Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 16 Vr. Blocht Wochrnfttzrift- Seite 337 Erster lazarus-Abend. Im großen Musikvereinssaal vor einem zahlreichen Publicum hielt letzten Sonntag Abends Geheimrath Professor Moritz Lazarus aus Berlin seinen angekündigten Bortrag. Unter den Gästen befanden sich unter Anderen: die Hosräthe Meznik, Schulz v. Strasznitzky, Professor Doctor Z i limt e r m a it .it und Beer, Regiernngsrath W i n t e r n i tz, Professor Dr. Josef Grube r, Großindustrieller David Ritter v. Gut nt a tt n, der Präses der israelitischen Cultttsgemeiude, kaiserlicher Rath Klinge r, mit den Vorstandsmitgliedern, der Generaldirectvr der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft Ritter v. B o r k e n a u, Architekt F l e i sch e r, Landesschulrath Dr. Gustav K o h it, die Reichsraths-Abgeordneten Noske und W r a b e tz, Landtags-Abgeordneter Professor K i ck,. die Geineinderäthe Dr. Bögler, Dr. Stern und Baurath Stiaßny, Handelskammerrath kaiserlicher Rath Wilhelm P o l l a k, Commereialrath H. S t i a ß n y, Secretär Emil H o r n e r, viele Schriftsteller und Mitglieder der Advocatenkammer, Gelehrte nnd Aborditnngen der jüdisch-akademischen Verbindungen. Auch ans der Provinz kamen zahlreiche Rabbiner und Gelehrte, um Prof. L a z a r u s zu hören. Allein man sah auch Gäste aus weiter Ferne und unter diesen befanden sich anch der Leiter der schweizerischen Cultusangelegenheiten Regierungsrath G o b a t und der Universitätsprofessvr Dr. Stein ans Bern. Beide Herren sind speciell aus Anlaß des Doppelvortrages des Ehepaares L a z a r it s nach Wien gekommen. Allgemein wurde das Verdienst des politischen Volksvereines und seines Präsidenten Herrn Dr. F i a l l a um die Veranstaltung dieser Abende anerkannt Nicht leicht konnte ein höherer geistiger Genuß in vornehmerer Weise und in stylvotterer Umrahmung dargebvten werden. Der ganze Eindruck der durchgeistigten Persönlichkeit und der wie ein Gebet emporsteigenden und zur Andacht stintmenden Emanation dieses vom edelsten Wesen des Judenthnmes wie durchleuchteten Greises, der duftige Hauch reinsten Idealismus, und der Aecent herzenswarmer Innigkeit, die meisterhafte Illustration des Vortrages durch die wundervolle Harmonie spärlicher, aber eindrucksvoller Gesten, die Architektonik des Vortrages selbst, kurz Alles in Allem war von hinreißender Wirkung. Selten haben wir ein Publicum in so freudiger Bewegung gesehen, wie unter dem Eindrücke dieser mächtigen Kundgebung. Redner definirt in der Einleitung die Aufgabe einer völkerpsychologischen Betrachtung des Judenthums dahin, die Stellung nächzuweisen, welche das Judenthum im idealen Haushalte der Menschheit einnimmt — allerdings nur andeutungsweise, in einigen Gedankenzügen — über Thatsachen, welche auf dem Wege zu diesem Ziele liegen. Es ist ein feiner Zng der biblischen Darstellung, daß schon zu den Zeiten des Moses dieser Gedanke über die besondere Eigenart des jüdischen Stammes ausgesprochen wurde, aber daß er einem Nichtjnden in den Mund gelegt wird. Bileam ist's, der vom Volke Israel, das er vor sich schaut, sagt, daß es eben für sich allein wohne und mit den übrigen Völkern sich nicht gleich achte. Feine Betrachtungen knüpft der Talmud auch daran, daß er sagt, Bileam, der Nichtjude, habe Lobreden auf den jüdischen Stamm gehalten, Moses aber habe seinem Volke die Strafreden gehalten. Schon in alter Zeit erklärt ein Mann, der eine Art Vorläufer der Völkerpsychologie gewesen ist, Rabbi Acher bar Aba: Du wirst nicht leicht den Charakter dieses Stammes, der Juden nämlich, ergründen. Er scheint sich also mit dieser Frage der Prüfung des Bolkscharakters beschäftigt zu haben. Die starke Ausbildung seiner Eigenart im Laufe der Geschichte sollte aber nicht geschehen und geschah nicht für dieses Volk allein, sondern für die ganze Menschheit. In einer Allegorie haben die Rabbinen dies bereits zum Ausdruck gebracht, als sie sagten, Gott habe Moses befohlen, das Gesetz auf den Altar zu schreiben, aber in allen 70 Sprachen — man war damals der Ansicht, daß es überhaupt nur 70 Sprachen in der Menschenfamilie gebe — in allen Sprachen sollte das Gesetz ausgeschrieben werden. Es wurde Israel zuerst gegeben, gegeben aber für die ganze Menschheit. Israel selbst aber mußte sich absondern, damit es eben für seinen Beruf in seiner Eigenart sich vollkommen entwickeln kann. Israel mußte particularistisch sein, weil es allein uuiversalrstisch war, weil der universalistische Gedanke der gesammten Menschheit hier zum ersten Male zur Anschauung