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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-23 · 17 (23.4.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
17 (23.4.1897)
Date
1897-04-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 Vr. VLoch's Wochrnptzrift. Seite 347 die Religion vor der Nation. Aber wer schützt die Religion vordem Herrn Oberrabbiner? Was er Seite 40 und 41 sagt, gehört zu den schwersten Selbstbeschuldigungen, die nur darum nicht alle Rabbiner treffen, weil eben nicht alle Rabbiner seiner Ansicht sind. Er sagt: „Zion galt und gilt den Juden als das Symbol ihrer eigenen, aber auch der die ganze Menschheit umfassenden Zukunft. In diesem nichts weniger als nationalen Sinne ist auch die Bitte um Rückkehr nach Zion in unseren Gebeten zu verstehen, in welchen sie demnach einen rechtmäßigen Platz behauptet." So! Also-, wenn man um tue Rückkehr nach Zion betet, so ist darunter das Gegentheil zu verstehen? Die Worte des Gebetes haben also nicht den Sinn, den die Gemeinde, treu am Worte hängend, mit ihnen verbindet? Und in dem Augenblicke, wo die Beschaffenheit der Weltverhälcnisse, der nach der Emancipation eingetretene also endgiltige Antisemitismus, das wiedererwachende Nationaljudenthum, die Lage im Orient und die technischen Errungenschaften zusammenwirken, um die Rückkehr nach Zion zu einer nahen Möglichkeit zu machen — in diesem Augenblick sagt ein Oberrabbiner: „Macht Euch nichts daraus — es war nur ein „Symbol"! Und da will Se. Ehrwürden uns noch über den „wahren Zionismus" belehren? „Denn der wahre Zionismus ist von der Zukunft der Menschheit nicht zu trennen." (S. 40). Jawohl, das wissen wir, und so ist unser Zionismus mit seinen socialen Reformen (Siebenstundentag rc.), mit seiner Duldsamkeit und seiner Liebe zu den Aermsten unter den Verstoßenen auch gemeint. Ich versage es mir. heute noch mehr zu antworten. Im Grunde bedaure ich es, daß Herr Dr. Güdemann mich zu einer Polemik gezwungen hat, in der ich ihn nicht ganz so schonen konnte, wie ich es gern gewollt hätte, weil er ein älterer Mann ist und weil wir früher freundschaftlich verkehrten. Ich glaube, er hat sich gutmüthig mißbrauchen lassen von Hintermännern, deren Stunde schlagen wird. Diese Leute haben die Mäßigung mißverstanden, deren sich der Zionismus bisher bestiß und auch weiter befleißigen wird, wenn man ihn nicht erbittert und durch Perfidien vergiftet. Diese Leute, von denen man fortwährend hört, bald durch den Scandal ihrer Maitressen, bald durch den Triumph ihrer Rennpferde, bald durch die Börsenmanöver, mit denen sie den Mittelstand der Börse zu Proletariern machen, bald durch die Corruption, die sie um sich her wie einen Pesthauch verbreiten; diese Leute, die man überall sieht, nur nicht, wo die armen Juden in einem schweren Kampfe stehen, diese Leute mögen sich in Acht nehmen, daß nicht in ihrem Rücken eine zweite Volksbewegung gegen sie aufstehe, numerisch schwächer, aber gerade darum verzweifelter, als die erste. Ah ja, es gibt sogenannte „Wohlthäter" unter ihnen; das heißt sie züchten Schnorrer. Das heißt, sie schaden dem jüdischen Volke auch noch durch milde Gaben aus denjenigen Vermögen, die mitunter auf compromittirende Art entstanden sind. Ah ja, die Herren sind auch geschickt genug, sich persönlich vom Antisemitismus loszukaufen : durch Gefälligkeiten, Geld und Opfer .an Ueberzeugung — die letzteren kosten sie am wenigsten. Aber mit den Zionisten gibt es nur ein Arrangement, und das ist Zion. „Wenn man denjenigen Juden, welchen in ihrer bisherigen Heimat der 'Kampf ums Dasein allzusehr erschwert wird, Gelegenheit bietet, sich anderwärts anzusiedeln, so ist dies in hohem Grade löblich und verdienstlich." Wer sagt das? Derselbe Herr Dr. Güdemann auf Seite 39 seiner vorliegenden Schrift. Man findet bei ihm alles. Daß unser Zionismus diese Ansiedler mit genügendem internationalen und staatsrechtlichen Schutz ausrüsten will, ist doch nicht unvernünftig! Schon die bisherigen Versuche haben gezeigt, daß der Boden in Palästina gut und das „Menschenmaterial" vortrefflich ist. Und gerade die bäuerlichen Existenzformen sind am schwersten herzustellen. Was dem Baron Hirsch in Argentinien nicht gelang, das gelingt in Palästina. Warum? Weil „Nationaljudenthum" den alten Boden düngt. Es erscheint wunderbar. Alles Natürliche ist wunderbar. Und es wird rasch und hoch zugehen, wenn die Nation ganz wach ist, die wir Zionisten aufrütteln. Da sieht sie ihr altes Land am Mittelmeere herrlich gelegen,- mit kaltem, gemäßigtem und warmen Klima; ein Land, aller Cultureu fähig, mit langruhenden Bodenschätzen und doch für Andere nichts werth, weil Andere nicht die befruchtenden Menschenströme hinzuleiten