Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021186--06672-3030964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 348 Dr. VLoch's Wochrntzchrtft. Nr. 17 die städtischen Lieferungen auf das ausländische Großkapital vertheilt hat, spricht von der nothwendigen Förderung des heimischen Gewerbestandes. Aber der Stadtrath muß aufgehoben werden, und da stehen ringsherum die Barrierestöcke, mit welchen das Lueger system gepölzt wurde. Und sie nicken mit den bierschweren Häuptern, und haben keine Ahnung, daß ihr Herr und Meister in der feierlichen Stunde seiner Beeidigung ihnen ihre absolute Unbrauchbarkeit und Untauglichkeit ad oculos demonstrirte. Und dabei hat der Mann nicht einmal Unrecht, ist es doch eine während der Dauer des S t r o b a ch'schen Puppenspieles tausendfach erhärtete Thatsache, daß ohne den Firniß L u e g e r'scher Rabulistik die totale Geschäftsunkenntniß die von keinerlei Erfahrung und nicht vom geringsten Wissen getrübte Unbefangenheit der antisemitischen Gemeindefunctionäre den totalen Bankerott des Barrierestöcke-Systems vor aller Augen offen declarirt hätte. Aber halt! Wir setzen uns in Gegensatz zu den Ansichten des „Herrn aus Hannover", wir bekennen uns zu jenen Ansichten, die der Herr Graf vor drei Jahren hatte, die jetzt im gräflichen Papierkorb ruhen, an denen der Herr Graf, dieser vortreffliche Bicyclist, schon längst vorbeigeradelt ist. Die k. k. geographische Gesellschaft sollte Excellenz Erich zum Ehrenmitglied ernennen, Erich, den Entdecker. Der Herr Gras hat nämlich entdeckt, daß unser Str ob ach sein Amt mit Umsicht und Hingebung verwaltet hat. Ehre, dem Ehre gebührt! Wenn einmal unser abwechslungsreicher Herr Statthalter in ein kühles Herrenhausmausoleum versammelt wird, dann soll ihm nachgesagt werden, daß er Strobach nicht nachsteht, daß auch er sein Amt mit S t r o b a ch'scher Umsicht und S t r o b a ch'scher Hingebung verwaltete. Was Tact und Selbstständigkeit des Urtheils anbelangt, hat freilich Graf Kielmansegg den Herrn Strobach nicht immer erreicht. Dem neuen Bürgermeister hat der Herr Statthalter nicht nur erprobte Arbeitskraft, sondern auch bewährte Leitungsgabe nachgerühmt, er hat nur vergessen, dessen Erwähnung zu thun, an dem Dr. Lueger sein didattisches Talent am besten erprobte. Der blaue Dienstag war ein lehrreicher Tag. Hochinteressant waren die Statisten der Lueger- Comödie, nicht nur jene Käshändler und Greisler,- welche Lueger mit Quargeln drapitten und verwaschene Fahnen aussteckten, auch die Statisten des Spectakelstückes waren interessant. Personenverzeichniß: Der Herr von Wien . . . Doctor Lueger. Der Statthalter.der Herr aus Hannover. Die eiserne Hand .... Aber die ist aus der Requisitenkammer abhanden gekommen. Sie kann uns auch gestohlen werden! Gin österreichisch-israelitischer Gemeindebund. ~ Am selben Tage als Dr.Lueger zum Bürgermeister, erwählt wurde, beschlossen die Delegirten der bedeutendsten Cultusgemeinden Oesterreichs, einen israelitischen Gemeindebund ins Leben zu rufen. Waren es bisher nur die kleinen Leute, welche die antisemitische Hetze am Erwerb und an den Gliedmassen spürten, so dämmert es endlich auch den Großen und den Bemittelten auf, daß sie im Kampf der Elemente nicht unversehrt bleiben würden und daß es mit dem Zuwarten und Laviren nicht länger angehe. Vierzehnhunderttausend jüdische Bewohner Oesterreichs, unter ihnen zweihunderttausend jüdische Wähler können es doch nicht schweigend über sich ergehen lassen, daß man ihr Verfassungsrecht antaste, ihre bürgerliche Existenz gefährde, ihre Ehre unausgesetzt verunglimpfe, daß man neuerdings den gelben Fleck an ihre Kleider hefte. Seit der Mann, dem es gleich gilt, ob man die Juden hänge oder köpfe, die Geschicke der Hauptstadt leitet — seit der getaufte Jude Stransky den Pact der Czechen mit den Clericalen verkündet — seit die galizischen Juden zwischen der Schlachta und den Demokraten zermalmt werden — seitdem