Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-16 · 16 (16.4.1897) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
16 (16.4.1897)
Date
1897-04-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021185--06661-3030952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

^citc 338 Vr. KLvch's WochrnschrM. Nr 16 liefert. Akiba sagt den biblischen Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Dies ist der große Grundsatz der heiligen Schrift. Ben Assai aber sagt jene Worte des 8. Capitels im ersten Buche Moses', welche nur dahin lauten: „Dieses ist das Buch der Geschichte des Menschen". Dieser Grundsatz ist größer. Die Einheit der Menschheit, daß alle als Kinder Gottes von Einem Paare stammen, Eine Familie bilden, das war in seinem Sinne — und mit Recht — der höhere, der größere Gedanke. Redner verweist ferner auf die nachwirkenden Einflüsse der alten Culturvölker, welche nach ihrem Vergehen Tochterculturen zurückließen. Aber keines der alten Völker hat eine Tochter relig i o n hinterlassen. Die Religionen sind mit den Völkern, meist schon vor den Völkern abgestorben, verschwunden, vernichtet, und haben keine Nachfolger gesunden. Einzig und allein das Judenthum zeichnet sich als Religionsvolk dadurch aus, daß es, selbst noch bestehend und fortlebend, zwei, es selbst an Macht und Ausdehnung weit überragende Tochterreligionen geschaffen hat: Das Christenthum und den Islam. Und wie wirken die Ideen des Judenthums innerhalb dieser weiten Kreise fort, wie viele von dem innersten Bestände desselben erhalten sich innerhalb der Mrche! Man braucht ja nur mit offenen Ohren in jede Kirche zu gehen, um wahrzunehmen, wie selbst bis auf die Sprachform, das, was so scharf und tief im Alterthume ausgeprägt war, sich erhalten hat bis auf den heutigen Tag in der fremdgewordenen und doch zugleich wiederum heimisch gewordenen Sprachform. Hören wir nicht in jeder Kirche, daß das Anfjauchzen der Seele zum Preise- Gottes „Halleluja" heißt, und der Aufschrei der geängstigten und um Hilfe flehenden Seele „Hosianna", und daß die stärkste und beste Bekräftigung dessen, was in der Seele des Menschen lebt, gegeben ist durch das hebräische Wort „Amen"? (Lebhafter Beifall.) Bei allen alten Völkern finden wir, daß sie Kastenvölker sind. Die Theilung der Arbeit ist in allen öffentlichen Angelegenheiten eine Nothwendigkeit; es kann nicht Jeder Alles machen, wenn es irgendwie vollkommen gemacht werden soll. Eine der Formen, wie die Theilung unter den gesummten Mitgliedern eines Volkes geschehen soll, war früher die Theilung nach Kasten, und diese Form hat lange gedauert. In Israel wurde der Geist des Kastenwesens ausgehoben; es gab keine eigentliche Kaste. Jeder aus jedem Stamme konnte Prophet werden, Jeder Richter und Führer des Volkes rc. Mit dem Kastenwesen ist eüvas anderes verbunden, was in moralischer Beziehung für den Lauf der Entwicklung in der Menschheit vielleicht noch wichtiger ist. Soviele Kasten in einem Volke, soviele verschiedene Rechte. Jede Kaste hat ihre Rechte, welche im Grunde genommen Vorrechte sind. Dem trat nun die mosaische Gesetzgebung entgegen. Die Kasten wurden aufgehoben durch Aufstellung des Grundsatzes: „Eine Lehre und Ein Gesetz sei für Euch alle!" Kein Unterschied der Person vor dem Rechte und vor dem Gesetze. Nun, nicht als ob in Wirklichkeit in Israel die verschiedenen Stände sich so gleichmäßig gebildet hätten und es an Unrecht durch Verschiedenheit der Machtverhältnisse gefehlt hätte! Die Propheten, wie Jesaias, und 100 Jahre später Jeremias, wissen genug zu klagen über die Agrarier ihrer Zeit. Aber das war eben auch nur Unrecht und wurde nie zu Recht erkannt. Zwar eine Art von Kasten hat es unter den Juden auch gegeben. Es gab ja doch einen Priesterstand. Es zeigt sich aber ein Unterschied in dem Bestände dieser Priesterkaste gegenüber allen Priesterkasten der alten Cultnrvölker. Nach dem Gesetze Moses durfte die Priesterkaste kein Vermögen besitzen. Die Macht und ihr Mißbrauch war sofort unterbunden, sobald die Priester des weltlichen Vermögens ein für allemal verlustig erklärt waren. Noch ein anderer Gedanke kommt zu gleicher Zeit zum Ausdruck, welcher ebenfalls in der ganzen alten Welt Israel eigenthümlich war, nämlich: „Einerlei Recht für Alle", heißt es, „für Alle, auch für den Fremden". Im ganzen Alterthum gab es diesen Gedanken eines Rechtes für den Fremden nicht. Man hat vielfach, besonders bei den sanfteren Völkern, die Fremden mit Wohlwollen und Gastfreundschaft behandelt, aber ein Recht hatten sie mcht. Hier jedoch, in der jüdischen Gesetzgebung, wurde ausdrücklich gefordert, daß der Fremdling in Bezug auf das Gesetz und Recht den Einheimischen gleich sein soll. Mit zwei Worten: ’kageir knesroch, mit diesen zwei Worten: „Wie der Einheimische, so der Fremdling", hat Israel eine» tiefen Einschnitt in die Geschichte der moralischen Entwicklung der Menschheit gemacht. