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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-16 · 16 (16.4.1897) · page 21

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
16 (16.4.1897)
Date
1897-04-16
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 16 Vr Bloch's WochenfchrM Seite 341' Die Rednerin zeichnete in feinen Zügen einzelne Frauengestalten des Alten Testamentes, welche ihre kindliche Phantasie so lebhaft fesselten, und geißelte m i t f e i n e r, wenn auch sanfte r Satyre, die Vernachlässigung der Blbellecture von Zeiten der jüdischen Frauen. An diese Darlegung des außerordentlich entwickelten Seelenlebens des Kindes knüpfte die Vortragende die Erzählung eines ergreifenden dramatischen Vorganges. Die Gräfin hatte alle Briefe Nahida's an die Mutter unterschlagen. Die Mutter erfuhr schließlich doch von den Mißhandlungen, die ihr Kind erlitt und kam nach Pija. Und nun entbrannte zwischen den beiden Frauen ein heißer Kampf um Nahida, da die Gräfin das Kind, das sie in ihrer Weise liebte, um keinen Preis von sich lassen wollte. Die Mutter mußte die Behörden anrufen und schließlich mit ihrer Tochter geradezu die Flucht ergreifen. Die Jahre vergingen. Nahida wurde mündig, verheiratete sich mit dem Kunstichriftsteller Remy und versäumte dabei in Berlin, wo sie lebte, keine Gelegenheit, um ihren Drangnach religiöser Erbauung zu befriedigen. Aber die Eindrücke, die sie von den Predigten der verschiedensten Kanzelredner empfing, waren stets zwiespältiger Natur. Da trat etwas Neues in ihr Leben. Die „Schmach des Jahrhunderts". Als die antisemitische Bewegung sich fühlbar machte lind auch in ihrer eigenen Familie dadurch schwere Conflicte herausbeschworen wurden, fing sie an, sich über die Juden und Las Jadenlhum zu unterrichten. Sie las Schriften für und gegen die Juden; die letzteren stießen sie ab durch die gehässige Uebertreibung ihrer Polemik. Besonders waren es Wilhelm Herzberg's „Jüdische Familienpapiere", die einen tiefen Eindruck auf sie machten. So begann sie, sich über die Juden und jüdische Dinge zu unterrichten. Das geschah anfangs ohne sichere Methode, bis sie Moriz Lazarus kennen lernte, ohne zu wissen, daß er, der Präsident der Schiller-Stiftung, der Verfasser des „Lebens der Seele", der Begründer der neuen Wissenschaft der Völkerpsychologie, ein Jude sei. Bei diesen Worten hielt die Vortragende eine Weile tiefgerührt inne. Aller Blicke richteten sich auf die Loge, in der der berühmte Gelehrte saß, und ein minutenlanger stürmischer Beifall durchwogte den Saal. Lazarus, fuhr die Rednerin fort, bewog sie, hebräisch zil lernen, um die Urschrift im Original zu lesen. Gar oft kam der Gelehrte, mit Büchern bepackt, in ihre bescheidene Wohnung. Und als ihr. ssenbar wurde, daß das Judenthum keine Dogmen kenne, sondern nur religiöse und ethische Gesetze, humanitäre und pädagogische Vorschriften, da wußte sie auch, daß sie im Herzen längst Jüvin sei. Es bedurfte nur noch des offenen Bekenntnisses. Ihr Uebertritt fand in Freiburg statt, und indem sie den Namen Ruth annahni, nahm sie auch den Namen Lazarus an — ihr Lehrer wurde ihr Gatte. ..So gehöre ich jetzt," schloß die Reduerin ihren Bortrag, „jenem Volke an, dessen Ahnen die Bibel geschaffen, welches das Wort gesprochen: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Ich bekenne mich zur Religion des Judenthums frei und stolz, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit ganzer Kraft." Rauschender Beifall folgte diesen Worten. Einen seltsamen Gegensatz zu diesem, von einer tiefen Glaubensinnigkeit durchglühten Vortrag bildete die Erscheinung der Rednerin. Frau Nahida. Ruth Lazarus ist eine vornehme, elegante, noch jugendlich-schlanke Gestalt, das bleiche Antlitz von gewinnender Anmuth, aber die hunkleu, leuchtenden Augen verkünden die Begeisterung dieser eigenartigen, von einer außerordentlichen Willensstärke beseelten Frau. Die Erlösung durch Eintracht. Wer von der Gesammtheit sia, ausschließt, leugnet den Grund. Agadah. Ein Baum steht einsam ans hoher Bergeshalde; stark und stattlich; aber was frommt ihm all' fein Prangen; er wird doch eine Beute der Stürme werden, die von allen Seiten ihn bedrängen; als er vor Jahrhunderten, eilt jmrges Reis, auf dieser steilen Höhe angepflanzt wurde, da stand er innritten einer großen Reihe von Bäumen, die sich gegenseitig Schutz gewährten vor verheerendem Wetter; so konnte er Kraft gewinnen und sich herrlich entfalten; nun ist an die anderen Stämme die Axt gelegt worden oder sie sind ein Opfer des Alters geworden; damit ist auch über den letzten Stamm das Urtheil gesprochen trotz seiner gesunden Lebenskraft, trotz seines Prangens und Blühens; nicht weit davon steht gleichfalls ans hochragendem Abhange eine andere Anpflanzung, ein ganzer Wald, jeder einzelne Baum besäße nur eine geringe Widerstandskraft, aber da sie zusammenstehen, so werden