Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 17 Vr. Vlvrtz's Vvrtzrnschrifl Seite 361 Zweiter Lszarusabend Vortrag der Frau Nahida Ruth Lazarus. Wegen des zu kurzen Jntervalles bis zum Erscheinen der vorwöchentlichen Nummer unseres Blattes vermochten wir in derselben nur eine gedrängte Skizze der iuhalts- und eindrucksvollen Rede wiederzugeben, mit welcher die ausgezeichnete Vortragende Frau Professor Nahida Ruth Lazarus am 13. d. M. im großen Musikvereinssaale an dem zweiten der von Herrn Dr. Fialla veranstalteten rühmlichen Lazarusabende ihre Zuhörer zu fesseln verstand. Wir glauben nur einer Pflicht gegen die vortreffliche Rednerin, wie nicht minder gegen unsere Leser zu entsprechen, wenn wir nunmehr einen genaueren Auszug aus dem hochinteressanten Vortrage folgen lassen. Frau Professor Lazarus wurde, wie sie erzählt, häufig darüber befragt, warum sie sich für jüdische Dinge iuteressire. Seitdem ihre Vorträge über jüdische Themata sie weit über die Grenzen Deutschlands hinaussührten, haben diese Erkundigungen und Anfragen immer mehr zugenommen. Deswegen wollte sie hier zum ersten Male berichten und bekennen, wie, wo und wann ihre Verehrung für jüdische Geschichte und Literatur, für jüdische Religion und jüdisches Wesen geweckt wurde. Als sie sechs Jahre alt war, übersiedelte ihre Mutter nach Italien und sie wurde in Pisa der Obhut einer englischen Gräfin St. Germ a i n übergeben. „Es beginnt jetzt ein Märtyrerthum für mich, das ich nicht berühren würde, wenn es nicht sehr lehrreich wäre, für alle Mütter, Pädagogen und Erzieher, und wenn es nicht der thränengetränkte Boden gewesen wäre, auf dem meine ungehinderte Denkkraft keimte, wuchs und sich entwickelte. Freilich, damals ahnte ich noch nicht, welchen kostbaren Schatz ich mir erringen sollte, durch diesen Seelenkampf, der bereits in meiner frühesten Kindheit begann. Die Gräfin, eine stolze und strenge Frau, hielt mich standesgemäß; ich erhielt Hauslehrer und Lehrerinnen und lernte jeden Luxus kennen. Ich fuhr mit ihr in prächtiger Equipage spazieren und mußte Abends nach dem Thee in ihren Salons vor den stets versammelten Gästen mit meinen Sprachkenntnissen, meinem Zeichentalent und meiner kleinen musikalischen Begabung glänzen. Wenn ich dann genügend gezeigt und gelobt worden war, zog ich mich in eine Fensternische zurück und ah von da aus voller Geringschätzung auf diese eleganten Damen ^uud Herren; und wenn trotz meiner Schlaftrunkenheit — denn vor Mitternacht durfte ich die Salons nicht verlassen — wenn trotz meiner Schlaftrunkenheit Einiges von ihrem Salongesckiwätz und banalen Höflichkeitsphrasen an mein Ohr drang, dann dachte ich mir immer; ihr seid ja alle Lügner und Heuchler. Warum mir, dem damals 7jährigen Kinde diese Meinung kam, ist psychologisch wohl schwer zu erklären. Eine verzehrende Sehnsucht nach der Mutter beherrschte mich und Niemand war, dem ich es hätte gestehen können, nicht einmal meiner Mutter selbst. Denn meine Briefe an sie wurden von der Gräfin erst geprüft und durften nur Aeußerungen der Zufriedenheit enthalten. Die Gräfin galt als sehr fromm; Geistliche gingen bei ihr ein und aus und ich wurde fleißig zum Beten angehalten. Gleich jeden Morgen mußte ich früh an ihr Himmelbett treten und das „Vater unser" und den „Englischen Gruß" hersagen. Beides hintereinander in 4 Sprachen: englisch,französisch, italienisch und deutsch. Die alte Frau, damals schon eine Siebzigerin, ahnte wohl nicht, welchen pädagogischen Fehler sie beging, daß sie diese Gebete entwürdigte, indem sie den religiösen Inhalt derselben lediglich als Sprachübung verwendete. Zwar haben die Juden ihren Kindern die Kenntniß der hebräischen Sprache auch zunächst durch den „Sidur", das Gebetbuch, beigebracht, aber die hebräische Sprache war und blieb ihnen die heilige. Sie wurde nicht wie die modernen Sprachen zu irgend einem weltlichen Zwecke gelernt. Geistiger Inhalt und sprachliche Form gehörten beide dem Gebiete des religiösen Geistes an. Auch Abend- und Tischgebete wurden von mir verrichtet, und es war immer viel von Gott die Rede. Gott! — Er war mir kein Fremder. Seit ich denken konnte, hatte ich zu ihm gebetet. Meine Mutter hatte es mich früh gelehrt, aber sie überließ es mir, Gott zu sagen, was ich wollte. Soviel ich mich besinnen kann, lautete mein erstes Gebet immer nur: „Lieber Gott, mache mein Mütterchen gesund!" Es war kurz dieses Gebet, aber es enthielt