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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-23 · 17 (23.4.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
17 (23.4.1897)
Date
1897-04-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 362 Nr. 17 Vr. VLoch's Wochenfchrtfl diese ganz ausschließliche Zuneigung zum Alten Testament gekommen sei. Nicht vielleicht, wie viele annehmen werden, weil die Erzählungen des Alten Testaments bunter, reichhaltiger, die Phantasie eines Kindes anregender, den erwachenden Geist spannender seien; nein, das war es nicht, sondern weil ich im Alten Testamente das Mütterliche mehr vertreten fand. Eva, die ihren Abel beklagt, die rührende Gestalt der Hagar, Sarah, Rebecca, Rahel, Lea, die in ihrem mütterlichen Stolz sich brüstet, sechs Söhne habe sie geboren, Jochebet — ich hoffe, nein, ich bin überzeugt, meine Glaubensgenossinnen wissen alle, wer Jochebet war, (Lebhafte Heiterkeit) — die ihren trauten Knaben zur Pflege wieder erhält, Hannah, die den ihrigen dem Tempel weiht und dann ihm alle Jahre ein buntes Röckchen macht und ihm hinaufträgt, wenn sie nach Jerusalem zieht, die Feste zu feiern und ihn zu besuchen, (denn sie, sie durfte ihr Kind besuchen), und andere mütterliche Gestalten des Alten Testamentes fanden bei mir das innigste Verständuiß. Im Neuen T e st a m e n t vermißte ich sie s ä m m t l i ch. Der Sohn dort duldet auch, aber e r w e nd e t sich nie an seine Mutter, und als sie einmal 51t ihm kommt, will er sie nicht sehen. Meine Sehnsucht nach der Mutter und mein Suchen nach Gott wurde allein im Alten Testament befriedigt. Das alte Testament wurde mir zur ausschließlichen Quelle moralischer und religiöser Erhebung. Ich habe seitdem mit wenig Ausnahmen fast täglich darin gelesen. Aber eben dieses Bibellesen wurde Ursache, daß die Gräfin mich noch grausamer behandelte als sonst. Ob irgend Jemand meiner Mutter berichtet hatte? — ich weiß es nicht. Aber sie kam eines Tages, um mich abzuholen. Sie ging mit mir nach Palermo zurück und übergab mich dort einem K l 0 st e r, einem von Nonnen geleiteten Erziehungsiustttute für die Töchter des Landes. Es widerstrebt mir, an der Lehrweife der Nonnen irgend eine Kritik zu üben; ich habe ja auch schon das Meiste von dem, was ich selbst dort erlebt und erfahren habe, in meinem Romane „Geheime Gewalten" ganz wahrheitsgemäß geschildert. Die „Klosterschülerin" dort im ersten Bande, das bin ich selbst. Nur das muß ich doch erwähnen, daß diese Lehrweise und ganz besonders die Lectüre, die uns Schülerinnen aufgedrängt wurde, die Erbauungsbücher und Heiligengeschichten, die Märtyrerlegenden und Wundererzählungen vor meinem entwickelten Verstände nicht Stand hielten. Und ganz besonders waren es die Schilderungen der haarsträubenden Qualen und Strafen im Fegefeuer und der Teufelsglaube, die mich äußerst kritisch stimmten. Der Geist des Alten Testaments war mir bereits so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich durch den Vergleich mit den neuen Lehren in der Abwendung von denselben nur befestigt und bestärkt wurde." Rednerin erörtert einige Special-Dogmen und fährt dann fort: „Wir sind ja Alle Kinder Gottes und Gott heiliger Geist wirkt ja in allen guten Menschen, aber Gott, Gott an sich, das war mir immer nur der Eine, Einig-Einzige: Adonai echod uschemau echod! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Sie sehen, ich war d a m a l s s ch 0 n I ü d i n, ohne es zu wissen. Die an mich gewendete Mühe, mich zu einer guten Katholikin zu machen, war also ganz vergebens, vergeblich die Belehrungen der Beichtväter, vergeblich die Ermahnungen der frommen Schwestern, vergeblich die ungewöhnliche Ueberredungskunst der Priorin, ich habe der sanften Frau in meinem vorhin genannten Buche in pietätvoller dankbarer Gesinnung ein Denkmal gesetzt. Nichts, aber auch nicht das Geringste der fpecifischen Dogmen ging in meinen Glauben über. Meines Bleibens war also im Kloster nicht länger. Meine Mutter siedelte mit mir nach Neapel über und übergab mich dort dem Religionsunterrichte des Predigers der dorttgen evangelisch-deutschen Gemeinde. Er hieß Remh. Er war ein schlichter Mann und die Art seines Benehmens und seiner Belehrung eine außerordentlich schmucklose, die im größten Gegensatz stand zu der Art und Weise im Kloster. Dennoch vermochte auch sein Unterricht nicht, mich zur Annahme der specifischen Dogmen und ganz besonders nicht zur Annahme der Vorstellung der Dreieinigkeit zu bewegen. .Ich lernte den Katechismus und Alles, was man mir zum