die Stürme machtlos über sie hinwegwehen. So gibt es keinen anderen. Rath gegen Sturul und Wetter als den die Natur uns gibt: treu Zusammenhalten in Noth und Gefahr, die Trennung ist der Tod, ltitb die Treue ist die Rettung und das Leben. Wir sehen so manche Familie in die Hohe kommen, zu Ansehen und Wohlstand gelangen; es ist nicht immer die hervorragende persönliche Tüchtigkeit der einzelnen Mitglieder, die solche Erfolge erzielt, souderu der Familiensinn ist es, der sie emporbringt. Der wagende Muth, auch an ein gefährliches und schwieriges Unternehmen kühn heranzutreten, regt sich ganz anders in Denen, welche mit Sicherheit daraus rechnen können, daß sie in Momenten der Roth nicht allein stehen werden; es ist nicht nur ein Act der Treue, sondern auch ein Act der Klugheit; es ist die wirksamste Bersicherung ans Gegenseitigkeit, wenn eine Familie znsammenhält, wenn wir unsere^ Nächsten nicht fallen lassen: es kommt die Zeit, wo wir eine Stütze brauchen, wir suchen sie in der weiten Welt vergebens, wenn wir sie bei den Nächsten nicht finden; es' ist ja auch bie begnemste Ausrede des Fremden, der sich der Pflicht, zu helfen, entwinden möchte, ans deir Bruder, beu Vetter hiuzuweisen, der die Hände nicfjt rühre um den Bedrängten aufzurichten, so daß die Anverwandten noch schaden statt zu nützen. Welche Bortheile bringt das Verbindnngswesen, das in der Welt so sehr im Schwange ist; hier heißt es: eine Hand wäscht die andere, obgleich, wenn man genauer hinsieht, man zuweilen eher sagen tonnte, daß eine Hand die andere beschmutzt. Hier offenbart sich, wenn nur keine Unredlichkeit und keine Günstlingswirthschaft einreißt, der Segen so vieler geselligen Vereine; Menschen schließen sich in der Jugend zusammen, die dann nach allen Windrichtnngen zerstreut werden; ist es nicht eine Freude und auch ein Nutzen, an so vielen Orlen Freunde zu haben, die uns, wenn wir ihrer bedürfen, Rath und Auskunft ertheilen, die, wen» wir in ihre Gegend koinmen, gastlich ihr Haus uns öffnen und das bange Gefühl der Fremdheit von uns feeit halten. Auch für unsere schwergevrüste Glaubensgemeinschaft gibt es in diesen harten Zeiten kein anderes Heil, als daß wir sind, was wir uns nennen, daß wir eine Gemeinschaft bilden, daß Arm und Reich, Groß und Gering, Alt und Jung zu einem Bunde sich zusammenschließen, natürlich nicht zu dem Zwecke, den uns unsere Feinde andichten, um das Unrecht der llnsrigen zu decken und zu verhehlen, sondern um dem Rechte Flachdruck zu verleihen, um die Hand des Schwachen zu stärken, um uns widerstandsfähig zil machen gegen Unbill und Härte. Ter Jubel am Erlösnngsfefte ist in unseren Tagen nicht so rein und laut, allerdings zuvörderst deswegen, weil jede Stunde uns das bittere Wort der Haggada bestätigt, daß sie in jedem Zeitalter wider uns sich erhoben haben, um uns ganz zu verderbeil, weil unsere Feinde mit einer fast unersättlichen Wuth wider uns anstürmen, sodann aber auch deswegen, weil so Viele unter uns angesichts der ungeheuren Gefahr allen Eifersüchteleien beu breitesten Raum gewähren, Alles, was Autorität, hat in den Staub ziehen und Einigkeit und Zusammenhalt schwer vermissen lassen. Jene Agada, welche in jüdischen Häusern an den Passahabeuden gelesen wird, gilt bei den klugen Leuten von heute als ein Kinderbuch, weil ja allerdings hin und wieder auch manch wunderliches Wort darill sich findet, sie enthält aber in einem kurzen Satze den klarsten Hinweis, wo wir den schlimmsten Schaden zu suchen haben; da heißt es: „Wer von der Gesammtheit sich lossagt, leugnet den Grund": er ist der eigentliche Rvscho, der Böselvicht, weit gefährlicher und verderblicher, als der Gegner im feindlichen Lager, den wir oft so llenneu. Nicht ulit lautem Lärmen siikd die Gegner zu besiegen, sondern durch Eintracht und Pflege der Gemeinschaft in unserer Mitte. Der große griechische Dichter meldet von feilten Volksgenossen, daß sie lautlos in den Kampf gezogen sind, während die Feinde, um die eigene Angst zu betäuben, schrieen und tobten. So ist es kein Zeichen von Kraft, wenn wir öffentlich und unter uns soviel vom Judenhaß redeir und in Wirklichkeit am alteil Schlendrian nichts ändern. Wir haben zweifellos Widersacher, die nur Böses an uns sehen wollen, ja, die von unseren Tugenden noch mehr gekränkt werden, als von unseren Fehlern. Aber es gibt doch auch Leute, die mit kritischen, unbefangeneli Augen auf uns blicken. Wenn wir oft ganz ohne Roth einen Streit zwischen Religionsgenossen, also doch zwischen Brüdern, an die große Glocke hängen, statt ihn durch gegenseitige Nachgiebigkeit zu schlichten, wenn die Concurrenz zu einem wilden Kampf nm's Dasein ausartet und der Glaubensgenosse oft noch härter angefeindet wird, als der Andersgläubige, so entgeht dieser Zwist dem scharfen Auge des Tadlers nicht und gibt ihm Anlaß, uns gering zu achten.

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