Alles. Und jetzt betete ich „Lieber Gott, gib mir meine Mutter wieder". Das war wirkliches Gebet, alles Uebrige war nur Gedächtnißkunst und Sprachübung. Indessen wurde mein Bedürfnis nach Gott immer lebendiger und mächtiger. Ich fing allen Ernstes zu suchen an, was mir Gott näher brächte. Ich begann Schicksale und Charaktere der Menschen zu vergleichen, und da fand ich die Lose so sehr ungleich vertheilt. Und ich selbst? Was hatte ich denn begangen, daß es mir so schlecht ging? Denn daß die Gräfin mich nicht blos seelisch und moralisch mißhandelte, sondern auch körperlich, das mag hier gleich erwähnt werden. Ihr leidenschaftliches Naturell riß sie zu Uebereilungen hin, und meine damals noch unerkannte, aber später erst durch den Augenarzt festgestellte ganz abnorme Kurzsichtigkeit, die es mir physisch unmöglich machte, Vieles zu verstehen, zu thun und zu vollbringen, was man mir geboten hatte, veranlaßte sie zu ungewollten Ungerechtigkeiten und unbeabsichtigten Grausamkeiten, die mir aber einen tiefen Eindruck machten. Ich war inzwischen 10 Jahre alt geworden. Da machte ich eine Entdeckung, die für meine geistige Entwicklung entscheideild werden sollte. In einem Salon, der durch die stets verschlossenen Jalousien immer in ein mystisches Halbdunkel gehüllt war, entdeckte ich eines Tages in dem tiefen Alkoven hinter grünen Vorhängen die Bibliothek der Gräfin. In den einsamen Nachmittagsstunden nun — nebenbei bemerkt, Gespielinnen und Spielzeug besaß ich nie — in den einsamen Nachmittagsstunden nun, fing ich zu lesen an. Ich las Alles, uitb Alles durcheinander, bis ich eines Tages die Bibel fand. Die Bibel! Ich t r e n n t e m i ch n i ch t m e h r v o n i h r. Was es eigentlich war, was mich so an dieses Buch fesselte, ist schwer zu sagen. Freilich, die meisten seiner Gedanken waren für einen Kinderkops zu hoch, die Ausdrücke zu fremdartig, manches Wort hatte ich noch nie gehört, aber all die Stellen, welche von Gottes Gegenwart sprachen, von Ged u l d, Zuversicht, Hoffnung, Wiedervergeltung, alle diese Stellen suchte ich auf, las sie mit Eifer und Inbrunst, stärkte und erquickte mich an ihnen. Die Bibel! Wie liebte ich sie! Wenn mir wieder einmal so recht weh ums Herz war, oder die Sehnsucht und Bangigkeit nach meiner Mutter wieder einmal übermächtig in mir wurden, dann griff ich zu meiner geliebten Bibel und schlug die Psalmen auf; denn die Psalmen waren es hauptsächlich, die mir den Trost spendeten, den ich suchte, und oft genügt eine Zeile, ja ein Wort, um mich wieder zu beruhigen, und mir meine ganze Fassung wieder zu geben. Die Bibel! Wenn ich das Wort nur ausspreche, möchte ich schon verstummen vor der Fülle der Erinnerungen an all das Erhabene und Schöne in ihr. Und die Menschen wissen es nicht, sie wissen es nicht so, wie sie es wissen sollten und leider am Wenigsten, die Frauen. Wie viele meiner Geschlechtsgenossinnen aus allen Ständen habe ich gefragt: Haben Sie eine Erinnerung an die Bibel, an irgend eine schöne Stelle? dann war zumeist — ach ich muß es leider sagen, ausnahmlos —Schweigen und verlegenes Suchen die Antwort. Und wenn ich dann sie erinnerte an einzelne schöne Stellen, z. B. an Abrahams Fürbitte bei Gott für Sodom und Gomorrha, oder an Josefs psychologisch so feines und liebevolles Benehmen gegen die Brüder, oder an einige mehr poetisch ausgestaltete Stellen, wie z. B. die Gebete Mosis, Hannas, Davids beim Tode seines heißgeliebten Sündenkindes, oder Salomos bei der Einweihung des Tempels: „auch den Ausländer, der hier erscheint, auch ihn erhöre, o Gott", oder einige so wunderbare Aussprüche wie z. B. im Hiob: „selbst im Zorne gedenkst du des Erbarmens", oder das unvergängliche Wort des letzten Propheten Maleachi: „ist nicht e i n Vater uns allen, hat nicht ein Gott uns erschaffen, warum ist denn Einer treulos gegen den Anderen"; wenn ich also die Frauen an solche Stellen erinnerte, dann thaten sie wohl, als ob sie sich besännen, aber ich merkte es wohl, es war ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen Die modernenFrauen haben Zeit füralles Mögliche, um aber einmal den Geist hoch zu stimmen und das Gemüth rein zu baden in den wunderbaren Blättern der heiligen Schrift, dazu haben sie keine Zeit. (Lebhafter anhaltender, sich erneuernder Beifall und Händeklatschen.) Ich las ausschließlich im Alten Testament. Warum nicht im Neuen? Ich habe später viel darüber nachgedacht, woher mir