Auswendiglernen gegeben hatte, zwar auswendig und sagte es her, aber mein Verstand sagte mir stets dabei etwas ganz Anderes. Meine Mutter wünschte, daß ich mich in den herkömmlichen Gang der Dinge finden möge, aber sie zwang mich nicht dazu. Sie wußte meine Fragen nach den mir immer unverständlicheren Dogmen auch nur ausweichend zu beantworten, also für meine Wißbegierde, nein, genauer gesagt für meine Gewissenhaftigkeit, nicht ausreichend genug. Nur darin, daß ein Gott sei, der a l s h i m m l i s ch e r V a t e r u n s e r a l l e r S ch i ck s a l l e n k t u n d leitet, darin bestärkte sie mich mit der ganzen Innigkeit einer glühenden religiösen Seele. Diese Kräftigung meines Glaubens an Gott und die Kräftigung meines Muthes, mir kein Bekenntniß aufzwingen zu lassen, das mit meiner innersten Ueberzeugung im Widerspruch stand, diese Kraft und diesen Muth verdanke ich ihr und danke es ihr bis an mein Lebensende. Der Religionsunterricht beim Prediger Remy blieb ohne jedes Resultat. Er konnte mich nicht einsegnen, weil er mich nicht dahin bringen konnte, das apostolische Glaubensbekenntniß abzulegen, das apostolische Glaubensbekenntniß, das seit einigen Jahren in Deutschland, ganz besonders auch in kirchlichen Kreisen, bereits Widersacher und Kritiker findet. Ich habe als 12jähriges Kind meinen Kampf — oder nein, das ist nicht der richtige Ausdruck — meinen passiven Widerstand gegen dasselbe bereits bewiesen. Das apostolische Glaubensbekenntniß sollte mir noch viele Schmerzen bereiten. Meine Mutter ging mit mir nach Deutschland zurück in ihren Geburtsort. Der Superintendent Dr. Tobold wohnte neben unserem Hause und hinter den Häusern erstreckten sich terrassenförmig die Nachbargärten hinunter nach dem See und jenseits des Sees lag der große, dunkle Wald, aus dem tausendstimmiges Vogelconcert herübertönte. Hier unter Blumen und Bäumen, unter Gottes freiem Himmel mit mir auf- und abgehend, unterwies mich der würdige Seelsorger in den Lehren der christlichen Kirche; nicht wie ein strenger Lehrer, der keine Fragen und nun gar keinen Widerspruch duldet, sondern wie ein liebevoller Freund en Fragen und Bedenken des Genossen freundlich entgegenkommt. Niemals war es mir so peinlich, ja geradezu so schmerzlich, der liebevollen Ueberredung des würdigen Mannes die gewohnte, mir nothwendig gewordene Zurückhaltung ausüben zu müssen. Er staunte über meine Kenntniß der Bibel, aber er war schmerzlich überrascht, daß ich diesen Namen nur dem Alten Testamente beilegte und mich im Uebrigen durchaus ablehnend verhielt. Er erklärte, daß er mich nicht einsegnen könnte. Der Kampf mit meiner Familie begann noch einmal, nun zum letzten Mal. Ich war inzwischen 17—18 Jahre alt geworden. Es sollte mir nochmals Religionsunterricht ertheilt werden, und zwar von dem Manne, der mich getauft hatte, in der Mattheikirche in Berlin, von dem Generalsuperintendenten Dr. Karl Büchsel, dem sehr bekannten hochconservativen, orthodoxen Manne. Nun, der Unterricht dauerte nicht lange; ich wurde nicht eingesegnet. Jahre vergingen. Ich wurde mündig und verheiratete mich, und zwar — seltsames Zusammentreffen — mit dem Neffen meines ehemaligen Neligionslehrers, mit Dr. Max Remy in Berlin. Die sehr streng christliche Familie meines Mannes bewog mich, häufig Predigten berühmter Kanzelredner beizuwohnen. Ich hörte Kögel, den sehr beliebten Dryander, den liebenswürdigen, gütigen Hofprediger Dr. Emil Frommel. Ich wohnte aus freiem Antriebe dem Coufirmandeuunterrichte und den Er^ banungsstunden bei, die der letztere gab. Aber die empfangenen Eindrücke waren stets so zwiespältiger Art, daß ich mich öffentlich nicht darüber aussprechen kann. Indessen sollte ein neues Moment in mein Leben treten. Es war Ende der Siebziger-Jahre; ich war bis dahin mit Juden noch gar nicht in Berührung gekommen. Als aber die „Schmach des Jahrhunderts" sich fühlbar machte und auch üt der Familie meines Mannes ansteckend wirkte, da fing ich an, mehr über Juden und jüdische Dinge nachzudenken. Ich erhielt viele Schriften f ü r und noch mehr Schriften gegen die Juden. Diese letzteren, die Gegenschriften, stießen mich sehr bald ab durch die gehässige Uebertreibung ihrer Polemik, die anderen Schriften dagegen fesselten mich durch ganz neue Gesichtspunkte. Jndeß war ich noch weit davon entfernt, mir irgend ein Urtheil zuzutrauen; nur daß mein Herz auf Seite der Angegriffenen stand, das fühlte ich, und diese Sympathie für die Schwächeren, für die Angegriffenen brachte

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