gelangte, und weil dieser Gedanke beschützt sein mußte durch die ganze Denknnd Lebensweise dieses Volkes. In aller Kürze angedeutet: Das Wesentlichste in der Eigenart des ganzen inneren Lebensinhaltes des Judenthums bestand schon früher darin, daß die Richtung auf Schöpfung von Einheitsgedanken vorwiegend war. Der erste Gedanke ist die Einheit der Natur. Die heidnischen Völker alle hatten keine Vorstellung von einer Einheit der Welt oder des llniversums. Sie konnten keine haben; wenn die Sonne, der Mond, die Erde besonders personificirte Wesen sind init eigenen Bestrebungen und Neigungen, dann kann der Gedanke der Einheit ja nicht aufkommen. Das Weiteste, was wir in der dramatischen Poesie haben, finden wir bei Sophokles in jenem sonst so wundervollen Monologe, womit Electra die Anrufung beginnt: „O, heiliges Licht, v, erdumfließende Luft." In der Schlußrede des Moses aber werden Himmel und Erde als Zeugen aufgerufen und ebenso bei Jesaias Himmel und Erde: das bedeutete im ganzen Alterthume das Ganze der Welt. Alexander von Humboldt hat im dritten Bande seines Kosmos, welcher den Weltansichten der antiken Völker gewidmet ist, mit allem Nachdrucke bezeugt, daß man in keiner Literatur wieder ein so vollkommenes, in sich geschlossenes und umfassendes Weltbild findet als im 104. Psalm. Die zweite Einheit war die Einheit Gottes. Eines, was sonst so selten genügend beachtet wird, möchte ich hervorheben. Nicht die Zahl e i n Gott oder viele Götter ist das Tiefste in der Unterscheidung von Begriffen des Göttlichen überhaupt. Ein anderer Mangel haftete den heidnischen Anschauungen an, welcher darin bestand, daß alle Gottheit localisirt war. Jeder Gott ist Gott nur in seinem Bezirke. Athene ist Gottheit nur für die Athenienser, für alle Anderen eine Erzählung, eine Dichtung, in Ephesus wird die Diana angebetet. Die Znipitznng ist vielleicht am größten in Rom, wo z. B. Jupiter Capitolinus weithin herrschender Gott sein sott, weil es sich ja darum handelt, ihm alle Völker zu unterwerfen. Aber es gibt neben allen übrigen Gottheiten schließlich auch Laren und Penaten, Hausgötter in jedem Hause, in jeder Familie besondere Götter; begreiflich, da sie auch die nächsten waren, daß man ihnen am meisten ergeben war, auf ihre Eingebungen am Meisten horchte. Mochte Jupiter Capitolinus dem Menschen sagen und von ihm fordern, was er wollte — was die Penaten in die Seele legten, das war das Wichtigste. Eine merkwürdige kleine Geschichte, welche kaum zur Geschichte Israels, sondern zu der des israelitischen Landes gehört, hat uns das 2. Buch der Könige im 17. Capitel aufbewahrt. Der König von Assyrien hatte Israel bekriegt und besiegt. Die Stämme wurden in Gefangenschaft, ins Exil nach Assyrien gefiihrt; die leergewordene Provinz - ber besetzte er mit Colonisten aus seinen verschiedenen Provinzen. Es werden da die verschiedenen Gegenden des assyrischen Reiches, aus welchen der König neue Bewohner hingeschickt hat, aufgefiihrt — kurz bald nachdem neue Colonisten da waren, brach als ein schweres Uebei eine übermäßige Anhäufung des Gewildes ins Land. Alle btcfe Völkerschaften, welche gekommen waren, hatten, wie erzählt wird ihre Gottheiten mitgebracht. ' Es waren fromme Leute, die mochten von ihren Göttern nicht lassen, sie hatten sie mitgebracht und beteten zu ihnen, aber die Plage wich nicht vom Lande. So brachte man die Sache denn vor den König. Der König von Assur sagte: „Ei, das ist ja sehr begreiflich! Alle diese Leute beten nur die Götter an, die sie aus ihrer früheren Heimat mitgebracht haben. Das sind ja keine Götter für das Land Israel. Man sende emen israelitischen Priester hin, daß er sie lehre den Gottesdienst des Landes Israel, dann wird die Plage weichen." Also das war die allgemeine Anschauung und es war das große Verdienst des Monotheismus, wie er hier ausgebildet worden ist, endlich eine Ueberwindung alles Endlichen in Raum und Zeit zu schaffen. Bereits Abraham, der Erzvater, der eigentliche Begründer des Volkes, zeichnet sich eben dadurch aus, daß er seine Wanderung antritt, von Ort zu Ort zieht und überall denselben Gott lehrt, nicht mehr locale Götter, sondern den einen Gott, den er in allen Ländern für alle Menschen zur Belehrung bringt. Die dritte Einheit, welche das Judenthum gelehrt hat, ist die der Menschheit. Auch dieser Gedanke, daß alle Menschen eine Familie sind, ist nur bei den späteren Philosophen der anderen Völker, nicht in den alten Religionen hervorgetreten. Von Akiba ist uns ein Gespräch zwischen ihm und Rabbi ben Assai über-