Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Sette 364 Vr. Vlortz's »ochenschrM Nr. 17 hatte. Ein Toast des Zionisten Schalit, welcher die jüdischnationalen Bestrebungen verherrlichte, veranlaßte Professor Lazarus zu einigen sehr bemerkenswerthen Ausführungen: „Geehrte Versammlung! Lassen Sie mich Ihnen zunächst sagen, welche Rede ich nach den gehörten Reden nicht halten wttl. Zunächst keine große Dmckrcde. Wenn ich Sie versichern wollte, daß ich nicht im Stande wäre, Worte zu finden, um meinen Gefühlen des Dankes Ausdruck zu geben, so würden sie vielleicht dieser Versicherung nicht vollen Glauben schenken. (Heiterkeit.) Allein viele Worte des Dankes machen ihn nicht deutlicher und zeigen ihn auch nicht wärmer. Ueber selbstverständliche Dinge zumal ist so wenig wie möglich zu reden, und werden es alle verehrten Anwesenden selbstverständlich finden, daß meine Frau und ich vollkommen erfreut, erfüllt sind von der Güte, dem Wohlwollen, mit welchem Sie uns entgegenkomme», mit welchem Sie auch am heutigen Abend durch Ihre gütige Veranstaltung des Commerses uns beglückt haben. Für all' die Worte, welche ausdrücken sollten und vielleicht nur etwas über das Maß ausgedrückt haben, wie sehr Sie uns anhängen, welche — wenn ich sagen darf — v erehrung Sie uns entgegenbringen, über all' das möchte ich nicht Wetter reden. Auch das, was die ersten beiden Herren Redner flüchtig angedeutet, von den gegenwärtigen Zuständen, unter denen Sie die Güte gehabt haben, diese Festlichkeit zu veranstalten, von den trüben Bildern, auf welche Sie hingedeutet haben, auch von diesen will ich nicht reden. Die alten Juden haben die Sitte gehabt, daß man am Sabbath von Angst und Sorge, auch wenn sie gegenwärtig waren, nicht reden solle, und auch wenn man im Tempel Gebete für Kranke verrichtete, so hieß es, man dürfe am Sabbath nicht klagen. Wie voll auch r>as Herz war, man ließ es nicht überlaufen, denn der Mensch sollte lernen, seine Stimmung zu beherrschen, seine Gefühle mit Besonnenheit in den Grenzen zu halten, welche die Weisheit und Nützlichkeit erheischen. Nun ist ja heute nicht Sabbath und Festtag, für Sie nicht, aber für uns, meine Frau und mich. Nun, wenn denn einmal Sabbath ist, so darf man am Sabbath auch nicht arbeiten. Arbeit eines Professors ist, daß er eilt Collegium liest, und wenn ich auf die dritte Rede auch antworten sollte, müßte ich eine Art von Collegium lesen über praktische Völker-Psychologie. (Beifall.) Ich wäre dabei auch noch in der äußersten Verlegenheit; ich habe zu meinem lebhaften Bedauern nicht Alles verstanden, was der verehrte Herr Vorredner gesprochen hat, mein Gehör ist nicht so sicher, namentlich gegenüber der ungewohnten Sprechweise, wie sie einem Norddeutschen hier entgegentritt. Ich möchte mich auch nicht zu großen Dingen an diesem Abend ver st eigen. Bleiben wir in den Grenzen eines Commerses und ein Co mme rs ist ja kein Parlament. (Lebhafter Beifall.) Vielleicht hätte ich auch noch Manches über das, was Continuität des Geistes ist, sein kann und sein soll und über manches Andere, was Geschichte und Ziele der Juden bettifft, zu sagen, aber ich hätte gar keine Hoffnung, mit meinen bescheidenen Worten aufzukommeu (Oho!) über so große Dinge, wie sie hier vorgetragen wurden. (Lebhafter Beifall.) Vielleicht ist es dennoch unbescheiden, allein ich habe den Gedanken, von dem ich nicht lassen kann, daß es gut ist, in solchen Fällen wie an dem heutigen Abend alter Sitte zu folgen. Wenn es Jubiläen oder Geburtstage oder ähnliche Anlässe gibt, bei denen man einem alten Universitätslehrer einen Commers veranstaltet, so pflegt er seine Antwort dadurch zu geben und seinen Dank dadurch darzulegen, daß er von sich spricht. (Lebhafter Beifall.) Es ist vielleicht eine wunderliche Sitte, aber doch sehr begreiflich — anders wäre falsche Bescheidenheit. Wenn die Versammlung da ist und den Mann feiert, will sie das von ihm hören, was sie noch nicht weiß. (Lebhafter Beifall.) Nun würde ich aber doch nicht so weit gehen, Ihnen etwa viele biographische Daten aus meinem Leben aufzutischen; vielmehr fast nur von einer einzigen Thatsache will ich sprechen. Ihnen, verehrte Anwesende, hat wohl der Gedanke vorgeschwebt: wir feiern in ihm Denjenigen, welcher das Glück gehabt hat oder die Gnade (Rufe: Das Verdienst!) oder wie sonst, eine Wissenschaft zu gründen, einen neuen Zweig einer älteren Wissenschaft anzubauen, die Völker-Psychologie. Zu gleicher Zeit bin ich in einem jüdischen Kreise. Sie werden sich wundern, wenn ich sage: ich kann zu gleicher Zeit und muß beiden zu gleicher Zett gerecht werden, dem jüdischen Interesse und dem Interesse an der Entwicklung der Völker-Psychologie. Darüber will ich