Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 346 Dr. Vloch's Wochrnsttzrist Nr. 17 jüdischen Fragen, also auch hier, nicht blos zuerst gehört werden, sondern auch ausschlaggebend sein." Nun ist, wie Dr. Güdemann inzwischen selbst richtig angegeben hat, der Zionismus aus politischen Verhältnissen entstanden und strebt danach, für die Juden andere politische Verhältnisse zu schaffen. Die jüdisch-nattonale Bewegung ist politisch durch und durch. Also entweder oder! Entweder die jüdische Religion hat mit politischen Verhältnissen nie etwas zu thun — oder ihr Votum sollte zuerst gehört werden. Daß sie aber gleichzeitig nichts damit zu thun haben und ausschlaggebend sein soll, halte ich für schwer vereinbar. . Nehmen wir mm einen Augenblick an, die zweite Behauptung wäre richtig. Die Religwn soll ausschlaggebend sein. Was heißt das? Das hieße die ganze Sache dem Streite der Theologen ausliefern, und diese verehrten Herren sind zu gelehrt, um sich j-mals einigen zu können. Der eine Chief-Rabbi sagt Nein, der andere Chief-Rabbi sagt Ja, von den Rabbinern ganz zu schweigen, die sowohl Ja als auch Nein sagen. Wohl führt Herr Dr. Güdemann eine Reihe von Citaten in Schlachtordnung gegen den Zionismus auf, aber ich vermuthe, daß sich mindestens ebensoviele für den Zionismus würden finden lassen. Ich bin freilich zu unwissend, um sie zu liefern. Herr Dr. Güdemann vermöchte es; er vermochte es wenigstens am 2. Februar 1896, denn er hatte ja damals „nichts zu monieren." Doch da finde ich, in einem vor Kurzem erschienenen Schriftchen des gelehrten Kaufmannes Ahron Marcus von Podgorze eine Stelle, die uns Hilst: „Die Colonisationsbewegung ist vor mehr als 50 Jahren in streng frommen Kreisen durch die angesehensten Rabbiner ins Leben gerufen worden, mit der ausgesprochenen Tendenz der Staatbildung. Das Werk fi'2 enthält über 100 zustimmende Gutachten unserer größten Rabbinen." — Wie vermag Herr Dr. Güdemann dieser Thatsache gegenüber seinen Ausspruch (S. 40) zu rechtferttgen: „Aber niemals ist von irgend einer berufenen Seite an die Gesammtheit der Juden der Aufruf zu einem sozusagen unblutigen Kreuzzug, zur Wiedergewinnung ihrer naüonalen Selbstständigkeit ergangen?" Und derselbe Ahron Marcus sagt an einer anderen Stelle, daß „die orthodoxesten Juden mit Bereitwilligkeit die Vorschläge zur staatlichen Regenerirung des Judenthums annehmen, welche von den modernsten Freidenkern gemacht werden." Dieser Ahron Marcus in Podgorze muß es wissen; er ist selbst ein „Choffid", freilich dabei ein hochgelehrter und geistreicher Schriftsteller, der ein merkwürdiges Buch über die neuere Philosophie verfaßt hat. In seinem bürgerlichen Verhältniß aber ist er ein Kaufmann. „Cr lebt nicht vom Judenthum", wie unser Freund Leon Kellner sagt, „solchem für das Judenthum/' Daß die consequenten Freidenker im Zionismus mit den consequenten Orthodoxen Hand in Hand gehen können, wird nur derjenige nicht verstehen, der nicht weiß, was der Zionismus ist. Der Zionismus umfaßt alle Söhne der jüdischen Nation. Einer der Grundsätze unseres Zionismus ist die volle Gewissensfreiheit. Diejenigen, deren Ueberzeugung ohne Bruch ist, die ihre Gesinnung ohne Rücksicht auf Freund oder Feind äußern, achten einander im Zwnismus mit einer großen Herzlichkeit. Wir lassen Jeden nach seiner Fatzon selig werden. Und insbesondere wir Frechenker bewundern die Orthodoxie sehr, die unter namenlosen Leiden die Religwn der Juden conservirt hat, ohne ausweichenden Opportunismus, ohne Gefälligkeit für die Mächtigen und Reichen, starr, tteu, unbeugsam. Aber ist das nicht eine petitio prinopii, wenn ich sage, daß der Zionismus alle Söhne der jüdischen Nation umfasse? Die Nation wäre doch erst zu beweisen. Auf diesen Punkt wirft sich Herr Dr. Güdemann mit voller Wucht. Ich will die Thatsache, daß die Juden ein Volk sind, mit seinen Worten beweisen, und nachher mit meinen. Er sagt (S. 7): „Daß die Juden, oder wie sie ursprünglich hießen, aber auch jetzt noch mtt gutem Rechte genannt werden, die Israeliten, einst ein Volk gewesen sind, ist eine geschichtliche Thatsache." Da hat er schon wieder vergessen, was er den Zionisten zwei Seiten früher vorwarf. Dort (S. 5) meint er, „daß eine Behandlung des Judenthums nach Maßgabe des Augenblicksbedarfs unwissenschaftlich ist." Wobei bleibt es also? Gehen wir von einer geschichtlichen Thatsache aus oder „behandeln wir nach Maßgabe des Augeublicksbedarfs"? Ferner sagt Se. Ehrwürden (S. 