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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-23 · 17 (23.4.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
17 (23.4.1897)
Date
1897-04-23
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 17 Vr. Vwch's WochrnptzrM. Seite 363 ich in meinem allsgedehnten christlichen Bekanntenkreise und — leider war es nöthig — in meiner eigenen Familie zum Ausdruck. Den leidenschaftlichen, gereizten Entgegnungen jedoch, die mir überall wurden, denen gegenüber mangelte mir jede K e n n t n i ß der T h a t s a ch e u. Indessen es fehlte die Zeit, mich gründlicher zu unterrichten. Mein erster Mann, schwer leidend, bedurfte Tag und Nacht der aufmerksalnsteil Pflege. Erst als ich Witwe geworden, da nahm ich nrein Bibelstudium wieder vor, und forschte in Büchern über Juden und Judenthum. Besonders war es ein Buch, das aus mich den tiefsten Eindruck machte, und das einen ganz entscheidenden Einfluß aus mich ausübte, es war — ich bitte, verehrte Anwesende, sich den Namen des Autors und den Titel des Briches zu merken — Wilhelm H e r z b e r g's „Indische F a m i l i e n p a p i e r e". Ich schrieb an den Verfasser, der damals als Direktor des jüdischen Waisenhauses in Jerusalem lebte, und er wurde Veranlassung, daß ich eine hochherzige Frau, Frau Zerline Meyer irr Berlin kennen lernte. Diese Dame wohnte ganz in meiner Nähe und von da ab habe ich sie viele Jahre hindurch allwöchentlich gesehen und empfing von ihr wohlthnende und werthvolle Aufklärung über jüdische Denkart und jüdische Lebensweise. Sie und ihr Hausfreund Dr. Salomon K o h n, damals Rabbiner in der kleinen Synagoge an der Potsdamer- Brücke, sie beide erfreuten mich durch mancherlei mündliche Belehrung und durch Belehrnngsschrifteu. Diesen beiden guten Menschen verdanke ich viel und werde es ihnen nie vergessen. Doch fehlte mir immer noch Rath u n d F ü h r u it g eines wahrhaft w i s s e n s ch a f t l i ch Kundige n. Da lernte ich den Präsidenten des Berliner Zweigvereines der Schillerstistllng kennen, Professor M o r i z L a z a r n s (lebhafter, langandauernder Beifall und Händeklatschen), ahnungslos, daß der Verfasser des „Lebens der Seele", der Begründer einer neuen Wissenschaft, der Völkerpsychologie, e i n Jude sei. Er lehrte mich vor allen Dingen zwischen Inden und Jndenthum zu uuterjcEietbeu; er machte mich auf die Mängel der verschiedenen Bibelübersetzungen aufmerksam ltitb bewog mich, hebräisch z u lerne n, um ben Urtext der Bibel im Original lesen zu können (lebhafter Beifall), er bezeichnete mir ferner die verschiedenen Werke, die ich lesen müsse, um zu einem systematischen Studium zu gelangen. Er verschaffte mir sehr viele Lexika und Lehrmittel und er scheute die drei Treppen, die in meine kleine, bescheidene Wohnung in der Potsdamerstraße hinaufführten, nicht, um mir mauchen dicken Gelehrtenband selbst zu bringen (lebhafter Beifall), und bei jeder Gelegenheit, oft ganz flüchtig, wenn wir uns einmal in der Pferdebahn sahen oder irgendwo, hatte ich immer Fragen an ihn in petto und sofort wußte er sie mir zu beantworten, und unermüdlich war er in Hinweisen, Rathschlägen und Winken, wie ich lernen und wie ich lesen müsse, unerschöpflich sei n W i s s e n, unermüdlich seine G ü t e. So lebte ich denn ein Jahrzehnt ganz still und unbemerkt meinem Studium und war endlich genügend vorbereitet, um, als der niich sehr überraschende Antrag eines Leipziger Verlegers, eines christlichen Verlegers, an mich gelangte, ihm ein Buch über das jüdische Weib zu schreiben, diesen Antrag annehmen zu können, freilich mit der Bedingung, daß mein gütiger Lehrer das Manuscript vor dem Druck erst prüfen möge. Und das geschah. Ich durste ihm das Manuscript vorlesen und er war zufrieden. (Lebhafter Beifall.) Nur, so sagte er, e i n Capitel fehlt, und zwar wäre dieser Mangel so groß, daß ohne dieses Capitel das Buch vollständig unvollkommen sei, das Capitel über die jüdische Mutter. (Lebhafter Beifall.) Ich schrieb auch dieses Capitel noch, das Buch erschien und sein Erfolg bestimmte mich, mich vollkommen dem Studium des I u d e n t h u m s zu w i d m e n. Ich besuchte nun auch häufiger zu diesem Zwecke die verschiedenen Synagogen und durchforschte die jüdischen Gebetbücher. Ich fand in ihnen einen solchen Schatz und so wunderbare Enthüllungen über den jüdischen Geist, daß ich vollkommen wie von einer Offenbarung berührt wurde. Wie Schleier fiel es mir von den Augen, wie Nebel zerrann es vor meinen Blicken, ich sah immer Heller und schärfer, und eines Tages hatte ich die Ueberzeugung gewonnen: Das $ u b e it t () lt m kennt keinen Dogmenzwang, das Judenthum kennt nur religiöse u n d ethische Gesetze, und Vorschriften rein pädagogischer Art. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Und da war es mir klar, daß ich im Herzen längst Jüdin sei — es bedurfte nur noch des offenen Bekenntnisses. Die Confessionslosigkeit, nach der so viele streben und die mancher gar als eine Art idealen Zustandes hinstellen möchte, die Confessionslosigkeit habe ich stets als einen bitteren Mangel empfunden. Ich habe stets das tiefe, innere, geheime Bedürfniß gehabt, m i ch z u einer C o n f e s s i o n zu bekennen. (Beifall.) Ja, aber zu welcher? . . . Jetzt brauchte ich nicht mehr zu suchen und zu fragen. “ H Mein Seelenkampf war zu End e . . . Auf meiner letzten Vortragsreise, die mich nahe bis an die russische Grenze geführt hatte, dann durch ganz Deutschland hindurch bis nach Holland, kam ich auch nach Köln. Am 18.Jänner 189', habe ich in Köln zum letzteil Male gesprochen und wollte von dort nach Gens, um in Genf meinen Uebertritt zum Judenthum zu vollziehen; ich stand mit dem dortigen Oberrabbiner Dr. W e r th e i m e r längst darüber in Correspondenz. Mein Weg führte mich durch Freiburg in Baden, wo seit längerer Zeit mein gütiger Lehrer lebte, sich ganz und gar der stillen Arbeit widmend. Ich wollte nur einen Rasttag machen, um ihn, dem ich so lange nicht wieder gesehen hatte, zu begrüßen, und fand ihn leidend. Eine schwere Influenza brach bei ihm aus; ich konnte ihn nicht verlassen und ich habe ihn nicht verlassen. (Laugandauernder Beifall.) Mein Uebertritt znm Judenthum fand nun in Freibnrg statt und indem ich den Namen Ruth annahm, n a hm ich auch den N a m e u L a z a r u s a n. G o t t hatte mich b eg n ad et, daß ich n i ch t n u r d a s B e k e n n t n i ß I s rael's a b l e g e n d u r f t e, s o n d er n d a ß i ch auch e i n e u jüdisch e n Haus halt b e gründ en d urfte an der Seite eines solchen Mannes. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Geehrte Anwesende! Ich sagte, das Judenthum kennt keinen Dvgnrenzwang. Könnte ich doch aussprechen, was das für mich bedeutet, frei zu sein vom Dogmenzwang, nicht gedankenlos oder heuchlerisch nachplappern zu müssen, was Andere uns vorsagen, Fremde uns befehlen! Mit tausenderlei Winkelzügen und Spiegelfechtereien, mit List und Lüge, mit absichtlicher Verdummung der Vernunft und mit wohlüberlegter Vergewaltigung des einfachen gesunden Menschenverstandes, ja mit Versündigung gegen das unschuldig vertrauende Kindergemüth hatte mau mir den herkömmlichen Religionsglauben aufzwingen wollen. Was hatte ich darunter gelitten! Meine Kindheit ist verbittert, meine Jugend vergiftet worden. Gespielen und Freundinnen hatte ich nie gekannt. Furcht, Strafe, Beschämung waren das tägliche Brot, mit welchem Erzieher und Lehrer, Verwandte und Bekannte mich genährt hatten. Und obwohl ich mir niemals bei meinem Widerstande, bei meinem passiven Widerstande — ich wiederhole das — gegen das Herkömmliche bewußt war, etwas Böses zu thun, litt ich darunter, war bedrückt und befangen mein Leben lang, als hätte ich schwere Schuld begangen. Und nun auf einmal erkenne ich, daß ich nicht allein so denke und fühle, daß auch Andere, ein Volk, ein g a n z e s Volk, das Volk, dessen Ahnen die Bibel geschaffen, das Volk, dessen Väter das Wort ausgesprochen haben: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst", das B i b e l v o l k meinen Glauben bekennt, nämlich: „Es gibt nur einen Gott und keinen daneben!" Und so darf ich froh und frei, glücklich und stolz mich zur Religion des reinsten Monotheismus bekennen „uwchollewoweh.» uwchol nafschecho, uwehol meodecbo! (Langanhaltender, stürmischer Beifall und lebhaftes Händeklatschen.) Der Festrommers zu Ehren des Ehepaares Lazarus. Im Festsaale des Wiener Kaufmännischen Vereines fand am 14. d. M., Abends, ein von der Jüdischen akademischen Lesehalle zu Ehren des Geheimrathes Professor Lazarus und dessen Gattin veranstalteter Festcommers statt, der sehr stark besucht war und einen sehr animirten Verlauf nahm. Nach einer sehr schwungvollen Ansprache des Präses cand. ing. L e r n e r, welcher unter stürmischem Beifall die Verdienste des gefeierten Gelehrten und seines „gefährlichsten Rivalen", nämlich seiner eigenen Frau, hervorhob, hielt cand. jur. Ehrenfreund die Festrede, welche ebenfalls das gefeierte Ehepaar zum Mittelvunkt

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