Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr Vlortz's Wortzenkchrifl. Seite 339 Wüste des Lebens trägt — nur bet einem solchen Volke ist zu hoffen, daß es auch die Lade des ewigen Gesetzes, der ewigen Fortentwicklung ebenfalls mit Erfolg ehren wird. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Findet nicht diese Continuität des Geistes bei allen Culturvölkern statt? Wäre es denn denkbar, daß eine Culturentwicklung stattfindet, ohne daß sie von einer solchen Continuität getragen ist? Null wohl, im Allgemeineir findet sie statt, es gibt aber beträchtliche und sehr auffällige Ausnahmen. Die Schicksale der Völker ^sollten ihr Lehrmeister sein, aber sie sind es sehr selten. Aber"anch ganz bestimmte Erzeugnisse der Cnltur, von denen man meinen sollte, sie mußten nothwendig von einem Geschlechte dem anderen überliefert werden, auch die können vergessen werden.' Wer weiß heute nichts von beit Gedichten Pareivals und Tristans, wer kennt nicht die Namen Wolfram v. Eschenbach, Hartmann v. der Aue, Gottfried t>. Straß bürg, und nun vollends hier in Oesterreich und namentlich in Wien Walther von der Bogelweide? Wir wissen es alle, daß die Deutschen bereits um die Wende vom 12. und 13. Jahrhundert eine hohe Blütste der mittelhochdeutschen Dichtung gehabt haben, und in vielen Uebertragungen, Bearbeitungen und Commentaren sind diese Dichtungen jetzt verbreitet. Aber vor etwa 150 Jahren, um die Mitte des 18. Jahrhunderts gab es in ganz Deutschland nicht 10, vielleicht nicht 5 Menschen, welche von der Existenz dieser Dichtungen überhaupt nur eine Ahnung gehabt Hütten und es gab nicht Eirien, welcher sie lesen konnte. Sie mußten wie Schätze aus alten Trümmern erst ansgegraben werden, nur weil unter den Stürmen der Reformation ganz andere Gedankenzüge das Volk beherrscht haben und so diese Schätze in Vergessenheit gerathen ließen. Das wäre in Israel nicht möglich gewesen. Hier war die Tradition für alle Schöprungen des Geistes von jeher Volkssitte und Stammesart. Der Mittelpunkt aller dieser Traditionen war freilich und ist ja auch bis auf den heutigen Tag die Neberliefernng der heiligen Schrift. Bernhard Stade, Professor der christlichen Theologie in Gießen, weist in seiner „Geschichte des Volkes Israel" darauf hin, daß jene Thatsache, welche zur Feststellung einer heiligen Schrift, d. h. zur Aufstellung eines autoritativen Buches in Israel geführt hat, bis auf den heutigen Tag mit all' den Umständen, welche damals gewirkt haben, noch fortwirkt. Nachdem er die Gegensätze, welche zur Zeit des Jeremias gespielt haben, und diejenigen Gegensätze, welche heute in allen christlichen Kirchen und ich kann sagen, auch innerhalb des Judenthnms stattfinden, lange Zeit besprochen hat, schließt er mit den Worten: „So steheu auch wir noch unter den Nachwirkungen der Ereignisse des Jahres 021 v. d. christl. Zeitrechnung. Was für eine Thätigkeit aber hat zunächst das jüdische Volk aufgewendet, um eben die Bibel zu erhalten! Unter allen Wundern der Geschichte gibt es vielleicht kein größeres, als daß wir die Bibel heute noch besitzen. Wie hat Rom sie verfolgt, wie wurde Jeder, der darin gelesen oder daraus gelehrt hat, wie Jeder, bei denk man eine heilige Schrift vorgefunden hat, verfolgt,^ wie wurden die Schriften confiscirt, wie wurden die Menschen, wenn sie den Sinn der Märtyrer hatten — und sehr Biele haben diesen Sinn gehabt — deshalb, weil sie aus einer heiligen Schrift gelesen, hingeopfert! Und dennoch haben sie die Schrift festgehalten und haben die Lehre überliefert. Später hat auch in viel weiteren Kreisen als in denen des Judenthums sich die Wissenschaft der Erhaltung angenommen. Es ist ein sehr treffendes Wort, das Renan einmal ausgesprochen, als er sagte: „Die größte Huldigung, welche die Wissenschaft der jüdischen Volksseele darbringen konnte, besteht darin, daß sie nun seit etwa 2000 Jahren auf das Erzeugniß dieser Volksseele, auf die biblischen Schriften eine so unausgesetzte, eine so tiefdringende Arbeit verwendet." Da ist kein Buch und in keinem Buch kein Capitel und in keinem Capitel kein Satz, ja oft genug in keinem Satz kein Wort, sogar kein Buchstabe im Wort, über welchen nicht scharfsinnige Untersuchungen angestellt, sogar hitzige Kämpfe geführt worden wären. So viel geistige Arbeit ist auf die Erhaltung verwendet worden, und mit Recht verwendet worden. Mehr oder minder klar, mehr oder minder deutlich gewußt haben es die Menschen immer, was sie an dem Buche haben, daß es der Halt und der Hort ist für alle religiöse Gesinnung, für Gesittung und Moralität. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Beigetragen zur Erhaltung des Buches hat d?e Einrichtung daß das Gesetz vorgelesen wurde. Alle Staaten haben den Grundsatz, daß sich Niemand mit der Unkenntniß des Gesetzes entschuldigen kann, wenn er dasselbe übertreten hat. Aber dafür zu sorgen, daß der Bürger das Gesetz auch kennen lerne, überläßt der Staat jedem Einzelnen. Bei den Juden aber wurde zuerst die Einrichtung getroffen — und die Kirche hat sie dann übernommen — daß regelmäßig an bestimmten Tagen ans der heiligen Schrift vvrgelesen werde, damit die Kenntniß des Gesetzbuches dem Volke nicht fehle. Wenn man so zuweilen einen Durchschnitt macht in der Geschichte, wenn man einen bestimmten Zeitpunkt herausgreist und sich nun verschiedene Völker um dieselbe Zeit ansieht, dann gelangt man oft zu sehr interessanten Beobachtungen. Ich will nur ganz kurz, ohne lveit auszuholen, die Beobachtung auf ein solches Datum Hinweisen. Im Jahre 444 vor unserer Zeitrechnung — es war dieselbe Zeit, dasselbe Jahr, welches in das perikläische Zeitalter füllt, in das blühendste Zeitalter griechischer Cultur, wo unter Perikles vollendete Kunstwerke, aufblühende Wissenschaften, politische Macht und eine Fülle von Reichthum jeder Art in Athen waren — da ereignete es sich, daß nach unserer jetzigen Auffassung Eines fehlte: Der wahre Ernst des Lebens. Und weil dieser fehlte, ist dann alle diese Blüthe dennoch zu Grunde gegangen. In demselben Jahre, am 1. Tage des 7. Monates war zu Jerusalem auf dem Platze vor dem Wasserthore eine große Volksversamnrlung. Männer, Frauen und Kinder, sobald sie sprachverständig waren, waren versammelt. Da war eine Tribüne erbaut. Ans derselben befand.sich Esra, und um ihn herum 13 andere von den hervorragenden Männern. Sie brachten die heilige Schrift und lasen dem Volke vor. Wenn wir das Culturbild dieser Menschen mit dem Athens im perikläischen Zeitalter vergleichen, so erscheine!! sie wie Bettelwesen, als ein armes, dürftiges Häuflein. Aber Eines hatten sie: Den wahren Ernst des Lebens und er fand seinen Ausdruck in der Verehrung des Gesetzbuches und darin, daß nunmehr eine öffentliche Vorlesung dieses Gesetzbuches stattfinden sollte. In den hornerischen Gedichten, in den beiden großen Even, der Ilias und Odyssee, wird uns ein Bild des griechischen Lebens zu jener Zeit mit der größten Genauigkeit und Anschaulichkeit vorgeführt. Wir sehen das ganze Leben und Treiben der Menschen, auch das, was sie innerlich bewegt, was sie an Idealen erstreben, tritt vor unseren Augen deutlich hervor. Wenn wir aber diese beiden Gesänge von Anfang bis Ende sehr genau durchlesen, vermissen wir nach unserer heutigen Anschauung Eines. Zu den Bestrebungen der Menschen gehörte damals absolut noch gar nicht Wissen, Erkenntuiß, theoretische Einsicht. Nirgends ist davon die Rede. Durch die ganze Bibel aber klingt es fort und fort „Vejodato", Du sollst erkennen (Lebhafter Beifalls freilich vorzugsweise das, was das Erhabenste ist, das der menschliche Geist erfassen kann: Erkenne das Unendliche! Die späteren Griechen, mehr als alle älteren Völker von Wissenstrieb ergriffen, haben ihre Erkenntuiß ausgebildet, aber gegen ihre Religion. Wenn wir die Poesie der Griechen und der Römer dnrchsehen und ihre religiösen Schriften, soweit von solchen die Rede sein kann, bemerken wir, keinem dieser war es möglich, daß zu sagen, was uns so geläufig geworden, wenn Einer seiiven Blick zum Allerhöchsten wendet, zu sagen: Mein Gott! Niemals konnte ein Grieche sagen: Mein Gott: es war der Geist des Judenthums, welcher dahin geführr hat, die Aneignung des Höchsten an die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen und sich selbst in der höchsten Weise ihm hinzugeben. (Lebhafter Beifall.) Ein anderer Zug. Alle alten Völker haben Heroensagen, Geschichten und Erzählungen von den Stiftern und Gründern ihres Volkes. Eine Erzählung geht fast gleichmäßig bei allen Völkern nebenher, daß nämlich der Heros des Volkes in seiner Kindheit in Lebensgefahr ist, u. zw. daß er, weil von der Quelle seiner Nahrung abgeschnitten, in die Gefahr kommt, zu verhungern; und jeder dieser Heroen wird gerettet. In Rom werden Romulus und Remus, ausgesetzt, in Gefahr zu verhungern, durch eine Wölfin gesäugt, die Wölfin Roma: und das war ihr Wappeuthier. Die Völker wissen davon zu sagen, wie Rom eine Wölfin war (lebhafter Beifall) und das jüdische Volk nicht am Wenigsten. (Beifall und Händeklatschen.) Rom blieb die Wölfin, bis das > .> iss