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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-16 · 16 (16.4.1897) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
16 (16.4.1897)
Date
1897-04-16
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Sette 340 Vr. Vloch's Wochenk-ltzrM Nr. 16 Ehristenthum den Schlüssel zum Himmel au die Stelle der Wölfin gesetzt hat. Bei den zarten Griechen ist Zeus, der Vater der Götter und Menschen, in derselben Gefahr, zu verhungern, er wird aber durch die Ziege Amalthea, durch jenes Thier sanft blickenden Auges genährt, ganz entsprechend der edlen, sittlichen Natur des hellenischen Stammes. Moses aber wird ernährt von seiner eigenen Mutter. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Das bedarf keines Commentars. Sie haben mit den Händen den Cvmmentar geklatscht. Ich habe vorhin von der Continuität des Geistes gesprochen, hier haben wir die Continuität des Gemüthes. (Beifall.) Eine Generation gehört zur anderen, die Mutter zum Kinde, und einer jener glänzenden Zufälle, die es auch in der Geschichte der Literatur gibt, tritt uns hier entgegen, daß gerade des letzten Propheten, Maleachi, letztes Wort, das von der Verheißung spricht, daß Elias der Prophet wiederkehren werde vor dem großen Gottestage, verkündet: Und er wird zurückführen und hinwenden das Herz der Eltern zu ihren Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Eltern. Wenn diese Continuität des Gemüthes unter den Juden erhalten bleibt, dann hat auch die Continuität des Geistes eine gewisse Berechtigung. (Lebhafter Beifall.) Nun noch Eins. Alle alten Culturvölker haben eine Vorstellung von einem goldenen Zeitalter. Das ist sehr begreiflich. Wenn die Menschen in die Wirklichkeit des Lebens Hineinblicken, sehen sie, daß das Dasein brüchig, mangelhaft, unzulänglich ist. Man sehnt sich nach einem Zustande der Vollkommenheit und was die Wirklichkeit nicht bietet, das erzeugt die dichtende Phantasie. So entsteht die Vorstellung von einem goldenen Zeitalter, welches einmal gewesen ist, von einem goldenen Zeitalter, das aber in der Vergangenheit liegt, und von welchem herab der Verfall immer tiefer und ttefer steigt. Auch das Judenthnm hat aus dem Geiste seiner Propheten eine Vorstellung von dem goldenen Zeitalter geschaffen; es ist die Meffianische Zeit, aber es unterscheidet sich dieses goldene Zeitalter dadurch, daß es nicht in der Vergangenheit liegt, sondern in der Zukunft. (Lebhafter Beifall.) Nicht absteigend von dem Ideal lebt die Menschheit,! sondern auffteigend soll sie leben. (Beifall.) Das goldene Zeitalter! der messianischen Idee ist nicht eine Phantasie, sondern eine j Aufgabe. Es ist die Aufgabe der Menschheit, die Meffianische Zeit herbeizuführen. (Lebhafter Beifall.) Nun haben wir zwar in der Bibel auch eine Erzählung, welche gleich ist jenen Vorstellungen des goldenen Zeitalters, die Erzählung vom Paradies und vom Sündenfall; wiederum eure höchst merkwürdige literarische Thatsache. Ich glaube, man kann heute kein Buch, keine Novelle, keinen Roman oder ein wissenschaftlich ernstes Buch lesen, ohne daß man im Laufe der Lecture einem Anklang an die Vorstellungen, Paradies, Schuld, die Schlange als Verführerin u. s. w. begegnet. Dahingegen aber, wenn wir die ganze Bibel durchlesen, finden wir mit Ausnahme der ersten Capitel der Genesis niemals wieder eine Erinnerung an das Paradies und was daran hängt. Kein Denker und Dichter, kein Prophet und kein Psalmist hat je wieder vom Paradies geschrieben oder auf dasselbe hingewiesen. Das Paradies der Vergangenheit entspricht nicht ganz dem jüdischen Geiste, das Paradies der Zukunft, der Menschheit, die Meffianische Zeit, das war das Sinnen und die Sehnsucht des jüdischen Geistes. (Lebhafter Beifall.) Es gibt in der That einen durchgreifenden Unterschied zwischen den Poesien der arischen Völker und der hebräischen. Bei den arischen Völkern überwiegen vorzugsweise Epos und Drama, Erzählung und Darstellung von Ereignissen, Schicksalen, Charakteren, Verwicklungen und ihre Lösungen und daneben allerdings auch lyrische Poesie. Das, was hier die Aufgabe der Poesie ist, wie sie in der That aus den Menschen wirkt, ist doch offenbar dies: Man erzählt oder stellt dar das, was nicht der Wirklichkeit angehört, man ist unbefriedigt von der Wirklichkeit, man v"rlangt nach ettvas anderem als das, was uns das wirkliche Dasein darbietet, und so wird, wie Goethe sich ausdrückt, was nie und irgends sich hat begeben, zur Darstellung gebracht. Davon weiß die hebräische Poesie wenig. Ihre geistigen Formen, welche ebenfalls die Schönheit pflegen, wenden sich selbst, wo sie Erzählungen bietet, den wirklichen, den historischen Ereignissen zu, welche in poetischer Weise dargestellt werden, sonst aber ist sie nur eine Poesie des Gedankens und des Gemüthes. Nicht eine zweite, nichtige ersonnene Welt hinzustellen, sondern in diese wirkliche Welt hinein den Gedanken zu legen und zu heben