Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 342 Nr. 16 Vr. Vloch's Wochrnfttzrifi. Noch mehr schadet uns in dem Urtheil der Welt die offenkundige Gleichgiltigkeit unserer Gebildeten gegen unsere religiösen Einrichtungen. Seit Jahrzehnten steht das Judenthum weit mehr, als es recht ist und wir es verdienen, iw Vordergründe des - öffentlichen Lebens; sie wissen es drüben gerade so gut wie wir, daß viele unserer Gebildeten sich alljährlich besten Falls gleichsam mit einigen Staatvisiten im Gotteshause abfinden, sie sehen die Ohnmacht, die Zersplitterung, das Siechthum und verlieren den Respect vor uns, an dem uns unter Umständen noch mehr gelegen ist, als an der Freundschaft. Wir möchten nicht glauben, daß unsere in der socialen Ordnung Höhergestellteu sich nur, um in nichtjüdischen Kreisen sich anzufreunden, dem : udenthume entfremdet haben. Aber nehmen wir dies einmal an, so hätte diese Speculation sich als die denkbar verfehlteste erwiesen. Welcher Trost, welche Befreiung wäre es, wenn unsere Gemeinde in Wahrheit ein Ganzes bildete. „Mächtig ist das Gesetz, mächtiger die Noth", sagt der Dichter. Vielleicht gelingt der Noth, was dem Gesetz, der Mahnung des Gewissens bisher nicht gelungen ist, uns Alle zusammenzuschließen, uns das Gefühl der Sicherheit zu geben, daß die Zusammengehörigkeit kein leeres Wort ist. Wir fragen Keinen: _ Was glaubst Du, was betest Du, rvas ißt und trinkst Du?, sondern es genügt, daß er sich zu uns stellt, daß er die mächtige, heiligende Kraft des Judenthums anerkennt, wie sie in Jahrtausenden sich bewährt hat. Gäbe es in unserer Mitte das harte Joch eines Dogmas, eng umschlossener Glaubenslehren, so wäre es zu verstehen, wenn ein Nachdenklicher sagte: Unter dieses Joch kann ich mich nicht beugen. Aber wir üben und wir ertragen keinen Zwang, wir möchten auch nicht durch äußere Machtmittel den Schein der Zugehörigkeit erwecken, der nicht vorhanden ist, wir schelten und poltern nicht wider die Lauen und Matten, wir ersehnen nur mit ganzer Seele die^Besserung, daß nicht gerade Diejenigen, die unsere festesten Stützen sein sollen, sich schwach und brüchig zeigen. Unsere Weisen sagen (Taanit Xl): Wer den Schmerz einer Gemeinde mitfühlt, der siebt und genießt auch ihre Tröstung. Achten wir wohl auf die Worte des Talmud, nicht für eine ferne Zukunft verheißt er die Tröstung: das wäre eine Prophetie, die wir ihm nicht zu glauben brauchten; nein, der Sinn des talmudischen Spruches ist: Schon im Mitgefühl liegt der Trost, die Erlösung; denn eine Gemeinschaft ist nicht verloren, so lange es Herzen gibt, die in Treue für sie sich regen. Bor Allem, im Gotteshause offenbart sich das Gemeingefühl. Denken wir uns, eine Gemeinde hätte eine große Steuerkrast und würde gut und geschickt verwaltet, denken wir uns sogar, diese Gemeinde hätte für wohlthätige Zwecke eine Menge des Goldes, so sind dies wahrlich keine geringen Vorzüge; aber nun hätte diese Gemeinde ein Gotteshaus, das leer bleibt oder in das nur hin und wieder in einigen Stunden des Jahres die Betenden einziehen, ist dann diese reiche und wohlthätige Gemeinde nicht siech und dem Tode nahe? Das Gotteshaus ist das Herz, wenn dies still steht oder nur in matten Pulsen schlägt, wenn es seine Anziehungskraft verloren hat, dann ist das Leben und die Gemeinschaft geschwunden. Auch der Gebildete, der Kenntnißreiche kann in sich allein den Halt nicht finden; er ist mit aller seiner Weisheit nicht widerstandsfähig, wenn er sich nicht an eine Gemeinde lehnt; er gleicht dem einsamen Baume auf steiler Höhe, der bei ruhigem Wetter uns umso eher ins Auge fälltund unsere.Bewunderung erregt, weil er allein steht, der aber dem Stamme dennoch nicht gewachsen ist, der zusammenbricht, weil er keinen Gefährten hat. Der zerstört den Grund, der sich ausschließt, und der baut und festet den Grund, der durch seine Gegenwart im Gotteshause bekundet, daß er vor aller Welt sich zu uns bekennt; wir können den Feinden von Außen nur widerstehen, wenn wir in uns geeint sind; nicht jetzt ist die Zeit, um über irgend eine Frage des Cultus und des Ritus sich zu entzweien; noch viel weniger darf der persönliche Ehrgeiz uns trennen; der Dienst für die jüdische Gesammtheit legt schwere Pflichten auf; Jeder, der sich die Kraft zutraut, soll sich ihm weihen, nicht um der Ehre willen, sondern weil das Gewissen es fordert. Wenn dieser heilige Eifer erwacht, dann wäre es Frühling in Israel, ob auch draußen die Stürme toben, dann käme es wie frischer Morgenthau auf die verzagten Herzen. Das ist die Erlösung, wenn in die fast erstorbenen Zweige vom Stamme Israel wieder Leben sprießt, wenn Jeder sich der Gesammtheit freudig anschließt. _ ‘ B. R. Der neueste antisemitische „Freisinn^ der Vresnodsky-Partei vor Gericht. (Original-Bericht.) Prag. Der Busenfreund des jungczechischen Antisemiten Abgeordneten Wenzel Breznovsky, der Prager Stadtrath und Wagenfabrikant I. O. I e ch, hatte Ende März einx hier und in ganz Böhmen Vielbesprochene und sensationelle Gerichtsverhandlung mit dem j u n gczechischeu Vertrauensmann und Mitarbeiter der „Narodni Listy", Redacteur I. S- K r a u s. Diese Ehrenbeleidigungsaffaire, welche schon bei der ersten Verhandlung durck ihren persönlichen Hintergrund zu einem nicht gewöhnlichen, sehr „iuterkssanten Falle" geworden war, zeigte nun bei der am 24. März durchgeführten Schlußverhandlung die czechischen Parteiverhältnisse in Prag, namentlich jedoch den factischen Werth des einst laut versprochenen „Freisinnes" der gegenwärtig clerical-antisemitischen Breznovsky-Partei in einem, jeden Zweifel für die Zukunft aussckließenden Tageslichte. Daher erklärt sich auch das allseitige Interesse, welches der Proceß Kraus-Jech in ganz Böhmen hervorrief, weil er die noch immer gläubigen jungczechischen Juden über die Verläßlichkeit der Breznovsky-Jech-Partei vollends aufklärte und knapp nach den Prager Stichwahlen am besten bewies, daß die Herren Redacteure I. S. Kraus und A b geordneter Jacob Schars, welche eben bei diesen Wählenden Antisemitismus ihres Schützlinges Breznovsky den böhmischen Juden als so ganz harmlos und unschädlich darzustellen versucht hatten, nunmehr das gerade Gegentheil dieser Harmlosigkeit von Breznovsky und seinen ehrsamen Genossen direct an sich selbst zuerst verkosten müssen. Es ist ein so überans lehrreiches Capitel politischer Erziehungs- Geschichte für unsere böhmischen Glaubensgenossen in diesem Senlations-Processe zweier jnngczechischer Parteimitglieder gegen einander, daß wir es für sehr lohnend erachten, den Verhandlungsgang der Kraus-Jech -Affaire wortgetreu nach den Gerichtssaal-Berichten der Prager böhmischen Blätter den geehrten Lesern vorzuführen. Die „Narodni Politika" und „H l a s N a r o d a" berichten folgende ausführliche Nachrichten: „Unter großem Andrange der neuen „Böhmischen Antis e m i t e n p a r 1 e i", welche mit weißen N-lken in den Knopflöchern erschienen waren, endigte gestern beim Bezirksgerichte für liebertretungen am Prager Obstniarkte die Affaire, welche das Mitglied der Prager Stadtvertretung Wagenfabrikant I. O. I e ch vor ungefähr 10 Wochen in einer Sitzung des jungczechischen „Altstädter Bürgcrclub" mit dem Redacteur Jel'aias S. Kraus gehabt hatte. Der Verlauf dieser jungczechischen Vereins-Versammlung war in Kürze folgender: In einer Vereinssitzung des „Allstädter Bürgerclubs" in S ch u r e k's Restaurant „Koppmanka" hielt' der Genossenschafts- Vorsteher der Mehlhändler Herr Alois Kirchhof einen Vortrag „über die Verzehrungssteuer". Nach dem Vortrage sprach das Clubm'tglied der Israelit I e s a i a s S. Kraus, Redacteur der „R e z n i c k e List y" (Fleischhauer-Zeitung) und warf der Prager Stadlgemeinde in scharfen Ausdrücken vor, daß sie den Gewerbetreibenden gegenüber ärger vorgehe, als der frühere Verzehrungsstener-Pächter, der Jude Pick, gethan hätte und führte zum Beweise an, daß die Prager Fleischhauer unter P i ck bessere Vortheile gehabt hätten, als gegenwärtig unter der Gemeinde-Regieführung der Verzehrungssteuer. Diese Ausführungen des Redacteurs I. S. K r a n s erweckten in der Versammlung Widerspruch, der Vorsitzende der Sitzung, Stadtrath H. Lada wies die Anwürfe gegen die Gemeindeverwaltung zurück und bezeichnete die Sprachweise des Redacteurs K r a u s als „fleischhackermäßig". Aber diese Anspielung mißdeutete lvieder Herr P l a c e k, Genossenschaftsvorsteher der Prager Fleischhauer und verließ die Sitzung. Als Herr I. O. I e ch dies bemerkte, rief er ihm nach: „Herr Placek, bleiben Sie nur, ich werde ihm schon sagen, daß es für unsere Fleischhauer ein Scandal ist, wenn sie keinen besseren Redacteur haben, als einen Juden!" ' Richtig ergriff auch Herr I e ch das Wort und sagte unter Anderem: „Den Jesaias Kraus betrachte ich überhaupt als am Wenigsten geeignet und dazu berufen, die Prager Fleischhauer zu vertreten und nach meiner Ueberzeugung ist es geradezu ein Schimpf für dieses altehrwürdige und feit Alters her czechische Gewerbe in Prag, daß es in seiner Mitte keine geeignetere und berufenere Persona uszusuchen verstand, als den Juden Jesaias Kraus.- Seit ich seine Vergangenheit kenne, war Kraus schon alles Mögliche eher, nur nicht Fleischhauer. JesaiasKraus war zuerst hebräischer Lehrer, dann Hadernhändler, darauf Buchbinder und erst jetzt zuletzt wurde er wackerer Vertreter der Fleischhauer-Interessen!"