7): „Untersuchen wir jedoch, wie bei ihnen (den Juden) dasjenige, was eine Vielheit .von Menschen zu einem Volke macht, sagen wir die Volksseele oder der nationale Geist, sich äußert, inwiefern sie hierin anderen Völkern gleichen und hinwiederum sich von ihnen unterscheiden! Bon der Seßhaftmachung in Palästina bis zur zweiten Zerstörung Jerusalems, also während des ganzen Bestandes, des israelitisch-jüdischen Volkes treten in ihm alle jene Erscheinungen hervor, denen wir auch bei anderen Völkern begegnen und aus welchen das Volksbewußtsein beruht: Einheitlichkeit des Vaterlandes, der Sprache, Religion, Rechtspflege und Sitte." Beruht wirklich das Volksbewußtsein nur auf diesen Einheitlichkeiten, wie er meint? Es beruht nicht auf der Einheitlichkeit des Vaterlandes, das zeigen die in der Welt versprengten Theile anderer Völker und im größeren Maßstab die Colonien. Denn alle Völker leben heute gewissermaßen in der Diaspora; nur unser privilegium odiosum ist es, daß wir überall Cvlonisten ohne Mutterland sind. Wir haben Vaterländer, das sind die, wo wir Staatsbürger sind — so weit man es eben gestattet — aber wir haben kein Mutterland. Und dieses. Mutterland sucht der Zionismus mit der Seele. Aber weiter. Das Volksbewußtsein beruht auch nicht auf der Einheitlichkeit der Sprache, Beweis Oesterreich, oder die Schweiz. Nicht auf der Einheitlichkeit der Religion, Beweis alle Culturstaaten. Nicht auf der Einheitlichkeit der Rechtspflege, Beweis Deutschland vor der Einigung. Nicht auf der Einheitlichkeit der Sitte, Beweis jedes Land, in dem es Klassenunterschiede gibt. Das Volksbewußtsein beruht überhaupt nicht aus diesen Erscheinungen, sondern es bringt sie hervor, nachdem es schon sehr stark geworden ist. Worauf beruht also das Volksbewußtsein, das Herr Dr. G ü d e m a n n nicht erklären kann? Es beruht auf der Erkenntniß einer Anzahl von Menschen, daß sie durch geschichtliche Umstände zusammengehören und in der Gegenwart aufeinander angewiesen sind, wenn sie nicht zu Grunde gehen sollen. Wie die Nützlichkeit solchen Zusammenhaltens allmälig von höheren Ideen durchsetzt und von Gemeinem gereinigt wird, das wäre ein schöner Gegenstand für Untersuchungen, es würde uns aber jetzt zu weit führen. Jedenfalls läßt sich das alles ohne esoterische Wichtigthuerei und mit einfachen Worten sagen, weil es eine einfache Sache ist und von den einfachsten Herzen leicht verstanden wird. Wir sind eine Nation. Wer befindet sich im Widerspruch mit der Geschichte? Die es leugnen oder die es behaupten? Meine Definitton der Nation habe ich wiederholt gegeben: Die Nation ist eine historische Gruppe von Menschen, die erkennbar zusammengehören und durch einen gemeinsamen Feind zusammengehalten werden. Uebrigens gibt Herr Dr. Güdemann (Seite 13) selbst zu, daß jedes Volk durch den Feind entsteht. Es gehört zu den Reizen seiner Darstellung, daß er sich häufig widerspricht. Meint er, daß wir nicht mehr ein Volk sein dürfen, obwohl oder weil wir geschichtlich eines waren? Wir könnten ihm sagen, daß wir selbst ohne jenes alte Band das unverjährbare Recht hätten, ein neues Band zu schaffen. Ich nehme sein Wort von Seite 13 : „Die Kriegsfackel entflammte die nationale Begeisterung, an ihrem Feuer wurde das Band geschmiedet, welches die Massen einigte und zu einer Nation machte." Thatsächlich aber ist jenes Band aus alter Zeit noch vorhanden, das weiß jeder Jude und der Herr Oberrabbiner wüßte es nicht? O, er beruft sich auch auf das Gemeinsame, so weit es ihm paßt. Er spricht von unseren gemeinsamen Aufgaben und gemeinsamen Zielen, von unserer „Mission." Diese Mission! Darunter hat man nichts der Arbeit jener armen Mönche. Ähnliches zu verstehen, die zu Menschenftessern in wilde Welttheile hinausgehen, um sie zum Christenthum zu bekehren. Das Judenthum will keine Proselyten machen, das weiß ich bestimmt; ich habe es nämlich von Herrn Dr. Güdemann selbst gehört. Die jüdische „Mission" ist etwas Sattes, Behagliches, Gutsituirtes. Seit Jahr und Tag sehe ich mir die Leute an, die mir diese „Mission" zur Antwort geben, wenn ich von der wachsenden Noch unserer Armen rede. Diese Missionäre befinden sich alle vortrefflich. Herr Dr. Güdemann sagt aber gegen die Nationaljuden mit überlegener Ironie: „es kann dabei geschehen, daß über die Absicht, den Juden zu helfen, das Judenthum zu Grunde gehe." Welches Judenthum? Das, welches er heute vertritt, oder das, welches er im Februar 1896 vertrat. Es scheint, er schützt