu machen. Hat denn Rabbiner Weiß den nach der Wählerversammlung in Radautz in der „Bukowinaer Rundschau" erschienenen, den Begriff „Halbiuden" in sarkastischer Weise erläuternden und von Roschmann unwidersprochen gebliebenen Leitartikel oder den über diese Wählerversammlung in den „Bukowinaer Nachrichten" erschienenen, ebenfalls unwidersprochen gebliebenen Bericht, oder endlich die Rede Roschmann's im Bukowinaer Landtage, in welcher der Pferdefuß sofort zu erkennen ist, nicht gelesen? Uns jüdischen Wählern wird Roschmann seinen Antisemitismus nicht ausreden, mag er mit den Häuptern der Bukowinaer Juden noch so viele sie beglückende Händedrücke wechseln oder an dieselben von Freisinn triefende Schreiben richten. Ich bedauere daher Ihre im Schlußsätze des Artikels in Nr. 15 ausgesprochene Freude über die politische Gesinnung R o s ch m a n n's zu Wasser gemacht zu haben und erkläre im Vorhinein, daß ich meine Angaben über den Verlauf der Radautzer Wählerversammlung — möge em allfälliges Dementi von wem immer erfolgen — Wort für Wort aufrecht erhalte. Hochachtungsvoll Efr. Bock. * * * Herr Rabbiner Weiß aus Czernowitz hat sich von Herrn Roschmann nachstehendes Schreiben zusenden lassen: Euer Ehrwürden! Vor Allem muß ich um Entschuldigung bitten, daß ich den liebenswürdigen Brief Euer Ehrwürden erst heute beantworte. Meine Berufsgeschäfte häufen sich eben jetzt vor meiner Abreise in unglaublichem Maße. Was die über mich in Umlauf gesetzten Gerüchte betrifft, möchte ich bemerken, daß ich als Socialpolitiker aus einem Standpunkte stehe, welcher über das unfruchtbare, nationale und confessionelle Gezänke und Geschimpfe, erhaben ist. Wir wollen das allgemeine Wohl dadurch fördern, daß wir die so wichtigen und leider bisher so sehr vernachlässigten Fragen des culturellen und wirtschaftlichen Fortschrittes in erste Reihe rücken. Daß aber kein Volksstamm und keine Confession zu kurz kommen darf, ist selbstverständlich. Und ebenso selbstverständlich ist, daß ich in dem Bestreben, .die Interessen meines Wahlkreises zu fördern, keine nationalen oder konfessionellen Voreingenommenheiten kennen darf. Mein Bemühen wird sein, mein Wissen und Können unparteiisch in den Dienst des Gemeinwohles zu stellen. Damit dürste die Haltlosigkeit jener von gegnerischer Seite ausgesprengten Gerüchte wohl hinlänglich beleuchtet sein. Genehmigen Euer Ehrwürden die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung, in welcher ich verbleibe als Euer Wohlgeboren ganz ergebener D r. v. Roschmann. Czernowitz, 22. März 1897. Seiner Ehrwürden Herrn Benjamin Weiß, Rabbiner Besitzer des goldenen Verdienstkreuzes. Loco.