vermögen, die dem Zionismus gehorchen. Und wenn wir nun nicht verzückt oder verlogen in die Wolken starren, sondern ruhigen Blickes nach jenem Punkte hindeuten, der wirklich die Erlösung bedeutet, so bedarf das keiner geheimen Auslegungskünste. Dort ist das Zion der Armen, der Jungen und auch der Frommen. Der blaue Dienstag. D-r kleine Mann, der sein Geschäft vernachlässigt, seine Kunden betrügt, seine Frau schlägt und seinen Lehrjungen mißhandelt, der Abends einer Wählerverjammlung wegen im Wirthshaus sauft und den Tag über ohne Wähleroersammlung dasselbe thut, dieser kleine Mann, dieser Lueger-Wähler von echtem Schrot und Korn hatte Heuer gesegnete Ostern, er durste dem Ostersonntag und Ostermontag den blauen Dienstag folgen lassen. Er hätte es ohnehin gethan, aber diesmal verlumpte er den Dienstag programmatisch, betrank sich principieutreu und kugelte sich im Dienste einer höheren Idee in der Gosse. Die Statisten der Luegercomödie haben sich dadurch nicht abschreckeu lassen, daß das Spectakelstück der weißen Nelken, der Hoch Luegerl-Rufe, der ausgespannten und ausspannenden Pserde bereits dutzendmal gegeben wurde. Panem et circenses! Was das Brot betrifft, sind die Parteigänger der antisemitischen Liga bekanntlich sehr unbescheiden. Es könnten gar nicht genug Juden geplündert werden, um ihren Nimmersatten Wanst zu stopfen, dafür verlangen sie von den circenses, von den Belustigungen, mit denen sie ihre Tribunen ergötzen, wenig oder gar keine Originalität. Sie haben mitgeheult und milgejohlt, als Bürgermeister Dr. Carl Lueger vor dem Rathhaus erschien, in dessen Festsaal er soeben zum rtmmal sich selber Lügen gestraft, sich selbst ins Anilitz geschlagen hatte. Die Antrittsrede des Bürgermeisters Lueger verdient keine besonders ausführliche Erörterung. Sie kennzeichuete den Uebergang des antisemitischen Agitators zum reinen unverfälschten Clericalismus, zum nackten, unverhüllten Social-Jesuitismus. Die Kutte wird zum Staatskleid des Wiener Bürgermeisters erklärt, und die Zeit scheint nicht mehr ferne, in der vielleicht der Erzbischof von Wien den ersten Bürger der Stadt mit der goldenen Kette investiren wird, jenem prunkvollen Schmuckstück, das längst nicht mehr ein Zeichen freien Biirgersinnes bedeutet, sondern vielmehr zum treffenden Symbol der güldenen Fesseln geworden ist, in die frömmelndes Römerthum unser ehemals so freiheitsdurstiges und fortschrittbegeistertes Bürgerthum geschlagen hat. Bauet Kirchen, nichts als Kirchen! Die Panacee gegen Massenelend und Massenhunger, gegen die sociale Noth, gegen das Zurückdrängen des Deutschthums, gegen die Verarmung und Proletarisirung des Mittelstandes, gegen den grinsenden, hohläugigen Pauperismus der untersten Schichten der Bevölkerung ist gefunden. Das ist das Zauberei des Columbus: der Kirckenbau. Und gerührt schütteln sich Statthalter und Bürgermeister die Hände. Jetzt .... verstanden sie sich gleich. Das duldsame Gemülh „des Herrn aus Hannover" mit welchem Ehrentitel der Graf Kielmansegg seinerzeit von Dr. Lueger bedacht worden war, hat längst vergessen, wie er einst über den Führer der gemeinderäthlichen und Landtagsopposition dachte. Zwar hat er oft genug gehört, daß er ein „Zugereister" sei, nicht viel besser wie ein kleiner polnischer oder ungarischer Jude und überdies ein Prostetant, also ein Ketzer im Sinne der Caplanokratie. Thut nichts! Das Muckerthum ist iuterconfefsionell und international. Darum hat das Wort von der Nothwendigkeit des Kirchenbaues diesen edlen Männerbund gestiftet und von der Galerie lächelte Frau A n a st a s i a, die Schutzpatronin aller Radler und Radlerinnen. Der Herr Bürgermeister hat ganz vergessen, daß es Juden gibt, auch au die Ungarn hat er nicht gedacht. Bon Ausbeutern sprach er wenig und seine einzige und größte Sorge war es, daß der Staat, der die Kirchengüter confiscirt hat, den Kirchenbau nach Kräften unterstütze. Es verlohnt sich kaum der Mühe, auf die leeren Phrasen einzugehen, mit denen Herr Lueger darüber hinwegzukommen suchte, daß er am Tage der Beeidigung die liebgewordenen Demagogentöne aus seinem Register streichen mußte. Er darf den Fleischhauern nicht wehe thun und producirt daher das abgebrauchte, oft widerlegte Schlagwort, unsere Approvisionirung leide einzig und allein an dem Zwischenhandel. Er spricht von der Organisation der Straßenpflege und erwähnt nicht, was in der Aera Sir ob ach diesbezüglich gesündigt wurde. Er erinnert sich, daß er ein Deutscher ist und wagt es nicht, als unentwegter Badenite Sprachenverordnungen zu gedenken. Der Nachfolger des Sepper-Strobachs eifert gegen das unwürdige Los der Diurnisten und der Mann, der mit vollen Händen

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