etwas mittheilen und noch etwas voranschicken: Ich bin nicht ein Jude und auch ein Psychologe; ich bin auch nicht Völker-Psychologe und auch Jude, sondern ich bin Völkerpsychologe, weil ich ein Jllde bin (Lebhafter Beifall) und ich bin es geworden, weil ich einer bin. Die Anfänge der Völkerpsychologie gehen bei mir wahrscheinlich sehr weit zurück. Freilich, wie genau man sich auch selbst beobachtet, und wenn man auch von einem guten Gedächtniß zu sagen weiß, werden doch wenige Menschen in Bezug auf das, was sich iu ihnen schöpferisch geregt und gestaltet hat, präcise Daten angeben können, wo die Wurzel davon ist, wie man zu dem Gedanken gekommen, wohin er zurückreicht. Ailf Einzelnes kann man sich auch wohl besinnen, das dann in der eigenen inneren Erinnerung unbestreitbar lebt. Ich bin aus einer kleinen Stadt, in der Provinz Posen, an der Grenze von Westpreußen und Brandenburg. In einer Stunde kann man in allen drei Provinzen gewesen sein, und das war von Bedeutung für meine Entwicklung. Das Städtchen zählt 3000 Einwohner, 3 Confessionen (Katholiken, Protestanten und Juden), alle drei fast von derselben Zahl. Die Katholiken sprachen alle polnisch, die Protestanten deutsch, wohnten auch auf der deutschen Seite, und wir dazwischen waren die Juden. Ich war innner ein nachdenklicher Knabe, und wiewohl in einer confessionellen Schule I ausgewachsen, fiel es mir doch schon mit 12 Jahren auf, daß es da zwei verschiedene Kirchen, zwei verschiedene Sprachen gebe und daß ihr Glaube auch von dem unserigeu verschieden sei. Zwar daß wir Juden von den Christen verschieden sind, hat ' mir keine Kopfschmerzen gemacht, „ato bechartonu"! (Beifall.) Unweit der Stadt lag ein Dorf Neuteich, und mitten im Dorfe stand ein Pfahl. Auf der einen Seite desselben nette Häuschen, sauber gehaltene Straßen, auf der anderen Seite ärmliche, verwahrloste Hütten, das waren die polnischen Bauern; die anderen waren die deutschen. Heute freilich ist dies nicht mehr so. So verschieden wie der äußere Anblick, waren auch die Sprachen, ja ich meine, der Unterschied der Sprachen konnte kaum größer sein, als der Unterschied der Sitten und Lebensweise. Und da quälte mich der Gedanke, und wen hätte ich danach fragen sollen: Wo liegt der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten? Wer hätte mir Antwort geben sollen? So trug ich denn den Gedanken mit mir. Nach langen Jahren drang ich in die Psychologie weiter ein und die Frage über die Verschiedenheit der Völker und die Trennung von einander beschäftigte mich, und wenn ich mich fragte, wie stellen sich die Völker selbst zu ihrem eigenen Verhalten, da fand ich, daß alle übrigen Volker particularistisch waren und absolut particularistisch blieben. Selbst die hochgebildeten Griechen haben es nicht zu dem Gedanken bringen können, daß sie Menschen sind und die anderen auch. Wer nicht griechisch sprach, war stumm — Barbaras —, und dieselbe Anschauung hatte man von der Cultur überhaupt. Der Zukuuftsgedanke einer Einheit und Gleichheit der ganzen Menschheit, wie ihn die Juden haben, brachte mich auf den Gedanken der Völkerpsychologie: und je mehr ich Psychologe wurde, desto mehr bin ich Jud e geworden. (Andauernder Beifall.) Ich bill auch keiner von denen, der es blos ist, weil er darin geboren, ich bin es auch nicht deshalb, weil ich im Judenthume ziemlich gut erzogen wurde, und wenn es sich darum handeln wurde, aus Pietät gegen die Eltern und Vorfahren und Lehrer festznhalten, so hätte ich allerdings das größte Maß von Pietät; ich würde es in meinem Ger.lüthe finden, denn es ist vorbereitet dafür durch die Gestalten meiner Eltern und Lehrer. Das aber, was wir brauchen, um selbst das zu sein aus u n s, nicht weil wir als Widerschein des anderen durch Pietät es sein wollen, ist etwas anderes, und dieses hat mir gerade durch die Kenntniß des Völkerlebens, durch das unausgesetzte Studium der Geschichte in meinem ganze;: Leben immer mehr die Ueberzeugung gegeben, daß ich auf demjenigen Boden stehe, welcher, so wie er früher wenigstens für alle diejenigen Völkerschaften, die jetzt als Culturvölker gelten, wie er für diese früher den Gedanken der Menschheit geschaffen und das sittliche Bewußtsein und das Gemüth mit dem erhabensten, mit dem Gottesbewußtsein ausgestattet hat, so wie er das früher gethan, so auch fernerhin diesen seinen Beruf in der Geschichteerfüllen und auch Israel die Erfüllung bringen wird! Solange Israel in sich den Gedanken hat — und es wird ihn immer haben — daß es berufen ist, die Idee Gottes zu pflegen in seinem Innern, so lange wird es auch in der Menschheit auf der Höhe stehen und dazu beittagen, sie von Stufe zu Stufe zu leiten. In diesem Sinne lassen Sie mich zum