das Gemüth hier innerhalb der Wirklichkeit hinaufzuleiten zu tbcateit Anschauungen, das ist die Sache der hebräischen Poesie. Wir besitzen von Juda Halevi eine kleine Sammlung von Gedichten unter dem gemeinsamen Titel „Die Meerfahrt". Bekanntlich hat er, vor Sehnsucht getrieben, in späten Jahren seines Lebens sich noch aufgemacht, um das heilige Land aufzusuchen. Er fährt also auf dem Mittelmeer und hat da eine Anzahl von Gedichten unterwegs gedichtet, welche gesammelt „Die Meerfahrt" bezeichnet worden sind. Alle Dichter arischer Völker von Homer bis Goethe, würden, wenn sie eine Meerfahrt gedichtet hätten, eine Beschreibung, eine Schilderung dessen, was sie bei dieser Meerfahrt erlebt, gegeben haben. Was ihre Augen sehen und was ihre Seele so angeregt hat, diese Bilder würden wir deutlich zu schauen bekommen. Nichts davon bei Juda Halevi; sondern er bringt zur Darstellung, wie sein Herz bewegt worden ist, welche Gedanken in ihm angeregt wurden während der Fahrt, und so lautet denn eine Strophe, die Schlußstrophe seines Gedichtes, die er am Abend gedichtet; er ist auf dem Deck des Schiffes, es ist Nacht, er dichtet und die letzte Strophe, mit welcher ich auch diesen Bortrag schließen will, lautet, dem Deutschen angeeignet, also: „Unter mir ein Meer und über mir ein Meer, dazwischen ein drittes Meer, mein Herz. Unter mir ein Meer von Wasserwogen, über mir ein Meer von leuchtenden Sterne», dazwischen ein drittes Meer, mein Herz. Wenn seine Wogen sich erheben, rauschen sie mächtiger als alle Wellen des Meeres, Wenn seine Sterne leuchten, glänzen-sie gewaltiger als alle Gestirne des Himmels, Denn es wendet sich zu dir, o Gott!" Stürmischer, lang anhaltender Beifall und lebhaftes Händelatschen.) Zweiter Lazarus-Abend. Die Convertitin Nahida Rlith Lazarus im Centrum der antisemitischen Bewegung Europas, in Wien, im großen Musikvereinssaal, war eine eigenartige und gewiß denkwürdige Erscheinung. In einer Zeit der Kleingeister, da die Fahnenflucht der Feigen und Engbrüstigen in unserer Mitte von Tag zu Tag in erschreckender Weise zunimmt, da werden Tausende die Erinnerung festhalten an jene Frau, die, durch ihre Abstammung einer strenggläubigen christlichen Familie angehörend, öffentlich austritt und das aus tiefster Seele strömende Bekenntniß ablegt: „Ich habe nach schweren innerlichen religiösen Kämpfen im Judenthum jene Religion gesunden, die mich tröstet und erhebt, ich bin Jüdin geworden und erachte es als eine heilige Pflicht, dies öffentlich zu verkünden." Dieser Vortrag, auf dessen Inhalt wir in der nächsten Nummer unseres Blattes nochmals z u r ü ck k o m m e n wollen, war eine ganz eigenartige Beichte, eine Confession voll feiner seelischer Tiefblicke, eine Analyse, bei der eine scharfsichtige Psychologin ihr geheimstes, tiefstes Seelenleben enthüllte. Und aus dem Bilde, das die Vortragende von sich selbst entrollte, leuchtete der Grundzug ihres Wesens hervor: Frau Nahida Ruth Lazarus ist in unserer realistischen, dem Glauben abgewandten Zeit eine jener seltenen Naturen, denen die Religion kein äußerlicher Formelkram, sondern tiefstes Herzens- und Gemüthsbedürfniß ist. Dieser religiöse Drang ist mit einem hochfliegenden Idealismus vermält und mit einem heißen, edlen Glaubenseifer. Derartige Naturen sind eigentlich in unserer Zeit anachronistisch, aber gerade deshalb verdient der Muth, mit dem diese seltene Frau das, was sie als wahr erkannt hat, verficht, umsomehr Beachtung und Achtung. — Frau Nahida Ruth Lazarus schilderte zunächst ihre an allerhand Kümmernissen reiche Kindheit. Ihre Mutter, die aus Gesundheitsrücksichten in Palermo leben mußte, hatte sie als Kind einer strenggläubigen katholischen Gräfin Saint Germain in Pisa anvertraut. Die Gräfin, eine vornehme Dame, in deren Hause die Aristokratie von Pisa verkehrte, erzog ihr Pflegkind standesgemäß, aber gleichwohl gestaltete sich ihre bigotte Erziehungsmethode zu einem förmlichen Märtyrerthum für das Kind, das von einer religiösen Sehnsucht beseelt war, der die puren Aeußerlichkeiten der religiösen Uebungen keine Befriedigung bieten konnten. Den Trieb nach geistiger Unabhängigkeit, der schon in dem Kinde rege war, suchte die Gräfin durch grausame Strafen zu ersticken. Es gelang ihr nicht. Das Kind hatte ein Buch gefunden, das es tröstete, und stärkte: Es war die Bibel. Die kleine Nahida verstand freilich nicht Alles darin. Aber jene Stellen, die von Gottes Gegenwart sprechen, von Geduld, Zuversicht, Vertrauen, las sie mit Eifer und Inbrunst und erquickte sich an ihnen; besonders gerne schlug sie die Psalmen aus, denn in ihnen hauptsächlich fand sie den Trost, den sie suchte. Dabei wurde ihr vornehmlich das Alte Testament lieb und theuer, weil sie hier überall das „Mütterliche" hervorstrahlen sah. Und so wurden ihre kindliche Sehnsucht nach der Mutter und [ ihr Suchen nach Gott allein im Alten Testament befriedigt.

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