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Abraham ist bereits gedacht, daß er von Ort zu Ort zog, auf besonderen Befehl Gottes, wie erzählt wird. Er trat eine Wanderung an und wir sehen denn auch im Laufe der Geschichte Israels, daß immer dort, wo sich ein Markstein befindet, wo ein neuer Fortschritt stattfindet, dies immer mit einer Wanderung geschieht. Viele der Wanderungen waren ein schweres Verhängniß aber zugleich eine Gnade für Israel, denn mit den Wanderungen sind immer auch Wandlungen verbunden. Die Griechen rühmten sich, Autochthoneu zu sein, in dein Lande geboren. Sie waren es gar nicht, wie heute die Wissenschaft sehr wohl weiß, aber sie rühmten sich dessen, sie glaubten es. Israel hat nie behauptet, irgendwo und irgendwann autochthon zu sein. Zu Israel kommt als Gast der Schwiegervater des Moses, und nun wird uns erzählt: Das Volk, eben ans Egypten gezogen, war noch ohne irgend eine feste Organisation. Der Gedanke der Organisation, der Einrichtung der Magistraturen, wird nnn von Jethro, dem Schwiegervater des Moses vorgeschlagen und acceptirt. Hätte je ein anderes Volk zugestanden, den wichtigsten Gedanken seines gestimmten Lebens einem Fremden zu verdanken? Das ist auch eines der glänzendsten Zeugnisse für die Wahrheitsliebe der biblischen Darstellung, daß offen bekannt wird : Nicht von Moses, auch nicht von Gott kam dieser Gedanke dieses Reglements, dieser Einrichtung der Magistraturen, sondern von einem Fremden; Moses trägt sie vor Gott und sie wird angenommen. Schwerlich hat je ein anderer Stamm so harte und so schwere Schicksale über sich ergehen lassen müssen, wie Israel und es ist dennoch bestehen geblieben eine unvergleichliche, aber auch fast unbegreifliche Lebenslust. Dieses israelitische Volk wird geplagt und gehetzt durch Jahrhunderte, zu Tode gegeißelt und geärgert von allen Seiten. Und doch an den allerwichtigsten Tagen des Jahres, in den feierlichsten Gesängen und Gebeten kehrt immer wieder das Gebet um Leben, immer wieder das Gebet um die Kraft, festzustehen, da, wo die Vorsehung das Volk hingestellt hat, immer das Gebet, es am Leben zu erhalten. In Israel waltet seit alten Zeiten eine unvergleichliche Continuität des Geistes, eine Ueberlieferuug von Generation zu Generation, um den einmal geschaffenen geistigen Gehalt nicht wieder verloren gehen zu lassen, ihn festzuhalten und durch Jahrhunderte zu tragen.' Die Worte, mit denen jeder Priester und Prediger in der Synagoge, aber auch in jeder Kirche das Volk segnet: „Er segne und behüte dich" n. s. w., die Worte sind genau dieselben, welche Moses dafür eingesetzt hat: Also sollt Ihr das Volk segnen! Diese Worte haben sich durch all die Jahrhunderte und Jahrtausende erhalten. Boas heiratet die Ruth; seine Freunde und Nachbarn wünschen ihm Glück dazu. Und wie lautet der Glückwunsch? „Möge dein Haus werden wie das Haus des Perez." Eine alte historische Erinnerung an den Uhrahnen Perez wird festgehalten, indem mau gratulirt. Was Ihnen doch Allen' geläufig und bekannt ist: Wenn ein jüdischer Vater sein Kind segnet, mit welchen Worten segnet er es denn? Mit denselben Worten, mit welchen der Erzvater Jakob bereits seine Enkel gesegnet hat. Auch die Griechen kannten den Werth der Continuität des Geistes sehr gut. Es gibt eine schöne Legende, welche heißt, die Kämpfer bei Marathon sahen die Heroen der Vorzeit in ihren Reihen kämpfen und dadurch siegten sie. In der That, die Heroen der Vorzeit haben mitgekämpft, denn die Erinnerung derselben lebte im Herzen und in der Seele der späteren Enkel und diese Erinnerung stählte die Kraft ihres Muthes, stählte ihre Nerven und sie sind dadurch siegreich geworden. Bei den Rabbineil finden wir aber auch eine Legende ganz anderer Art — die Verschiedenheit gegen den griechischen Geist machte sich sofort auch darin geltend — eine Legende über die Continuität des Geistes. Als die Kinder Israels durch die Wüste zogen, trugen sie bekanntlich zwei Laden mit sich. Die Völker der Welt standen am Rande der Wüste und fragten die Gemeinde Israels : Was sind denn das für zwei Laden, die Ihr da traget? Und man antwortete ihnen: Die eine ist die Bundeslade, die andere ist die Lade mit den Gebeinen Josefs." Und die Völker fragten: „Wie mögt Ihr doch die Lade eines Verstorbenen tragen neben der Lade des ewig lebenden Gottes?" Es soll durch diese Allegorie ausgedrückt werden und tritt deutlich daraus hervor: Nur bei einem Volke, welches auch die Vergangenheit fefthält, die Lade des Altvorderen durch die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.