find auch den Gleichgiltigsten unter unseren Glaubensgenossen die Schuppen von den Augen gefallen. So Mancher, der noch vor Kurzem für Assimilation schwärmte, hat sein jüdisches Herz wieder entdeckt; sehr viele Indifferente haben sich zu einem gemeinsamen.Bekenntniß ermannt; das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist wieder erwacht und der unerträgliche Druck hat endlich die Neigung zum Widerstand erwe<Ü. Wie einst zur Zeit des Ahasver ist schon dadurch viel gewonnen, daß wir Juden uns dazu entschließen, uns unserer Haut zu wehren. So kam es, daß man den ersten Schritt zu einer rationellen Vertheidigung unternahm. Waren bisher alle Abwehr-Versuche erfolglos geblieben, so mußte man nun zu einer Action höheren Grades schreiten und eine Organisation der gesammten Judenschaft versuchen. Zu einer solchen soll sich der Gemeindebund entwickeln; wird er tactvoll geleitet, geschickt gegliedert, von politischen und nationalen Differenzen frei gehalten, so daß er als eine Vertretung der deutschen, czechischen, galizischen Juden anzusehen ist, so werden Regierung und Reichsrath mit ihm rechnen müssen. Auf die Behauptung unserer höchsten Güter im Staate und in der Gemeinde abzielend, darf er kein Titelchen preisgeben und sich nicht irre machen lassen durch das Geschrei der Parteien oder durch die Winke falscher Freunde. Haben wir um die Mitte des Jahrhunderts für Freiheit und Fortschritt mitgekämpft, so werden wir auch zum Schlüsse des Jahrhunderts im socialen Kampfe eine Rolle spielen, und sehr ungeschickt müßten wir agiren, wenn nicht alsbald unsere Bundesgenossenschaft viel umworben würde. Nur solange, wir uns selbst aufgaben, waren wir mißachtet; so lange wir uns zu Handlangern von Parteien erniedrigten, wurden wir von Allen gemieden. Erheben wir muthig das Haupt, zeigen wir uns als diejenigen Meister im Wettbewerbe, als welche unsere Gegner uns verschreien; dann müßte es ganz merkwürdig zugehen, wenn wir bei der Theilung der Welt zu spät kämen. Der Gemeindebund ist als der erste Schritt anzusehen, um die Juden Oesterreichs zu organisiren. Der erste Schritt — dem noch manche andere Schritte folgen werden, und zwar nicht nur solche gegen den äußeren Feind. Wohl ebenso wichtig und ebenso schwierig ist die Mission, die dem Gemeindebund nach Innen obliegt. Er muß erziehlich „völkerpädagogisch" wirken, er hat das Judenthum zugleich vor seinen Freunden zu schützen. Auch dazu gibt der wiederkehrende, seit Jahrzehnten entwöhnte Druck einen kräftigen Anlaß und viel ist hierbei gewonnen, sobald nur der Entschluß gefaßt ist, sich in Positur zu setzen. In der That hat schon der bloße Beschluß, einen Gemeindebund zu begründen, die Zuversicht in weiten Kreisen gehoben das Selbstvertrauen geweckt und damit — unserer Ueberzeugung ithd) — den Erfolg als erreichbar ersehen lassen. — 8. — Irrende Rinder. Phantasie. (Ein Erinnerungsblatt dem edlen Menschenfreunde und Wohllhäter, Sr. Hochgeboren Herrn Baron v. Hirsch gewidmet zum 21. April in dankbarer Verehrung von Jda Oppenheim.) Da liegt der Wald. In nie endender Ferne dehnt er sich aus. Schweigend ragen die knorrigen Aeste Jahrtausend alter Bäume zunr Himmel. Tief, undurchdringlich geheimnißvoll wölbt sich das Zweigegewirr gleich einenr schützenden Dach über den dunklen, schlüpfrigen Boden. Weiches Moos, in bunten Farben schillernd, umwuchert die Wurzeln der Riesenstämme. Mächtig große Pilze leuchten aus dem weichen, braunen Erdreich hervor, daztvischen sperren wunderbar geformte Felsstücke den Weg, reißende Sturzbäche schäumen von bergigen Höhen hernieder. Lautlos bahnt das Wild geschickt seine Wege, sonderbar Gethier aller Art belebt den Boden, schlingt und ringelt sich um die dicken Stämme. Inmitten dieses Dunkels, auf unwegsamen Pfaden, durch tausend Hemmnisse gefährdet, tastet langsam mühselig eine kleine Schaar wandernder Erdenkinder vorwärts. Müde und traurig vom langen Weg dringen sie dennoch stetig vorwärts.